Efeu - Die Kulturrundschau

Wie das pumpt und pocht und kracht und knallt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2016. Bayreuth braucht einen neuen geistigen Überbau, fordert die Welt. Derweil grübelt "Parsifal"-Dirigent Hartmut Haenchenin der SZ über Punkt und Keil bei Wagner. Im Herald & Post gibt Alan Moore Auskunft über seinen 1.200 Seiten langen neuen Comic "Jerusalem". Kunstbetrachter wollen keine Bespaßung, sondern geistige Tiefe, knurrt das Art Magazin in Richtung einiger Museen. In Fact erklärt der Komponist Cliff Martinez, warum er Soundtracks für Horrorfilme liebt: Nur da kann man Stockhausen, Penderecki oder Ligeti zitieren.

Bühne

In der Welt macht Manuel Brug schon Pläne für Bayreuth nach Katharina Wagner, der er vorwirft, keinerlei Vorstellung vom großen Ganzen zu haben: "Die künstlerischen Perspektiven sind nicht schlecht. Aber das reicht eben nicht. Und deshalb findet mangels Diskursmasse jedes Jahr in schöner Regelmäßigkeit wieder dieses langsam alberne, aber medial kräftig angeheizte Nibelungen-Sommertheater statt. Katharina Wagner muss endlich auch dafür sorgen, dass sich die Komposition einer Festspielsaison nicht auf simples Namedropping beschränkt. Diese Festspiele brauchen unbedingt wieder einen geistigen Überbau. Früher haben Theodor Adorno, Ernst Bloch oder Hans Mayer sie als Wagner-Manifestation auch ideengeschichtlich eingeordnet."

In der SZ erkundigt sich Egbert Tholl beim kurzfristig eingesprungenen "Parsifal"-Dirigenten Hartmut Haenchen über den Stand der Dinge bei den Proben auf dem Grünen Hügel. Beim Abgleich mit seinem Notenmaterial kamen Haenchen mitunter Ungereimtheiten der bisherigen Bayreuther Spielpraxis unter die Augen, sagt er. In Bayreuth spiele man noch nach alten, nicht abgeglichenen Vorlagen, was sich auch in der Artikulation bemerkbar mache: "Der alte Druck [macht] keinen Unterschied zwischen Punkt und Keil. Bei Wagner ist es aber entscheidend, ob ich ein leichtes Stakkato spiele oder ein akzentuiertes. Oder das Fortepiano. Wird traditionell als Akzent gespielt. Aber will Wagner einen Akzent haben, dann schreibt er sforzato piano. ... Und dann kommt man zu den Tempofragen. Toscanini etwa hielt 'gehalten' für eine Tempobezeichnung. Es ist aber eine Artikulationsbezeichnung, es soll lang, aber nicht langsam gespielt werden."

Weiteres: Joseph Hanimann (SZ) und Eberhard Spreng (Tagesspiegel) ziehen Bilanz nach dem Theaterfestival von Avignon. Im Tagesspiegel porträtiert Udo Badelt die US-amerikanische Tanztheaterkompanie Pilobolus.

Besprochen werden Rico Dietzmeyers Inszenierung von Voltairs "Candide oder Die letzte aller möglichen Welten" an den Cammerspielen Leipzig (nachtkritik) und Birgit Lahanns Biografie über den Dramatiker Rolf Hochhuth (Zeit).
Archiv: Bühne

Literatur

In Northamptons Lokalzeitung Herald & Post steht Comic-Großmeister Alan Moore Rede und Antwort zu seinem wahrscheinlich ambitioniertestem Werk bis dahin, dem demnächst erscheinenden Roman "Jerusalem", der auf über 1200 postmodern ausufernden Seiten die Geschichte des Viertels in Northampton erzählt, wo er aufgewachsen ist: "If people do talk about what we fondly call the working class then there seems to be a choice of two registers in which they talk about it: they either deplore it for its vulgarity and yes I'm looking at you Martin Amis, and they produce a spiteful parodies of the way that they perceive working class people living, behaving and thinking. The other mode is to pity these poor victims. Nobody sees themselves like that. Everybody sees themselves as the hero in their own story."

