Efeu - Die Kulturrundschau

Keineswegs so tot

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18.08.2015. Die FAZ wirft dem Bachmannpreisträger Tex Rubinowitz vor, ein Wikipedia-Abschreiber zu sein. Der Guardian erinnert sich mit Genuss an die Zeiten, als Intellektuelle wie Gore Vidal und William F. Buckley im Fernsehen noch drohten, dem jeweils anderen die Fresse zu polieren. In der SZ erklären Laibach, warum sie in Nordkorea auftreten werden: zum Zwecke der Diskussion. Toast erinnert an die großartige Shirley Jackson.

Literatur

Tex Rubinowitz - ein Wikipedia-Abschreiber? Das zumindest behaupten in der FAZ Frank Fischer und Joseph Wälzholz, die den Autor bereits im Februar in ihrem Umblätterer-Blog in einer anderen Sache als "Guttenberg des Feuilletons" bezeichneten. Nun sind sie der Ansicht, dass Rubinowitz in seinem Buch "Irma" so offensichtlich zahlreiche Sätze und Passagen wörtlich oder sanft abgewandelt dem großen Internetlexikon entnommen habe, dass man das Buch "streckenweise auch "Irmapedia" nennen" könne. Bloß literarische Verfahrensweise oder schlicht Recherche? "Genau an dieser Stelle fährt der Verlag nun ungewollt seinem sorglosen Autor in die Parade. Denn Rowohlt hat dem Buch ein recht kleinteiliges Quellenverzeichnis angehängt - in dem allerdings keine einzige der Wikipedia-Stellen verzeichnet ist."

Benjamin Dreyer, Copy Editor (eine Art Schlussredakteur) bei Penguin Random House, erzählt in The Toast von seiner Arbeit und dem besonderen Glück, bislang unveröffentlichte Erzählungen der hochverehrten Shirley Jackson auf den Tisch zu bekommen: "I confess that I was oddly pleased to learn that my paragon was, in manuscript, not entirely infallible: Jackson goes to the well of "suddenly" and "and then" a bit too frequently (with the Hymans" approval, there are now quite a few fewer of those in the finished book), and she occasionally puts more pressure on the worthy semicolon than a semicolon can bear. (I may well, though I will not confirm it, on occasion have yelled at my screen "A period, for pete"s sake, a period!") But mostly, sentence after sentence, I was happily awed."

Mit ihrem Thriller "Havarie" ist der Berliner Schriftstellerin Merle Kröger "so etwas wie das Buch dieser Saison" gelungen, schreibt Bert Rebhandl in seinem Blog: "Die Ströme von Menschen nach Europa, auf die wir durch Nachrichten von sinkenden Booten und achtlos verstauten Leichen immer wieder aufmerksam werden, diese Ströme zerlegt Kröger in ihre Bestandteile."

Weitere Artikel: Roman Bucheli besucht für die NZZ die neue Dauerausstellung des Marbacher Literaturmuseums. In der FAZ stellt ein begeisterter Andreas Platthaus Sydney Paduas bislang noch nicht ins Deutsche übertragenen Comic "The Thrilling Adventures of Lovelace and Babbage" vor, von dem es hier immerhin einen kleinen Vorgeschmack gibt. Herta Müller wird mit dem Tübinger Hölderlin-Preis ausgezeichnet, meldet der Standard.

Besprochen werden außerdem Vladimir Sorokins Roman "Telluria" (Standard), S. Corinna Billes Alpenthriller "Venusschuh" (Standard), Ianina Ilitchevas Buch "183 Tage" (Standard), Arthur Conan Doyles Schiffstagebuch mit dem schönen Titel "Heute dreimal ins Polarmeer gefallen" (NZZ), Iris Hanikas "Wie der Müll geordnet wird" (taz), Polina Scherebzowas "Polinas Tagebuch" über die Zeit des Tschetschenienkriegs (Berliner Zeitung), Carola Saavedras "Blaue Blumen" (Tagesspiegel), Jan Koneffkes "Ein Sonntagskind" (Tagesspiegel), Stephan Wackwitz" "Die Bilder meiner Mutter" (SZ) und Ernst Robert Curtius" "Briefe aus einem halben Jahrhundert" (FAZ).
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Kunst


Foto: Gianni Berengo Gardin

In Venedig wurde eine Ausstellung von Gianni Berengo Gardins Fotografien der täglich die Stadt durchfahrenden Riesenkreuzer von Oberbürgermeister Luigi Brugnaro kurzfristig auf unbestimmte Zeit verschoben, erzählt Thomas Steinfeld in der SZ. "Der Mitte-Rechts-Politiker ist der Ansicht, dass die Ausstellung Touristen ein negatives Bild der Stadt vermittelt. Gardins Ausstellung zeige eine einseitige Sicht des Problems mit den Kreuzfahrtschiffen, meinte Brugnaro laut der Tageszeitung La Repubblica am Montag", berichtete letzte Woche die NZZ.

