9punkt - Die Debattenrundschau

Ooops, mein Gott

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.07.2016. Dass sich Türkei und Russland wieder annähern, wundert Sonja Margolina gar nicht: Sie opfern ihre Länder gemeinsamen Idealen. Das Blog Hyperallergic erzählt die Geschichte der Fotografin Carol Highsmith, die Getty Images auf eine Milliarde Dollar verklagt, nachdem sie feststellte, dass die Agentur ihre Open-Source-Fotos vermarktet hat. Libération und taz sehen keinen Anlass, Namen und Fotos von Terroristen nicht zu veröffentlichen. Der Guardian fragt sich, woher die neue Welle der Frauenfeindlichkeit in der Politik kommt.

Europa

Das Putin und Erdogan sich nach dem Abschuss eines russischen Jagdfliegers im türkischen Luftraum so schnell versöhnt haben, wundert Sonja Margolina in der NZZ nicht. Zu ähnlich sind sich die beiden Länder inzwischen: "Die Türkei und Russland sind Polizeistaaten; ihre Führer sind bereit, Sicherheit und Wohlstand ihrer Bürger der persönlichen Machtsicherung und ihren geopolitischen Ambitionen zu opfern. Der von Erdogan vorangetriebenen Reislamisierung der Türkei, seiner Abkehr vom kemalistischen Erbe entspricht in Russland eine Abkehr vom Westen und eine Abwendung von der Aufklärung, die von der orthodoxen Kirche wie auch von staatlichen Institutionen betrieben werden. Im alten Konflikt zwischen Westlern und Slawophilen haben orthodoxer Obskurantismus und Unterwerfung die Oberhand gewonnen."

Was die Türkei angeht, zeigt sich Deniz Yücel in der Welt etwas optimistischer. Erdogan, meint er, hat sich im Zweifel bisher immer für den Pragmatismus entschieden. Das deute sich auch jetzt wieder an: "Die leeren Strände von Antalya und die Reaktion ausländischer Investoren können ihm nicht egal sein. Genau darum hat er den Ausgleich mit Israel (und Russland) gesucht und es nach der Völkermordresolution bei markigen Sprüchen belassen. Er kann es sich nicht leisten, sich völlig vom Westen abzuwenden. Aber auch nach Innen braucht er Pragmatismus: Die vielen Stellen im Staatsapparat wird er nicht allein mit Parteigängern nachbesetzen können; vorige Woche wurden einige pensionierte Offiziere reaktiviert, die meisten davon strikte Kemalisten."
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Geschichte

Rolf Stucky veröffentlicht in der NZZ einen Auszug aus Anna Webers Tagebuch über eine Reise von Chur mit der Gotthardbahn nach Lugano 1882.
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Urheberrecht

Wo sich große Fotoagenturen so bedienen, erzählt Carey Dunne in dem Blog Hyperallergic: "Im Dezember erhielt die Fotografin Carol Highsmith einen Brief von Getty Images, der sie der Copyright-Verletzung für die Publikation eines eigenen Fotos auf ihrer eigenen Website bezichtigte. Sie sollte 120 Dollar bezahlen. So erfuhr Highsmith, dass die Fotoagenturen Getty und Alamy auch weitere Drohbriefe an Nutzer ihrer Bilder geschickt hatte, die sie der Library of Congress für kostenlosen öffentlichen Gebrauch gespendet hatte. Nun hat Highsmith eine Eine-Milliarde-Dollar-Entschädigungsklage gegen Alamy und Getty für wegen 'böswilligen Missbrauchs' ihrer Fotos erhoben."
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Medien

Jan Feddersen mokiert sich in der taz über den tugendhaften Beschluss der Zeit und von Le Monde, keine Bilder terroristischer Täter mehr abzudrucken (unser gestriges Resümee): "Welcher der Attentäter der vergangenen Wochen liest Medien wie die Zeit oder Le Monde überhaupt? Glaubt bei diesen Zeitungen jemand, dass ein junger männlicher Erwachsener, der just eine gewisse Amokhaftigkeit oder IS-Affinität in sich aufsteigen fühlt wie eine seltsame Hitze, die Zeit liest und erkennt: Ooops, mein Gott, sie werden mich nicht abbilden, wenn ich nach meiner Selbstverwirklichungstat im Himmel bin - nee, wie doof, dann verzichte ich lieber und senke meine seelische Betriebs­temperatur!?"