Die FAZ dokumentiert Stefan Weidners Rede zur Eröffnung der Schweinfurter Ausstellung über den Übersetzer Friedrich Rückert, der zahlreiche Werke aus dem islamisch geprägten Kulturraum übersetzt hat: "Rückerts poetische Flucht in den Orient findet heute aber eine verblüffende strukturelle Entsprechung in der realen Flucht vieler arabischer Dichter und Denker und anderer Menschen aus der arabischen und der islamischen Welt in den Westen. Ähnlich wie der Orient für Rückert eine Projektionsfläche und imaginär war, ist heute für viele Araber und Muslime der Westen, besonders das in so hohem Ansehen stehende Deutschland, eine Projektionsfläche, ein Hoffnungsort, etwas Imaginäres, was leider oft zur Folge hat, dass der spätere Aufprall in der Wirklichkeit umso bitterer ist."

Weiteres: Im Guardian erfahren wir von Alison Flood, wie die Drogenliteratur von William S. Burroughs die Parkinson-Forschung beeinflusst hat. Die FAZ hat Jan Wieles Gespräch mit Clemens J. Setz online nachgereicht (hier unser Resümee, dort Setz' Twitter-Reaktion darauf). Gegenüber Tazler Thomas Gerlach beklagt sich der Lyriker und Herausgeber Benedik Dyrlich, dass der Betrieb von der hiesigen sorbischen Literatur kaum Notiz nehme. Für den Tagesspiegel sucht Gerrit Bartels die Stelle am Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal auf, an der sich der Schriftsteller Wolfgang Herrnsdorf 2013 das Leben genommen hatte. In der Zeit stellt Gabriel Kords fünf Künstler vor, die seinerzeit aus dem Westen in die DDR gegangen sind, darunter die Schriftsteller Stefan Heym und Ronald M. Schernikau.

Besprochen werden Wolfgang Bauers "Die geraubten Mädchen" (taz), Birgit Weyhes Comic "Madgermanes"(NZZ, Jungle World),Donald Ray Pollocks "Die himmlische Tafel" (Tagesspiegel), Ilja Ehrenburgs wiederaufgelegter Roman "Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz" (FAZ), Saša Stanišićs Erzählungsband "Fallensteller" (FAZ), Emma Clines Debüt "The Girls" (SZ) und neue Hörbücher, darunter Helmut Qualtingers Lesung von Jaroslav Haseks "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gisela Trahms über Karoline von Günderodes "Die eine Klage":

"Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
..."
Archiv: Literatur

Kunst

Museumsbesucher werden heutzutage unterschätzt, meint die Kulturwissenschaftlerin Larissa Kikol im Art Magazin mit kritischem Blick auf einige fragwürdige Bespaßungsprogramme deutscher Museen. Verloren gehe dabei "gerade das, worin ein Kunstmuseum einen Twitteraccount oder ein Handyspiel bei weitem überbieten könnte: Die sinnliche und geistige Erfahrungstiefe einer Heterotopie. Also das reale Erleben eines 'Gegen-Ortes', in dem 'die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind', 'Orte außerhalb aller Orte', wie Foucault sie nannte. Nicht die Kunst muss in die genormte Welt, und da zählen die sozialen Medien schon längst dazu, vielmehr sollten die Besucher von eben dort ausbrechen und - zumindest temporär - in eine ganz andere eintauchen können."


Die Regenschirme, La Coruna, 1892, gezeichnet vom 11-jährigen Pablo Picasso. Museu Picasso, Barcelona

Besprochen werden die Ausstellung "Picasso vor Picasso" mit frühen Zeichnungen des Künstlers im Louisiana Museum in Kopenhagen (Art), Sebastião Salgados Fotoband "Exodus" (online nachgereicht von der FR), die Ausstellung "Mila Teshaieva: Die Insel und Jochen Hein - Über die Tiefe" im Museum Kunst der Westküste auf Föhr (online nachgereicht von der FAZ), die Ausstellung "Welten bauen - Modelle zum Entwerfen, Sammeln, Nachdenken" im Zürcher Museum für Gestaltung (NZZ), die Geta Brătescu gewidmete Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle (Tagesspiegel) und Christoph Brechs Installation "Überleben" im Bayerischen Nationalmuseum in München (FAZ).
Anzeige
Archiv: Kunst

Film

In Berlin ist derzeit Wolfgang Georgsdorfs Duftorgel Smeller zu sehen, die unter anderem ein olfaktorisch umfassendes Kinoerlebnis gestatten soll. Für ZeitOnline hat sich Rabea Weihser eine vom Smeller gestützte Vorstellung von Edgar Reitz' "Die andere Heimat" angesehen. Allen Zweifeln zum Trotz: "Nach wenigen Minuten ist klar: Es funktioniert! Wir sehen eine alte Mähre übers Kopfsteinpflaster trotten, und wir riechen sie. Wir sehen im nächsten Augenblick, wie das Schmiedefeuer raucht, und wir riechen es. Das Stroh, der Schweinestall, das Holz, den Wald, die Pilze, den Acker, die Kartoffeln, das Brackwasser, das Aas, das Leder, den Wein, die Zwiebeln, das Brot, den Käse und die ungewaschenen Menschen." Bleibt die Frage, ob man auf solch rustikale Dünste im Kino tatsächlich Wert legt.

