Efeu - Die Kulturrundschau

Das gnadenlos Persönliche

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17.08.2015. Die Eröffnung der Ruhrtriennale mit Johan Simons' Inszenierung von Pasolinis "Accatone" lässt die Kritiker kalt: Zuviel Schauspielerschweiß, kritisiert die SZ, zuviel Deluxe-Kunst, moniert die Welt. In der Presse erklärt der Komponist HK Gruber, warum ihm Weill näher ist als Schönberg. Die NZZ stellt Veteran-Writers vor, die über den Irakkrieg schreiben. Die FAZ staunt vor spanischen Skulpturen über die Zumutungen des Christentums. Die Filmkritiker ziehen Bilanz in Locarno.

Bühne


Mandela Wee Wee, Steven Scharf, Steven van Watermeulen, Benny Claessens, Pien Westendorp, Laura Mentink in "Accatone". Inszenierung: Johan Simons. Bild © Julian Röder

Unter viel Industriehallen-Staub und regem Publikumsandrang eröffnete am Freitag die erste Ruhrtriennale unter Johan Simons" mit einer Musiktheaterbearbeitung von Pasolinis "Accatone". Recht schlau ist Eva-Elisabeth Fischer von der SZ daraus allerdings nicht geworden: Pasolinis ohne die historische Situation im Italien nach dem Zweiten Weltkrieg kaum denkbarer Stoff stehe hier recht lose im Raum, meint sie, "zumal [Simons] ausgerechnet die elementare, zeitlos-menschliche Dimension der Geschichte eliminiert ... Stattdessen fließt viel Schauspielerschweiß. Accatone und seine Kumpel müssen, sich im Staub wälzend oder in einem Erdloch kriechend, Naturalismus mimen, um diesen im nächsten Augenblick, dramaturgisch widersinnig, zu durchbrechen, indem sie Szenenanweisungen vortragen. ... Selbst Benny Claessens weiß diesmal nicht recht, was er mit seinem massigen Körper anfangen soll, flaggt viel am Boden herum und fängt irgendwann an, als vermeintlich leidende Kreatur immer wieder viehisch zu röhren."

Auch Eleonore Büning bespricht den Auftakt in der FAZ eher verhalten, zeigt aber mit Blick auf Simons" weitere Festivalambitionen guten Willen: "In jeder einzelnen der Kreationen, die nun zu erwarten sind, geht es darum, auszuprobieren, wie die Kunst politisch eingreifen kann ins Leben und umgekehrt, wie all die außergewöhnlich aufgeladenen Spielorte in dieser gebeutelten Region zurückwirken auf die Kunst. "Accattone", das war nur der Anfang."

In der Welt findet Manuel Brug die proletarische Attitüde wenig überzeugend. Aber sie passt ganz gut zum Ort, der renovierten ehemaligen Zeche Lohberg in Dinslaken: "In Wuppertal hat man das Schauspielhaus geschlossen und lässt ein Rumpfensemble in einer umgebauten Garage spielen. In Essen wurden Philharmonie und Aalto-Opernhaus fusioniert. In Köln regieren Klüngel und Disaster über die heimatlosen Städtischen Bühnen im Umbau. Die ungleiche Theaterehe Duisburg-Düsseldorf hat eben mal wieder ihre Scheidung vertagt; in Dortmund wird gekürzt; in Hagen steht die Oper am Abgrund. Aber für sechs Spätsommerwochen werden alte Industriedenkmäler schlagzeilenträchtig teuer spielfertig gemacht und wie Ufos mit internationaler Deluxe-Kunst befüllt. Danach kann sich aber keine Kommune den kulturellen Unterhalt der unter Denkmalschutz stehenden Monsterhallen leisten."

Weitere Artikel: Sandra Luzina (Tagesspiegel) und Astrid Kaminski (taz) berichten vom Auftakt des Berliner "Tanz im August". Helmut Ploebst resümiert im Standard das ImpulsTanz-Festival in Wien.

