9punkt - Die Debattenrundschau

Wie eine Melone

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.07.2016. Wikileaks steht doppelt in der Kritik: weil es als möglicher Erfüllungsgehilfe russischer Geheimdienste Mails der Demokraten in Amerika leakte - und weil es die Wohnadressen von Millionen türkischer Frauen leakte. Artikel dazu in Vice und der Huffpo. Der New Yorker ist entsetzt über den Fall des Autors Dennis Cooper, dessen Blog von Google ohne Angabe von Gründen abgeschaltet wurde - und womöglich vernichtet ist. SZ und taz  fragen nach der Verwandtschaft von Amok und Terror.

Gesellschaft

Amok oder Terror? Das Neue am IS, schreibt Isolde Charim in der taz, ist, dass er auch psychische Defekte mobilisieren kann. Er "ermöglicht Einzelnen, sich über ihre Defekte, über ihr Versagen, über ihre Verhinderungen mit einem größeren Ganzen kurzzuschließen. Der psychische Defekt ersetzt bei diesen Attentaten eigentlich alles: die politische Motivation, die gefestigte Ideologie, die politische Organisation, das technische, das organisatorische, das physische 'Können'." auch in der SZ fragt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer nach der "Grenze zwischen der Depression und dem Amoklauf".

Außerdem: In der FAZ informiert Gerald Wagner, dass der Migrationsforscher Ruud Koopmans, der muslimische Immigranten für mangelnde Integrationswilligkeit kritisierte, von Studenten am Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Universität gemobbt wird.
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Europa

In der NZZ sieht der in Oxford lehrende Historiker Oliver Zimmer die Brexit-Entscheidung vor allem als Protest gegen die Globalisierung: "Auch Spitzenbeamte der EU begründen ihre Forderung nach einer Vertiefung der Europäischen Union nun vorzugsweise mit den Notwendigkeiten der Globalisierung. In seiner 2012 gehaltenen State of the Union Address bemerkte der damalige Kommissionspräsident Manuel Barroso, die Globalisierung verlange nach mehr 'europäischer Eintracht', wobei Letztere nur auf dem Weg von mehr 'Integration' und mehr 'europäischer Demokratie' zu bewerkstelligen sei."

Von vornherein hat es Tayyip Erdogans Politik darauf angelegt, die Bevölkerung zu spalten, schreibt der Journalist Bülent Mumay in der FAZ: "Das Land wurde wie eine Melone politisch auseinandergeschlagen."
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Internet

Entsetzt ist in der Huffpo die Informatikerin Zeynep Tufekci über einen Wikileaks-Leak mit angeblichen Mails aus dem Erdogan-Apparat, der in Wirklichkeit nach Sichtung gar keine Mails aus dem Erdogan-Kreis zu enthalten scheint. Statt dessen wurden die Daten von Millionen türkischer Frauen geleakt - "private Daten nahezu aller Wählerinnen in 79 von 81 Provinzen, inklusive ihrer Wohnadressen... Wir sprechen von Millionen Frauen, deren Daten ohne einen Aufschrei offengelegt wurden. Ihre Adressen stehen nun für jeden Stalker, jeden Ex-Partner, feindseligen Verwandten oder Verrückten zur Verfügung. Und erinnern wir daran, dass in der Türkei jedes Jahr Hunderte von Frauen ermordet werden, meist von ihren gegenwärtigen oder Ex-Ehemännern, und Tausende von Frauen verlassen ihre Wohnungen und verstecken sich, weil sie Sicherheit suchen."

Thomas Rid geht in Vice den - ziemlich konkreten - Hinweisen nach, dass die von Wikileaks veröffentlichten E-Mails aus der Demokratischen Partei ursprünglich von Russland gehackt worden seien - ein neuer Beleg für die digitale Kriegsführung Russlands. "Diese Taktik und ihr bemerkenswerter Erfolg ändern das Spiel: Dokumente politischer Organisationen abzusaugen, ist eine legitime Form der Geheimdienstarbeit. Amerikanische und europäische Länder tun das auch. Aber sie digital zu extrahieren und dann - möglicherweise vermischt mit manipulierten Dokumenten - als angeblich anarchistischen Hack zu veröffentlichen, überschreitet eine dicke rote Linie und schafft einen gefährlichen Präzedenzfall: ein autoritäres Land, das direkt, wenn auch verdeckt eingreift um eine amerikanische Wahl zu boykottieren."

