Efeu - Die Kulturrundschau

100 Euro, das scheint erst mal sehr verlockend

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.04.2017. Die SZ feiert Kendrick Lamars "Damn." als bestmögliches Rap-Album zur schlimmstmöglichen Zeit. Außerdem macht sie sich Sorgen, dass sich Yasuhisa Toyotas radikale Akustik durchsetzt. Die taz besichtigt die Kleinstwohnungen der Berliner Tinyhouse University. Publikum und Kritik feiern Nestroys Verwechslungskomödie "Liebesgeschichten und Heiratssachen" am Wiener Burgtheater. Und die NZZ wägt bei einer Berner Doppelausstellung Kunst gegen Kitsch ab.

Musik


"Damn." Schon die Lakonie des Titels von Kendrick Lamars neuem, gestern Morgen ohne Rücksicht auf deutsche Redaktionsschlüsse veröffentlichen Nachfolger des 2016 ringsum gefeierten Albums "To Pimp A Butterfly" dürfte angesichts von Trumps Wahlerfolg ein Statement für sich darstellen. Auch das neue Album ist eine "Wucht", versichert Jan Kedves ekstatisch in der SZ: Es ist "das bestmögliche Rap-Album zur schlimmstmöglichen Zeit. Lamar bewegt sich darauf mit verschiedenen, mal wütenden, mal vernebelten Stimmen zwischen Hoffnung, Pragmatik und Resignation." Sogar dass Lamar sich ausgerechnet den in Popfeuilletonkreisen wenig beliebten Bono Vox von U2 ins Studio geholt hat, sieht Kedves dem Künstler nach: "Das ist schon super, und sehr hart, und inhaltlich so dicht, dass man kaum noch dazu kommt, das Musikalische zu preisen - zum Beispiel, wie toll an anderen Stellen auf diesem Album die hart angeschnittenen Gospel- und Soul-Samples über trockenste West-Coast-Beats gestreut sind, oder wie moderne Trap-Einflüsse mit boomenden Bässen und schwirrenden Hi-Hats doch an keiner Stelle den Eindruck erwecken, als wolle hier jemand auf Teufel komm raus zeitgenössisch klingen."

Jens Uthoff gesteht in der taz allerdings, bei einem Lamar-Album erstmals auf die Uhr geschaut zu haben: "Musikalisch ist Reduktion das Gebot der Stunde. Der Freejazz-Einfluss ist weitestgehend verschwunden, alle Stücke sind zwischen R'n'B, HipHop, Soul und Funk anzusiedeln. Irre Wendungen, tolle Steigerungen sind weiterhin angesagt. ... Zum ersten Mal kommt bei einem Album Lamars der Eindruck auf, als sei es zu lang. 'God' und 'Love' klingen so, wie aktueller US-Hochglanz-Pop eben klingt, dafür braucht man eigentlich keinen Hochbegabten wie Lamar." Auf SpOn notiert Andreas Borcholte: "Das plakativ Politische, die wütenden Jazz- und drückenden Funk-Elemente von 'Butterfly' weichen einem zugänglicheren, bestechend effizienten und reduzierten Klangpanorama. ... An Lamars aus innerer Unruhe zu Erhabenheit findenden Gospel-Raps kann man sich aufrichten in prekärer Zeit. Damn straight." Im Deutschlandradio Kultur spricht Fabian Wolff über das Album. Die bei Lamar stets präsenten religiösen Untertöne erreichen hier "einen neuen Höhepunkt", schreibt Thore Barfuss in der Welt. Auch im aktuellen Video sind diese unübersehbar:



Sehr skeptisch kehrt SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck von einer Rundreise nach Hause zurück, die ihn zu den neuen philharmonischen Sälen geführt hat. Sein Fazit: Der Akustiker Yasuhisa Toyota werde zwar ringsum als Meister gefeiert - doch seine Entwürfe unter anderem für die Elbphilharmonie gehen für die Orchester mit enorm aufwändigem Feintuning einher, für das mitunter jahrelange Proben nötig sind. Die gute alte Berliner Philharmonie zieht er solchen Experimenten am Ende seiner Reise eben doch vor: "Eine Wohltat", seufzt er. "Der von dem seinerzeit führenden Münchner Akustiker Lothar Cremer betreute Scharoun-Saal moderiert die schrägsten Detonationen, integriert sie zu einem stimmigen Ganzen. Nach kleineren Anpassungen hat sich die im Vergleich zum Musikvereinssaal direktere und klarere Akustik in Berlin als das moderne, bis heute Maßstäbe setzende Klangideal durchgesetzt. Yasuhisa Toyota aber will offenbar ein ganz neues Akustik-Modell entwickeln, das zudem eine sehr viel radikalere Umstellung der Hör- und Musiziergewohnheiten erfordert als einst die Berliner Philharmonie. Die spannend Frage ist jetzt, ob er damit Erfolg haben wird oder ob die Hamburger Philharmonie als Akustikdebakel in die Geschichte eingehen wird."

