Efeu - Die Kulturrundschau

Großer, pulsierender Organismus

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13.05.2016. Die Filmkritiker sahen in Cannes ein erstes Highlight: Christi Puius Film "Sieranevada" über eine trauernde Großfamilie in Rumänien. Das Art Magazin sucht die Zukunft auf der Sidney Biennale. In der NZZ erklärt Jonas Kaufmann die Vorzüge Kirill Petrenkos als Operndirigent. Die NZZ tanzt zu Shabaka Hutchings Groove Jazz. Die taz fällt mit Konono No1 in Trance. Die FAZ denkt anlässlich einer Ausstellung von Kader Attia über Versöhnung und Reperatur nach.

Film






Nach der gestrigen offiziellen Festivaleröffnung kommt nun auch der Wettbewerb von Cannes in die Gänge. In "Sieranevada" rückt der Cannes-erprobte rumänische Filmemacher Christi Puiu ein rumänisches Trauerritual vierzig Tage nach Ableben des Betrauerten in den Mittelpunkt des Geschehens. Lukas Stern von critic.de dringt tief in den Film vor: "Puiu geht es - und dieses Prinzip wird über fast volle drei Stunden auf unterschiedlichsten Ebenen sehr kunstvoll und präzise durchgespielt - um Dezentralisierung; darum, die inneren Dynamiken einer Großfamilie zu entfesseln, eine Pluralität von Einzelbewegungen in Gang zu setzen, die sämtlich auf ein Zentrum bezogen sind, das nicht mehr existiert: der verstorbene Vater." Tazler Tim Caspar Boehme attestiert dem Film eine "klaustrophobische Enge, die einem beim Zuschauen manchmal den Atem nimmt." Lob gibt es im Tagesspiegel: "Das ist stark, und dabei passiert nichts wirklich explizit". Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und auf Kino-Zeit. Für KeyFrame Daily hat David Hudson einen internationalen Pressespiegel zusammengestellt.

Weiterhin besprochen werden in Cannes Jodie Fosters "Money Monster" (critic.de, Kino-Zeit), Alain Giraudies "Staying Vertical" (Kino-Zeit, critic.de) und Justine Triets "In Bed With Victoria" (critic.de),

Weiteres: Claudia Lenssen (taz), Fabian Tietke (Freitag) und Bert Rebhandl (FAZ) resümieren die Kurzfilmtage von Oberhausen. Sehr bitter liest sich ein vor zwei Tagen im Hollywood Reporter veröffentlichter Brief Ronan Farrows, des Sohn von Mia Farrow und Woody Allen, der die Presse kritisiert, die - gerichtlich bereits untersuchten und nie bewiesenen - Missbrauchsvorwürfe seiner Schwester Dylan gegen Woody Allen zu beschweigen.

Besprochen werden Adolf Winkelmanns "Junges Licht" (FR), die schwedische Noir-Serie "Jordskott" (FR, FAZ), Laura Lackmanns Verfilmung von Sarah Kuttners Roman "Mängelexemplar" (Tagesspiegel) und Omer Fasts "Remainder" (Tagesspiegel).
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Bühne

Tenor Jonas Kaufmann ist jetzt schon traurig, wenn Kirill Petrenko zu den Berliner Philharmonikern geht, weil er dann kaum noch Oper dirigieren kann. Am Pfingstmontag dirigiert er aber in München, wo Kaufmann seinen ersten Walther von Stolzing singt. Petrenko, sagt Kaufmann im Interview mit der NZZ, "ist ein Perfektionist, aber kein Pedant. Er arbeitet sehr genau, würde selbst noch fünf Minuten vor der Aufführung weitere Details herausarbeiten, wenn man ihn ließe. In diesem Sinne ist er nicht zu 'beruhigen'. Am Abend aber ist er mit dem zufrieden, was auf der Bühne geschieht - selbst wenn er noch weit mehr im Kopf hat. Und er ist sehr aufmerksam, hört ganz genau zu, schaut und spürt. Für mich gibt es unter den heutigen Dirigenten nur wenig vergleichbare Beispiele, etwa Antonio Pappano... Bei Pappano habe ich das Gefühl, dass er Sänger auf Händen tragen kann, ohne seine eigene Idee zu vergessen."