Besprochen werden ein konzertanter "Werther" bei den Salzburger Festspielen mit Angela Gheorghiu und Piotr Beczała (Presse), Tschaikowskys Violinkonzert mit den Wiener Philharmonikern und Anne-Sopie Mutter in Salzburg (Presse), eine auf Schloss Rheinsberg gezeigte "La Traviata" (Tagesspiegel) und Jules Massenets in Salzburg aufgeführter "Werther" (FAZ).
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Kunst

Kerstin Holm (FAZ) staunt sehr bei ihrem Besuch im Nationalen Skulpturenmuseum in Valladolid in Spanien: Wo christliche Skulpturen zentraleuropäischer Machart in der Regel auf Gravitas setzen, bietet sich hier eine wahre Lust an der expressiven Darstellung von Schmerz: Alonso Berruguetes "hölzernen Figuren fehlt die muskulöse Statuarik, was nichts mit ihrem leichten, warm organischen Material zu tun hat. Berruguete schnitzt sehnig nervige Körper, die von kreatürlichem Leid, ja Panik übermannt werden. Der physische Schwerpunkt fehlt ihnen, ebenso wie die psychische Mitte eines Subjekts. ... Selten wurden die menschlichen Zumutungen des Christentums auf so drastische und so zeitlose Weise verdeutlicht." (Bild: San Gregorio)

Weitere Artikel: Christiane Peitz (Tagesspiegel) bringt Hintergründe zu den Streitigkeiten zwischen der Zeit und Ai Weiwei, der der Hamburger Wochenzeitung vorwirft, ein verfälschendes Interview mit ihm veröffentlicht zu haben, was diese jedoch vehement bestreitet. Anne Katrin Fessler unternimmt für den Standard einen Streifzug durch Salzburger Galerien. Im Hamburger Hafen hat das Künstlerkollektiv Geheimagentur ein Kreuzfahrtterminal eröffnet, berichtet Alexander Kohlmann in der taz.

Besprochen wird Christoph Kellers Ausstellung "Grey Magic" in der Galerie Esther Schipper in Berlin (Tagesspiegel).
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Film


Szene aus Hong Sang-soos in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichneten Films "Right Now, Wrong Then"

Am Wochenende ist das Filmfestival von Locarno zu Ende gegangen (hier alle Gewinner im Überblick). Im Tagesspiegel zieht Anke Leweke Bilanz: Sie erlebte "ein Festival der Geisterlandschaften und Entfremdungsszenarien. Phantome und Gespenster bevölkerten die Leinwände, Menschen, die den Anschluss verloren haben, denen etwas abhanden gekommen ist. Und doch: Nie ging man mit einem beklommenen Gefühl aus dem Kino und fühlte sich mit der Tristesse allein gelassen." In der taz schwelgt Michael Pekler in der "faszinierend unheimlichen Atmosphäre" von Mauro Herces Dokumentarfilm "Dead Slow Ahead" und lobt den Wettbewerb, in dem ausgesprochen viel "experimentierfreudiges Kino" zu sehen war. In der FAZ berichtet Michael Ranze, der insbesondere von "Paradise", dem heimlich entstandenen Debüt des iranischen Regisseurs Sina Ataeian begeistert war: "Für die Emanzipation einer Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft findet er immer wieder überraschende, mitunter bizarre Bilder." Auf critic.de berichtet Hannes Brühwiler von seinen Entdeckungen, in der NZZ schreibt Susanne Ostwald.

In einem Themenschwerpunkt befasst sich das SZ-Feuilleton heute in Form zahlreicher kleiner Notizen mit neuen Formen von Unendlichkeit und Unabgeschlossenheit in Kunst, Gesellschaft und Kultur. In der Einleitung bescheinigt Bernd Graff der neuen Sequel- und Binge-Watching-Kultur in Film und Fernsehen einen "Wunsch nach nicht abgeschlossenen, nicht abschließbaren Geschichten, nach einem Kontinuum, das völliges Eintauchen in die gezeigten Welten ermöglicht, die gerne fiktional, aber bitte nicht endlich sein dürfen".