Nun ist es raus: Google ist Gott. Und wehe, man stellt sich schlecht mit ihm. Jennifer Krasinski schreibt im New Yorker über den Fall des sehr bekannten Bloggers Dennis Cooper, dessen Blog von einem Tag auf den anderen gelöscht wurde und womöglich samt Inhalt von Google in die Tonne getreten wurde (unser Resümee). So sieht das dann aus. Cooper ist bekannt für seine recht expliziten Romane aus dem homosexuellen Milieu, es gab auf seinem Blog spielerisch veränderte Kontaktanzeigen von Escort Boys - aber sonst, laut Cooper, keine anzüglichen Inhalte. Übrigens wurde auch sein Mail-Konto gelöscht. Antwort hat er von Google bisher nicht enthalten. Und Jennifer Krasinski vom New Yorker auch nicht: "Die Unfähigkeit von Google, auf Coopers Problem einzugehen, lässt das Schlimmste befürchten. Als ich die Pressestelle der Firma um ein Statement bat, kam eine eine dreist abweisende Antwort: 'Was Ihre Anfrage betrifft, so ist uns dieses Thema bekannt. Wir sind nicht in der Lage über die Konten bestimmter Nutzernzu kommunizieren. Danke, das Google Press Team."
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Urheberrecht

Viele Museen verbieten das Fotografieren, auch ohne Blitz. Die Begründungen hierfür sind oft weit hergeholt, erlärt der Anwalt Florian Schmidt-Gabain im Gespräch mit Julia Voss von der FAZ. Oft liege es daran, das Leihgeber das Fotografieren verbieten wollen. "Zudem hat ein Museum natürlich immer aus seinem eigenen 'Hausrecht' die Möglichkeit, das Fotografieren zu verbieten. Davon möchte ich den Museen aber abraten. Gerade für junge Leute gehört das Fotografieren im Museum heute einfach dazu. Und junge Besucher benötigen die Museen dringend."
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Überwachung

Jetzt online: Constanze Kurz' FAZ-Kolumne über Theresa May, die sich zunächst als Innenministerin einen Namen machte: "Sie verbrachte fast ihr ganzes letztes Jahr als Innenministerin damit, ein Gesetz durchs Parlament zu drücken, das britische Bürgerrechtler auf die Barrikaden treibt: die Investigatory Powers Bill. Das auch 'Snooper's Charter' genannte Vorhaben soll den staatlichen Zugang zu digitalen Geräten und zu elektronischer Kommunikation legitimieren. Die Surfdaten der Briten sollen anlasslos ein ganzes Jahr lang festgehalten werden."
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Medien

Zeit online-Chef Jochen Wegner erklärt in einem längeren Essay die Schwierigkeiten der Onlinemedien in akuter Krisenberichterstattung, sogenannten "Lagen", und warum es unmöglich ist, auf diese Art der Berichterstattung zu verzichten: "Wir können nicht schweigen, während die Zugriffe auf alle Nachrichtenwebsites sprunghaft ansteigen, weil Leser dort nach valideren Informationen suchen - nur, weil auch wir diese Informationen noch nicht besitzen. Das wäre bigott. Die Möglichkeit, sofort berichten zu können, schließt die Verpflichtung ein, es zu tun. " Die Lösung: das "Wawiwi", also der Artikel der nach Prüfung und Gegenprüfung aufzählt, "was wir wissen".

In der SZ schreibt der türkische Journalist Yavuz Baydar über die 42 Kollegen, die nun in der Türkei per Haftbefehl gesucht werden: "Es ist an der Zeit, dass wir einen Notruf an all unsere Kollegen in demokratischen Ländern richten. Solange es keine Zusagen hinsichtlich der Pressefreiheit gibt, wird dieser Generalangriff auf die Medien andauern."

Spätestens seit der "Rundfunkbeitrag" eingeführt wurde, sind die öffentlich-rechtlichen Sender - etwa in der Frage der "Experten"-Honorare - zu mehr Offenheit verpflichtet, findet Joachim Huber im Tagesspiegel: "Seit 2013 muss ganz Deutschland den öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanzieren, mehr als 8,1 Milliarden Euro fließen jährlich auf die Senderkonten. ARD und ZDF gehen davon aus, dass dieses Privileg mit der Produktion und Ausstrahlung von Programm abgegolten ist. Eine Ignoranz, weil der entscheidende dritte Faktor fehlt: Transparenz. Der Begriff ist den Öffentlich-Rechtlichen nicht unbekannt. In Legionen von Kommentaren werden Politik und Wirtschaft, Verwaltung und Bürger aufgefordert, sich ehrlich zu machen. Macht ihr mal, wir machen nicht mit. Ignoranz steigert sich zur Arroganz."
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