In der Kolumnenreihe 10 nach 8 auf ZeitOnline kritisiert Anja Kümmel die Darstellung von Trans*Menschen im Film durch heterosexuelle Männer. Da die entsprechenden Filme meist von nicht-transsexuellen Menschen "erdacht, geplant und realisiert werden", neigten sie dazu, "gängige Stereotype zu reproduzieren. Was nicht heißen soll, dass die Intentionen nicht durchaus wohlmeinend waren. Die Ergebnisse jedoch dienen letztlich eher dazu, Cis-männlichen Schauspielern Preise und Nominierungen einzubringen, als einen differenzierten Blick auf die Vielfalt an Lebensentwürfen und Selbstverortungen von Trans*Menschen zu werfen."

Besprochen wird Mor Loushys Dokumentarfilm "Censored Voices" über den Sechstagekrieg (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Mit seinem derben "Höher, schneller, Weiter"-Techno weit weniger smart als die anderen legendären Berliner Techno-Clubs der Neunziger, ist der Tresor heute längst sein eigener Mythos geworden - schon alleine, weil er als einziger Club von damals heute noch existiert. Anlässlich der viertägigen Sause zum 25-jährigen Bestehen hat sich auch Tilman Baumgärtel von der Berliner Zeitung dazu entschlossen, seine "alten Knochen zu vorgerückter Stunde in die Köpenicker Straße zu schleppen, um nochmal wie ein Rave-Gespenst durch die Katakomben zu spuken. ... Drinnen ist es so schrabbelig wie eh und je. Eigentlich hat sich hier gar nichts geändert. Aber so wie das pumpt und pocht und kracht und knallt, hat es schon seine Richtigkeit. Ein Grund, warum das nicht noch mal ein Vierteljahrhundert so weitergehen soll, fällt einem gerade nicht ein."

Bereits ein paar Tage alt, aber nicht uninteressant: Für Fact unterhält sich Miles Bowe mit dem Soundtrackkomponisten Cliff Martinez, der viel mit Steven Soderbergh und jüngst auch Nicolas Winding Refn zusammenarbeitet. Unter anderem geht es darum, was der Künstler an Horror-Scores so faszinierend findet: "Sie passen gut zur Beschäftigung der Musik des 21. Jahrhunderts mit Klang an sich. In der Romantik und im 20. Jahrhundert erkundete man die Harmonie. Heute erkunden die Leute nur noch den Klang als solchen, da alles digital vorliegt und dadurch auf völlig neue Weise bearbeitet werden kann. Mit die abenteuerlustigste, sounddesigner-artigste Musik, die mir heute unterkommt, stammt aus horror-artigen Soundtracks. Auch klingt Horror mehr wie die moderne sinfonische Musik des 20. Jahrhunderts - unter den Soundstracks ist es das einzige Genre, das Stockhausen, Penderecki oder Ligeti referenziert. Für romantische Komödien oder andere Sachen gibt dieses Material wenig her, aber in Horrorfilmen hat es ein Zuhause gefunden."

Weitere Artikel: Für die SZ liest Michael Stallknecht eine Studie über das Musikempfinden indigener Kulturen, die mit westlich geprägter Musik bislang wenig in Berührung gekommen sind und etwa zu einer anderen Einschätzung von Dissonanzen gelangen: "Wer von der 'Weltsprache Musik' spricht, sollte also wissen, dass er damit unter Umständen einen verkappten Kulturimperialismus verfolgt." Vom Auftakt der Salzburger Festspiele mit Haydns "Schöpfung", dirigiert von Yannick Nézet-Séguin, berichten Michael Stallknecht in der NZZ und Harald Eggebrecht in der SZ. Für die Zeit besucht Andrea-Hanna Hünniger den Tenor Björn Casapietra. In der FAZ jubelt Jürgen Kesting über die Qualität der Konzerte beim Schleswig-Holstein Musik Festival, das dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiern konnte.

Besprochen werden ein Fotoband über den Club Molotow auf St. Pauli (taz) und Metronomys neues Album "Summer 08" (FAZler Alexander Müller verspricht "zehn funkelnde, quirlige bis schwerblütige Songs").
Archiv: Musik