Efeu - Die Kulturrundschau

Infusionstierchen oder Aufgusstierchen

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24.11.2018. Für Schauspielerinnen hat sich in Hollywood nach #MeToo nicht viel geändert, klagt die SZ. Wenigstens der Einfluss von Denise Scott Brown in der Architektur wird nun erkannt, freut sich ebenfalls die SZ. taz und FAZ blicken im Berliner Fotografie-Museum in entschlossene Alltagsgesichter während der Revolution 1918. Die Welt staunt, wie Wolfgang Tillmans Benjamin Britten ganz neue Dimensionen abgewinnt. Von den Problemen, Darwin zeitgemäß zu übersetzen, erzählt Eike Schönfeld der Literarischen Welt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2018 finden Sie hier

Architektur

Während ihr Partner Robert Venturi als "Guru der Postmoderne" geehrt wurde, musste die Architektin Denise Scott Brown
auf ihre erste große Einzelausstellung, derzeit im Wiener Architekturzentrum, bis zu ihrem 87. Lebensjahr warten, schreibt Laura Weissmüller in der SZ. Zu Unrecht, beeinflusste die Architektin, Städteplanerin und Autorin doch Architekten wie Le Corbusier oder Frank Lloyd Wright: "Dass wir uns heute mit Alltäglichem, ja Hässlichem auseinandersetzen, um die gebaute Umwelt zu verstehen, verdanken wir ihr. Sie erforschte das Phänomen der Zersiedlung und wie damit umzugehen ist schon, als sich die anderen noch ausschließlich mit Zentrum und Prachtbauten beschäftigten. Was es braucht, damit kommunikative Orte entstehen, wo sich Menschen treffen und gemeinsam neue Ideen entwickeln - heute so etwas wie der Goldstandard jedes Firmengebäudes -, überlegte sich Denise Scott Brown bereits in den Sechzigerjahren."

Weitere Artikel: Für die Presse besichtigt Almuth Spiegler den von dem Architekturbüro Marte Marte entworfenen Neubau der Landesgalerie Krems: "Ein schwindelerregender Signature-Museumstraum in dezentem Grau, bedeckt wie mit einem Schuppenpanzer von 7200 Zink-Titan-Schindeln, geöffnet zur Außenwelt nur in der Sockelzone, da allerdings großzügig mit einer ebenfalls wellenförmigen Glasfassade - sphärisch gekrümmt, bitte."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Scott Brown, Denise

Kunst

Otto und Georg Haeckel. Soldaten mit Waffen Unter den Linden, Ecke Charlottenstraße, November 1918. Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek - Photothek Willy Römer / Gebrüder Haeckel. 
Das ganz normale Alltagsleben jenseits der Revolution erlebt taz-Kritiker Tom Mustroph in der Ausstellung "Berlin in der Revolution 1918/19 - Fotografie, Film, Unterhaltungskultur" im Museum für Fotografie: "Das Miteinander, Nebeneinander, Ineinander von Umsturz und Ablenkung wird paradigmatisch sichtbar auf einem Kontaktabzug der Pressefotoagentur Gebrüder Haeckel. Er zeigt eine Patrouille aus sieben Soldaten, die gerade um die Hausecke Unter den Linden/Charlottenstraße biegen. Vor ihren Gewehrläufen prangt ein Plakat, das einen 'Bunten Abend' im Konzerthaus anpreist, unter anderem mit Varieté- und Schauspiel-Star Curt Bois."

Beeindruckt von der instruktiven Ausstellung schreibt auch Andreas Kilb in der FAZ: "Auf den Fotografien, die die Kuratoren chronologisch geordnet haben, herrscht stets eine Stimmung von Entschlossenheit, mal fröhlich, mal finster, aber nie von Resignation getrübt. Das Gefühl, eine neue, nie geahnte Wendung der Geschichte zu erleben, spiegelt sich in allen Gesichtern, in denen der Matrosen und Spartakisten wie der Truppen, die sie bekämpfen, in den Mienen der Kinder, die für 'die deutsche Einheitsschule' und die SPD werben, in den Trauerzügen, den Streikversammlungen und Aufmärschen."

