9punkt - Die Debattenrundschau

Während des Sonnenaufgangs

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2015. Rüdiger Suchsland wendet sich in seinem Blog gegen einen Israel-Boykottaufruf von Filmemachern. Huffpo.fr fragt sich, warum sich europäische Politikerinnen im Iran so gern mit Kopftuch zeigen. In der FAZ erinnert Claus Leggewie an die langen Nachwirkungen des Hitler-Stalin-Pakts. Großes Thema in den amerikanischen Medien: Herrscht bei Amazon wirklich Terror?

Politik

Filmkritiker Rüdiger Suchsland wendet sich gegen einen Israel-Boykottaufruf von 200 Filmemachern, darunter natürlich Jean-Luc Godard (mehr hier) und Ken Loach: "Wer das gut findet, dem stellt sich - von vielem anderen abgesehen - in der Konsequenz natürlich die Frage, ob wir jetzt auch chinesische und iranische Filme boykottieren sollen? Wo doch in Israel viel demokratischere Verhältnisse herrschen, und die Medien relativ frei genau die selben Dinge debattieren, wie wir Europäer. Hier gehen die Maßstäbe verloren." Naja, aber die Iraner sind halt keine Juden.

In der FR meldet Martin Dahms, dass der jüdisch-amerikanische Rapper Matisyahu nach einer Kampagne der antiisraelischen Boykott-Organisation BDS vom spanischen Sunsplash Festival ausgeladen wurde.

Christian Charrière-Bournazel fragt sich in der huffpo.fr, warum europäische Politikerinnen, aber auch Journalistinnen bei offiziellen Reisen in den Iran Kopftuch tragen und sich so auch filmen lassen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie plötzlich zum Islam konvertiert sind, denn zurück in Europa sieht man sie mit bloßem Haupt. Ich nehme also an, dass man ihnen das Kopftuch, dieses lokale Diktat, als Bedingung der Reise auferlegt hat. Es ist unerträglich, dass man sie so unterwirft. Aber ich finde es noch unerträglicher, dass sie einwilligen. Für welchen Zweck unterwirft man sich als Repräsentantin demokratischer Länder, deren Gemeinsamkeit die Freiheit ist, den Symbolen der Unterdrückung der Frau durch den Mann?"
Archiv: Politik

Europa

Daniel Etters zuerst in der New York Times erschienenes Foto eines weinenden Vaters, der mit seiner Familie den Weg nach Kos geschafft hat, wird zur Ikone des Flüchtlingsgeschehens. Im Interview mit Kevin Hagen von Spiegel Online schildert der Fotograf die Situation: "Ich bin gegen 4.30 Uhr an den Strand von Kos gegangen. Die meisten Flüchtlinge kommen während des Sonnenaufgangs an. Ich habe in der Ferne das kleine Schlauchboot entdeckt. Zwölf Personen saßen darin, ausgelegt war es vielleicht für drei oder vier. Nach über zwei Stunden Fahrt hatte das Boot Luft verloren, Wasser war hineingelaufen, die Flüchtlinge waren durchnässt, als sie am Ufer ankamen."

In der Welt verteidigt Thomas Schmid den Schauspieler Till Schweiger, der sich für Flüchtlinge einsetzt, gegen seine Verächter.

In ihrer schönen Reihe mit Geschichten aus Griechenland erzählt die Autorin Amanda Michalopoulou im Tagesspiegel heute von der Insel Donoussa, auf der ein arbeitsloses Soziologenpaar aus Athen neue Wanderwege anlegt: "Auf einer kleinen Insel wie Donoussa mit zwei Orten von allenfalls je 100 Einwohnern und einer alten Frau, die ganz allein in Kalotarítissa lebt, begegnet man einem flexiblen Griechentum, das mit der Öffnung von Wegen experimentiert. Dies könnte ein Modell sein für andere Inseln, für andere kleine Gemeinschaften, die selbst jetzt, auf dem Höhepunkt der Krise, in Athen die alleinige Lösung sehen."
Archiv: Europa

Geschichte

In der FAZ erinnert Claus Leggewie an den 23. August 1939, den Tag des Hitler-Stalin-Pakts, der aber kaum als Erinnerungstag begangen wird: "Die Wirkung des unseligen Vertrags endete nicht mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, auf den der überrumpelte und unvorbereitete Stalin noch mit der freiwilligen Auflösung der Komintern reagierte. Das 1939 gewaltsam geschaffene sogenannte "Sicherheitsglacis" blieb bis 1991 von Estland bis Bulgarien bestehen."
Anzeige
Archiv: Geschichte

Religion

Alles, was das Leben lebenswert macht, auf einen Blick: Für die SZ hat Rudolf Neumaier im Landesmuseum für Klosterkultur in Dalheim eine Ausstellung zur Kulturgeschichte der Todsünden besucht.
Archiv: Religion

