9punkt - Die Debattenrundschau

Das Unheilbare zu puffern

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.10.2017. Die Diskussion um den Fall Harvey Weinstein ist noch nicht ausgestanden. Heike-Melba Fendel äußert in Zeit online ihr Unbehagen über die Berichterstattung und ihre Bebilderung. Juliette Binoche spricht in Le Monde über die Verletzlichkeit von SchauspielerInnen und die Stärken, die sie brauchen. Und Brit Marling erzählt in Atlantic, warum sie die Kraft fand, Weinsteins Hotelzimmer schlicht zu verlassen. Politico.eu blickt mit Erstaunen auf den offiziellen Geldsegen, der auf die AfD wartet. Die FAZ setzt sich für Open Data ein.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2017 finden Sie hier

Gesellschaft

Die Schauspielerin und Autorin Brit Marling erzählt in Atlantic.com, dass auch sie einmal in die berühmte Hotelzimmer-Situation mit Harvey Weinstein kam und dass sie die Kraft fand den Raum zu verlassen, als er mit seinen Avancen anfing - aber sie hat auch einen anderen Hintergrund als andere Schauspielerinnen, war zuvor Investmentbankerin bei Goldman Sachs und hatte Drehbücher für eigene Filme geschrieben: "Ich glaube, ich war fähig, an diesem Tag Weinsteins Hotelzimmer zu verlassen, weil ich ihn als Schauspielerin, aber auch als Autorin betreten hatte. Von diesen beiden Personen, die ich war, stand die Autorin auf und verließ den Raum. Denn die Autorin wusste, dass sie, selbst wenn dieser sehr mächtige Mann ihr keinen Job in einem Film gab und sie für andere Filme sperrte, ihre eigene Arbeit machen konnte und ein Dach über dem Kopf behielt."

Auf Zeit online wird Heike-Melba Fendel immer unwohler, wenn sie sich die Berichterstattung zum Fall Weinstein ansieht. Und sie verweist dabei auf zwei Filme - "Mulholland Drive" und "Fame" - die die Arbeitsbedingungen von Schauspielern sehr viel genauer beschrieben haben. Für Melba ist jetzt der Gipfel erreicht mit einem antisemitischen Cover des Hollywood Reporters von Weinstein und einer FAS-Geschichte, die die Vergewaltigungsvorwürfe Asia Argentos gegen Weinstein mit einer Vergewaltigungsszene aus ihrem Film "Scarlet Diva" bebildert habe: "So gut wie niemand all derer, die recherchieren, kommentieren und eigene Süppchen kochen - ob Mann oder Frau, ob Medium oder Institution - nimmt sich der Komplexitäten einer Missbrauchsanbahnung und schon gar nicht der Endlosigkeit seiner Folgen an. Niemand spricht von oder gar mit den Menschen in den Beratungsstellen von Zartbitter, Wildwasser, Lara, Dunkelziffer und all den anderen Einrichtungen, die das Unheilbare zu puffern versuchen und fragt nach, was sie so denken, vor allem aber, was sie brauchen könnten: an Öffentlichkeit, an Unterstützung und ja, an Empörung."

In kurzen Statements im Tagesspiegel verkünden die Theaterintendantinnen Shermin Langhoff und Annemie Vanackere ihre Empörung über den allgegenwärtigen Sexismus. Vanackere betrachtet es "als großes Problem, dass wir ständig mit männlichen Perspektiven auf die Welt konfrontiert sind. Nicht nur im Theater dominieren die Geschichten von 'straight white men', in denen Frauen eher Nebenrollen spielen. Feminismus ist für mich aber nicht loszulösen von anderen Formen von Diskriminierungen, zum Beispiel Race, Klasse oder Alter. Darum müssen wir auch hinterfragen, wer sich jetzt eigentlich in der aktuellen Debatte zu Wort meldet."

Auch Birgit Kelle kann In der Welt das große Gejammer weißer Frauen nicht mehr hören. Als gäbe es sonst nirgends Sexismus auf dieser Welt: "Eine neue Dimension des Schweigens hat sich breitgemacht, wenn es um Opfer geht, die niemand sehen will, und um Täter, die nicht ins erwartete Bild passen. Wo ist der Hashtag für die zwangsverheirateten Mädchen mitten in Deutschland, wo der Hashtag für die Frauen, ermordet 'im Namen der Ehre'? Welchen Hashtag gibt es für die sexuellen Übergriffe auf Kinder in unseren Schwimmbädern? Wo ist der Hashtag für die verweigerten Handschläge für Lehrerinnen durch ach so integrierte Muslime? Wo ist der Hashtag für die Kinderehen, wo sich Pädophile über junge Mädchen hermachen dürfen?"

Juliette Binoche, die in vielen Weinstein-Filmen mitgespielt hat, wusste sich gegen sexuelle Belästigung immer zu wehren. Aber Situationen wie die von den Weinstein-Anklägern beschriebenen, treffen Schauspieler grundsätzlich an einem sehr empfindlichen Punkt, erklärt sie in einem Interview, das Franck Nouchi für Le Monde mit ihr geführt hat. Denn ein Schauspieler müsse sowohl auf der Hut sein als auch sich ganz ausliefern können. Als Nouchi ausruft: "Wenn man Ihnen so zuhört, dann glaubt man ja fast, dass das Metier des Schauspielers sich nicht für jeden eignet." Worauf sie antwortet: "Aber absolut! Der Schauspieler muss gucken, beobachten, beurteilen, erschnüffeln, ausweichen, sich schützen, aber im wesentlichen Moment seines Metiers, das heißt vor der Kamera oder auf der Bühne, muss er sich mit Leib und Seele hergeben."

