9punkt - Die Debattenrundschau

Innere Dämonen im Visier

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.03.2018. Im Interview mit taz und Welt erzählt Deniz Yücel, wie es ihm in der Haft erging. Anne Applebaum in der Washington Post und FAZ-Korrespondent Jochen Buchsteiner haben Zweifel an der Wirksamkeit der britischen Politik gegenüber Russland: Zu sehr hängt man ab von den Oligarchen. In der FAZ erinnert der Historiker Martin Schulze Wessel an den Prager Frühling, der unter anderem mit dem Antisemitismus der Slansky-Prozesse brach. Observer und Guardian bringen neue Details zum Fall Cambridge Analytica.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.03.2018 finden Sie hier

Europa

Am schwierigsten waren für ihn die ersten Wochen, sagt Deniz Yücel im Gespräch mit Doris Akrap von der taz und Daniel-Dylan Böhmer von der Welt, auch weil er seine heutige Frau Dilek nicht sehen konnte: "Erst nachdem Dilek und ich im April geheiratet hatten, durfte sie mich besuchen. Wichtig in dieser ersten Zeit war, zu merken, dass ich kämpfen konnte; dass es an mir lag, ob sie die totale Kontrolle über mein Leben bekamen, die sie wollten. Das fing im Polizeigewahrsam an, wo Papier und Stift verboten waren, ich aber mit einem geklauten Stift in ein Exemplar des 'Kleinen Prinzen' einen Bericht über die Haftbedingungen schrieb und hinausschmuggelte. Das hat mir Kraft gegeben für die folgende Isolationshaft."

Jochen Buchsteiner glaubt in der FAS nicht so recht an die Strenge der britischen Maßnahmen gegen Russland. In London leben zwar viele russische Putin-Gegner im Exil. Aber anders als die ebenfalls in London lebenden und dort allein schon wegen ihrer Fußballclubs sehr einflussreichen Oligarchen Roman Abramowitsch und Alischer Usmanow gehören sie nicht zum britischen Geschäftsmodell: "Der russische Geldadel spendet seit Jahren Geld an die Parteien, insbesondere an die Tories. Der Unternehmer Oleg Deripaska, der finanziell in derselben Liga wie Abramowitsch und Usmanow spielt, durfte schon manchen hochrangigen Gast auf seiner Yacht bewirten, darunter den früheren konservativen Schatzkanzler George Osborne und den ehemaligen Labour-Minister und EU-Kommissar Lord Mandelson, mit dessen Beratungsfirma der Russe Deripaska auch geschäftlich verbunden ist."

Anne Applebaum sieht's in der Washington Post ähnlich: "Zwanzig Jahre lang hat das britische Establishment bei der Frage, woher die Russen ihr Geld haben - wie es vom Staat gestohlen, im Westen recyclet, und dann genutzt wurde, um Wladimir Putin und seine Ex-KGB-Kollegen an der Macht zu halten - die Augen geschlossen. Dafür gaben die Russen eine Menge Geld in Großbritannien aus, zum Vorteil der Briten."
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Geschichte

Der Historiker Martin Schulze Wessel erinnert auf der Seite "Ereignisse und Gestalten" in der FAZ an den Prager Fühling. Eines der größten Verdienste der damaligen Reformer sei es gewesen, den Antisemitismus der Slansky-Prozesse aufzuarbeiten und die Opfer des tschechisch-kommunistischen Antisemitismus zu rehabilitieren: "Das ist vor allem im internationalen Vergleich beachtlich: Zur selben Zeit trat in Polen der Chef der Vereinigten Arbeiterpartei Wladysław Gomułka zusammen mit Innenminister Mieczyslaw Moczar eine 'antizionistische' Kampagne los, in deren Folge Tausende Juden aus Polen emigrierten. Tschechoslowakische Reformkommunisten wie Josef Smrkovsky hingegen setzten sich in Massenversammlungen leidenschaftlich dafür ein, den Antisemitismus zu überwinden."
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Stichwörter: Slansky-Prozesse, 68er

