9punkt - Die Debattenrundschau

Füttere die Krähe

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.08.2016. Im Freitag denkt die Philosophin Bettina Stangneth über Attentate, das Böse und die Konsequenz der Selbstinszenierung nach. In Libération fragen Geoffroy de Lagasnerie und Edouard Louis, ob Überwachung und Repression alle Mittel sind, die Frankreich im Kampf gegen den Terror aufbringen kann. In der taz stellt Sineb El Masrar fest: Das Recht auf Kopftuch zu fordern, hat nichts mit Feminismus zu tun. In der FAZ erinnert Bülent Mumay daran, wie Erdogan die Apparate säubern ließ, um sie mit Gülen-Leuten zu besetzen. Und die SZ fragt: Wo sind eigentlich die Misthaufen geblieben?

Ideen

Im Freitag unterhält sich Michael Girke mit der Philosophin Bettina Stangneth über die jüngsten Attentate, das Böse und die Gier nach Aufmerksamkeit: "Ich rede nicht über einen Subjekt- oder Ich-Begriff, sondern von Identität. Identität ist das Ideal eines Lebens aus einem Guss und der Wunsch, selber immer genau zu wissen, wer ich bin. Wir möchten nicht einfach nur 'Ich' sagen, sondern jemand sein, also von Bedeutung sein. Die Versuchung, jederzeit und immer öffentlich in Erscheinung zu treten und möglichst viele Bewunderer und Follower um sich zu scharen, ist nicht nur ein Motor des Erfolgs sozialer Medien. Es ist auch die Versuchung einer Illusion, die immensen Druck erzeugt, nämlich mit immer größerer Konsequenz die Selbstinszenierung zu betreiben. Bei Terrortätern spricht man von Radikalisierung. Aber jeder, der versucht, mit sich identisch zu sein, versucht das Unmögliche, es sei denn, er tötet viel von dem ab, was auch immer zu uns gehört, so widersprüchlich es uns auch erscheint. In Orlando hat ein junger Mann in einem Schwulenclub planmäßig viele Leute erschossen. Was wollte er da vernichten? Etwas Fremdes oder etwas nur zu Vertrautes?"

Ja, es gibt einen islamischen Feminismus, meint in der taz Sineb El Masrar, emanzipatorische Vordenkerinnen wie Fatema Mernissi, Azza M. Kamal oder Leila Ahmad haben ihn vertreten. Aber. Das Recht auf Kopftuch zu fordern, ist kein Feminismus: "So muss unterschieden werden zwischen jenem 'islamischen Feminismus', der eindeutig gegen patriarchale, diskriminierende Auslegungen kämpft und eine Neuinterpretation aus weiblicher, geschlechtergerechter Sicht einfordert, und jenem, der eher die aktive Partizipation der Frau für zum Beispiel islamistische Konzepte vorsieht. Denn auch innerhalb ideologischer Bewegungen, die eigentlich das Gegenteil weiblicher Emanzipation vertreten, gibt es Frauenbewegungen. Sogenannte rechte Feministinnen. zum Beispiel kreieren einen Feminismus nach eigenen Maßstäben und fordern die gleichberechtigte Teilnahme etwa in der rechten Politik."

Stefan Weidner weckt in der SZ Zweifel an dem hin und wieder glorifizierten Sufismus und fragt mit Blick auf prominente Feuilleton-Sufisten wie Navid Kermani oder Ilija Trojanow: "Findet hier noch ein echter Dialog mit der mystischen Tradition statt oder dient diese nur dazu, den eigenen labilen Seelenhaushalt auszuschmücken oder auch zu stabilisieren, ohne ansonsten ernsthafte Konsequenzen für Lebensführung und Weltsicht zu zeitigen?"
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Medien

Fast alle Taten und Bilder des IS werden für die Medien produziert, galuben Georg Mascolo und Peter Neumann in der SZ und können der hierzulande eher belächelten, neuen Zurückhaltung in Frankreich bei der Terror-Berichterstattung durchaus etwas abgewinnen: "Längst misst der IS den Erfolg einer Tat nicht nur anhand der Zahl der Toten, sondern auch anhand der Länge von Sondersendungen und der Größe der Schlagzeilen in den Zeitungen." Und auch die psychisch Gestörten atmen Publizität: "Laut einer US-Studie steigt die Gefahr von weiteren Amokläufen direkt nach einer Tat an: um 22 Prozent."

In der Welt will Dirk Schümer eigentlich mit dem ganzen Medien-Kalifat endlich Schluss gemacht sehen: "Geheimdienste und Militär müssten die Kommandozentrale zerstören."