Weiteres: Für die taz besucht Andreas Hartmann das Berliner Label Corvo Records, das sich auf künstlerisch gestaltete Vinylausgabe von experimenteller Musik spezialisiert hat. Ljubisa Tosic unterhält sich im Standard mit Johannes Neubert, dem Manager der Wiener Symphoniker. Die Zeit hat Christoph Vratz' Porträt des Klarinettisten Andreas Ottensamer online nachgereicht. Im Standard empfiehlt Christian Schachinger ein Konzert des ghanaischen Musikers King Ayisoba. Außerdem schreibt Schachinger im Standard zum Tod des Technokünstlers Mika Vainio.

Besprochen werden "Pure Comedy" von Father John Misty (FAZ), Kreidlers "European Song" (Spex), John Eliot Gardiners zweite Aufnahme von Bachs Matthäus-Passion (online nachgereicht von der FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Actress (ZeitOnline).
Archiv: Musik

Literatur

Im literarischen Wochenendessay der FAZ befasst sich Christian Metz mit der Herausforderung, die sich den Evangelien bei der Schilderung von Jesu Auferstehung stellt, bei der "das Unfassbare begreiflich gemacht" werden muss: Er identifiziert eine "Poetik der Unschärfe", die eine bis in unsere Tage genutzte Ästhetik begründe. "Auf solche Weise werden alle jene Ereignisse dargestellt, die wie das Erhabene die menschliche Auffassungsgabe übersteigen. Diese Inszenierungen erleben jüngst vor allem in jener Kunst eine Hochkonjunktur, die sich mit den Terroranschlägen des 11. September 2001 auseinandersetzt. Thomas Pynchons 'Bleeding Edge', aber auch Kathrin Rögglas 'Really Ground Zero' oder Thomas Lehrs 'Fata Morgana' entwerfen Varianten dieser Poetik der Unschärfe. Sie greifen damit eine Darstellungsweise auf, wie sie zuvor schon Gerhard Richter in seinem Stammheim-Zyklus erprobt hatte. Die Provokation bei diesen Bildern bestand gerade darin, in der Unschärfe eine Bildsprache zu entwerfen, die das Unbegreifliche der Terrorakte mit dem Ominösen der Todesfälle im Hochsicherheitsgefängnis potenziert und somit zugleich auratisch aufzuwerten schien."

Weiteres: Für die NZZ unterhält sich Achim Engelberg mit dem bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan über literarische Utopien. Aus der Literarischen Welt: Wieland Freund würdigt den Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead. Helene Hegemann wagt sich mit Faust im Gepäck auf den Osterspaziergang. Marc Reichwein flaniert seinerseits im Netz durch die Welt der Youtube-Leseratten und Instagram-Buchhipster. Denis Scheck fügt Tolkiens "Herr der Ringe" seinem wöchentlich ergänzten Literaturkanon hinzu. Außerdem: Eine weitere Episode aus Nadja Spiegelmans Fortsetzungsgeschichte "Ich sollte dir das eigentlich alles nicht erzählen".

Besprochen werden neue Vögel-Bücher (Berliner Zeitung), die deutsche Augabe von Antanas Škėmas in den 50ern entstandenen Roman "Das weiße Leintuch" (taz), Julia Webers "Immer ist alles schön" (NZZ), Feridun Zaimoglus "Evangelio" (Berliner Zeitung, FAZ), Fabian Hischmanns "Das Umgehen der Orte" (ZeitOnline), J.D. Vances "Hillbilly Elegie" (Literarische Welt), die japanische Comicserie "Usagi Yojimbo" (Tagesspiegel) und Marcel Beyers Essayband "Das blindgeweinte Jahrhundert" (SZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Auf einer bislang ungenutzen Fläche am Bauhaus-Archiv errichtet eine Architektengruppe namens Tinyhouse University Kleinstwohnungen für den modernen Großstädter, berichtet Ronald Berg in der taz: "Das 6,4 Quadratmeter kleine Häuschen beherbergt hinter seinen hölzernen Wänden eine komplette Wohnung mit Wohnbereich, Küchenzeile, Bad inklusive Dusche und einem darüber liegenden Schlafbereich... 100 Euro, das scheint erst mal sehr verlockend, ist aber tatsächlich nicht gerade billig. Denn für die 100 Euro Miete bekäme man nur 6,4 Quadratmeter Wohnfläche. Das ist wohl nicht jedermanns Sache, aber es geht - zumindest temporär (für manche)."
Anzeige
Archiv: Architektur
Stichwörter: Jedermann

Bühne


Christoph Radakovits, Marie-Luise Stockinger, Robert Reinagl, Gregor Bloéb, Martin Vischer und Stefanie Dvorak in "Liebesgeschichten und Heiratssachen"

