9punkt - Die Debattenrundschau

Nachtschattenseite eines Digitalmondes

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.11.2017. Das Bundesverfassungsgericht erlaubt in offiziellen Papieren eine dritte Geschlechtsbezeichnung "inter" oder "divers". taz und Zeit online begrüßen das Urteil, die NZZ ist kritisch. Es wird weiter über die Vorwürfe gegenüber Kevin Spacey und Dustin Hoffman diskutiert. Die taz veranstaltet ein pro und kontra zur Frage Volksabstimmungen auf Bundesebene. Die SZ kritisiert den Kulturpessimismus in fast allen Äußerungen zur Digitalisierung.

Gesellschaft

Am Mittwoch hat das Bundesverfassungsgericht beschlossen, dass es neben männlich und weiblich die dritte Geschlechtsbezeichnung "inter" oder "divers" geben solle, die auf etwa 80.000 Menschen in Deutschland zutreffen könnte. taz-Autorin Dinah Riese ist hochzufrieden: "Seit je werden Menschen geboren, die in dieses starre Schema nicht passen. Dass diese irgendwie 'falsch' oder 'defekt' sein sollen, ist die Interpretation einer auf eindeutigen Kategorien beharrenden Gesellschaft. Und so wurden intersexuelle Kinder jahrzehntelang operiert, um sie an eines der beiden Normgeschlechter anzupassen. So wie sie geboren wurden, durften sie nicht bleiben." Auch Parvin Singh begrüßt das Urteil bei Zeit onine.

Kritischer sieht es Peter Rasonyi in der NZZ, den unter anderem stört, "welche Bedeutung das Gericht dem Staat bei der Definition der persönlichen Identität beimisst. Durch das fehlende Feld für inter/divers sei, so heißt es in der Begründung, die selbstbestimmte Entwicklung und Wahrung der Persönlichkeit spezifisch gefährdet. Doch braucht man wirklich ein staatlich sanktioniertes Symbol im Pass für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung?"

In der Zeit sucht Philosoph Josef Vogl im Gespräch mit Thomas Assheuer nach gemeinsamen Mustern bei den Taten von Amokläufern in den USA und verhaftet den üblichen Verdächtigen - den Kapitalismus: "Vielleicht ist es eine Art von Weltverlust, ein Versinken der Außenwelt. Die Suburbs sind inzwischen zu Amazon-Ghettos geworden, mit Familienparzellen, leeren Straßen, Einkaufszentren an der nächsten Autobahn - soziale Wüsten. Und (Las-Vegas-Attentäter Stephen) Paddock hat zuletzt fast ausschließlich in den Kasinohotels gelebt, mit Maschinen kommuniziert und Video-Poker gespielt. Ein kapitalistischer Mikrokosmus, allein vom Umsatz und vom Takt der Spiele und Gewinnchancen regiert."

In der FAZ ist Edo Reents, der sich noch sehr gut an den zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigten Jörg Kachelmann erinnert,  einigermaßen entsetzt, wie Kevin Spacey behandelt wird: "Im Na­men des Vol­kes er­ging aber schon das Ur­teil. Dass die Öf­fent­lich­keit den Ei­fer, mit dem sie unbewie­se­ne und wahrscheinlich auch schwer be­weis­ba­re Tat­be­stän­de zum An­lass nimmt, ei­ne Se­xis­mus-De­bat­te zu füh­ren, lieber dar­auf ver­wen­den soll­te, rechts­staat­li­che Stan­dards zu wah­ren, ist nur noch ein from­mer Wunsch."

Auch Adam Soboczynski ist in der Zeit nicht glücklich, wie die Sexismusdebatte gerade läuft. Muss man wirklich jede Geschmacklosigkeit zum Beweis für ein Verbrechen hochjazzen? Profitieren davon nicht genau die falschen Leute? "Allzu häufig wird der strukturelle Sexismus .. als eine jede Faser unseres Daseins durch­ wirkende Allmacht missverstanden, mit der noch die lächerlichste Anmache zum Beweis ­einer 'rape culture' wird."