In Frankreich polarisiert die Debatte um Abbildungen und Namen von Tätern die Medien. Frantz Durupt und Alexandre Léchenet resümieren sie für Libération und halten fest, dass Libération fortfahren wird sowohl die Namen als auch die Fotos der Täter zu publizieren: 'Wer als Medium die Realität der terroristischen Attentate versteckt, ihre schrecklichen Wirkungen minimiert, setzt sich dem umgekehrten Vorwurf aus: dass man die Gefahr unterschtätzt, die Opfer vernachlässigt...', urteilt Laurent Joffrin, Chefredakteur der Zeitung."

Die "Lügenpresse"-Rufe mögen zwar nicht gerechtfertigt sein, treffen aber auf eine Schwäche, meint der Publizistikprofessor Otfried Jarren in der Carta-Serie über die Lage des Journalismus: "Hinter dieser Kritik, sie ist natürlich erst einmal auch nur punktuell, steckt aber mehr: Das gesamte Medien-, Informations- und Kommunikationssystem ist im Umbruch. Aufgrund dieses Umbruchs werden die Defizite der Massenmedien sichtbarer und weiten sich zu einer institutionellen Herausforderung aus."

Zu den Säuberungen in den türkischen Medien schreibt Yavuz Baydar in der SZ: "Die Massenschließung betrifft all jene Redaktionen und Häuser, die angeblich mit der Gülen-Bewegung in Verbindung stehen, was in den meisten Fällen auch stimmt. Dennoch drängen sich zwei Fragen auf: Warum konzentriert sich die Regierung nicht darauf, die Schuldigen des Putschversuchs dingfest zu machen, sondern setzt alle Energie in ihre Jagd auf Journalisten? "
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Gesellschaft

"Woman-hating has come roaring back, borne on a tide of recession, economic uncertainty and religious extremism", stellt Joan Smith im Guardian fest (Catherine Newmark diagnostizierte es gestern in der Zeit). Smith, die das Phänomen 1989 in ihrem Buch "Misogynies" untersuchte, dachte damals, dass der Hass auf Frauen immer mehr abnehmen werde. Doch weit gefehlt: Versklavung von Frauen in Syrien und Nigeria und der Mord an der britischen Abgeordneten Jo Cox beweisen das Gegenteil. Und auch weit unterhalb dieser Schwelle floriert der Hass auf Frauen: " Hillary Clintons erster Versuch, die Nominierung zu gewinnen, wurde von einer atemberaubenden Schmutzkampagne begleitet. Der republikanische Parteitag setzte noch einen drauf mit Hexenjagdliedern wie 'Lock her up!' Angela Eagles mutige Herausforderung Jeremy Corbyns endete damit, dass mehr Kollegen sich hinter Smith stellten, einen Mann mit weniger Erfahrung. Jeder, der glaubt, Eagles Versuch sei platt gewesen, sollte bedenken, dass sie so viel Schmähanrufe erhielt, dass ihr Team die Telefone abstellen musste."

Obwohl sie sich als Feministin bekennt, kann sich Lou Zucker über das neue Sexualstrafrecht in der taz nicht freuen: "Es war die öffentliche Debatte über die Kölner Silvesternacht, die zu dem Paragrafen 177 in seiner neuen Form geführt hat. Die Vorkommnisse eigneten sich bestens, um sexuelle Gewalt auf die 'Männer mit arabischem Aussehen' auszulagern - und sich so mit der eigenen schuldhaften Verstrickung nicht befassen zu müssen. Nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch das Gesetz selbst lassen vermuten, dass ihm rassistische Vorurteile zugrunde liegen: Die Täter, das sind immer 'die Anderen'."

Ideologien mögen wahnhaft sein, aber Täter, die in ihrem Namen Menschen umbringen müssen nicht krank sein, insistiert Joachim Käppner in der SZ: "Im System aber, in dem sich die Täter bewegen, gilt ihr Verhalten als normal, ja sogar als heldenhaft."
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