Efeu - Die Kulturrundschau

Knurren und Murren

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29.07.2016. In der NZZ outet sich die in Dalmatien geborene Autorin Jagoda Marinić als in der Wolle gefärbte Europäerin. Der Standard betrachtet Raimund Abrahams Haus mit zwei Horizonten. Die SZ reist ins olympiabereite Rio. Die Spex schwärmt beim Hören des Cello-Trios JaKönigJa von der Fülle in Zeiten der Krisen.

Literatur

In der NZZ gibt sich die in Dalmatien geborene Autorin Jagoda Marinić als in der Wolle gefärbte Europäerin zu erkennen. Aber sie erinnert sich auch, wie leicht dieses Gefühl zu erschüttern ist. Es braucht nur einen Soldaten, der einem die Fahrt über eine Brücke verweigert "und dir am Grenzübergang in die Augen sieht, als hätte er einen DNA-Scanner in der Iris, der das Urteil über deine Reise fällt. Es gibt ein Europa der Angst. In meiner Erinnerung sitzt diese Angst an den Grenzübergängen und wartet, bis jemand über den weiteren Weg richtet. Sie begleitete die Reisen meiner Kindheit und Jugend, als wir stundenlang Schlange standen und die Zollbeamten wie Abgesandte aus einem Reich der Willkür wirkten. Die Freiheit der letzten Jahre hatte mich diese Angst fast vergessen lassen. Ein brüderliches Europa. Vertrauen. Freiheit. Freiheit ist ein großes Wort, zu groß für mich, doch ich dachte, es sei nicht zu groß für Europa."

Bommi Baumann ist vor kurzem gestorben. Logbuch Suhrkamp bringt ein altes Interview, in dem sich Detlef Kuhlbrodt mit Baumann über Drogen und den revolutionären Kampf unterhält, das einem die Tränen kommen. "Unser Hausarzt war Junkie", erzählt Baumann. "Der alte Doktor Daumspeck. Ist mir als Kind schon immer aufgefallen. Der war anders wie der Rest. War einfach ruhiger und freundlicher als die ganzen anderen Erwachsenen. Ein hochgebildeter Mann. Der hat in den 70er Jahren Selbstmord gemacht und hat dann wirklich einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem stand: Er nimmt das sein ganzes Leben, und er zieht sich das jetzt nicht rein, in die Illegalität gedrängt zu werden."

Weitere Artikel: Das tell Magazin gibt Lektüretipps für den Sommer. Die FAZ hat Georges Feltens Beitrag über die Pornografie-Vorwürfe, die seinerzeit auf Arno Schmidts "Seelenlandschaft mit Pocahontas" niederprasselten, online nachgereicht.

Besprochen werden unter anderem Emma Clines Debütroman "The Girls" (NZZ), Chico Buarques Roman "Mein deutscher Bruder" (NZZ), Wilhelm Genazinos "Außer uns spricht niemand über uns" (Tagesspiegel), Warlam Schalamows "Wischera" (FR) und Richard Russos "Diese gottverdammten Träume" (SZ).
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Bühne

Für die FAZ hat sich Eleonore Büning aufs Neue Frank Castorfs in diesem Jahr erstmals von Marek Jankowski dirigierte "Rheingold"-Inszenierung in Bayreuth angesehen ("Sieht gut aus. Stört beim Hören."), beziehungsweise angehört: "Wie unerhört beiläufig aber tönt jetzt das Knurren und Murren der Fagotte und Kontrabässe aus dem Nichts herauf, vom Es-Dur-Grunde des Rheines! Und wie eilig haben es die Hörner, wie unfeierlich, in heiterster Bewegung, laufen die Violinenwellen auf und nieder! ... [Doch] dass nach dem zauberhaft-fließenden 'Parsifal'-Dirigat von Hartmut Haenchen, der die Zeit zum Raum werden ließ, nun mit Marek Janowski ein so hochdramatischer "Ring"-Dirigent am Start ist: Das grenzt an Wunder." Mehr dazu im gestrigen Efeu.