Inzwischen haben mehrere Mitarbeiterinnen des EU-Parlaments Abgeordnete beschuldigt, sie belästigt und begrapscht zu haben. Namentlich genannt wurde dabei nur ein Grünen-Politiker, meldet Zeit online.
Archiv: Gesellschaft

Ideen

Johan Schloemann von der SZ fragt den Soziologen Dieter Rucht, warum sich so viele Parteien heute lieber als "Bewegungen" bezeichnen: "Die Parteien und das Parteiensystem werden assoziiert mit Verfestigung, mit Geschäftsordnungen, langweiligen Reden, Fraktionskämpfen, Kompromissfindung und so weiter. Das passt für viele nicht zum Wunsch nach Veränderung, Dynamik, Angriff, dem eine 'Bewegung' zu entsprechen scheint. Mit dem Begriff meint man die Unzufriedenen besser einsammeln zu können."
Archiv: Ideen
Stichwörter: Parteien

Geschichte

Eine Studie belegt, dass deutsche Schüler wenig über den Holocaust wissen. Eine Hiobsbotschaft, so Hannah Bethke in der FAZ: "Auschwitz ist den Heranwachsenden, zumindest der Hälfte von ihnen, kein Begriff mehr. An den Lehrplänen dürfte das allerdings kaum liegen, denn die schreiben vor, dass die Zeit des Nationalsozialismus meistens ab der neunten Klasse behandelt wird."
Anzeige
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Geschichtsunterricht

Europa

Mit Erstaunen blickt Philip Kaleta in politico.eu auf den Geldberg, den die AfD durch ihren Wahlerfolg zu erwarten hat. "Für die ersten vier Millionen Stimmen bekommt eine Partei einen Euro pro Stimme. Jenseits der vier Millionen bekommt eine Partei 83 Cent pro Stimme. Außerdem bekommt sie 45 Cent für jeden Euro Mitgliedsbeitrag und Spenden von bis zu 3.300 Euro pro Person." Auf bis zu 12 Millionen Euro könnte die Partei damit jährlich kommen. Und außerdem eine schicke Parteistiftung gründen, die ihre Ideen in der Gesellschaft verankert.
Archiv: Europa
Stichwörter: AfD

Internet

Würden die Behörden ihre Daten zur Verfügung stellen, ließen sich für die Bürger manche Fortschritte erreichen, aber leider ist es mit Open Data noch nicht so weit her, schreibt Anna Gyapjas in der FAZ. "Es fehlt nicht nur ein Überblick über die Daten, die den Behörden vorliegen. Auch sind die Zuständigkeiten für Open-Data-Angelegenheiten weitgehend ungeklärt. Tabellen und Listen sortieren Daten nach Individualpräferenz, woraus sich fragmentierte Datensätze mit teils widersprüchlichem Inhalt ergeben. Es überrascht kaum, dass den meisten Beamten unklar ist, was überhaupt bereitgestellt werden soll."

Bloomberg hat vor einigen Tagen herausgefunden, dass Facebook und Google mit der Wahlkampagne von Donald Trump zusammengearbeitet haben, um rassistische Videos möglichst effizient zu platzieren. Maya Kosoff stellt nach dieser Affäre bei Vanity Fair ein paar grundsätzliche Fragen: "Die Tech Companies stehen vor einigen existenziellen Entscheidungen, selbst wenn es ihnen vorerst gelingt, neue Regulierungen zu verhindern. Facebook und Google sind so groß geworden, dass sie praktisch den Charakter öffentlicher Infrastuktur haben, da sie als erste Gatekeeper für Werbung, Datenspeicherung, soziale Medien und Online-Inhalt dienen. Ihre unglaubliche Größe bewirkt, dass zu Recht oder Unrecht immer größere Erwartungen in sie gesetzt werden - über die Anzeigen, die sie zeigen, die Nachrichten, die sie teilen, die Sprachregelungen, die sie setzen. Wenn sie eine weitere Prüfung ihrer Geschäftspraktiken überstehen wollen, müssen ihre Verpflichtungen als eine neue Art von Unternehmen neu bewertet werden." Die FAZ berichtete am Samstag über das Thema.
Archiv: Internet

Medien

Leon Wieseltier, Ex-Chefredakteur des New Republic, gibt ein neues Magazin heraus, Idea. Und er hat eine Mission, die er im Interview mit der NZZ erklärt: "Die wichtigste Aufgabe in diesen Zeiten ist es, ein Klima zu kreieren, in dem die Menschen sich ihre Meinungen auf der Grundlage von Evidenz und Vernunft bilden können. Wir leben in Zeiten einer extremen Verunsicherung. Nehmen Sie nur das Janusgesicht des Internets. Auf der einen Seite ist es das großartigste Medium, das je erfunden wurde, um die Wahrheit unter die Leute zu bringen. Auf der anderen Seite ist es das mächtigste Medium, um Lügen zu verbreiten. Die Hauptaufgabe von Intellektuellen besteht jetzt darin, den Leuten beizubringen, das eine vom anderen zu unterscheiden."
Archiv: Medien
Stichwörter: Wieseltier, Leon