Medien

Nach den Vorgängen auf dem Sinai vor einigen Monaten verschärft die ägyptische Regierung die Zensur, berichtet Naomi Conrad bei der Deutschen Welle: "Journalisten berichteten unter Berufung auf Augenzeugen sowie auf anonyme Sicherheitskräfte, dass Ägyptens Militär bei den Aktionen Dutzende Tote zu beklagen hatte - offiziell sprach das Militär aber nur von 21. In der ersten Fassung des Gesetzes war sogar noch die Rede davon, Gefängnisstrafen zu verhängen. Davon rückte die Regierung aber dann doch ab, als sich in verschiedenen ägyptischen Medien Protest regte - eine Neuheit in einem Land, in dem die Medien, von einigen löblichen Ausnahmen abgesehen, hauptsächlich damit beschäftigt sind, die offizielle Linie des repressiven Regimes wiederzugeben."
Archiv: Medien
Stichwörter: Ägypten, Deutsche Welle

Internet

In der NY Times generieren Jodi Kantor und David Streitfeld jede Menge zornige Kommentare mit einem Bericht aus dem Innern von Amazon, das sich wie ein postmodernes Sklavenschiff ausnimmt: "Mitarbeiter werden angehalten, die Ideen ihrer Kollegen in Meetings auseinanderzunehmen, Tag und Nacht zu schuften (Emails nach Mitternacht werden von SMS begleitet, in denen der Adressat gefragt wird, warum er nicht antwortet), zu "besten" Konditionen, heißt es. Eigens installierte Programme für geheime Rückmeldungen an den Chef (mit Textbeispielen wie diesem: "Sein Mangel an Flexibilität und seine Nörgelei über kleinste Aufgaben beunruhigen mich") werden gern genutzt, um andere zu denunzieren. Viele der regelmäßig an Montagen rekrutierten Neulinge, werden bald schon nicht mehr dabei sein. Alle Übrigen ersinnen neue Produkte für eine Viertelmilliarde Kunden und akkumulieren kleine Vermögen mit Firmenaktien. Die Verlierer werden jährlich aussortiert - "zielgerichteter Darwinismus", wie es ein ehemaliger Mitarbeiter nennt. Mitarbeiter, die unter Krebs leiden, Fehlgeburten haben oder andere persönliche Krisen werden unter Druck gesetzt."

Jeff Bezos antwortet in einem Statement an seine Mitarbeiter, das Geekwire zitiert: "Der Artikel geht über einige isolierte Anekdoten hinaus. Er behauptet, dass wir absichtlich einen seelenlosen Arbeitssplatz wie aus einer düsteren Zukunftsvision schaffen, wo keine Freude möglich ist und kein Lachen laut wird. Ich erkenne dieses Amazon nicht, und ich hoffe, ihr auch nicht." Auch Jeff Jarvis antwortet auf den Artikel.

Simon Hurtz ärgert sich in der SZ über Facebook , das sich weigert rassistische Hetzparolen zu löschen:"In der Vergangenheit reichte oft schon eine nackte Brustwarze, um einen Beitrag sperren zu lassen. Und nicht nur die berüchtigte amerikanische Prüderie lässt manche an Doppelstandards glauben: So entfernte Facebook Mohammed-Karikaturen auf Druck der türkischen Regierung, verbannte tibetische Freiheitskämpfer, um es sich nicht mit China zu verscherzen, bevormundete russische Oppositionelle, löschte (angeblich versehentlich) einen kirchenkritischen Eintrag des Moderators Domian und sperrte den Account des Kunstkritikers Jerry Saltz, weil er spätmittelalterliche Gemälde mit Folterszenarien hochgeladen hatte."

Lalon Sander schickt für die taz Eindrücke vom Sommercamp des Chaos Computer Clubs im brandenburgischen Zehdenick, wo es wie auf jedem Zeltplatz ein bisschen spießig zugeht, das aber mit Hochgeschwindigkeitsnetz: "Auf der Al-Khwarizmi-Allee rennt ein Mann, ausgezogen bis auf die Unterhose, aus einem Zelt: "Hej Leute, wollt ihr eine kostenlose Freundin?" Wie bitte? Ja, eine kostenlose Freundin, ist das ein Angebot? "Dann kommt zum Speeddating jeden Mittag hier bei uns", sagt er freundlich und fängt dann an von seiner Lieblingsserie am späten Abend auf einem Kindersender zu schwärmen."

Weiteres: In der Welt geht Hannes Stein der Frage nach, wie Katzen zum "wichtigsten Interrnetinhalt" werden konnten.
Archiv: Internet