9punkt - Die Debattenrundschau

Habt euch nicht so, Opfer

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2016. Die Debatte über die Kölner Übergriffe geht weiter: In der Zeit fürchtet Malin Schulz, den Rechten in die Hände zu spielen. Außerdem gibt es größere Katastrophen, meint Richard David Precht in der FR. Der Freitag freut sich: Endlich wird erkannt, dass Race, Class und Gender zusammengedacht werden müssen. Im Perlentaucher meint dagegen Thierry Chervel: Der "#ausnahmslos-Aufruf" distanziert sich von den spezifischen Opfern in Köln. Außerdem: Manfred Rettig, Bauherr des Humboldt-Forums, wirft das Handtuch, meldet der Tagesspiegel.

Gesellschaft

Die Welle der Entschuldigungs- und Ausweichmanöver nach den Kölner Übergriffen ebbt nicht ab. Die Zeit hat übers Blatt verteilt eine ganze Reihe von Artikeln zum Thema. Immer entsetzter stellt man fest, dass die lautesten Apologeten Frauen sind. Den Heiligenschein der Woche verdienen sich Hilal Sezgin und Malin Schulz. Schulz verbrachte Silvester in Hamburg und wurde von zwei arabischen Männern verfolgt und körperlich attackiert. Auf der Seite 1 der Zeit beschäftigt sie aber vor allem die Schadenfreude von "Leuten", die sich jetzt in ihren Ängsten und Vorurteilen bestätigt sähen. Auf Zeit online fragt Hilal Sezgin empört sich noch mucksende Feministinnen: "Wollt Ihr solche Männer, die versuchen, sexuelle Gewalt sogar gegen einen soliden westlichen Rechtsstaat durchzusetzen, etwa wieder zurück zu 'ihren' Frauen schicken?"

Nicht-wahr-haben-wollen und Nicht-sagen-wollen haben fatalerweise die Debatte bisher bestimmt, meint dagegen Bernd Ulrich, ebenfalls in der Zeit. Er diagnostiziert eine gewissen Ähnlichkeit im Bild, das sich Rechte und Linke von "den Deutschen" machen, die die Realität offenbar nur in kleinen, ausgewählten Portionen vertragen: "Erstere möchten den Deutschen möglichst wenige Flüchtlinge zumuten, Letztere möglichst wenige verstörende Tatsachen über Flüchtlinge."

Im Interview mit der FR erklärt Richard David Precht, er würde die Täter von Köln - die meisten "stammen offenbar aus Marokko" - am liebsten abschieben. Ansonsten bittet er zu differenzieren: "In Köln sind 200 Frauen sexuell belästigt worden. Sehr schlimm, gewiss. Aber unversehens erscheint uns das als eine weit größere humanitäre Katastrophe als das, was in den Herkunftsländern der Flüchtlinge passiert. So eine Wahrnehmungsverschiebung dürfen wir nicht zulassen."

Gestern hatte schon Ursula Scheer im FAZ.Net den scheinfeministischen "#ausnahmslos-Aufruf" kritisiert, weil er nicht konkret werde (unser Resümee). Thierry Chervel stimmt ihr im Perlentaucher zu: "Man soll das Offensichtliche - es waren zumeist nordafrikanische oder arabische Männer, und sie haben sich in eine Weise zusammengerottet, wie man es hierzulande nicht einmal vom Oktoberfest kennt - nicht mehr benennen können. Diese Verunklarung hat zur logischen Konsequenz, dass sich der Aufruf von den spezifischen Opfern dieses spezifischen Ereignisses distanziert."

Auch die 68erin Inga Griese wendet sich in der Welt an die #ausnahmslos-Autorinnen: "Also: Ich sag jetzt mal was zum arabischen, orientalischen, maghrebinischen - oder wie auch immer das politisch korrekt formuliert sein soll - Frauenbild. Und ich sage es am besten gleich: Ich will das nicht mehr. Ich will es nicht in meinem Europa. Und ich will mich nicht dafür entschuldigen müssen, dass ich es nicht will."

Im Freitag lobt Juliane Löfler die Autorinnen des #ausnahmslos-Aufrufs als "progressive Feministinnen", die für alle klar gestellt hätten, "was im jungen feministischen Diskurs längst Konsens war: Race, Class und Gender müssen zusammengedacht werden. Wer über die Rechte von Frauen spricht, muss die Rechte anderer diskriminierter Menschengruppen mitdenken."

Leserin uebung hat im Kommentar zu Löflers Artikel von dieser Art Feminismus allerdings die Nase voll: "Ja, es gibt auch so in Deutschland Gewalt und sexuelle wie sexualisierte Gewalt. Doch gibt es davon spezifische Ausprägungen. Massenhaft von mehreren Gruppen zu gleicher Zeit am gleichen Ort bedroht zu werden, gehörte bisher nicht dazu. Warum wird das hier versucht zu negieren, als überflüssiges Merkmal dieses Ereignissen zu bewerten? Wäre dem auch so, wenn es Skinheads mit weißen Schnürsenkeln gewesen wären? Ich kann dem neuen Feminismus nichts abgewinnen. Mit diesen Akteurinnen verbindet mich jedoch nichts mehr. Denn das lauteste, was ich aus deren Statements herausgehört habe, war: 'Habt euch nicht so, Opfer, sowas ist 'normal' hier.'"

