Efeu - Die Kulturrundschau

Heroische Phase eines Kulturprogramms

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26.06.2015. Die NZZ besucht eine wunderbar bunte Raupe in den Kensington Gardens. Im Standard plädiert die Autorin Valerie Fritsch für Experimentierfreudigkeit auf allen Gebieten - Kabelbinder eingeschlossen. Die FR blickt zurück auf sechzig Jahre Radio-Essay im SWR. Die nachtkritik, taz und Welt freuen sich über René Polleschs Revue "Keiner findet sich schön" an der Berliner Volksbühne: "nicht ein bisschen toll, nicht toll, sondern toll-toll". Und Monsanto ist tief enttäuscht über Neil Young, meldet der Standard.

Architektur


2015 Serpentine Pavilion designed by SelgasCano 2015 External indicative CGI. © Steven Kevin Howson / SelgasCano

Marion Löhndorf besucht für die NZZ den von José Selgas und Lucía Cano gestalteten Serpentine Pavilion 2015 in den Londoner Kensington Gardens, eine wunderbar bunte Raupe, deren Farben nachts hell erglühen. Einigen britischen Kritikern war das zu kindergeburtstaghaft, aber es dient alles einem Zweck, lernt Löhndorf: "Ähnlich wie die Architekten der Vorjahre, Sou Fujimoto (2013) und Smiljan Radić (2014), gehören auch die Schöpfer dieses Werkes nicht zu jenen Architekten, die sich um "ikonische" Arbeiten bemühen. Laut dem Co-Direktor der Serpentine Gallery Hans Ulrich Obrist sind sie "mehr daran interessiert, eine klimatische Situation, einen atmosphärischen Raum" zu schaffen und dabei ihr Augenmerk stärker darauf zu richten, wie sich ihre Gebäude "anfühlen". Technik, Material und Atmosphäre werden wichtiger als Fassaden."

In einem kurzen Videointerview mit Dezeen erzählt Direktorin Julia Peyton-Jones ein bisschen über den neuen Pavillon, während man im Hintergrund beim Aufbau zugucken und das Material genauer sehen kann.

Außerdem: Für die FAZ liest Michael Mönninger den von Olaf Gisbertz herausgegebenen Band "Bauen für die Massenkultur" über Stadt- und Kongresshallen der 60er und 70er Jahre und kommt dabei zu dem Schluss: "Als soziale Leistungsform haben die Versammlungsstätten große Verdienste; ihre ästhetische Erscheinung bleibt skurril und rätselhaft."
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Literatur

Alexander Kluge greift in die von Wolfram Schütte lancierte Perlentaucher-Debatte über die Zukunft der Kritik ein und sehnt sich nach "rettender Öffentlichkeit": "Meine Erfahrung mit dem Internet ist, dass es überraschende Volten schlägt. Wenn es derzeit in seinem Mainstream auf stumpfsinnige Weise die Realität durch Ungeduld, Kurzfassung, Anpassung und organisierte Gleichgültigkeit übertrifft, ist es umgekehrt auch gut für Wunder der Aufmerksamkeit."

Die österreichische Autorin Valerie Fritsch ("Winters Garten", hier unser Vorgeblättert) liest nächste Woche beim Bachmannpreis. Im Interview mit dem Standard freut sie sich über den Erfolg ihres Buchs und plädiert für Experiementierfreudigkeit auf allen Gebieten. Auch in der Literatur: "Nehmen Sie zum Beispiel "Fifty Shades of Grey": Auch wenn das keine große Literatur ist, hat sie unmittelbaren Einfluss auf die Welt. Allein die Vorstellung, dass Baumarktleiter ihre Mitarbeiter darin schulen, wie sie diskret mit dem enormen Anstieg der Nachfrage nach Kabelbindern umgehen sollen, führt zu einem Bild, das in sich schon wieder hochliterarisch und poetisch ist. Und wenn aufgrund dieses Buches jetzt mehr Leute Spaß beim Sex haben, finde ich das großartig."

Vor sechzig Jahren gründete Alfred Andersch im SWR die von an Anfang an als Experimentierlabor für Formen radiophoner Literatur angelegte Sendereihe "Radio-Essay", an der auch Gottfried Benn und Martin Walser mitwirkten. In der FR blickt Stephan Krass, Redakteur der heutigen Quasi-Nachfolgereihe SWR2-Essay, mit sichtlichem Stolz zurück: Die Anfangsjahre lassen sich "durchaus als heroische Phase eines Kulturprogramms bezeichnen, das bundesrepublikanische Kulturgeschichte geschrieben hat. Hier spielten die intellektuellen Debatten, hier fand die Avantgarde aus Literatur und Musik ihren Ort, hier hatte die Kritik einen prominenten Platz. Und nicht zuletzt nahm der Radio-Essay ähnlich wie vergleichbare Nachtstudio-Programme der ARD einen mäzenatischen Auftrag wahr." Also beinahe so eine schöne intellektuelle Spielwiese, wie sie heute das Internet bieten kann? Der SWR selbst bringt zum Jubiläum ein Interview mit Krass. Und die Radioessays der letzten Monate kann man hier herunterladen und nachhören. Das Archiv bleibt dem Gebührenzahler allerdings verschlossen.

Weitere Artikel: Im Logbuch Suhrkamp berichtet der Schriftsteller Andreas Maier weiter von seinem "Jahr ohne Udo Jürgens", in dessen Zuge er heute auf "die Phänomenologie des Alterns" stößt. Die Jungle World hat Rayk Wielands Nachruf auf Harry Rowohlt online nachgereicht.

