Efeu - Die Kulturrundschau

Freejazzvariante der Baumarkt-Postmoderne

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08.01.2016. Die SZ besucht den Schauspieler Hannes Rittig, der nach seiner Entlassung das Cafe Koeppen zu seiner neuen Bühne gemacht hat. Die FAZ geht auf eine Karlsruher Party mit lauter begnadeten Selbstdarstellern. Der Freitag staunt über die Häuser rumänischer Migranten: vorn die Küche zum Vorzeigen, hinten die zum Kochen. Die taz porträtiert den Leipziger Maler und Musiker Lorenz Lindner als ziemlich poetischen Sturkopf. Die NZZ stellt Schweizer Musiklabel des Postpunk vor. In Volltext empfiehlt Norbert Gstrein wärmstens Ari Shavits Israelbuch "Mein gelobtes Land".

Architektur


Certeze, Oascher Land, Rumänien, 2011. Foto: Petrut Calinescu

Die Rumänen mögen in westeuropäischen Städten in Baracken und Zeltlagern leben, zu Hause stecken sie jeden verdienten Cent in opulente Hochzeiten und neue Häuser, berichtet Jochen Schmidt im Freitag nach einer Reise durch Rumänien. Im Gegensatz zu den schönen alten Holzhäusern sind die neuen sehr nouveau riche, so Schmid, aber gleichzeitig von einer "halsbrecherischen Improvisation", die etwas Befreiendes habe: "Die Häuser der Migranten haben möglichst viele Stockwerke, manchmal sogar einen Lift, eine Küche zum Vorzeigen und eine zum Kochen, automatische Toreinfahrten statt der traditionellen geschnitzten Holztore, bis zu ein Dutzend Schlafzimmer, große Balkons (zwar manchmal ohne Zugang, dafür aber mit einem Gips-Caesar oder einem römischen Soldaten geschmückt), Horror-Vacui-Stuckfassaden wie von HR Giger - sie stehen nah an der Straße, wo man sie sehen kann, sie sollen größer als die Kirche sein, und ihre Fassaden sind eine Freejazzvariante der Baumarkt-Postmoderne. Aber sie werden meist gar nicht bewohnt, man lebt in einem kleineren Gebäude abseits." (Bewundern kann man diese Häuser derzeit in einer Fotoausstellung in Berlin im Museum Europäischer Kulturen.)
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Literatur

In Volltext empfiehlt der Autor Norbert Gstrein wärmstens ein Geschichts- und Geschichtenbuch des israelischen Journalisten und Haaretz-Kolumnisten Ari Shavit, "Mein gelobtes Land". Etwas Besseres und Differenzierteres über Israels gebe es derzeit kaum in deutscher Sprache. "Sein Ton ist ein Ton, gespeist aus Traurigkeit und Liebe und einem Optimismus bei allem Grund, pessimistisch zu sein, den ich am liebsten - wenn ich mehr davon wüsste - nahöstlich nennen würde und von demich mir vorstelle, dass man ohne ihn nicht auskommt, wenn man in Israel lebt. Es ist erstaunlich, wie erhellend bei ihm in manchen Situationen gerade die rhetorischen Fragen sind: 'Was hätten wir anderes machen sollen?' fragt er sich etwa am Ort des ehemaligen palästinensischen Dorfes Hulda, das im Unabhängigkeitskrieg ausgelöscht wurde und Platz machen musste für den Kibbuz Mishmar David, aber er fragt sich das auch für die andere Seite: 'Was hätten sie anderes machen sollen?'"