Religion

Annette Steinich hat für die NZZ in Karthago den tunesischen Islamwissenschafter Abdelmajid Charfi besucht, der gerade die erste historisch-kritische Koranausgabe überhaupt vorgelegt hat. "Zu fast allen Versen der 114 Suren gibt es Varianten. Nur die kurzen, leicht zu merkenden Suren aus der Zeit des Propheten in Mekka, also etwa fünf Prozent des gesamten Textes, sind in allen Überlieferungen identisch. Das ist das wesentliche Ergebnis von Charfis mehr als zehnjähriger Forschungsarbeit mit einem Team von zehn ehrenamtlich tätigen Wissenschaftern: Es gibt nicht die eine eindeutige heilige Schrift, sondern ein vielschichtiges Geflecht von Texten, die die Spuren ihrer eigenen Geschichte und des jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und religiösen Umfelds der Autoren in sich tragen. ... 'Wir müssen aufhören, den Koran wortwörtlich zu nehmen', mahnt Charfi." In Saudiarabien wurde die Ausgabe bereits verboten.
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Internet

Die Firma Cambridge Analytica hat offenbar Daten von Facebook-Nutzern missbraucht, um politische Werbung zu betreiben (unser Resümee), ein klarer Missbrauch von Facebook-Regeln, schreibt Olivia Solon im Guardian. Facebook sammle zwar alle Daten seiner Nutzer, um sie für Werbekunden einzusetzen, aber wache misstrauisch darüber, das Monopol über die Daten zu behalten. "Facebook will die Daten, auf denen seine Position im Wettbewerb beruht, auf jeden Fall behalten. Noch ist bei Facebook kein größerer Hack wie bei Yahoo, Equifax oder Linkedin passiert. Die Website wacht so eifersüchtig über die Daten, dass es für Wissenschaftler sehr schwierig ist, den Einfluss von Facebook auf die Gesellschaft zu erforschen." Facebook hat schon 2015 von dem Missbrauch erfahren, seine Nutzer aber nicht informiert.

Julian Dörr resümiert den Fall für die Süddeutsche: "Der britischen Sonntagszeitung The Observer verriet Christopher Wylie, der Cambridge Analytica bei der Datenakquise unterstützte, wie genau die Firma dabei vorging: "Wir haben Facebook ausgenutzt, um Millionen von Nutzerprofilen 'abzuernten'. Wir haben dann Modelle gebaut, basierend darauf, was wir über diese Menschen wussten, und ihre inneren Dämonen ins Visier genommen. Das war die Grundlage, auf der das ganze Unternehmen aufgebaut war.'" Mehr auch bei Zeit online. Die ausführliche Geschichte im Observer hier.

Außerdem: In der NZZ warnt Adrian Lobe vor dem durchdigitalisierten Haus, das zur "Kontrollfabrik" werde.
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Gesellschaft

Nachdem Horst Seehofer nochmal festlegte, dass der Islam seiner Meinung nach "nicht zu Deutschland gehört", wartet der CDU-Rechte Jens Spahn mit populistischen Sprüchen zum Paragrafen 219a auf, notiert Dinah Riese in der taz: "'Wenn es um das Leben von Tieren geht, da sind einige, die jetzt für Abtreibungen werben wollen, kompromisslos', sagte der CDU-Politiker der Bild am Sonntag. In der Debatte werde 'manchmal gar nicht mehr berücksichtigt, dass es um ungeborenes menschliches Leben geht'. Auch CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer sprach sich gegen eine Änderung aus." Beim Thema Homo-Ehe hatte sich Spahn liberaler geäußert.

Necla Kelek will in der Welt an Seehofers "Simsalabim-Zauberspruch 'Der Islam gehört nicht zu Deutschland' nicht glauben, denn auch Seehofer will den Status des Islams ja weiter mit den Islam-Verbänden aushandeln. Die Reaktion der Kanzlerin kritisiert sie allerdings auch und schreibt an die Adresse beider: "Die Integration der Muslime führt nicht über die Verbände, sondern über die Stärkung der Freiheitsrechte. Die Merkelsche Abgrenzung von ihrem Innenminister verheißt auch nicht Gutes in Sachen sichere Grenzen oder beim Umgang mit den Fragen der Integration."
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