9punkt - Die Debattenrundschau

Ein unmögliches Zurück

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.10.2016. In der NZZ erinnert Peter Sloterdijk an die Dschihadisten der Reformation. David Grossman schreibt in mehreren Zeitungen über Shimon Peres. Die taz wünscht sich selbstkritische Journalisten-Foren auch für Europa. Im Guardian plädiert Timothy Garton Ash trotz Trump und Brexit für Ausgewogenheit in den Medien. Die FAZ warnt: Internet schadet der Demokratie. Die SZ rekonstruiert die Nacht der Hysterie in München. Die NZZ weiß, warum die AfD ihre angegriffenen Politiker jetzt in Salzgitter erfasst.

Medien

In der taz fürchtet Jagoda Marinić weiter um die Demokratie in den USA und Europa. Ein Lichtblick in der ganzen Misere aus Populismus und Abgrenzung war für sie jedoch das edle Athens Democracy Forum der New York Times: "Der kritische Journalismus dieser Zeit muss sich neu erfinden, wenn er sich nicht von Populisten instrumentalisieren lassen will. Wo in Deutschland, wo in Europa treffen sich Medienschaffende im Austausch mit anderen Denkern und Gestaltern weltweit, um ihre Rolle in den derzeitigen Entwicklungen zu reflektieren - und zu korrigieren?"

Großes Thema bei dem Forum war, dass sich die New York Times davon verabschiedet hat, unparteiisch über Donald Trump zu berichten. Timothy Garton Ash kann das im Guardian nicht nur begrüßen. Falschverstandene Ausgewogenheit - wie bei der BBC zum Brexit - ist fatal, meint er, aber das sei auch die Zunahme der Filterblase in allen Medien. Auch Hillary Clinton und Trump hätten beim TV-Duell nur die Echo-Kammer des anderen gesehen: "Clinton got out her well-rehearsed line: 'Donald, I know you live in your own reality.' Trump's was less practised, unintentionally funnier and more revealing: 'I think the best person in her campaign is mainstream media.' This line is characteristic of so much populist rhetoric across the world, from the US to France and Poland to India, suggesting that your supporters are an embattled group oppressed by powerful liberal elites, and they alone are the 'real people' (a phrase often used by Ukip's Nigel Farage). The distortion is worse on the populist right, but tendentious media polarisation, simplistic shouting and echo chambers are a problem on all sides."

Die SZ rekonstruiert die Hysterie in München nach dem Massaker, das der rechtsradikale David S. im Olympiapark angerichtet hatte. Nicht nur Amateur-Wichtigtuer auf Twitter haben Schüsse am Stachus herbeifantasiert ("Das Ganze nennt man Social Media und Wahrheiten sind da nicht unbedingt auf dem Tagesplan", posaunt @itsflyingbird), sondern auch die "Experten": "Holger Schmidt nennt sich auf Twitter @terrorismus, bei der ARD ist er Terrorexperte. Eine halbe Stunde nach der ersten Erwähnung der angeblichen Stachus-Schießerei schreibt er: 'Sicherheitskreise: Offenbar mehrere Tote im Zentrum #München am #Stachus und in einem Gebäude / Kaufhaus. Hintergrund weiterhin unklar.'"

Weiteres: Hans Hoff meldet in der SZ, dass die Tagesschau-App ein presseähnliches Produkt ist, zumindest in der Version vom 15. Juni 2011. So hat das Oberlandesgericht Köln gestern entschieden. In der Welt plädiert Christian Meier daher für eine friedliche Koexistenz: "Konkurrenz machen sich Verlage und Öffentlich-Rechtliche im Internet so oder so, weil es immer um den Aufmerksamkeitswettbewerb geht. Der ist gar nicht zu vermeiden."
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Religion