Besprochen wird Martin Walsers Roman "Ein sterbender Mann" (FAZ, Tagesspiegel).
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Bühne

In der SZ stellt Tim Neshitov den Schauspieler Hannes Rittig vor, der vor drei Jahren aus seinem Vertrag mit den Bühnen Vorpommerns entlassen wurde und danach das Cafe Koeppen im Geburtshaus des Schriftstellers Wolfgang Koeppen in Greifswald übernommen hat. Dort spielt er seitdem vor seinem eigenen Publikum: "Er tritt in diesem Café seit zwei Jahren auf, oft an der Seite ehemaliger, ebenfalls entlassener Kollegen. Sie spielen Gegenwartsklassiker wie Mike Daiseys 'Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs' oder Sarah Kanes '4.48 Psychose'. Auch Selbstgeschriebenes. Regie führt meist Uta Koschel. Wer in Greifswald oder Stralsund ins Theater geht, kennt Uta Koschel, denn ihr sind auf der großen Bühne einige der interessantesten Inszenierungen der Nullerjahre gelungen. Und glaubt man dem Publikum, so stellt das Koeppen-Haus in der Bahnhofstraße mittlerweile sogar eine kleine, aber ernsthafte Konkurrenz zum Staatstheater dar."

Weiteres: Christoph Nix, Intendant am Stadttheater Konstanz, fordert in der SZ Schauspieler auf, sich dem "Ensemble Netzwerk" anzuschließen, um gemeinsam endlich bessere Bedingungen an den Theatern aushandeln zu können. Besprochen wird die Uraufführung von Thomas Köcks preisgekröntem Stück "Isabelle H. (geopfert wird immer)" am Pfalz-Theater Kaiserslautern (nachtkritik).
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Film

Regisseur Alexander Sokurow spricht im Interview mit dem Standard über seinen Filmessay "Francofonia", der sich sehr, ähm, männlich, für die Bewahrung des europäischen Kulturerbes einsetzt und dafür auf die Besetzung Frankreichs durch die Deutschen rekurriert. "Ich zeige zwei kleine, unbedeutende Menschen, einen Museumsdirektor und einen Offizier, denen etwas Gewaltiges gelungen ist, indem sie die Kunstwerke des Louvre gerettet haben. Dafür war Verstand und Mut nötig, typisch männliches Verhalten. Wozu braucht man sonst einen Mann? Gescheit und mutig soll er sein, in unausgeglichenen Proportionen."

Besprochen werden Naomi Kawases Film "Kirschblüten und rote Bohnen" (Standard), Tom Hoopers Transgenderdrama "The Danish Girl" (FR, Welt, Zeit, FR), Naomi Kawases Außenseiterdrama "Kirschblüten und rote Bohnen" (Standard) und Brian Helgelands Gangsterfilm "Legend" (FAZ).
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Kunst


Bilder: Anselm Feuerbach, Jugendliches Selbstbildnis, 1852/53 (Kunsthalle Karlsruhe). Robert Mapplethorpe, Selbstporträt ca. 1980 (Wikipedia)

Ziemlich amüsiert kommt Ursula Scheer aus einer Ausstellung mit Künstlerbildnissen in der Kunsthalle Karlsruhe. Es ist wie eine Party, schreibt sie in der FAZ, alles bunt zusammengewürfelte Leute mit Hang zur Selbstdarstellung: "Stars und Unbekannte, absonderliche Charaktere und Charmebolzen, gefällige Typen und fragwürdige Gestalten treffen hier aufeinander und sollen es auch, statt bei ihren alten Freunden hängen zu bleiben. Wer hätte schon gedacht, dass Anselm Feuerbach und Robert Mapplethorpe so viel gemeinsam haben, dass das jugendliche Selbstbildnis des einen von 1851/52 den gleichen Typus des 'angry young man' zu zeigen scheint wie das Selbstporträt des anderen von 1983, frontal, nah, mit romantisch zerwühltem Haar? Solche Paarungen öffnen die Augen vor allem für das historisch Fernerliegende."