Ganz offensichtlich kein Freund von Julian Schnabel ist Joseph Nechvatal, der für Hyperallergic eine Ausstellung im Musee d'Orsay besucht hat, die unter dem Titel "Orsay through the Eyes of Julian Schnabel" Werke von Schnabel Gemälden aus der Sammlung gegenüberstellt. In der zeitgenössischen Kunst käme er Picasso am nächsten, sagte Schnabel bei der Eröffnung - während Nechvatal eher "Mitleid" mit dem "Macho-Exzess" des "manieristischen Bulldozers" hat: "Blendet ihn sein trump-ähnlicher Glaube an sich selbst so sehr? (Orsay, können Sie das wenigstens sehen?) Seine Arbeit, die die vorherrschenden Richtungen des 'guten Geschmacks' lange verachtete, sieht in diesem Zusammenhang schrecklich aus. Er möchte wirklich, dass wir solch ein anspruchsloses und schlecht gemaltes Geschwätz wie das 'Porträt von Tatiana Lisovskaia als Duquesa de Alba II' (2014) mit dem fein verfeinerten 'Chrysanthèmes in a Vase' von Henri Fantin-Latour (1873) vergleichen."

Weitere Artikel: In der taz porträtiert Hannah El-Hitami die in Palästina geborene Künstlerin Lara Ziyad, die für ihre Ausstellung im Hamburger Bahnhof Pässe und Ausweispapiere schreddert. Das System der Nationalitäten und Pässe sei "rassistisch", meint sie: "Menschen erhalten Privilegien wegen ihrer Herkunft und nicht, weil sie etwas im Leben erreicht haben." Besprochen werden eine Ausstellung über Heiligenskulpturen aus dem Mittelalter im Schweizer Forum für Geschichte (NZZ) und die Ausstellung "Der Wert der Freiheit" im Wiener Belvedere 21 (FAZ).
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Musik

Ljubiša Tošić spricht im Standard mit dem dänischen Geiger Nikolaj Szeps-Znaider.

Besprochen werden Grigory Sokolovs und András Schiffs Klavierkonzerte beim Lucerne Festival (NZZ), Rosalías Album "El Mal Querer" (Standard) und ein Bruckner-Abend mit dem Rias Kammerchor (Tagesspiegel).
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Archiv: Musik

Literatur

Mit 23 Büchern auf einmal eröffnet der Kampa Verlag in Zusammenarbeit mit Hoffmann und Campe die neue Simenon-Gesamtausgabe - darunter nicht nur Maigret-Romane, sondern auch ein ganzer Schwung "romans durs", wie Simenon seine Romane ohne den berühmten Ermittler nannte. Durchaus ein Statement des neuen Simenon-Hausverlags, meint dazu Alex Rühle in der SZ: Der Unterhaltungsschriftsteller soll als großer Literat rehabiltiert werden. "Schon indem Kampa für den Start der Neuausgabe aus dem Riesenkorpus eine Art existenzialistisches Kriegs-Triptychon herausschält, kann man erkennen, mit welch souveräner Sorgfalt dieses Großprojekt angegangen wird."

Eike Schönfeld berichtet in der Literarischen Welt von der Herausforderung, Charles Darwins "Origin of the Species" im Jahr 2018 neu zu übersetzen: Aspekte wie die, dass in der Literatur Sprache und Inhalt eine Einheit bieten, Sprache bei einem wissenschaftlichen Werk allerdings eher das Transportmittel der gewonnenen Einsicht darstellt, liegen aud der Hand. "Aber dann: Gebe ich die Infusoria als Infusorien, Infusorienthiere, Infusionstierchen oder Aufgusstierchen wieder? Soll für polygamous (bei einer Pflanze) polygam oder das ältere vielehig stehen? Für die Brachiopoda Brachiopoden oder Armfüßer? Bleibt der Terminus Imago stehen oder übersetze ich ihn als das fertig ausgebildete Insekt?"

Weitere Artikel: Judith von Sternburg schreibt in der FR über einen Abend mit A.L. Kennedy in Frankfurt. Jens Uthoff spricht in der taz mit dem norwegischen Schriftsteller Mathias Faldbakken. Außerdem bringt die Literarische Welt als Auszug aus dem Band "Grill Royal" die "Erzählung einer Nacht" von René Pollesch.

Besprochen werden die Ausstellung "Thomas Mann in Amerika" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach (SZ, Welt), zwei neue Diderot-Übersetzungen (Tagesspiegel), Merethe Lindstrøms "Aus den Winterarchiven" (taz), Achdés und Juls neuer Lucky-Luke-Band "Ein Cowboy in Paris" (taz), Eduard von Keyserlings "Landpartie. Gesammelte Erzählungen" (taz), Felix Philipp Ingolds "Die Blindgängerin" (NZZ), Hannelore Schlaffers "Rüpel und Rebell: Die Erfolgsgeschichte des Intellektuellen" (Welt) und Lukas Rietzschels Debütroman "Mit der Faust in die Welt schlagen" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Von den Versprechungen in Hollywood, nach #MeToo und Bewegungen wie Time's Up in Sachen Sexismus künftig alles besser zu machen, ist nicht viel geblieben, ärgert sich Susan Vahabzadeh in der SZ: "Die Liberalen von Hollywood sind Schönwetterfeministen, und im Augenblick ist das Wetter schlecht. ... Einstweilen gelten im Kino dieselben sexistischen Regeln wie immer - Schauspieler dürfen altern, ihre Kolleginnen bleiben faltenfrei und werden früher aussortiert. Schauspieler werden selbst dann erfolgreich, wenn sie wie Durchschnittstypen aussehen - Schauspielerinnen eher nicht. Sex sells. Unter den zehn bestbezahlten Hollywood-Schauspielerinnen entspricht nur eine, Melissa McCarthy, nicht dem Schönheitsideal jeder Model-Agentur."

