9punkt - Die Debattenrundschau

Was will mein Volk?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.08.2016. Arno Widmann wird siebzig: Im Perlentaucher singen ihm Schüler, Freundinnen und Weggefährtinnen ein Ständchen. In der SZ beobachtet unterdes Yavuz Baydar mit Schaudern, wie Tayyip Erdogan seinem Volk die Todesstrafe zurückgibt. In der FAZ inspiziert Jeremy Adler die Verfasstheit der Briten. Die NZZ freut sich über die Aufwertung des öffentlichen Raums durch PokemonGo. Und die Welt lernt von Deirdre McCloskey die ganze simple Kunst des Reichwerdens.

Medien

Arno Widmann war Tutor bei Adorno und Textchef bei der Vogue. Er hat die taz mitbegründet und viele weitere Medien bereichert. Vor allem ist er ein Leser und Schreiber. Auch wir Perlentaucher haben bei ihm gelernt und gratulieren! Und bringen einige Hommagen von Schülern, Weggefährtinnen und Freundinnen, unter anderem von Gabriele Goettle, Silvia Bovenschen, Cees Nooteboom, Joachim Sartoorius, Hazel Rosentrauch, Christiane Peitz und Max Thomas Mehr.
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Europa

In seinem türkische Tagebuch berichtet Yavuz Baydar in der SZ von einem Auftritt Erdogans am Samstag: "Während der Platz von Sprechchören wie 'Wir wollen Exekutionen!' widerhallte, rief Erdoğan: 'Was will mein Volk? Die Todesstrafe! Das Parlament ist verpflichtet, sich damit zu befassen. Es darf die Stimme des Volks nicht ignorieren. Und das Europäische Parlament? Die EU? Sie sollen sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Die Verantwortlichen des Putsches müssen zahlen.'"

In ihrer "Maschinenraum"-Kolumne zeichnet Constanze Kurz nach wie umfassend und ungestraft türkische Geheimdienste die Kommunikation Oppositioneller bereits seit Jahren ausspähen.

Der Laizismus hat als Projekt der Eliten die Mehrheit der Bevölkerung in der Türkei nie erreicht und wird nun vom Islam als politische Ideologie verdrängt, schreibt Zafer Şenocak in der NZZ. Die Lösung sieht er im Sufismus als muslimisch humanistische Erziehung: "Dabei käme es vor allem darauf an, den Stimmen von Einzelgängern und Querdenkern wieder einen Platz einzuräumen: in den Lehrplänen der Schulen wie in der Gesellschaft. Vor allem Gedichte und Denksprüche der Sufis sind auch heute noch sehr populär. Im Gegensatz zur religiösen Erbauungsliteratur werden sie in allen Schichten der Gesellschaft gehört und gelesen, sie verbinden Menschen mit unterschiedlichen Zugehörigkeiten und spalten nicht."

Der britische Germanist Jeremy Adler holt in der FAZ weit aus, um mit Shakespeare, Gibbon und Edmund Burke den Brexit und die britische Staatskrise zu erklären. Denn Britanniens traditonelle Verfassung erlaube kaum Kompromisse mit der europäischen. Am Ende schließt er: "Dies ist der erste Fall von Verrat in Staatssachen seit Generationen, das erste Mal, dass der Staat mit sich selbst in Widerspruch steht. Drei Dinge erfüllen mich trotzdem mit Hoffnung: die Fähigkeit der Briten, Kompromisse zu schließen; die überwältigende Zahl derer, die eine enge Verbindung zu Europa suchen; und die zwar strapazierte, doch feste Bereitschaft Europas, die alteingefahrene britische Exzentrizität zu tolerieren."

Im Guardian pocht Zoe Williams darauf, dass zwar viele Arme im Norden für den Brexit stimmten, den Ausschlag aber die reichen Rentiers im Süden gaben.

