Efeu - Die Kulturrundschau

Hier klatscht und stampft die Freude

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26.07.2016. Rameaus Tanzoper "Les Indes galantes" findet in den Feuilletons geteilten Beifall: Die Musik swingt, aber Sidi Larbi Cherkaouis Münchner Inszenierung ist den Kritikern von Welt und FAZ zu graumäusig. Die SZ allerdings ist begeistert von der Aktualität des Stücks. Die Spex erlebt Bierzeltstimmung mit den Pet Shop Boys im Royal Opera House. In der Welt weigert sich Andrej Kurkow, den Terror zu verstehen. Kino-Zeit untersucht den Einfluss Chinas auf den Blockbuster.

Bühne

Die Staatsoper München hat sich - wohl erstmals in ihrer Geschichte - an eine Barockoper gewagt, Rameaus Tanzoper "Les Indes galantes", seinerzeit ein echter Straßenfeger. Das geht zunächst mal phantastisch gut, lobt Manuel Brug in der Welt. Dirigent Ivor Bolton, Musiker und Sängerensemble "sind eine einzige Vokalfreude. Das swingt fast, ist elegant, abwechslungsreich und feinsinnig." Leider zieht Regisseur Sidi Larbi Cherkaoui das ganze dann schnell ins "Graumäusige", bedauert der Rezensent. "Cherkaoui will sich auf kein leichtgewichtig buntes Sangessoufflé einlassen, die musiktheatralische Hofunterhaltung des Ancien Régime hat gefälligst alles Leid unserer Welt zu schultern." Eleonore Büning sieht das in der FAZ ähnlich: "Ja, es ist eine Lust, den Tänzern zuzuschauen und den Sängern zuzuhören", doch trotz vieler hervorragender Einzelleistungen füge sich der Abend "nicht zum Gesamtkunstwerk (...), sondern nur zu einem dauerlärmenden, dauerlahmenden Lehrstück."

Aber ganz im Gegenteil, meint ein restlos begeisterter Reinhold J. Brembeck in der SZ, "das Ergebnis ist eine der besten Münchner Barockopernproduktion seit den Neunzigerjahren." Hinter den fantastischen Leistungen auf der Bühne verberge sich zudem ein Kommentar zur Lage Europas, so der Kritiker: "Cherkaoui verklammert den Prolog und die Liebesepisoden zu einem Panoptikum heutiger europäischer Befindlichkeiten. Das lässt sich zwar kaum aus dem Libretto ableiten, es passt aber zu Rameaus Musik, die sehr viel verzweifelter, melancholischer und intellektueller daherkommt, als es die harmlosen Episoden erfordern. Viebrocks anfangs als Schule ausstaffierter Raum ist für Cherkaoui das Bollwerk, in dem sich die Europäer derzeit verschanzen. Doch keiner widersteht, als die Kriegsgöttin (...) die Jugend zum Metzeln in ferne Länder ruft."

Der eine schläft in Bayreuth taktisch phasenweise, dem anderen schwinden schlicht die Kräfte und auf der Bühne wird dazu passend in einem fort erwacht: Für ZeitOnline hat sich Adrian Daub umgehört, was das Entschlummern auf dem Grünen Hügel betrifft. Sein Ergebnis unter anderem: "Viele berichten von wohligen Dämmerzuständen, in denen die Bühnenhandlung in immer diffusere Sinneseindrücke zerschmilzt. Wie dürfte das Schopenhauer gefreut haben: Schritt für Schritt zerfließt die Welt der Vorstellung und tastet sich zum Willen zurück, und sei es nur der Wille zum Schnarch."

Dazu passend berichten Ulrich Amling und Christiane Peitz im Tagesspiegel aus der ersten Pause der gestrigen Premiere der neuen "Parsifal"-Inszenierung vom Geschehen bis dahin auf der Bühne, aber auch - da die Aufführung erstmals live im Internet und in zahlreiche Kinosäle übertragen wurde - in den sozialen Medien.
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Kunst

Irmgard Bernrieder hat für die NZZ im Kurhaus Kleve Joseph Beuys' aus Holz und Eisen hergestelltes Kriegerdenkmal für die Gefallenen von Büderich besucht, das gerade frisch renoviert wurde. Ob die Renovierung im Sinne des Künstlers war, der sogar auf Holzschutzmittel verzichtet hatte? "'Die Zeit teilt sich den Dingen mit', zitiert Ernst Althoff Hans Schwippert, seinen Lehrer an der KA Düsseldorf, und berichtet von Gesprächen mit seinem Freund Beuys, in denen über den Verfall der gestalteten Welt diskutiert wurde. 'Er hat das allmähliche Vergehen des Naturmaterials mitgedacht und akzeptiert', erläutert Althoff."

Weiteres: Im Tagesspiegel gratulieren Nicole Büsig und Heiko Klaas dem New Yorker Museum PS1 zum 40-jährigen Bestehen.