Besprochen werden Frank Hoffmanns Inszenierung von "Das Leben ein Traum - Caldéron" nach Pedro Calderón de la Barca und Pier Paolo Pasolini bei den Ruhrfestspielen (Stefan Keim stöhnt im DRadio Kultur über diese "quälend wirre Kunstbemühung", FAZ-Kritiker Andreas Rossmann quälte die "Peinlichkeit des Unternehmens") sowie Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" in Zürich (FAZ)
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Musik

Sehr spannend findet Tazler Christian Werthschulte die Kollaboration zwischen den kongolesischen Musikern von Konono No. 1 und dem Produzenten Batida aus Angola. Beide arbeiten in ihrer Musik die musikalischen Traditionen ihrer Heimat auf und machen diese aufs Neue produktiv. Das gemeinsame Album bildet somit "eine musikalische Neuvermessung der Grenzregion zwischen dem Kongo und Angola. ... Konzerte von Konono No1 sind eine körperliche Erfahrung in der Nähe zur Trance. Selbst auf den besten Konzertanlagen spielen Konono No1 so, als müssten sie immer noch gegen den Straßenlärm Kinshasas anspielen - präzise und laut zugleich. Beim ersten gemeinsamen Konzert mit Batida in La Rochelle hält eine neue Subtilität Einzug in den Sound von Konono. 'Deutsche Ingenieurskunst', sagt Batida lachend. Seine Ableton-Software synchronisiert sich automatisch zum Konono-Drummer Vincent Visi - selbst bei Temposchwankungen."

Im Gespräch mit Christoph Wagner erklärt der Saxophonist Shabaka Hutchings in der NZZ, was es mit dem neuen britischen Groove-Jazz auf sich hat: Die Leute sollen zu Jazz wieder tanzen! "'Jazz ist seit den fünfziger Jahren zur Kunstmusik geworden, die über den Kopf wahrgenommen wird - intellektuelles Hören. Wir setzen dagegen auf körperliches Hören', sagt Hutchings. 'In Jazzkreisen hat Tanzmusik keinen guten Ruf, wird als minderwertig abgetan. Aber um Leute auf die Beine zu bringen, braucht es besondere Qualitäten. Das Publikum bewegt sich, wir Musiker bewegen uns, und gemeinsam verschmelzen wir zu einem großen, pulsierenden Organismus.'"

Das geht dann so:



Weiteres: Für die Jungle World hat sich Jan Tölva mit der aus Syrien nach Ost-Berlin geflüchteten Rockband Khebez Dawle getroffen. Nadine Lange porträtiert die Straßenmusikerin Alice Phoebe Lou. In der NZZ annonciert Christian Noe das morgen beginnende Leipziger Wave-Gotik-Treffen. Ulrich Gutmair schreibt in der taz zum Tod des Trio-Drummers Peter Behrens.

Besprochen werden ein Konzert von Muse im Zürcher Hallenstadion (NZZ) sowie neue Alben von Drake (taz), James Blake (NZZ), den Eagulls (FR) und Jean-Michel Jarres "Electronica 2" (Pitchfork).
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Archiv: Musik

Kunst

Ute Thon hat die Sydney Biennale besucht, wo man über die Zukunft nachdenkt, erklärt sie im Art Magazin: "Tatsächlich will Biennale-Direktorin Stephanie Rosenthal Fragen zur Wahrnehmung unserer Wirklichkeit aufwerfen und zeigen, wie diese durch die virtuelle Welt des Internet und durch geopolitische und ökonomische Machtstrukturen beeinflusst wird. Kein Wunder also, dass es unter den von ihr ausgewählten Werken von 80 Künstlern aus 34 Ländern viel 'research based art' gibt und genresprengende Arbeiten für den 'In-between Space'. Bereits am Haus der Kunst in München und später in der Hayward Gallery in London haben Ausstellungen wie 'Move' oder zu Allan Kaprow gezeigt, dass sie sehr an performativer Praxis interessiert ist und weniger an stillen Bildern an der Wand. Am liebsten hätte sie in Sydney nur Arbeiten gezeigt, die sich mit dem Menschen im Raum beschäftigen, mit Tanz, Theater und Oper, und die den Betrachter als aktiven Teilnehmer mit einbeziehen."

Rose-Maria Gropp zählt in der FAZ Kader Attia zu den "wichtigsten Künstler unserer Gegenwart." Im MMK Frankfurt kann man nun seine Ausstellung "Sacrifice and Harmony" zu sehen. Darin verbindet er den Aspekt der Versöhnung mit dem der Reparatur, schreibt Gropp: Doch "das Reparieren, das Wieder-Herstellen, darf nicht heißen, eine Amnesie der Verletzung, den Gedächtnisverlust für die Bruchstelle zu erzielen. Denn genau dadurch wird das Opfer verleugnet zugunsten einer unwahren Harmonie, ähnlich einer Schönheitsoperation, die einen Zustand fingiert, den es zuvor nie gab. Unter dem Vorzeichen dieses Prinzips der Reparatur entfaltet der Künstler sein Panoptikum, es lässt sich eine Psychopathologie der Moderne nennen."

Weiteres: Online lesen kann man ein Interview mit Frank Stella fürs Art Magazin. Besprochen werden Peter Halleys Installation in der Schirn (FR), die William-Kentridge-Schau im Berliner Gropiusbau (Tagesspiegel) und die Paula-Modersohn-Beckers-Retrospektive in Paris (SZ).
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