In einem offenen Brief, den die Welt abgedruckt hat, fragt FDPlerin Katja Luding fassungslos: "Liebe Claudia Roth, liebe Feministinnen, was ist eigentlich mit Euch los?"

Weiteres: Für die NZZ erkundet Marion Löhndorf den Londoner Untergrund.
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

In der SZ überlegt Gottfried Knapp, warum nirgends in Deutschland - auch nicht in München - so viele inhaltlich wie architektonisch interessante Museen stehen wie in Frankfurt. Es liegt wohl am starken privaten Engagement Frankfurter Bürger, vermutet er: "Städels Vorbild wirkt in Frankfurt bis heute mächtig nach. Wie kein anderes Museum in Deutschland profitiert das privat gegründete Kunstinstitut von der Spendenbereitschaft der Bürger und von den stattlichen Summen, die bei lokalen Firmen eingeworben werden. ... Seit Städels Ur-Initiative waren es immer wieder bürgerschaftliche Gruppierungen, die Verantwortung für einen bestimmten Bereich des Kulturerbes übernahmen und die so begründeten Sammelinstitute dem Magistrat der Stadt zur Pflege weiterempfahlen."

In Berlin hat Schlossbauherr Manfred Rettig das Handtuch geworfen, berichtet Ralf Schönball im Tagesspiegel. Bisher war er im Kosten- und Zeitplan geblieben. Doch eine Ankündigung von Monika Grütters im Tagesspiegel hat ihn offenbar zum Rückzug bewogen. Grütters hatte erklärt: "Natürlich haben wir immer den Kosten- und Zeitrahmen im Blick. Aber wenn Neil MacGregor nichts verändern könnte, da, wo es aus seiner Sicht notwendig ist, dann hätte ich ihn für das Humboldt-Forum nicht aus London holen müssen." Laut Schönball klang das "fast schon wie ein Freibrief. Die Kandarre jedenfalls, die Rettig angelegt hatte, um eine Kostenexplosion wie bei anderen Bauprojekten des Bundes zu verhindern - der Staatsbibliothek, dem Bundesnachrichtendienst oder der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel -, sie ist gelockert. Man darf davon ausgehen, dass Rettig das nicht wollte."

Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt Rettig: "Ich möchte schon ein Zeichen setzen. Man kann sich fürs zuverlässige Bauen auf den Kopf stellen, aber wenn die Disziplin bei den Nutzern nicht da ist, fährt so ein Projekt vor die Wand. Mit meinem Abgang wird das deutlich auf den Punkt gebracht."

In der FAZ greift Julia Voss auf einer ganzen Seite noch einmal den Fall Gurlitt auf und kommt zu dem Schluss, "dass Cornelius Gurlitt in Bayern nicht zum Verhängnis wurde, dass er NS-Raubkunst besaß. Sondern dass er, spätestens im Jahr 2012, isoliert und hilflos geworden war. So wurde er ein Bauernopfer, mit dem sich gut von staatlichen Versäumnissen ablenken ließ."

Medien

Medienkritik findet Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo im Interview mit Stefan Niggemeier oft reichlich übertrieben und hämisch. Einen gewissen Konformismus in den Meinungen beklagt er allerdings auch: "Ich glaube, unser journalistisches Personal ist zu einheitlich sozialisiert. Die Milieus sind zu ähnlich. Wenn Redaktionen neue Leute holen, holen sie jemanden, 'der zu uns passt'. Außerdem - das wird Sie vielleicht jetzt provozieren - wollen wir bei der Beurteilung auf der richtigen Seite stehen. Man stellt sich nicht so gerne gegen den Rest, denn dann kriegt man selbst ein paar Spritzer ab."

Der SPD-Politiker Jakob von Weizsäcker erklärt im Gespräch mit Markus Becker von Spiegel Online, warum er glaubt, dass Europa einen Europafunk brauche - ihm fehlt die europäische Öffentlichkeit: "Schauen Sie sich an, was nach EU-Gipfeln passiert: Da spricht jeder Regierungschef mit den Journalisten seines Landes. Der Diskurs, der da vonstatten geht, ist aber oft in Deutschland ein ganz anderer als in Frankreich, Polen oder Spanien. Man redet regelmäßig aneinander vorbei. Wenn dagegen zwei deutsche Politiker über das gleiche Ereignis reden, findet ein Abgleich über eine gemeinsame Öffentlichkeit statt. Deshalb braucht die europäische Politik eine europäische Öffentlichkeit."

Außerdem: Die New York Times meldet (wie viele andere Medien), dass Al Jazeera America vollständig schließt. Man habe kein Geschäftsmodell gefunden. Im Netz gibt es viel Empörung über eine Charlie-Hebdo-Karikatur über den Flüchtlingsjungen Alan Kurdi, berichtet Spiegel Online.
Archiv: Medien