9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Dorftrottel, der sich freiwillig an den Pranger stellt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.04.2017. In der NZZ geißelt Andrew Doyle Dummheit und bigotterie linker Identitätspolitik. Auch in der Debatte um Slut-Shaming sieht die Welt eine Infantilisierung der Kulturkritik. In der taz zeiht sich die französische Linke gespalten über den Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon. Außerdem blickt die taz vor dem türkischen Referendum nach Izmir, in dem Erdogan nicht punkten kann. In der FAZ hält Bülent Mumay fest, welch hohen Preis Erdogans Kampagne gekostet hat. Die SZ erinnert an die Fundamentalistin und Zockerin Maria Theresia.

Ideen

Dem britischen Autor Andrew Doyle platzt der Kragen angesichts der Dummheit linker Identitätspolitik, die mit Hannah Blacks Protest gegen Dana Schutz einen neuen Tiefpunkt erreicht hat, wie er in einem aus Spiked übernommenen Text in der NZZ meint: "Die Vorschlaghammer-Taktik der neuen Identitätspolitik hat wenig mit dem zu tun, was wir unter politischer Korrektheit zu verstehen gewohnt waren. Die stillschweigend eingehaltenen Regeln, die Höflichkeit und Anstand am Arbeitsplatz, in der Schule oder im öffentlichen Raum vorschreiben, werden trotz gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten kaum je infrage gestellt. Was wir jetzt sehen, ist jedoch etwas völlig anderes und wesentlich Unheimlicheres: eine mutierte Form der politischen Korrektheit, die Sprache und Denken unter Beobachtung stellt. Es ist eine autoritäre Bewegung, angeführt von wohlmeinenden Aktivisten, die blind sind für ihre eigene Bigotterie...Sie benehmen sich wie ein Dorftrottel, der sich freiwillig an den Pranger stellt und dann jammert, weil ihn die Leute mit faulem Obst beschmeißen."

Hanna Lühmann sieht das in der Welt ähnlich. Ihr Beispiel ist die Kritik einer Autorin im Popmagazin Kaput, die der Band Kraftclub "Slut-Shaming" vorwirft, weil in einem Songtext mit der untreuen Ex-Freundin abgerechnet wird: "Durch die Bezeichnung Hure sieht die Kaput-Autorin die Ex-Freundin des lyrischen Ichs beleidigt. Diese werde gehasst und zwar nicht 'als Verräterin einer Liebe', sondern 'eben als Frau'. Und weil der Begriff Hure mit dem Konzept der Entehrung der Frau durch Sex mit anderen Männern verbunden sei, sei es kein Wunder, 'dass Sexarbeiterinnen um ihre Sicherheit bis hin zu ihrem Leben fürchten müssen'. Vom 'Hure'-Sagen zum Hate-Fuck mit anschließender Ermordung. Grenzt das nicht an Sprachmagie? Kann es sein, dass die Kulturkritik an Infantilisierung ihrer Methoden leidet?"
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Europa

Der Schriftsteller Frédéric Ciriez gibt in der taz seine etwas schräge Sicht auf die französischen Präsidentschaftswahlen: "Die Ablehnung der politischen Kaste, das Ekelgefühl angesichts all der Affären und Skandale, die Uberisierung der Gesellschaft und die zynische Verinnerlichung des Überlebenskampfs im Turbokapitalismus haben die französischen Präsidentschaftswahlen zu einer unglaublich spannenden Angelegenheit werden lassen."

Während der linke Ciriez jedoch Jean-Luc Mélenchon als Egomanen ablehnt, stellt sich der hippe Philosoph Geoffrey de Lagasnerie im taz-Interview mit Tania Martini hinter ihn: "Die Medien und Intellektuellen haben uns ein Narrativ auferlegt, das besagt, dass es eine Stichwahl zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron geben wird. Marine Le Pen wird die Wahl nicht gewinnen. Das alles ist eine pure Mystifikation, die benutzt wird, um uns daran zu hindern, eine innovative linke Alternative auszuarbeiten."