Glänzend amüsiert haben sich Kritiker wie Publikum bei Georg Schmiedleitners Inzenierung von Johann Nestroys Verwechslungskomödie "Liebesgeschichten und Heiratssachen" am Wiener Burgtheater. "Nestroy as Nestroy can", bringt Martin Pesl den Abend in der Nachtkritik auf den Punkt: "Schmiedleitner versucht nicht, Nestroys geschliffene Oberflächlichkeit zu durchbrechen, er malt sie - in abscheulich grellen Farben - genüsslich aus. Die Pointen sitzen, die Bühne rotiert, die Farce flutscht. Wien tobt und bejubelt seine Schauspieler. So wie das eben ist." In der NZZ kann Martin Lhotzky nur beipflichten: "Modern und klamaukig - aber diesmal angemessen - kommt der Abend daher, und das Publikum tobt vor Begeisterung." Im Kurier attestiert Guido Tartarotti der Aufführung einen "Riesenerfolg".

In der taz unterhält sich Rolf Lautenschläger mit dem Architekten Diébédo Francis Kéré, der gerade für Chris Dercon ein mobiles Theater in einem ehemaligen Hangar des Flughafens Tempelhof entwirft: "Es soll viele Menschen erreichen und das zu allen Jahreszeiten. Es sollte - idealerweise - aus dem Hangar hinaus- und wieder hereingefahren werden können. Gibt es was Besseres als im Sommer die Bühne hinauszufahren, sie so zu drehen und zu öffnen, dass der Blick in die Landschaft geht? Das Feld und der Horizont könnten als Hintergrund und Kulisse genutzt werden."

Besprochen werden Adaptionen von Wenedikt Jerofejews "Reise nach Petuschki" an der Berliner Volksbühne (FAZ, Nachtkritik) und am Meiniger Staatstheater (Nachtkritik) sowie Jan Philipp Glogers Inszenierung der Shakespeare-Komödie "Maß für Maß" am Staatstheater Wiesbaden ("kompakt, schillernd und quicklebendig", schwärmt Judith von Sternburg in der FR).
Archiv: Bühne

Film

Im Tagesspiegel erinnert sich der Filmemacher Christoph Hochhäusler an seine Begegnungen mit dem verstorbenen Kameramann Michael Ballhaus (weitere Nachrufe hier). Frank Arnold spricht in epdFilm mit Warren Beatty, der in seinem aktuellen Film den legendären Hollywoodproduzenten Howard Hughes spielt. Dunja Bialas trifft sich für Artechock mit dem deutschen Regisseur Eckhart Schmidt, der als Filmkritiker angefangen hat, in der Münchner Gruppe gegen die Oberhausener opponiert hat und heute erotomanische Filme dreht.

Besprochen werden Nate Parkers Rassismusdrama "The Birth of a Nation" (Freitag, FR, mehr dazu hier und hier), das Filmprogramm "Hachimiri Madness" mit japanischen Punk- und Undergroundfilmen aus den 80ern (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), der neue Teil der "Fast & Furious"-Autorennfahrerreihe ("ein Kino am Rand der physikalischen Wirklichkeit", schreibt Georg Seeßlen im Freitag, unsere Besprechung hier), die Serie "The Young Pope" mit Jude Law (Filmdienst) und der obligatorische Jesusfilm zum Wochenende "40 Tage in der Wüste" mit Ewan McGregor (FR, FAZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Oberhausen

Kunst

Revolutionäre Kunst versus Propaganda: Alexander Rodtschenko: "Konstruktion auf Grün und Braun Nr. 94" (1919) und Alexander Samochwalow: "Textilfabrik" (1929)

Der Clou der Berner Doppelausstellung "Die Revolution ist tot, lang lebe die Revolution" besteht für Philipp Meier (NZZ) darin, dass sie der im Zentrum Paul Klee gezeigten Übersicht über revolutionäre Bewegungen von der russischen Avantgarde über das Bauhaus bis zum New Yorker Radical Painting im Kunstmuseum Bern eine Schau mit sozial-realistischer Propagandakunst aus der Sowjetunion und der DDR gegenüberstellt: "Kunst, wie sie in unseren Breitengraden weit weniger bekannt ist, geschweige denn als Teil einer allgemeingültigen Kunstgeschichtsschreibung akzeptiert wird. Diese gleichsam aus der Schmuddelecke der Kunstgeschichte stammenden Exponate aber sind das eigentlich Revolutionäre der Berner Doppelausstellung. Sie vermögen die anerkannte Kunstproduktion in ein neues Licht zu rücken - oder zumindest den Blick auf diese zu erweitern. Als Propagandamalerei war diese Kunst die große Antithese zu den Avantgarden, die nach der Machtübernahme durch Stalin in der Sowjetunion gänzlich zum Verstummen gebracht wurden."

Für die SZ besucht Thomas Steinfeld die Uffizien in Florenz und prüft, wie es dem Direktor Eike Schmidt in seinen ersten anderthalb Jahren gelungen ist, das Museum "an die globalen Standards anzupassen und also kommerziell einträglicher zu machen."
Archiv: Kunst