In einem langen Essay in der NZZ denkt Peter Sloterdijk über die Geschichte der Reformation nach und erinnert daran, "dass die Reformation zu ihrer Hoch-Zeit ein christliches Analogon zu den seit relativ kurzem offensiv wirksamen islamischen Erscheinungen wie Salafismus, Wahhabismus und militarisiertem Dschihadismus darstellte. Die geschehende Geschichte ist ironisch genug, uns an diese Parallelen zu erinnern... Dass die europäischen Reformationen in ihren Gebieten summa summarum erfolgreich verliefen, vermittelt die Zuversicht, dass Abscheulichkeiten, die ein unmögliches Zurück anstreben, nicht in gültige Normalitäten umgewandelt werden können, obgleich die Verwirrung, die lange und konfuse Kriege nach sich ziehen, die Maßstäbe vorübergehend verzerrt."
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Internet

Das Internet schadet der Demokratie, statt mündige Bürger fördert es individualisierte Nutzer mit Anspruch auf sofortigen und kostenlosen Lieferservice, meint Thomas Thiel zum Auftakt einer neuen Serie in der FAZ: "Die Ernte der Twitter- und Facebook-Revolution in den arabischen Ländern haben Diktatoren eingefahren. Unter den Betreibern virtueller Plattformen gilt aber weiter die geschäftstüchtige Devise, dass das Internet die Welt per se demokratischer machte."
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Gesellschaft

In der NZZ verweist Joachim Güntner darauf, dass linksextremistische Gewalt in Deutschland zur rechtsextremen nahezu aufgeschlossen habe: "AfD-Wahlhelfer werden attackiert, Wohnhäuser von Parteimitgliedern mit Farbe beschmiert, Büros demoliert, Autos angezündet. Es gibt Morddrohungen und Schüsse auf Geschäftsstellen. Die Zahl der Übergriffe, derentwegen Strafanzeige gestellt wurde, soll in die Hunderte gehen. Um sie zu sammeln, hat die AfD die 'Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter' eingerichtet. Unter demselben Namen war bis 1992 eine westdeutsche Einrichtung tätig, die das Unrecht der DDR gegen ihre Bürger dokumentierte. Wenn sich nun die AfD mit ihrer Sammelstelle als Opfer eines Unrechtsstaates geriert, zeugt das von einem ebenso ausgeprägten wie zweifelhaften Märtyrer-Bewusstsein. Aber das ändert nichts an dem Faktum, dass diese Partei unentwegt von links außen attackiert wird."
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Stichwörter: AfD, Linksextremismus

Politik

Mehrere Zeitungen bringen David Grossmans Nachruf auf Shimon Peres, dem so viele Israelis das Oslo-Abkommen nicht verzeihen, weder in seiner Vision noch in seinem Scheitern. Im Guardian gibt es allerdings auch eine kritische Passage, die aus der Version in der FAZ gekürzt wurde: "He knew - and never accepted - that a disastrous reality was being built, for both peoples, and that he, Peres, was in the camp of the vanquished. He did great and magnificent things, contributing immensely to the state of Israel in the spheres of security, economy and science. But in what mattered to him most, he failed: he was not able to deliver Israel into a state of peace with its neighbours. It always seemed that at the decisive moment, when one more bold and determined step was necessary - he did not dare enough, did not act with the resolve he had promised."

In der Türkei halten sich die Proteste gegen die Verhaftungen von inszwischen mehr als 130 Journalisten in Grenzen. Bülent Mumay plädiert in der FAZ für mehr Solidarität auch mit Autoren und Verlegern, deren Richtung einem nicht passt: "Was bringt es, heimliche Genugtuung zu empfinden, wenn jene, deren Auffassung uns nicht gefällt, hinter Gitter gebracht werden? Dient es dem demokratischen Bewusstsein, wenn Tag für Tag neues Material über diese Personen aus Archiven ausgegraben und nach dem Motto 'Geschieht ihnen recht' präsentiert wird?"

Weiteres: In der Welt gratuliert Comedian Oliver Polak den Deutschen herzhaft zum Tag der deutschen Einheit: "Den Judenhass habt ihr mittlerweile im Griff, das heißt, ihr praktiziert ihn nur noch passiv. Auch das lasst ihr die 'Leiharbeiter' machen." Konrad Litschko widmet sich in der taz ausführlich den Identitären, den inzwischen Bart tragenden Hipstern unter den Rechtsradikalen.
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