Weitere Artikel: Jörg Seewald plaudert in der FAZ mit der Schauspielerin Vicky Krieps über ihre Arbeit an der (in der Zeit besprochenen) Neuverfilmung von "Das Boot". Tobias Kniebe hat sich für die SZ mit der Schauspielerin Claire Foy zum Gespräch über ihre Rolle in "Verschwörung", dem vierten Teil der "Millennium"-Reihe, getroffen. Christiane Peitz gratuliert im Tagesspiegel Herbert Achternbusch zum 80. Geburtstag (mehr dazu hier).

Besprochen werden die Serie "Baron Noir" (FR) und Bharat Nalluris Kostümfilm "Charles Dickens" (Tagesspiegel, Welt).
Archiv: Film

Bühne

ENO War Requiem: David Butt Philip and Ensemble. Richard Hubert Smith

Fast uneingeschränkt überwältigt berichtet Manuel Brug von der ersten szenischen Fassung von Benjamin Brittens "War Requiem", die Regisseur Daniel Kramer und Musikdirektor Martyn Brabbins gemeinsam mit dem Fotografen Wolfgang Tillmans auf die Bühne der English National Opera gebracht haben. Tillmans Bilder von "Moos, Kirchenfragmenten, Wolken, Grau, flackernden Lichtern, Schaum am Strand, einer Anzeige für eine Frauenorganisation zum Srebrenica-Gedenken, Lamm, Schnee oder dem Nichts" arbeiten das "Allgemeingültige" eines völksübergreifenden Pazifismus heraus, meint Brug, allerdings hätte er "sich das noch abstrakter, dabei in der Bildwelt deutlicher, größer, weniger zugänglich, den Raum stärker aufsprengend denken können. Die packende, stimmungssatte, nie illustrative Musik lässt so viele Möglichkeiten. Und trotzdem wurde deutlich: Ja, ähnlich wie das Verdi-Requiem oder die Matthäus-Passion, kann auch dem 'War Requiem' die Bühne eine Dimension hinzufügen."

Immerhin der Fundus der Hamburger Staatsoper wurde mit viel Tamtam eingeweiht, schreibt Florian Zinnecker in einem von der Zeit nun online nachgereichten Text, in dem er das Dilemma des Hauses zu analysieren versucht: Mit Intendant George Delnon und Musikdirektor Kent Nagano wird seit zwei Jahren versucht, die Staatsoper wieder zu einem der weltweit führenden Häuser zu machen - mit mäßigem Erfolg, so Zinnecker: "In andere Häuser fahren Intendanten, um in die Oper zu gehen. Nach Hamburg kommen sie zurzeit, um sich den Fundus anzuschauen. Den modernsten in Europa, in dem man die Produktionen von früher wie Schubladen aus dem Regal zieht. Schublade auf, Oper raus, Schublade zu."

Weitere Artikel: Im Dlf-Kultur-Interview spricht Thomas Ostermeier über seine Inszenierung von Ödön von Horvaths Stück "Italienische Nacht" und das Erstarken der Neuen Rechten. Im taz-Interview mit Katrin Ullmann spricht die Regisseurin Anne Rietschel über ihr dokufiktionales Theaterprojekt "Wahnsinn aus Heimweh", das im Sektionssaal des Hamburger Medizinhistorischen Museums aufgeführt wird und sich mit der Geschichte der sogenannten "geisteskranken Rückwanderer" beschäftigt.

Besprochen werden Michael Heicks' Inszenierung "Kaleidoscope_to the Dark Side of the Moon" von Ray Bradbury und Pink Floyd nach einer Idee von Daniel Rohr am Theater Bielefeld (nachtkritik), Sabine Hartmannshenns Inszenierung von Händels Oratorium "Theodora" in der Friedenskirche Potsdam (Tagesspiegel), Kat Válasturs Choreografie "Stellar Fauna" im Berliner HAU3 (Tagesspiegel), das Stück "Romeo und Julia" der isländischen Choreografinnen Erna Ómarsdóttirs und Halla Ólafsdóttirs am Gärtnerplatztheater München (SZ).
Archiv: Bühne