Besprochen werden die große Foto-Ausstellung "When We Share More Than Ever" im Musem für Kunst und Gewerbe in Hamburg (taz) und Jürgen Kloosterhuis" Studie "Menzel militaris: Sein "Armeewerk" und das "Leuthen"-Bild im militärhistorischen Quellenkontext" (SZ).
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Bühne


Rosemary Butcher: Touch The Earth (1987), Foto: Chris Ha

Der Berliner "Tanz im August" ermöglicht unter anderem eine willkommene Wiederbegegnung mit dem Tanz der Achtziger Jahre, der keineswegs so tot gewesen sei, wie Alastair Macauly das kürzlich in der New York Times postuliert hat, schreibt Dorion Weickmann in der SZ: Die wiederbelebten Choreografien von Lucinda Childs und Rosemary Butcher "offenbaren eine Einheit in der Vielfalt, ein auf Könner- und Kennerschaft gegründetes Selbstbewusstsein, aus dem sich die Energie der Erneuerung speist. So gewappnet eroberte eine Generation heute Siebzigjähriger die westliche Tanzszene, geeint in dem Entschluss, aus dem Theater wie aus der eigenen Disziplin auszubrechen."

Besprochen wird Johan Simons" zur Eröffnung der Ruhrtriennale gezeigte Musiktheaterbearbeitung von Pasolinis "Accatone" (FR, Standard, mehr dazu im gestrigen Efeu).
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Architektur

Klaus Englert berichtet in der taz von der Eröffnung von José Selgas" und Lucía Canos Londoner Serpentine Pavillon, die damit "Mut zur Plastikwelt" beweisen. Besprochen wird die Ausstellung "Radikal Modern" in der Berlinischen Galerie (NZZ).
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Film


Best of Enemies: William F. Buckley und Gore Vidal

Im Guardian erinnert sich Jay Parini recht genussvoll an die intellektuelle Fehde zwischen dem linken Gore Vidal und dem erzkonservativen William F. Buckley, der die Doku "Best of Enemies" jetzt ein Denkmal setzt. Hübsch die Szene, als Vidal Buckley einen Krypto-Nazi nannte: "Es war eine tödliche Behauptung, Buckley kräuselte seine Lippen und höhnte: Jetzt hör mal gut zu, du Schwuchtel. Nenn mich nicht Krypto-Nazi, sonst schlag ich Dir Deine verdammte Visage zu Brei."

Weiteres: In der Spex philosophiert Georg Seeßlen über Zweck und Wesen des Filmschnitts. Besprochen werden Özgür Yildirims Thriller "Boy 7" (ZeitOnline) und Steven Soderberghs ab heute auf ZDFneo gezeigte Krankenhausserie "The Knick" (FR, SZ).
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Musik

Was vor wenigen Monaten als Ankündigung noch ungläubiges Staunen hervorgerufen hatte, geschieht nun tatsächlich: Laibach fliegen für ein Konzert auf offizielle Einladung nach Nordkorea, wo sie unter anderem nordkoreanische Volksweisen und, man höre und staune, Stücke aus dem Musicalklassiker "The Sound of Music" zum Besten geben werden. Aber unterstützt man damit nicht ein totalitäres System, fragt Jan Kedves (SZ) bang bei Laibach-Labelchef Daniel Miller nach. Dessen Antwort: "Wenn es in einem Land, das man besucht, keine Meinungsfreiheit gibt, dann ist das vielleicht umso mehr ein Grund, dort aufzutreten. In dem Land nicht zu spielen wäre in gewisser Weise auch eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Ich glaube daran, Diskussionen zu führen, nicht daran, Diskussionen stillzulegen. Wenn man die Menschen in einem Land komplett von allem abschneidet, ist damit auch niemandem geholfen."

Weitere Artikel: Die Folk-Soul-Sängerin Lianne La Havas spricht im Interview mit der Welt über Jamaika, Ruhm und ihr neues Album "Blood". Michael Stallknecht porträtiert in der SZ den Mandolinisten Avi Avital, dem es derzeit gelinge, "für sein Instrument völlig neue Publikumsschichten zu erobern". Die erste Ruhrtriennale unter Johan Simons sucht ein neues Profil samt neuer Publikumsschichten, berichtet Christopher Warmuth in der FAZ nach dem Besuch des Musikabends "Ritournelle", wo unter anderem The Notwist und Caribou auftraten: Dort hämmerten überdies "zig Bands und DJs (...) zwölf Stunden lang auf Knöpfen herum und ziehen Regler hoch, als gäbe es kein Morgen mehr."

Besprochen werden Father John Mistys Album "I Love You, Honeybear" (Presse), ein Konzert der Geigerin Isabelle Faust in Lucerne (NZZ), die Konzerte der Nationalen Jugendphilharmonie der Türkei und des Guangzhou- Symphonieorchesters bei Young Euro Classic in Berlin (hier und dort beim Tagesspiegel).
Archiv: Musik