Besprochen werden Bernie Krauses Klanginstallation "Das große Tierkonzert" in der Fondation Cartier in Paris (taz), Ausstellung "Kunst/Natur - Künstlerische Interventionen" im Museum für Naturkunde in Berlin (taz) und die Schau "Gegenstimmen: Kunst in der DDR 1976-1989" im Martin-Gropius-Bau in Berlin (Art, SZ).
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Literatur

Angst und Terror vergiftet die Luft überall, klagt in der Welt der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow: "Der Terror wird nach und nach Gegenstand der Wissenschaft. Man kann ihn einteilen in spontanen und organisierten, in gezielten und 'blinden', in 'punktuellen' und Massenterror. Aber ich will ihn nicht verstehen, ich will nicht automatisch bestimmen müssen, zu welcher Kategorie diese Explosion, jener Mord oder die Schießerei in München gehört! Ich will, dass er verschwindet und dass die Menschheit nicht irgendwohin 'vorwärts' strebt, sondern zurückkehrt zu Stabilität und Ruhe."

Romane werden immer dicker, aber das muss wohl so sein in der Moderne, meint in der NZZ Manfred Schneider. "Die Buchstabenmeere der langen Romane bieten keineswegs Ersatz für die Ungewissheit, sie flüstern uns keine Geheimnisse zu, sondern sie geben uns die Gewalt und Leere der Zeit zu spüren. Einst hat die Literatur die Welt vernünftig geordnet, Gut und Böse geschieden und im Genuss des Schönen die Hoffnung auf eine bessere Welt genährt. Unsere literarische Hypermoderne hingegen setzt uns mit ihrem endlosen Erzählen allein der Erfahrung der Zeit aus. Alle Autoren, die wie Proust nur noch die Obsession des Schreibens ausleben und mit dem Ende des Romans ihr eigenes Leben ausgeleert haben, spüren die Zeit."

Besprochen werden Andrzej Stasiuks Reise-Meditation "Der Osten" (NZZ), Clarice Lispectors Roman "Der große Augenblick" (NZZ), der Comic "Fräulein Rühr-mich-nicht-an" des Künstlerduos Hubert/Kerascoët (taz), Saša Stanišićs "Fallensteller" (NZZ, Intellectures), der zweite Teil der Boris-Pasternak-Werkausgabe (FR), Colum McCanns Erzählung "Verschwunden" (FR), Dieter Henrichs "Sein oder Nichts - Erkundungen um Samuel Beckett und Hölderlin" (FR), Kerry Howleys "Geworfen" (ZeitOnline),Hans Platzgumers "Am Rand" (Tagesspiegel) und Johannes Zechners "Der deutsche Wald" (Tagesspiegel). Mehr auf Lit21, unserem literarischen Metablog.
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Film

Auf kino-zeit.de schreibt Lucas Barwenczik darüber, wie China als neuer, wirtschaftlich wichtiger Markt den Blockbuster mitbestimmt: "Welche Filme grünes Licht bekommen, hängt längst auch von chinesischen Präferenzen ab" und auch formal könnten sich Hollywood-Großproduktionen ändern: "Die amerikanischen Blockbuster der Zukunft werden zwangsläufig internationaler, diverser und universeller sein. Weil Sprache in all ihren Nuancen eine kulturelle Barriere darstellt, werden wir die Ansätze einer Renaissance von Bewegung und Gesten sehen, eine Art Rückbesinnung auf die Kommunikationsmittel der Stummfilmzeit unter neuen technischen Voraussetzungen; eine graduelle Umkehrung der babylonischen Sprachverwirrung des Tonfilms. Visuelle und schauspielerische Ansätze, die in der Regel nicht mit den Sehgewohnheiten des durchschnittlichen westlichen Zuschauers vereinbar sind, werden präsenter sein als nie zuvor."

Besprochen werden Mor Loushys Dokumentarfilm "Censored Voices" (taz) und der neue "Tarzan"-Blockbuster mit Alexander Skarsgård (Tagesspiegel).
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Musik

Im Royal Opera House in London haben die Pet Shop Boys an vier Abenden eine Show mit ihren Greatest Hits absolviert. Sonderlich aristokratisch oder bürgerlich nobel fiel die Veranstaltung allerdings nicht aus, wie Arno Raffeiner in der Spex entgeistert feststellt: "Das Publikum lässt sich vom High-Tech-Bühnenbild und vom edlen Rahmen nicht groß ablenken und macht von Anfang an auf Bierzeltstimmung. Im Sinne eines innereuropäischen Kulturaustauschs ist es schön, zu sehen, dass die international eigentlich als German clap verschriene Praxis, treuherzig auf jeden Metrumschlag mitzuklatschen, sich in der britischen Hauptstadt größter Beliebtheit erfreut. Abgesehen von kurzen Unterbrechungen ist das Publikum vom Clappen überhaupt nicht mehr abzubringen. Es ist schnell klar: Hier klatscht und stampft die Freude am Gewesenen. Hier klopft nicht das Schicksal, sondern die Vergangenheit."

Weiteres: In der NZZ schreibt Christian Noe über Brian Enos neues Album "The Ship" und das Ambient-Genre. Besprochen werden das unter dem Pseudonym Jackie Lynn veröffentlichte neue Album der Songwriterin Haley Fohr (SZ) und Metronomys "Summer 08" (online nachgereicht von der FAZ).
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Stichwörter: Pet Shop Boys, Ambient