9punkt - Die Debattenrundschau

Was für ein Brexit soll das werden?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.08.2017. In der NZZ sieht Cees Nooteboom Spanien auch nach dem Attentat von Barcelona als gespaltenes Land. Im Freitag streiten der Autor Alan Posener und der Historiker Jürgen Zimmerer über die Frage, ob es eine Kontinuität zwischen Kolonialismus und Holocaust gibt. In der FAZ teilt Neil MacGregor mit, dass das Humboldt-Forum etappenweise eröffnet wird. Sascha Lobo in Spiegel online und Bastian Berbner in der Zeit denken über Medien, soziale Medien und Terrorismus nach.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.08.2017 finden Sie hier

Europa

Den König haben die Katalanen bei der Gedenkminute für Barcelona nicht wie sonst ausgebuht, aber sie riefen nach dem Attentat "no tenim por" (wir haben keine Angst), und nicht spanisch "no tenemos miedo", beobachtet Cees Nooteboom in einem schönen Essay für die NZZ: "Das Thema Unabhängigkeit lässt sich von den Ereignissen der letzten Tage nicht getrennt betrachten. Katalonien ist schon seit langem völlig fixiert auf sich selbst und auf dieses Thema, die übrige Welt existiert nicht mehr, und das könnte ein Vorbote eines erstickenden Provinzialismus sein." Nooteboom fragt auch: "wie will man eine Republik werden, wenn mehr als die Hälfte der Bevölkerung das im Grunde nicht will? Was für ein Brexit soll das werden?"
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Kulturpolitik

Das Humboldt-Forum wird zum geplanten Termin Ende 2019 nicht auf einen Schlag eröffnet, bestätigt Neil MacGregor im Gespräch mit Andreas Kilb in der FAZ: "Wir haben uns gefragt - Hermann Parzinger, Horst Bredekamp und ich -, was es heißen würde, dieses enorme Gebäude auf einen Schlag zu eröffnen. Das Gebäude selbst ist ja ein großes Ausstellungsobjekt. Deshalb erscheint es uns besser, das Innere des Hauses etappenweise zu eröffnen."

Medien

Vor Fake News müssen sich die Deutschen, deren Medienlandschaft eingehegt ist, nicht fürchten, meint Alexander Sängerlaub in Netzpolitik: "Die Deutschen haben mehr Vertrauen in 'die Medien', vor allem in die Öffentlich-Rechtlichen und nutzen weitaus seltener Social Media als Nachrichtenquelle, im Vergleich zu den Amerikanern. Und auch die politische Landschaft ist weniger polarisiert und zerrüttet... Weiter ist anzunehmen, dass auch in diesem Wahlkampf die wichtigste Informationsquelle der Deutschen das Fernsehen bleibt, in dem ARD und ZDF - laut Rundfunkstaatsvertrag - sich pluralistisch und ausgewogen der Meinungsvielfalt zu widmen haben. Das steht wiederum diametral der Medienlogik von Fox News oder Breitbart gegenüber."

Deprimierend banal klingt Stefan Fries' Zuammenfassung des Streits zwischen der FAZ und der Deutschlandfunk-Autorin Brigitte Baetz über die polemische Vokabel "Staatsrundfunk" und die automatische Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen: "In der Diskussion zeigt sich auch, dass die Fronten weitgehend klar sind: hier die Rundfunkmacher, dort die Zeitungsmacher (inkl. dem Branchendienst Meedia, der zur Verlagsgruppe Holtzbrink gehört). Jeder verteidigt sein Medium, das ist nur verständlich."

Außerdem: In der FAZ fragt die SPD-Politikerin Heike Raab, wie weit bei Netzmedien die Rundfunkreguliereung gehen muss.
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Geschichte

Im Freitag streiten der Historiker Jürgen Zimmerer und der Welt-Autor Alan Posener über die Frage, ob sich eine Kontinuität vom Kolonialismus zum Holocaust konstruieren lässt. Zimmerer meint, ja: "Ich sehe den Holocaust auch in einer Tradition des Genozids. Es gibt in der deutschen Geschichte eine Genealogie des genozidalen Gedankens. Vierzig Jahre vor dem Holocaust haben die Deutschen sich bereits eines anderen Völkermordes schuldig gemacht - an den Herero und den Nama. In Deutsch-Südwest-Afrika entstand ein Rassenstaat, es gab die Ideologie, es gab die Gesetze, es gab militärische und bürokratische Strukturen, die diesem Ziel angepasst und untergeordnet wurden. Ich halte es geradezu für unplausibel, hier keine Verbindung zu den später erfolgten Verbrechen des 'Dritten Reiches' zu sehen."

Posener, dessen Vater ein britischer Kolonalbeamter war, will dagegen auch Gutes am Kolonialismus, besonders britischer Prägung, sehen: "Ich will Ihnen was sagen: Imperien sind in der Weltgeschichte die Regel. Die Ausnahme, das ist die Vorstellung eines Staatsvolks und eines selbstständigen Nationalstaats. In Europa war praktisch jeder Staat in seiner Geschichte auch imperial. Außer der Schweiz. Also, von Alexander, über die Perser, die Römer zum Reich Karls des Großen, zu den Arabern bis zu den europäischen Kolonialreichen und zum Osmanischen Reich - alles Imperien. Ich bin übrigens unbedingt für eine Ehrenrettung des Osmanischen Reiches. Sehen Sie nach Syrien, in den Irak - was der Oktroi des nationalstaatlichen Gedankens in diesen Ländern angerichtet hat."
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Gesellschaft

Auf Spiegel online erklärt Sascha Lobo, warrum er seit kurzem nach Terroranschlägen wie dem von Barcelona absolute Medien- und Internetabstinenz übt - um dem Gefühlschaos der sozialen Netze zu entgehen: "Eigentlich waren wir die Nacht über wach geblieben für das Gefühl der gemeinsamen Bewältigung in schwerer Stunde. In Katastrophenfällen verwandeln sich soziale Medien in Bewältigungsgemeinschaften, sie wiederholen hundertausend Variationen der emotionalen Botschaft: Du bist nicht allein. Nicht mit Deiner Verstörung, nicht mit Deiner Wut, nicht mit Deinem Weltschmerz. Um Information geht es weniger: Echte, bestätigte Informationen zu den Hintergründen brauchen Zeit."

Bastian Berbner reflektiert in der Zeit dagegen weniger die Rolle der sozialen als der traditionellen Medien, auf deren Wahrnehmung Terrorismus klassischer Weise zielt und kommt dafür auf die Ermordung des Priesters Jacques Hamel in Saint-Étienne-du-Rouvray, zurück, den die Attentäter von einem zufällig anwesenden Kirchenbesucher filmen ließen - für die Medien: "Es ist schmerzhaft zuzugeben, aber wir Journalisten sind die Boten des Terrors, durch uns werden aus fünf verängstigten Menschen in einer Kirche Millionen verängstigte, wütende, nach Rache rufende Menschen in der ganzen Welt. Die Tagesschau berichtete über Hamel, genau wie CNN. Natürlich kann man jetzt den berühmten Satz zitieren: 'Don't shoot the messenger', was so viel heißt wie: Der Bote kann nichts für die Botschaft, die er überbringt. Nur, in diesem Fall stimmt das nicht. Das ganze Tun der Terroristen zielt auf mediale Verbreitung ab. Es geht ihnen darum, uns Journalisten dazu zu bringen, möglichst viel, lang und sensationsbeladen zu berichten. Deswegen wählen sie symbolische Ziele."
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