9punkt - Die Debattenrundschau

Er ist schuld, nicht wir, ist die Ansage

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.11.2017. Wie umgehen mit Kevin Spacey - das ist nach wie vor Thema Nummer 1 in den Feuilletons: Dass Ridley Scott aus seinem neuen Film alle Szenen mit Spacey herausschneidet, ist ihnen zu stalinistisch. In Frankreich wird laut Le Temps erbittert über Tariq Ramadan gestritten. In der FAZ begrüßt Gender-Forscher Stefan Hirschauer die Ankunft des dritten Geschlechts auch in der juristischen Realität. Die SZ fragt nach Enthüllung der "Paradise Papers", warum Deutschland bei der Idee, Unternehmen Europa-einheitlich zu besteuern, bremst.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.11.2017 finden Sie hier

Europa

In Brüssel hängt ein Vorschlag des Europa-Abgeordneten Pierre Moscovici fest, der die Steuern auf Konzerngewinne europaweit einheitlich berechnen und Steueroasen so zumindest in Europa unmöglich machen will, berichten  Alexander Mühlauer, Brüssel, Ralf Wiegand und Jan Willmroth in der SZ. Dass Irland und die Niederlande zu den Blockierern gehören, wundert nicht. Aber auch Deutschland bremst, lernen wir, "etwa beim 'Country-by-Country-Reporting'. Dieses verpflichtet multinationale Unternehmen, den Behörden 2017 erstmals Daten zu Umsatz, Gewinn und Steuerzahlungen aufgeschlüsselt nach Ländern vorzulegen. Das soll den Finanzbehörden ermöglichen, Firmen dort zu besteuern, wo der Gewinn erwirtschaftet wird. Das Reporting wird in einer abgeschwächten Form zwar auf OECD-Ebene eingeführt. In der EU dringt die Kommission aber auf ein viel weiter gehendes Gesetz: Konzerne sollen detaillierte Länderberichte dazu veröffentlichen. Deutschland sperrt sich gegen eine solche Veröffentlichung, weil es sich um sensible Firmendaten handle."

Im Zusammenhang mit den "Paradise Papers" wird auch eine faszinierende Recherche des französischen Senders France Inter über die Autorenrechte des Komponisten Maurice Ravel veröffentlicht, die von Ravels Rechteverwaltern über Steueroasen eingetrieben werden.

Internet

Markus Reuter berichtet bei Netzpolitik über immer häufigere "Entfreundungen" bei türkeikritischen Facebook-Seiten. Es sieht fast so aus, als würde Facebook hier eine gezielte Politik betreiben, denn es sind nicht nur doppelte oder Fake-Accounts, die gelöscht werden, auch reale Personen werden ohne ihr Zutun "entfreundet": "Intransparente Vorgehensweisen wie die bislang unerklärliche Entfreundung können die Reichweite von Personen signifikant einschränken - ohne dass klar ist, warum so etwas passiert. Die Betroffenen tappen im Dunkeln, können sich nicht richtig wehren. Gerade die Häufung bei Türkei-kritischen Personen und Organisationen führt dazu, dass viele Nutzer auf Facebook nicht von einem bloßen Kollateralschaden von Algorithmen ausgehen, sondern von einer gezielten Maßnahme."

Gesellschaft

Der Soziologe und Gender-Forscher Stefan Hirschauer begrüßt im Aufmacher der FAZ-Feuilletons das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das vom Staat entweder die Anerkennung eines dritten Geschlechts oder den Verzicht auf Geschlechtsausweisung fordert. Es entspreche einer wachsenden Geschlechterindifferenz in der Gesellschaft: "Die Bürger sollen sich geschlechtlich ausweisen - und zwar unter der Vorgabe von nur zwei Kategorien - als handele es sich hier um eine Art Naturgesetz, dem ein(e) jede(r) Folge zu leisten habe. Dieser Entscheidungszwang macht Geschlecht auch im Vergleich mit anderen Kategorien inzwischen zu einer besonderen Klassifikation. Die Vermischtheit von Hautfarben ist seit der Verpönung des Rassedenkens auf dem Weg zu einer gesellschaftlich akzeptierten Tatsache. Die Konfessionslosigkeit ist eine in der europäischen Säkularisierung längst durchgesetzte Option, die Nichtmitgliedschaft in Berufsverbänden oder politischen Parteien gehört zu den selbstverständlichen Freiheitsrechten."