Keine guten Zeiten für die Demokratie sieht momentan der Historiker Andreas Wirsching in der SZ, meint damit aber nicht nur die üblichen Verdächtigen wie die Türkei, Russland und Ungarn, sondern die westlichen Demokratien: "Am dramatischsten ist die Situation derzeit in Frankreich."
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Gesellschaft

Hannes Stein trifft sich für die Welt in Chicago mit der, wie er findet, "originellsten" Ökonomin der USA, Deirdre McCloskey, und erfährt, wie einfach man reich wird: "Erster Akt: Ich (etwa Mark Zuckerberg) denke mir etwas Neues aus und werde stinkreich damit. Zweiter Akt: Ich erlaube, wenn auch zähneknirschend, dass Konkurrenten auftreten und meine Idee für sich ausschlachten. Dritter Akt: Alle profitieren. Und damit der 'bourgeoise Deal' funktioniert, benötigen wir nicht neue Gesetzbücher oder Maschinen, sondern etwas Immaterielles: eine neue Art zu reden. Der 'großen Bereicherung' liegt nichts weiter zugrunde als Rhetorik - eine Rhetorik, die Ehrlichkeit schätzt und jeden achtet, egal, ob er hoch oder niedrig geboren ist."

Die FAZ meldet derweil, dass es Berlin eher nicht so mit dem wirtschaftlichen Erfolg hat: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wäre um 0,2 Prozent höher, wenn man Berlin und seine Einwohner ausklammerte.

Urbanisten versuchen seit Jahren den öffentlichen Raum aufzuwerten, Pokemon Go schafft das in wenigen Wochen, meint Adrian Lobe in der NZZ: "Gewiss, es gibt Kriminelle, die das GPS-Signal von Pokémon Go ausnutzen, um ahnungslose Spieler in einen Hinterhalt locken. Und natürlich ist es pietätlos, Monster auf Gedenkstätten oder Friedhöfen zu sammeln. Hier hört der Spaß auf. Doch die Idee, dass man mit einem Spiel für Mobilgeräte Menschen an weniger belebte Orte lotsen kann, könnte auch für Städteplaner interessant sein. Der Nudging-Gedanke, auf dem das Spiel fußt, wird in der Politik schon seit einiger Zeit diskutiert."
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Politik

In der taz empört sich jetzt auch Klaus Hillenbrand über das Urteil des Naumburger Oberlandesgericht, das den NPD-Mann Hans Püschel trotz krasser Holocaust-Leugnung freigesprochen hat: "Keine Volksverhetzung erkannten die Naumburger Richter weiterhin in Sätzen wie 'Die seit Kindesbeinen gelernten deutschen Verbrechen sind Lügen!' oder 'Auschwitz, Majdanek - wann platzt die nächste Lüge?'"
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Ideen

Die Idee der Reformuniversität, die auf durchlässige Fachbereiche, weniger Hierarchie und mehr Interdisziplinität setzt und eine gewaltige Bildungsexpansion mit sich zog, wird fünfzig. In der Welt begutachtet Marc Reichwein am beispiel der Uni Konstanz, was davon geblieben ist: "Die Universität Konstanz beeindruckt bis heute als Versuch, den Reformgeist auch in bauliche Strukturen zu packen. Anders als beim Betonbrutalismus von Bochum schuf sich der Bildungsfuturismus hier in verspielter, fast schon postmoderner Fasson Räume. So entstand ein integraler Campus, auf dem kein einziges Gebäude dominiert, sondern ein kooperatives Ganzes - ein Gebäudecluster, der im Rückblick wie eine architektonische Vorbedingung des Exzellenzclusters 'Kulturelle Grundlagen von Integration' scheint, mit dem Konstanz in den letzten Jahren zu den Topuniversitäten in Deutschland gehörte."

In der SZ unterhält sich Johan Schloemann mit dem schwedischen Kognitionswissenschaftler Peter Gärdenfors über den Ursprung der Sprache, Gärdenfors hält sie nicht für ein Zeichen der kulturellen Entwicklung, sondern logistisches Mittel der frühen Jäger in der Savanne: "Es bedeutete mehr Ortswechsel, mehr Mobilität und weniger Sicherheit bei der Suche nach Nahrung. Und es bedeutete mehr Fleischkonsum; die Frühmenschen fingen irgendwann an, mit größerem Aufwand und Geschick Tiere zu jagen als die anderen Primaten. Dass diese keine Sprache entwickelten, hat vermutlich mit den unterschiedlichen ökologischen Bedingungen zu tun. Für die Menschen war es wichtig, ja überlebensnotwendig, sich über Dinge zu informieren, die gerade nicht gegenwärtig sind, nicht im Blickfeld. Sie mussten sich über ein künftiges gemeinsames Handeln verständigen."
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