Weiteres: Im Tagesspiegel bringt Christiane Peitz Hintergründe zu Wolfgang Wagners privaten Filmaufnahmen Adolf Hitlers, die im Haus Wahnfried aufgetaucht sind. Besprochen werden eine Harry-Potter-Inszenierung in London (NZZ) und eine ziemlich drastische Performance von Florentina Holzinger und Vincent Riebeek beim Impulstanz in Wien (nachtkritik).
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Architektur


Raimund Abraham, Haus mit Vorhängen. foto: sammlung architekturzentrum wien

Eindrucksvoll und manchmal fast unheimlich in seiner Konsequenz findet Wojciech Czaja im Standard das Werk des Osttiroler Architekten Raimund Abraham, dem gerade eine Ausstellung in Schloss Bruck im österreichischen Lienz gewidmet ist: "Neben dem Thema Stiege, das Abraham zeit seines Lebens formal zelebrierte, und dem Bauen in beengten Verhältnissen - sowohl die Hypo-Bank in Lienz als auch das 20-stöckige ACFNY in der 52. Straße in Manhattan mussten in eine Baulücke mit nur 7,50 Meter Breite hineingequetscht werden - widmet sich die intellektuelle, scharfsinnig kuratierte Ausstellung jedoch vor allem dem Nichtgebauten - dem stets 'Latenten', wie Abraham die gedachte Architektur bezeichnete. Zu sehen sind frühe Modelle von Fantasiegebilden, die Abraham mit dramatischen Licht- und Schattenkontrasten fotografierte. Zusammengesetzt bilden das Haus ohne Räume, das Haus mit Blumenwänden, das Haus mit permanentem Schatten, das Haus mit zwei Horizonten und das Haus mit Vorhängen eine fiktive, ja fast Angst einflößende Stadt."

Für eine große SZ-Reportage besucht Boris Herrmann am Vorabend der Olympischen Spiele das zu diesem Zweck gründlich umplanierte Rio de Janeiro. Dem sich munter Leistungen ans eigene Revers heftenden Bürgermeister Eduardo Paes, der bei diesem Eingriff ins Stadtbild federführend war, begegnet er allerdings mit gehöriger Skepsis: "Für die olympischen Traumwelten [mussten] im ganzen Stadtgebiet mehr als 77 000 Menschen ihre Häuser und Hütten verlassen. Einige zogen mehr oder weniger freiwillig in Sozialbauten um, viele wurden zwangsevakuiert. Das spart der Bürgermeister regelmäßig aus, wenn er von seiner Stadtplanung schwärmt." Zugleich bilden diese Umstrukturierungen Rio de Janeiros den Anlass für die SZ, ihre neue Serie mit Videoreportagen im derzeit angesagten 360°-Format zu starten.

Weiteres: Für die taz sichtet Ronald Berg die Entwürfe für den Bau eines Kindermuseums im Auftrag des Jüdischen Museums in Berlin. Bei Domus stellt Manar Moursi den ägyptischen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig vor.
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Archiv: Architektur

Film

Im Guardian ist Phil Hoad sehr traurig: Kein wirklich böser Hollywood-Bösewicht mehr nirgends, egal in welchen Film man geht: "The line between hero and villain is now a hair's breadth: Bond and Bourne are tormented or morally compromised, and Superman, under Zack Snyder's tutelage, commits murder; meanwhile 'Despicable Me' meanie Felonius Gru, not content with adopting three cute orphans, has in real life unleashed the Minions on a planet's worth of besotted children - surely the most grotesque interpretation of world domination imaginable. Perhaps this blurring of the lines is why, with Iron Man and co spending half their time fighting each other, the Marvel Cinematic Universe has such a patchy record in the malefactor department. To quote someone who knows, we now live in the era of the semi-evil, the quasi-evil, the margarine of evil."

Weitere Artikel: So dröge und wenig geglückt findet Annette Walter in der Jungle World Paul Feigs "Ghostbusters"-Remake, dass sie lieber die erhitzten Debatten, die dem Film wegen seines komplett weiblichen Hauptrollen-Casts vorausgingen, zusammenfasst.

