Efeu - Die Kulturrundschau

Erfüllt von magischer Streustrahlung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.08.2016. In der New York Times will sich Nan Goldin nicht die Schuld geben lassen an Social Media und zwanghaftem Bilderteilen. In der taz will Wolfgang Seidel dem Krautrock keine deutsche Identität geben lassen. Die FAZ ist betört von der überbordenden Farbmusik der japanischen Zeichentrickserie "Monogatari". Die Welt ist außer sich über den heimlichen Abriss der Meinertschen Spinnmühle in Sachsen. Wo bleibt das Positive?, fragt der Tages-Anzeiger die Utopisten der Literatur.

Kunst


Nan Goldin: Nan and Brian in Bed, New York City. 1983. The Museum of Modern Art, New York

Das Moma in New York zeigt Nan Goldins Zyklus "The Ballad of Sexual Dependency", der in einer vierzigminütigen Slide-Show ihr Leben in den achziger Jahren festhält. Oder vielmehr: Nan Goldin und ihre Freunde in Bars, im Bad, im Bett, beim Sex und beim Spritzen. In einem tollen Text in der New York Times wehrt sie einen schrecklichen Verdacht ab: "'I'm not responsible for anything like social media, am I? Tell me I'm not.' The photographer Nan Goldin wanted to make it clear that her signature work from the 1980s - 'The Ballad of Sexual Dependency' - was not to blame for our current age of compulsive image sharing. 'It can't be true,' she said. 'But if it is, I feel terrible.'"

In der FAZ referiert Kolja Reichert die Geschichte des Gebäudes der Kestnergesellschaft in Hannover, die ihr hundertjähriges Bestehen feiert. Gerhard Matzig schreibt in der SZ zum Tod des Pop-Fotografen Daniel Josefsohn.

Besprochen wird die Ausstellung "Inspiration Fotografie" im Unteren Belvedere in Wien (FAZ).

Archiv: Kunst
Stichwörter: Nan Goldin, Moma

Architektur


Die Meinertsche Spinnmühle im Verfall, aber vor dem Abriss. Foto: Sandro Schmalfuß, Wikicommons, CC.

Dankwart Guratzsch ist in der Welt außer sich vor Zorn über den Abriss der Meinertschen Spinnmühle in Lugau, mit der in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Sachsen einer der ältesten Industriebauten vernichtet wurde: "Was die Spinnmühle von Lugau so bedeutsam machte, das war der eigentümliche Charakter dieses Baus. In seine Mauern war ein geschichtliches Tiefenbeben eingeschrieben: die Geburtsstunde der Industrialisierung. Als die Fabrik 1812 errichtet wurde, standen noch Napoleons Truppen im Land, war Goethe ein rüstiger Sechziger, Beethoven auf der Höhe seiner Schaffenskraft, Bismarck noch nicht geboren. Literatur, Malerei und Dichtkunst schwelgten in den Stratosphären der Romantik. Zeitgeschehen und mediale Wirklichkeit gerieten dabei in auffälligen Kontrast. Von der Ankunft der neuen Herren des Jahrhunderts, der Automaten und ratternden Apparate, vom Umsturz in Technik und Wirtschaft, der von ihnen eingeleitet wurde, überliefern die Künste (fast) nichts."

Sophie Jung erkundet in der taz mit der von Stefanie Bürkle herausgegebenen Textsammlung "Migration von Räumen" die Häuser, die sich türkische Remigranten nach ihrer Rückkehr aus Deutschland in der Türkei bauen und eine hybride ästhetische Position besetzen.
Archiv: Architektur

Bühne


Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige". Foto: Salzburger Festspiele / Ruth Walz.

Gerhard Heinz
' Salzburger Inszenierung von Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" mit Festspielintendant Sven-Eric Bechtolf in einer Hauptrolle war "keineswegs aufregend oder gar bahnbrechend", stellt Martin Lhotzky nach einem "matten Abend"in der FAZ fest. Genau wie Egbert Tholl in der SZ referiert er daher ausführlich die Anekdote von Peymanns Uraufführung 1972, bei der Feuerschutzbestimmungen die verordneten zwei Minuten Dunkelheit am Ende verunmöglichten, weshalb der Autor das Stück vom Spielplan nehmen ließ. Heinz hingegen macht zum Beschluss hin so mächtig viel Licht auf der Bühne, dass dem geblendeten Publikum gehörig die Augen tränen. Auch Tholl war es im übrigen fad zumute - er erfreut sich, wie auch Lhotzky, allein an Bechtolfs Spiel: Der mache "jedes einzelne Wort zum Ereignis, er formt Sprache, ist präzis in deren Temperaturschwankungen, er knarrt ein bisschen, näselt ein wenig, er ist richtig gut und doch kaum mehr als der beste Aufpasser in einem Thomas-Bernhard-Museum."

Auch Bernd Noack erinnert in der NZZ an den Eklat und zitiert Bernhard mit den Worten: "Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht vertrage, komme auch ohne sein Schauspiel aus.""