Besprochen werden die neue HBO-Miniserie "Show Me A Hero" von "Wire"-Mastermind David Simon (Zeit, Vanity Fair) und die Comicverfilmung "Fantastic Four" (SZ).
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Archiv: Film

Literatur

In der NZZ stellt Sven Ahnert Irak-Veteranen vor, die sich ihre Kriegserlebnisse von der Seele zu schreiben versuchen: "Eine locker befreundete Gruppe solcher Veteran Writers hat sich 2011 in der White Horse Tavern versammelt, um sich über eigene Texte und Literatur zum Krieg auszutauschen. Mit am Stammtisch der berühmten New Yorker Künstlerkneipe saßen auch die Irak-Veteranen Colby Buzzell, Matt Gallagher und Phil Klay; sie rezitierten Texte, diskutierten und empfahlen einander Bücher ihrer literarischen Vorbilder wie Joseph Hellers "Catch 22", Isaak Babels "Reiterarmee" oder Tolstois "Krieg und Frieden". Unter dem Titel "Fire and Forget" veröffentlichten diese Autoren eine Anthologie mit Erzählungen, die aus unterschiedlichsten Blickwinkeln die grausamen, gleichzeitig auch absurden und bisweilen grotesk-komischen Seiten des langen Krieges im Irak reflektieren."

Weitere Artikel: Der Standard bringt einen Auszug aus Ilija Trojanows neuem Roman "Macht und Widerstand". Die FAZ hat Felicitas von Lovenbergs Empfehlungen für den Bücherherbst online gestellt. Nachrufe auf den spanischen Schriftsteller Rafael Chirbes schreiben Judith von Sternburg (FR), Jan Marot (Welt), Kersten Knipp (NZZ), Paul Ingendaay (FAZ) und Sebastian Schoepp (SZ).

Besprochen werden Andreas Maiers "Der Ort" (FAZ), Barbara Honigmanns "Chronik meiner Straße" (Zeit), Moritz Stetters Comicadaption von Kafkas "Das Urteil" (Tagesspiegel) und der 1970 erschienene, jetzt erstmals auf Deutsch vorliegende Roman "Eden, Eden, Eden" von Pierre Guyotat (SZ).

In der von der FAZ online nachgereichten Frankfurter Anthologie denkt Dirk von Petersdorff über Tadeusz Dabrowskis Gedicht "Auflösung" nach:

"Heute habe ich aus deinem Aktfoto ein Auge ausgewählt
und bis zum Rand des Bildschirms vergrößert, bis
zur äußersten Auflösung (und die ist so hoch,
..."
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Architektur


Die renovierte Sayner Hütte

In Bendorf wurde die Sayner Hütte, eine Industriehalle aus dem 19. Jahrhundert, restauriert und als Ausstellungs- und Veranstaltungsort erschlossen. Andreas Rossmann, der dem Gebäude für die FAZ einen Besuch abgestattet hat, ist beeindruckt: "Selten ist das Attribut "Industriekathedrale" so zutreffend: Die Statik folgt dem Tragwerkskonzept einer gotischen Kirche mit Haupt- und Seitenschiffen, die Obergadenfenster ließen die Rauchgase abziehen, und an der verglasten Westfront werden alle Lasten über vertikale Stützen und geschwungene Bauteile abgeleitet. Eine Pionierleistung der Ingenieurbaukunst. ... Dass der "Bauconducteur" Althans, der kein Architekt, sondern ein vielseitig gebildeter Mechaniker und Mathematiker war, auf die neuartige Konstruktion gekommen ist, grenzt an ein Wunder."