Besprochen werden Todd Solondz' "Wiener Dog" (FR, Tagesspiegel, mehr dazu im gestrigen Efeu), Gianfranco Rosis Dokumentarfilm "Seeufer" (FR, unsere Kritik hier), der neue "Tarzan"-Film (FR, unsere Kritik hier), der Schweizer Apokalypsenfilm "Heimatland" (Tagesspiegel), der erste Teil von Miguel Gomes' "1001 Nacht"-Trilogie (FAZ, unsere Kritik hier) und der Animationsfilm "Pets" (SZ).
Archiv: Film

Design

Gut gelaunt berichtet Tazlerin Brigitte Werneburg vom Modenachwuchs-Wettbewerb International Talent Support in Triest. Besprochen wird ein Band über Zürcher Modewelten (NZZ).
Archiv: Design

Musik

Ganz und gar beglückt und bestrickt schwärmt Aram Lintzel in der Spex von "Emanzipation im Wald", dem ersten Album seit acht Jahren des Hamburger Pop- und Cello-Trios JaKönigJa: Deren Musik "appelliert an ein Außen, das ökonomische und ästhetische Sachzwänge hinter sich lässt. Der Wald ist nur eine mögliche Chiffre dafür. Das Album hinterlässt ein beglücktes Staunen darüber, dass so eine Fülle in Zeiten aller möglichen Krisen noch möglich ist. Eigentlich gehört diese Band in die opulenten Studios sogenannter besserer Zeiten. 'Emanzipation im Wald' ist von einer produktiven Nostalgie getrieben, die nicht im Vergangenen verharrt, sondern die Erinnerung ins Offene weitertreibt." Für die taz hat Jan Paersch ausführlich mit der Band gesprochen. ByteFM hat "Emanzipation im Wald" zum Album der Woche gekürt. Und hier gibt es eine Hörprobe:



In der SZ staunt Karl Bruckmaier unterdessen über "Freetown Sound", das neue Album von Blood Orange: Hier wird die "eklektische Methodik eines Prince auf die musikalischen Materialien der Gegenwart angewandt", schwärmt der Popkritiker. Nur die eingängigen Hits fehlen, vielmehr durchziehen das Album wiederkehrende Motive und Fragmente: "Das hier ist eine Oper ... Und bevor ich es vergesse: 'Freetown Sound' ist ungemein politisch. Wer sich in die Vielstimmigkeit eingehört hat, wird mit den Grundproblemen einer Blackness konfrontiert, die man sich im Mainstream eines weißen Europas und eines weißen Nordamerikas nicht vorstellen kann." Weitere hymnische Besprechungen brachten zuvor Pitchfork und der New Yorker.

Weitere Artikel: Zur Jahreshalbzeit kürt The Quietus die bislang 100 besten Alben des Jahres. Außerdem teilt The Quietus eine Liveaufnahme der Krautrocker Faust aus dem letzten Jahr. Reinhard J. Brembeck besucht für die SZ Klassik-Proben von Kindern, die an zerebraler Bewegungsstörung leiden.

Besprochen werden "The Dream Is Over" von Pup (taz), der Auftakt des "A l'Arme"-Festivals im Berghain (taz), das Come-Back-Album von Blink 182 (Welt) und ein Konzert der Pianistin Claire Huangci (FR).
Archiv: Musik

Kunst

Elaine de Kooning, Bullfight, 1959. Denver Art Museum: Vance H. Kirkland Acquisition Fund. © Elaine de Kooning TrustElaine de Kooning, Bullfight, 1959. Denver Art Museum: Vance H. Kirkland Acquisition Fund. © Elaine de Kooning Trust
Anlässlich der großen Ausstellung "Women of Abstract Expressionism" im Denver Art Museum fragt Hrag Vartanian im Podcast von Hyperallergic: Warum wurden so viele Malerinnen aus der Geschichte des Abstrakten Expressionismus weggeschrieben? In Europa immerhin findet derzeit die Abstrakte Expressionistin Alice Neel immer mehr Anerkennung, meldet Claudia Bodin im Art Magazin anlässlich einer tourenden Neel-Ausstellung, die ab 2017 in den Deichtorhallen zu sehen sein wird.

Weiteres: Im Guardian freut sich Mark Brown schon auf die Ziege, die die Tate Modern für ihre große Robert-Rauschenberg-Retrospektive gewinnen konnte. Besprochen wird eine Ausstellung mittelalterlicher illustrierter Manuskripte im Fitzwilliam Museum in Cambridge (Guardian).
Archiv: Kunst