Besprochen werden Johan Simons' "Alceste"-Inszenierung, mit der die Ruhrtriennale eröffnet wurde (FR, taz, SZ, mehr im gestrigen Efeu) und eine Aufführung von Domenico Cimarosas Oper "Il matrimonio segreto" bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (FAZ).
Anzeige
Archiv: Bühne

Film

Dietmar Dath ist ganz verzücktvon der japanischen Zeichentrickserie "Monogatari Series", gesteht er in der FAZ: "Das alltägliche Japan, zu erhabener Selbstverständlichkeit stilisiert als mal detailblitzende, mal vornehm abstrakte Kulisse, ist der Hintergrund der 'Monogatari Series', aber von den Schulvorschriften bis zum Handygebrauch wirkt alles, was dieses Japan ausmacht, wie erfüllt von magischer Streustrahlung und bedeutungsmurmelnder Farbmusik." Dieser Videoessay vermittelt einige Eindrücke und bringt die Serie, man höre und staune, in Zusammenhang mit der französischen Nouvelle Vague:



Weiteres: Im Tagesspiegel empfiehlt Julius Heinrichs Filme des Fantasy Filmfests, das morgen in Berlin beginnt. Besprochen wird die Netflix-Serie "Stranger Things" (Berliner Zeitung).
Archiv: Film

Literatur

Im Tages-Anzeiger wirft Martin Ebel einen Blick auf die Utopien der heutigen Literatur. Das Positive ist aus den Zukunftsszenarien ganz verschwunden, stellt er fest, meist ist die Ordnung zusammengebrochen, allenfalls herrscht sanfte Unterdrückung: "Generell gilt: Diktaturen und Überwachungsstaaten scheinen aus der Literatur fast verschwunden, was an dem Eindruck der Autoren liegen mag, die Führungsriegen unserer Tage hätten ihre Angelegenheit nicht besonders gut im Griff. Einzig dem Islam traut man die totale Macht noch zu."

"Wahrheit ist, wo es weh tut", erkennt Roman Bucheli in der NZZ nach der schmerzhaften Lektüre von Jeroen Brouwers' Roman "Das Holz", der eine mehrfache Passionsgeschichte von kirchlicher Zucht, sexueller Gewalt und Perversion erzählt: "Das Ethos des Erzählens verlangt hier ein Äußerstes an Genauigkeit. Alles Verschleiern wäre Betrug, wäre Beschönigung und Lüge. Mag vielleicht auch alles erfunden sein, was der Roman erzählt, wahr ist es trotzdem."

Für die FAZ spricht Sandra Kegel ausführlich mit dem Dichter Eugen Gomringer und dessen Tochter Nora Gomringer, die ebenfalls Gedichte schreibt. Weitere Nachrufe auf den DDR-Schriftsteller Hermann Kant schreiben Hans Hütt (ZeitOnline) und Jens Bisky (SZ). Jürg Altwegg schreibt in der FAZ zum Tod der Schriftstellerin Françoise Mallet-Joris. Außerdem gibt es wieder eine prall gefüllte neue Ausgabe von Thomas Wörtches CrimeMag - hier das Editorial mit allen Artikeln im Überblick.

Besprochen werden J.J. Voskuils mehrbändige Reihe "Das Büro" (taz), Anna Galkinas "Das kalte Licht der fernen Sterne" (taz), Juan Villoros "Das dritte Leben" (Tagesspiegel), Han Kangs "Die Vegetarierin" (Tagesspiegel), Selim Özdogans "Wieso Heimat, ich wohne zur Miete" (FR), Katja Lange-Müllers "Drehtür" (SZ) und Erwin Berners "Erinnerungen an Schulzenhof" (FAZ). Mehr aus dem literarischen Leben im Netz auf unserem Metablog Lit21.
Archiv: Literatur

Musik

Für die taz trifft sich Andreas Hartmann mit Wolfgang Seidel, der nach einem kurzen Engagement als Schlagzeuger bei Ton Steine Scherben ins Krautrock-Universum der Siebziger abdüste. Dass diese Phase experimenteller BRD-Rockmusik im popkulturell interessierten Ausland als Rekonstruktion deutscher Identität gedeutet wird (so in dieser BBC-Doku und in diesem Buch), hat ihn jetzt dazu veranlasst, in einem eigenen Buch seine Sicht der Dinge darzulegen: "Er, links und antinational, seit er denken kann, redet sich geradezu in Rage, wenn er erklären soll, warum seiner Ansicht nach die Freaks und Späthippies, die auf dem Land und in den Städten in den Siebzigern angloamerikanische Beatmusik und Bluesrock erst adaptierten und dann in diese verstrahlte Musik transformierten, die man irgendwann Krautrock nennen sollte, an alles dachten, aber nicht daran, im musikalischen Sinne einer bestimmten Identität Deutschlands zuzuarbeiten. 'Das war das Letzte, was die Musiker damals im Sinn hatten.'" Während Seidel den Krautrock von Deutschland entstaubt, schießen wir uns mit dieser kosmischen Playlist ins postnationale All:



Besprochen werden das Debüt von Marius Laubers "Roosevelt"-Projekt (Spex), der Abschluss der Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt (FR, FAZ) und Funny van Dannens neues Album "Come on" (FAZ).
Archiv: Musik