9punkt - Die Debattenrundschau

Die unbewaffnete Mehrheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2016. Amokläufer bereiten sich in der Regel lange auf ihre Taten vor.  Ein sensibles Umfeld kann sie verhindern helfen, sagt der Psychologe Jörg Fegert in der taz. Die SZ spricht mit dem Soziologen Klaus Hurrelmann, der die psychischen Probleme der Täter für ausschlaggebender hält als ihre Lebensumstände. Die amerikanischen Medien fragen sich, wie groß der Einfluss Wladimir Putins auf Donald Trump ist - ziemlich groß, so scheint es.  In der FAZ beschreibt Can Dündar den Streit zwischen Tayyip Erdogan und Fethullah Gülen als Scheidungskrieg zweier Partner, die sich einst gemeinsam bereicherten.

Gesellschaft

"Amokläufe sind extrem seltene Ereignisse", sagt der Psychiater Jörg Fegert im Gespräch mit Patrick Guyton von der taz, "eine Zunahme in jüngster Zeit kann ich nicht feststellen, es wird aber wohl viel mehr darüber berichtet." Da die Taten oft lange vorbereitet werden, kann ein sensibles Umfeld eine Rolle spielen, ergänzt er: "Ganz wichtig ist, dass das Umfeld genau auf alles hört. Auf Aussagen, Andeutungen oder Fantasien. Ganz charakteristisch ist, dass sich solche Täter sozial isolieren und in ihre Welt abdriften. Man sollte das Gespräch suchen, sollte Lehrer und Schulpsychologen ansprechen, zu Beratungsstellen gehen, zu Kinder- und Jugendpsychiatern."

Buchautor und Filmemacher Roman Grafe von der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen" fühlt sich durch den Münchner Amoklauf in der FAZ einmal mehr bestätigt: "Das Lebensrecht der unbewaffneten Mehrheit in Deutschland überwiegt bei menschenrechtsfreundlicher Auslegung der Gesetze selbstverständlich die Freiheitsrechte von Legalwaffen-Besitzern, die in kollektivem Egoismus auf ihr zuweilen tödlich ausgehendes Privileg privater Waffen pochen, statt endlich darauf zu verzichten."

Der Täter von München hat sich offenbar systematisch mit dem Thema Amoklauf befasst. Unter anderem hat er das Buch "Amok im Kopf" des amerikanischen Psychologen Peter Langman geselsen, dessen deutsches Vorwort der Soziologe Klaus Hurrelmann geschrieben hat. Mit ihm unterhält sich Alex Rühle für die SZ: "Ich als Soziologe hatte bis dahin geglaubt, dass Umweltbelastungen - gestörte Familienverhältnisse, schulische Belastungen, Konflikte mit Freunden und so weiter - das Entscheidende sind. Langman zeigt: Das sind wichtige Faktoren, sie führen aber nur bei einer gestörten Persönlichkeit dazu, dass die jungen Männer in eine andere Welt abdriften. Eine gesunde Person kann oft die schwersten Konflikte irgendwie abfedern. Und dann muss jeweils noch der dritte Faktor gegeben sein: Der Täter muss Zugang zu einer Waffe haben."

Homosexuelle wurden im Maghreb eigentlich immer geduldet - solange sie nicht auffielen. Doch selbst mit dieser halben Toleranz ist es inzwischen vorbei, berichtet Beat Stauffer in der NZZ nach dem Selbstmordversuch eines homosexuellen tunesischen Aktivisten. So wurden 2015 sechs Studenten wegen homosexueller Handlungen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. "Dass solches Vorgehen gegen Homosexuelle aber beileibe kein bloß verfassungsrechtliches Problem ist, zeigte im Frühling dieses Jahres die Predigt eines Imams der südtunesischen Stadt Sfax, der offen dazu aufrief, der 'Sodomie' überführte Männer mit dem Tod zu bestrafen. Dabei empfahl er, die Sünder von der Dachterrasse eines mehrstöckigen Hauses zu stoßen und anschließend zu steinigen. Der betreffende Imam ist weiterhin im Amt."
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Politik

Am Freitag wurden über Wikileaks E-Mails der Demokratischen Partei geleakt, die den Republikanern um Donald Trump im Wahlkampf nutzen. David E. Anger und Nicole Perlroth berichten in der New York Times, dass wohl russische Geheimdienste, die an einem Wahlsieg Trumps interessiert sind, hinter dieser Aktion stehen: "Metadaten in den E-Mails zeigen, dass die Dokumente durch russische Computer gelaufen sind. Obwohl ein Hacker sich bekannte, die E-Mails an Wikileaks gegeben zu haben, bleiben die Geheimdienste die Hauptverdächtigen. Ob der Diebstahl von Putin befohlen oder nur von Apparatschiks begangen wurde, die ihm gefallen wollten, kann jeder selbst raten."

In Talkingpointsmemo listet Josh Marhall Hinweise für eine enge wirtschaftliche Verbindung zwischen Trump und russischen Investoren auf.
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Geschichte

Das polnische Parlament hat die von ukrainischen Nationalisten begangenen Massaker in Wol­hynien im Jahr 1943 als Genozid bezeichnet und den 11. Juli zum Gedenktag erklärt, schreibt Bernhard Clasen in der taz. Bei dem Massaker im Nordwesten der heutigen Urkaine wurden hunderttausend Menschen umbebracht. Seit der Erklärung des polnischen Parlaments herrsche ein eisiger Ton zwischen den beiden Ländern. "Zahlreiche ukrainische Politiker waren in den letzten Monaten in dem sich zuspitzenden Konflikt mit dem polnischen Nachbarn um Ausgleich bemüht. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko legte bei seinem Besuch in Polen am 8. Juli mit einem gebeugten Knie vor einem Denkmal für die Opfer der Massaker in Wolhynien Blumen nieder. " Zugleich aber würden die die ukrainischen Nationalisten bis heute weiter verehrt.
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Europa

Ungut klingt, was Peter Geoghegan in politico.eu über die Lage in Nordirland nach dem Brexit sagt: "Die Democratic Unionist Party, einst der eingeschworene Feind von Sinn Fein, ist heute der Koalitionspartner im nordirischen Parlament und stark für Brexit. Premierministerin Arlene Foster hat gesagt, dass Nordirland dem Vereinigten Königreich beim Brexit folgen müsse. Aber ihre Position ist bei vielen innerhalb und außerhalb der Assembly unpopulär. Zwei Drittel stimmten für Remain und die Sorgen über die Folgen eines EU-Austritts steigen."

Der türkische Journalist Can Dündar beschreibt den Streit zwischen Tayyip Erdogan und Fethullah Gülen als Scheidungskrieg zwischen zwei Partnern, die einst gemeinsam die Institutionen eroberten: "Die Hauptgefahr für profitorientierte Ehen besteht im Anwachsen des Kapitals. Denn damit setzen Verteilungsschlachten ein. So geschah es auch in der Verbindung von Erdogan und Gülen. Bei der Übernahme des Staats war die Beute so ungeheuer groß, dass Streit über die Verteilung ausbrach. Wer sollte welche Ausschreibung erhalten, wer welches Ministerium leiten, wer bei Entscheidungen zu kritischen Themen das letzte Wort haben?"
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