Etwas enttäuscht zeigt sich Gabriel Katzenstein in der NZZ, dass die Ausstellung "Provenienz Macht Geschichte", mit der das Kölner Wallraf-Richartz-Museum einen Zwischenbericht der Untersuchung seiner zwischen 1933 und 1945 erworbenen Papierarbeiten vorlegt, weitgehend im Distanzierten, Unkonkreten verharrt: "Wo wird im Museum die außergewöhnliche Geschichte eines Werkes erzählt? Obwohl in der Begleitpublikation angedeutet, wird sie in der Ausstellung nicht sichtbar: Was verschwand als 'entartet' durch die Nazis aus dem Wallraf, und welche 660 Werke wurden vom Museum zwecks Geldmittelbeschaffung veräußert? Wenigstens ein Beispiel von sogenannt pazifistischem Kunstbolschewismus hätte diesen Aspekt beleuchten können. Wenigstens ein Beispiel eines Verkaufs, bei welchem später der Kunsthandel das wertvermindernde 'Kopie nach' oder 'Nachfolge' abstreifte, hätte dem Besucher vor Augen geführt werden können."

Besprochen werden die Ausstellung "Welten der Romantik" in der Wiener Albertina (Tagesspiegel), eine große Ausstellung mit Werken von Karl Schmidt-Rottluff in den Kunstsammlungen Chemnitz (FR), die Ausstellung "Dialog der Meisterwerke" im Frankfurter Städel Museum (NZZ) und die Ausstellung "Artist and Empire" in der Tate Britain (SZ).
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Design

Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder einen Nachruf auf den am Silvesterabend gestorbenen Designer Richard Sapper: "In Italien galt der Tüftler, der mit ingenieurshafter Präzision an technischen Lösungen arbeitete, als Inkarnation eines Deutschen. In Deutschland wurde er wegen der Eleganz seiner Werke als Italiener identifiziert."
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Stichwörter: Richard Sapper, Eleganz

Musik

Als Mix Mup oder als Molto produziert er elektronische Musik, unter seinem bürgerlichen Namen kreiert er bildende Kunst. Julian Weber stellt den Leipziger Künstler Lorenz Lindner in der taz vor: "'Ich habe immer Phasen, in denen ich als Musiker bestimmten Genres verfalle und als Maler bestimmten Farben. Aber eigentlich ist das Mischen ein Produktionsmerkmal von mir. Ich interessiere mich für Zwischenräume. Vermarktungstechnisch ist das natürlich nicht ganz clever, aber ich bin halt ein Sturkopf.' Ein ziemlich poetischer Sturkopf, muss man ergänzen. Ein Sturkopf, dessen Sturköpfigkeit absolut beflügelnd und immer grenzüberschreitend wirkt, egal ob der 35-Jährige beim Jazzfestival Kopenhagen live abstrakte Elektronik spielt oder in der legendären New Yorker Radiosendung 'Beats in Space' House-Platten auflegt."

"Eine weltverbesserische, ja kulturpolitische Haltung" macht Bjørn Schaeffner in der NZZ bei Schweizer Labels wie Danse Noire, Lux Rec und Relish Recordings aus, die sich in der Psychedelik des Post-Punk neue Impulse holen. Sie stehen für "eine Klubkultur, die sich als hierarchiefreie Zone versteht, wo DJ sich nicht selbst feiern, sondern in der Menge aufgehen. Für seine Plattencover durchforstet der Lausanner Grafiker (und Label-Mitbetreiber) Niels Wehrspann akribisch das Internet. Es sind Sujets, die eine konsumistische Alltagstristesse abbilden. Die Designs seien gewollt 'antispektakulär'. Sie mögen in diesem Sinne auch bewusstseinserweiternd wirken: als kleine Rebellion gegen zu viel Gleichschaltung in der Klubkultur."

Weiteres: Franziska Buhre schreibt in der taz einen Nachruf auf den kanadischen Pianisten Paul Bley. In der NZZ wirft Marc Zitzmann einen Blick auf die differenzierten Nachrufe auf Pierre Boulez in Frankreich.

Besprochen werden das neue Album von David Bowie (Welt, Tages-Anzeiger, FAZ, SZ) und ein umfangreiches Box-Set mit Outtakes von Bruce Springsteens Album "The River" (NZZ).
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