In der NZZ rechnet die Psychologin Caroline Alisa Sosat mit den Gender Studies ab, die sich mit ihren beleidigten Reaktionen auf den von Patsy l'Amour laLove herausgegebenen Band "Beißreflexe" diskreditiert hätten: "Das von der Kritik gezeichnete Bild des schwulen weißen Mannes aus Berlin-Mitte, der einen skandalösen Bestseller intendiert, um seinen ausufernden Lebensstil finanzieren zu können, bedient nicht nur billigste homophobe Ressentiments. Vorwürfe, die Autoren könnten im Hintergrund Einfluss auf die Verteilung von Geldmitteln nehmen, um der anständigen, subalternen Queerszene zu schaden, erinnern nicht zufällig an antisemitische Motive. Es spricht zudem für sich, dass die queer-feministischen Kritiker in ihren Verrissen bisher genau jene Beiträge im Band auffällig ignorierten, die von Frauen verfasst wurden. Das Feindbild passt einfach zu gut."

Wie umgehen mit Kevin Spacey? Diese Fragen stellen sich in der Industrie gerade mehrere Player. In der FR hofft Sonja Thomaser jedenfalls, dass Netflix die maßgeblich von Spacey zehrende Serie "House of Cards" nach dessen Rauswurf nicht einfach absetzt. Unterdessen hat sich Ridley Scott entschieden, alle fertig gedrehten Szenen mit Kevin Spacey aus seinem neuen Film "Alles Geld der Welt" herauszuschneiden und mit Christopher Plummer nachzudrehen - am Kinostart im Dezember will der Verleih festhalten. "Eine Verschiebung kommt für die Macher aus zwei Gründen nicht infrage", erklärt David Steinitz dazu in der SZ. "Erstens muss ein Film spätestens im Dezember in den USA gestartet sein, um bei der Oscar-Verleihung im kommenden Jahr berücksichtigt werden zu können. Und zweitens dreht der Regisseur Danny Boyle derzeit eine zehnteilige Fernsehserie mit dem Titel 'Trust', in der es ebenfalls um die Getty-Entführung geht."

Für Peter Richter (SZ) ist diese Art des Umgangs mit einem eben noch gefeierten Künstler, der noch keine Sekunde vor Gericht gestanden hat, schwer zu fassen: "Wenn man in Betracht zieht, dass bei konsequenter Anwendung der Spacey-Maßstäbe erst recht auch alle Filme auf den Müll müssten, die Harvey Weinstein produziert und aus denen er seine fatale Macht über Schauspielerinnen gezogen hat, dann böten sich auch jene Zeiten an, als aufgebrachte Eben-noch-Katholiken mit der Spitzhacke durch die Kirchen zogen. Mit der Leere, die dann bleibt, kann man auch leben. Aber ob man das will, ist wirklich eine Glaubensfrage."

Auch Thomas Klein kritisiert in der Berliner Zeitung den Umgang mit Spacey: "Wie schnell man auf Abstand geht, wie bereitwillig man alle Beziehungen zu den Beschuldigten kappt, ist verdächtig." In Kleins Augen ist der Nachdreh mit Plummer der "Rettungsversuch eines Filmprojekts mit dem Beigeschmack stalinistischer Säuberungen. Er ist schuld, nicht wir, ist die Ansage. Und das macht alles nur noch ekliger."

Tariq Ramadan, gegen den die französische Staatsanwaltschaft wegen Vergewaltigungsvorwürfen ermittelt, ist Genfer. Aber die Genfer Zeitung Le Temps publiziert ein kleines Dossier über den umstrittenen Theologen, das klingt, als betreffe das Thema nur die französische Linke: "Einerseits der ehemalige Premierminister Manuel Valls, der in der Assemblée nationale die Verblendung der Linkspartei 'La France insoumise', Jean-Luc Mélenchon inklusive, anprangert. Andererseits ein ganzer Schwarm von Intellektuellen und Politikern, darunter der Médiapart-Gründer und investigative Journalist Edwy Plenel, der 2014  den Bestseller 'Für die Muslime' veröffentlichte und islamophobes Klima kritisierte, das 'der Dreyfus-Affäre würdig' sei."

Den prominenten Journalisten und Ramadan-Unterstützer Plenel karikiert Charlie hebdo übrigens auf seinem jüngsten Cover.

In der Schweiz verteidigt sich Ramadan unterdessen gegen Missbrauchs-Vorwürfe von vier ehemaligen Schülerinnen, über die Le Temps in einem zweiten Artikel berichtet. Auch Jürg Altwegg berichtet heute für die FAZ über das Thema.