Weiteres: Zeit Online meldet, dass es im Kölner Prozess um die Tagesschau-App eng für die Öffentlich-Rechtlichen wird: "Der Vorsitzende Richter Hubertus Nolte sagte in der Verhandlung, man neige derzeit dazu, der Klage der Zeitungsverlage gegen die ARD stattzugeben." Turi2 meldet, dass die Washington Post mit Textrobotern eigene Olympia-Berichte aus Rio ersetzen will beziehungsweise "verstärken".
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Politik

Für die FAZ hat Tomaso Clavarino Blogger in Bangladesh Blogger getroffen und zu den Morden befragt, die Islamisten nahezu ungehindert von Polizei oder Regierung an ihnen verüben: "'Dass die Extremisten ihren Aktionsradius ausweiten, zeigt, dass sie sich stark und sicher fühlen', sagt der Blogger Baki Billah, der abgetaucht ist, weil er um sein Leben fürchtet. 'Als Avijit Roy ermordet wurde, standen zwei Polizisten direkt neben ihm. Sie haben sich dem Angreifer nicht in den Weg gestellt, und sie haben ihn auch nicht verfolgt. Was haben die Fanatiker denn zu befürchten?'"
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Stichwörter: Bangladesch, Blogger

Gesellschaft

Die richtige Anredeform in der koreanischen Sprache zu finden ist eine Kunst, schreibt Hoo Nam Seelman in der NZZ. Es gibt keine generalisierenden Formen wie "Herr" oder "Frau", vor allem ist stets die durch Alter oder sozialen Status geprägte Hierarchie der Gesprächspartner zu beachten. Vornamen dürfen, auch in der Familie, etwa nur gegenüber Gleichaltrigen oder Jüngeren verwendet werden, klärt Seelman auf: "Es gilt daher als eine hohe Kunst, bei einer neuen Begegnung eine der jeweiligen Situation angemessene Anrede für das Gegenüber zu finden, um die Kommunikation in Gang zu bringen. Man muss in der Lage sein, den eigenen Status gegenüber dem anderen richtig zu taxieren. Häufig kann man Rituale beobachten, wie die Koreaner, wenn sie sich zum ersten Mal begegnen, Visitenkarten austauschen und gegenseitig auch nach dem Alter, dem Schulbesuch oder dem Heimatort fragen. Man benötigt einen Anknüpfungspunkt, um eine annehmbare Anrede zu finden."

Es gibt gar keine Misthaufen mehr, stellt Rudolf Neumaier erschrocken fest, zumindest nicht bei den Bauern in Bayern. Dabei waren sie einst so etwas wie die Visitenkarte eines einträglichen Hofes: "In Bayern ist es leichter einen Bauernhof mit Swimmingpool zu finden."
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Stichwörter: Anreden, Korea

Europa

In einem Brief aus Istanbul erinnert Bülent Mumay in der FAZ daran, dass Erdogan einst selbst die Gülen-Kader auf ihre Posten in Polizei und Militär gebracht hat, nämlich um die Kemalisten aus den Apparaten zu treiben: "Als unser Kollege Ahmet Sik 2011 wegen eines Buches verhaftet wurde, in dem er beschreibt, wie die Gülen-Bewegung sich im Polizeiapparat organisierte, gingen wir auf die Straße. Erdogan hingegen stellte sich hinter die Gülen-treuen Polizisten. Als wir die Intrigen gegen jene Militärs verurteilten, die ihn nun retteten, stärkte er der Gülen-Bewegung den Rücken. Er sagte: 'Der Staatsanwalt in diesem Prozess bin ich.' Lieber Leser, lassen Sie uns diesen Gedankengang mit einer türkischen Redewendung abschließen: 'Füttere die Krähe, dann hackt sie dir das Auge aus.'"

In Libération richten der Soziologe Geoffroy de Lagasnerie und der Schriftsteller Edouard Louis wütenden Protest gegen Manuel Valls: Die französische Regierung führe keineswegs den Kampf gegen den Terrorismus "mit allen Mitteln", sondern allein mit Überwachung und Repression: "Wenn Francois Hollande und Sie vom Krieg gegen den Terror verkünden, sprechen Sie nie vom Krieg gegen Schulabbrüche, soziale Gewalt, Haftbedingungen, Islamophobie, Rassismus, städtische Segregation, Prekarisierung oder Polizeigewalt... Von den Mitteln, über die der Staat verfügt, über die Sie verfügen, wurde nichts eingesetzt, um eine gerechtere, sicherere Welt zu schaffen, um die Menschen der Logik des Hasses zu entziehen - man könnte sogar sagen, dass Sie in dieser Hinsicht das Gegenteil getan haben, dass Sie in den vergangenen Monate zum Triumph der sozialen Regression noch beigetragen haben."
Archiv: Europa