Kevin Spacey ist nicht der einzige Altstar, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Auch Dustin Hoffman soll bei den Dreharbeiten zu "Tod eines Handlungsreisenden" eine Praktikantin sexuell belästigt zu haben. In der Zeit findet Regisseur Volker Schlöndorff das völlig absurd und versucht zu erklären, dass am Set zwischen Dustin Hoffman und Willy Lohman nicht immer zu unterscheiden war: Beide beklagten sich über ihre schmerzenden Füße. "Fast jeder auf dem Set gab ihm mal eine Fußmassage, mehr oder weniger professionell, nicht in seiner Garderobe, sondern vor allen, inmitten des üb­lichen ­Chaos auf dem Filmset. Schwer nachzuvollziehen, dass eine noch so junge New Yorker Praktikantin die Ein­ladung dazu als unanständig oder als Nötigung empfand. Auch die Anspielung, nur eine weiche Klitoris sei angenehmer als eine Fuß­massage, gehörte zu den peinlichen Scherzen des Hoffman-Handlungsreisenden, mit denen Dustin mich, uns, die Galerie, sein Pu­bli­kum auf dem Set zu unterhalten versuchte."
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Medien

Die ARD weiht eine Radio-App ein, die den Hörern gestattet, Sendungen auch herunterzuladen. Damit werde die Onlinefrist für Mediatheken umgangen, meint Peter Weißenburger in der taz - wobei sich Radiosendungen ja schon seit geraumer Zeit auch von den Websiten der Sender herunterladen lassen. Problematisch findet Weißenburger aber auch einen anderen Aspekt:  "Auch AutorInnen dürften sich sorgen. Schon länger stehen Honorarregelungen wie eine Zweitvergütung von Wiederholungen zur Debatte. Sollten Sendungen in Zukunft weniger oft im Rundfunk ausgestrahlt, sondern gleich nach dem ersten Sendetermin auf die App verschoben werden, könnten freien JournalistInnen Teile ihrer Einnahmen abhandenkommen. 'Effizienz' und 'Synergie' heißt eben auch: Inhalte möglichst kostenfrei zweitverwerten."
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Europa

Nach all den internationalen Erfahrungen mit Referenden (Brexit, Katalonien) diskutiert die kommende Jamaika-Koalition allen Ernstes über die Zulassung von Volksabstimmungen auf Bundesebene. Die taz veranstaltet ein pro und kontra zu der Frage, und auf beiden Seiten lesen sich die Argumente abgründig. "Die Demokratie ist bei manchen (Links-)liberalen in Verruf geraten, seit die Bevölkerung oft nicht mehr wählt, was sie für alternativlos halten", schreibt Martin Reeh. Und Jost Maurin hält dagegen: "Die Bilanz von Volksentscheiden etwa in der Schweiz ist zumindest aus linker Sicht miserabel."
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Internet

Schön, dass es auch noch jemand anderem auffällt: Buchneuerscheinungen zur Digitalisierung qualifizieren sich fast immer fürs Horrorfach. Da wundert sich jetzt auch Bernd Graff in der SZ: "Es ist ein Chor, der von Dystopie, Disruption und Desillusionierung raunt, und man gewinnt den Eindruck, dass die Autoren uns darlegen wollen, wir taperten ausgerüstet mit nur einem brennenden Streichholz auf der dunklen Nachtschattenseite eines Digitalmondes umher. Um alle unsere früheren Hoffnungen auf die schöne neue Digitalwelt betrogen. ... Es drängt sich darum die Frage auf, warum diese stupende Fülle an digitaler Dystopie-Literatur gerade jetzt entsteht. Was motiviert die Autoren zu diesem Fanal an Überwältigung und Hilflosigkeit durch neue Technologien?"

Die Folgen dieser Unwilligkeit, sich mit der digitalisierten Welt konstruktiv auseinanderzusetzten, kann man zum Beispiel am aktuellen internationalen Städte-Ranking begreifen, so Gerhard Matzig, ebenfalls in der SZ. München ist da gerade vom 16. auf den 25. Platz abgestiegen: "Der Smart-City-Index, der Kriterien wie Internetgeschwindigkeit, Mobilitätsvernetzung, Umweltschutz und die Online-Zugänglichkeit von Behörden abgleicht, verweist auf die Zukunft. Die deutschen Städte leben aber gern von Beschaulichkeit und Tradition. Ist das klug?"
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