Für symptomatisch hält Alan Posener in der Welt den Fall des jüdischen Jungen, den seine arabischen Mitschüler über Monate straflos mobben durften: "Der Anti-Antisemitismus ist hilflos, solange das schrecklich gute Gewissen der Antirassisten sie daran hindert, im eigenen Antizionismus den antisemitischen Kern zu entdecken. Er ist hilflos, solange ihr schlechtes Gewissen als Weiße sie blind macht für den Antisemitismus unter Zuwanderern
- übrigens nicht nur unter Muslimen, sondern auch unter Christen."
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Politik

Am Sonntag lässt Präsident Erdogan die Türkei über die Verfassungsänderung abstimmen. Die taz bringt in ihrem Schwerpunkt unter anderem ein Interview mit der Anwältin Ayşe Acinikli des inhaftierten Kurdenpolitikers Selahattin Demirtaş. Und Jürgen Gottschlich berichtet in einer Reportage aus Izmir: "Der türkische Präsident ist in Izmir abwesend. Es ist, als gäbe es ihn gar nicht, als sei er ein schlechter Traum aus dem Fernsehen. In Istanbul hängt Erdoğans Gesicht an jeder Ecke, in Izmir muss man sogar die Evet-Plakate lange suchen, mit denen für das Verfassungsreferendum geworben wird. Doch auch große Hayır-Flaggen fehlen. 'Izmir ist smarter', sagt Tunc Soyer." Der BR bringt Texte der zeitweilig inhaftierten Schriftstellerin Asli Erdogan.

In seinem Brief aus Istanbul erinnert der türkische Journalist Bülent Mumay in der FAZ daran, mit welchen Mitteln Erdogan und seine AKP vor dem Referendum agiert haben: "Polizisten haben Zelte der Opposition abgerissen, und AKP-Stadtverwaltungen ließen nachts auf Plätzen, an denen für den Folgetag 'Nein'-Kundgebungen geplant waren, Schutt abladen. Der Hohe Wahlrat hat zehn politischen Parteien untersagt, Kampagnen zum Referendum abzuhalten. Seit dem Putschversuch sind 1583 Nichtregierungsorganisationen, die zuvor die Wahlbeobachtung unterstützt hatten, geschlossen worden. Und mehr als 150 dissidente Journalisten sitzen hinter Gittern."
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Religion

Im FR-Interview mit Arno Widmann spricht der Berliner Pfarrer Matthias Loerbroks über Schleiermacher und den besonderen Pfiff des christlichen Glaubens. Asfa-Wossen Asserate schreibt in der FAZ über Ostern in der äthiopischen Kirche und der heiligen Stadt Lalibela.
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Stichwörter: Ostern

Medien

Rainer Erlinger fragt in der SZ, warum sich eigentlich niemand mehr darum schert, was im Reality-TV los ist.
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Geschichte

Österreich widmet seinen Gedenkreigen in diesem Jahre nicht der Reformation, sondern dem 300. Geburtstag der Kaiserin Maria Theresia. In der SZ bedauert Rudolf Meumaier allerdings das geschönte Bild, das die verschiedenen Ausstellungen von der Monarchin zeichnen. Dabei war sie so schön widersprüchlich: "Der Machtmensch Maria Theresia betrachtete das Privileg zu herrschen als göttlichen Auftrag. Von heutiger Warte aus wirkt die junge Maria Theresia in manchen Lebensbereichen nahezu liberal. Sie soll nächtelang gefeiert und getanzt haben. Auch dass sie eine Zeit lang leidenschaftlich um unverschämt hohe Summen zockte, ist überliefert. Unter ihrer Regentschaft wurde 1751 in Wien die Zahlenlotterie eingeführt. Gleichzeitig vertrieb die junge Herrscherin die Juden aus Prag und warf die Protestanten aus dem Land."
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