Außerdem jetzt online bei der Zeit: Hanno Rauterbergs umfangreicher Hintergrundbericht zu den Wiener Debatten über die Verurteilung des Architekten Adolf Loos 1928 wegen Pädophilie. In der Welt ruft Tilman Krause den Verfechtern von verkehrsberuhigten "Begegnungszonen" in Berlin zu: Zieht doch in die Lüneburger Heide! Samuel Herzog besucht für die NZZ das Gartenreich Dessau-Wörlitz und fürchtet anschließend im Traum "zwischen einer Sau und einem Geranienphallus zerquetscht zu werden".
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Musik

Am Samstag gibt das Ensemble Modern bei den Salzburger Festspielen eine konzertante Aufführung der "Dreigroschenoper". Im Interview mit der Presse erklärt der Komponist HK Gruber, der die Aufführung dirigieren wird, warum ihm Weill näher ist als Schönberg. Das ging ihm schon den 60ern so, als in Darmstadt die serielle Technik aus der Zwölftonmusik entwickelt wurde: "Für mich muss der Komponist eine Sprache entwickeln, die sich ohne fachkundige Einführungsvorträge direkt ans Publikum wendet und sofort verstanden wird. Da sind Kurt Schwertsik und ich auf eine Idee gekommen, für die wir als "Wiener Kasperln" bezeichnet wurden. Wir haben "MOB art & tone Art" gegründet, ein Pendant zu dem, was Weill und Eisler in Berlin entwickelt haben: Vereinfachung der Musik, ohne auf Komplexität zu verzichten. Wir haben Rhythmus, Harmonie und Melodie als die drei wichtigsten Elemente der Musik angesehen. Das war damals ein Vergehen, für das man aus dem Zentralkomitee Neuer Musik fristlos ausgeschlossen wurde."

Die Schriftstellerin Olga Flor war für den Standard beim Björk-Konzert in Berlin und staunt über die ganz großen Gesten der Musikerin: "Sie untermalt den Spott mit den Händen, sie vernäht ihre Wunden, ummantelt sich selbst: Das gnadenlos Persönliche, das man nur zu leicht geneigt ist, in Björks Auftritten zu erkennen, ist allerdings auch ein - bei dieser Künstlerin immer ausgesprochen raffinierter - Kunstgriff. Die Sängerin ist Teil der Inszenierung, eine Art Harlekinfigur, und als solche ebenso ein Kunstprodukt wie etwa, das sage ich jetzt einfach so, eine Ichinstanz in einem literarischen Text."

Weitere Artikel: Die NZZ brachte am Samstag zum Beginn des Lucerne Festivals eine Beilage über Humor und Musik, die jetzt online ist: Hier Christian Wildhagens Einleitung, alle weiteren Artikel finden Sie hier. Für die taz trifft sich Stephan Szillus mit dem Rapper Chefket, der sich in seinen Texten mit den genre-typischen Kraftmeiereien sehr zurückhält: "Meine Musik soll man auch seiner Oma vorspielen können." Die Jungle World bringt den vierten Teil von Uli Krugs Reihe über die Geschichte der britischen Mods. Die Zeit reicht online Wlada Kolosowas Porträt der jungen Volksmusikerin Corinna Zollner nach, die einräumt, auch schon mal AC/DC zu hören: Aber nur, "wenn ich ganz wild bin".

Judith von Sternburg (FR), Josef Engels (Welt), Christian Schröder (Tagesspiegel), Helmut Mauró (SZ) und Ulrich Olshausen (FAZ) schreiben zum Tod des Swingmusikers Max Greger.

Besprochen werden der Berliner Auftritt von Rapper Marteria (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), das neue Album der Progressive-Hardcore-Band Blind Idiot God (taz), ein Konzert des West-Eastern-Divan Orchestra unter Daniel Barenboim (Tagesspiegel) und das New Yorker Abschiedskonzert von Mötley Crüe (SZ).
Archiv: Musik