Besprochen werden Naoki Urasawas Manga "Billy Bat" (NZZ), Jan-Willem van Ewijks "Atlantic" (Tagesspiegel), Ulrike Almut Sandigs "Buch gegen das Verschwinden" (ZeitOnline), Ayelet Gundar-Goshens "Löwen wecken" (SZ) und Michail Prischwins im Original bereits 1922 veröffentlichter, jetzt übersetzt vorliegender Roman "Der irdische Kelch", der in Bert Rebhandl die Sehnsucht danach weckt, Russisch lesen zu können: "Als literarischer Text (...) eine große, bereichernde Herausforderung."
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Film

Aus Solidarität mit dem seit einem Jahr von den russischen Behörden inhaftierten Regisseur Oleg Sentsov veranstaltet das Berliner Kino Babylon Ukrainische Filmtage, berichtet Claus Löser in der Berliner Zeitung, der seinen dort nicht online veröffentlichten Artikel kurzerhand auf Facebook gestellt hat.

Außerdem: Variety meldet den Tod von "Mit Schirm, Charme und Melone"-Star Patrick Macnee.

Besprochen werden Frédéric Tschengs Dokumentarfilm "Dior und ich" (critic.de, FR, ZeitOnline, Tagesspiegel, FAZ), Sung-Hyong Chos Dokumentarfilm "Verliebt, verlobt, verloren." über koreanische Liebespaare (FR, critic.de, taz), Marc Brummunds "Freistatt" (critic.de), Kornél Mundruczós "Underdog" (Welt) und Nabil Ayouchs beim Filmfest München gezeigter Film "Much Loved" (SZ).
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Archiv: Film

Musik

Neil Young hat ein neues Album herausgebracht. Es ist richtig gut und ärgert Monsanto, freut sich Karl Fluch im Standard: "Im selben Atemzug, mit dem er über "fascist politics and chemical people" singt, bekommen Starbucks, Walmart und Chevron ihr Fett ab. Ihr Einfluss auf Politik und die ihnen zugestandenen Privilegien sind Young ein Dorn im Hippiefleisch. Immerhin reicht seine Reputation aus, um, mit Ausnahme von Chevron, allen angegriffenen Firmen Stellungnahmen abzuringen. Monsanto zeigte sich in einer Aussendung menschlich enttäuscht, gebe es doch unter seinen Mitarbeitern viele Neil-Young-Fans."

Weitere Artikel: Manuel Brug hört sich für die Welt in neun Tagen durch 300 Händel-Arien, sieben Countertenöre, fünf Opern und vier Konzerte und will jetzt noch mehr Barock. Katja Schwemmers (Berliner Zeitung) plaudert mit Jimmy Sommerville unter anderem über die zeitlosen Qualitäten von Disco. Bob Dylan ist "auf ganz unterschiedliche Weise noch immer zu berühren in der Lage", schwärmt Karl Bruckmaier (SZ) nach dem Bamberger Konzert des Folkmusikers. Anlässlich der Wanderausstellung über den Westberliner "Geniale Dilletanten"-Musikunderground der 80er Jahre bringt ZeitOnline eine Bilderstrecke.

Besprochen werden der Auftritt von Haindling in der Frankfurter Oper ("Haindling (...) tut der Welt gut", seufzt Thomas Stillbauer in der FR), das neue Album der Noise-Punks Lightning Bolt, bei deren Musik sich Jens Uthoff (taz) wie "unter Strom gesetzt" fühlt, ein Konzert des Wu-Tang Clans (Fabian Wolff beklagt im Tagesspiegel "Wu-Wartezeiten und Wu-Enttäuschungen), das erste neue Album von Refused seit 1998 (Pitchfork, "stilistisch abwechslungsreich und ziemlich belanglos", gähnt Kristoffer Cornils in der Spex) und ein neues Livealbum des Sun Ra Arkestras unter Leitung von Marshall Allen (taz).
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Design

Die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig stellt Plakate der russischen Avantgarde aus. Höchst angeregt verlässt Kerstin Holm (FAZ) die Ausstellung, die "jenen revolutionären Sprung in eine eigenständige Zeichenwelt [veranschaulicht], die mit ihren wechselnden Buchstabengrößen, dynamischen Diagonalen und der frechen Kontrastfarbigkeit so frisch und aktuell wirkt, als produziere jene "Ohrfeige gegen den öffentlichen Geschmack", wie das futuristische Manifest von 1912 hieß, immer noch Adrenalin." (Bild: V. Stenberg, G. Stenberg Poster "In spring" 1929)
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Kunst


Bild: Jean-Etienne Liotard / Kunsthalle Karlsruhe

Wie konnte eine junge Frau, Mitte dreißig, vom Schreibtisch in der badischen Provinz aus mit bescheidenen Mitteln eine so anspruchsvolle und individuelle Kunstsammlung aufbauen, fragt sich eine staunende Andrea Gnam, die für die NZZ eine Karlsruher Ausstellung der Gemäldesammlung der badischen Markgräfin Karoline Luise besucht hat und dort Antworten auf ihre Fragen fand: "Das Phänomen der ebenso kunstsinnigen wie geschäftstüchtigen, ambitionierten und wissbegierigen Fürstin, die sich innerhalb eines ausgedehnten Netzwerks von Agenten, Händlern und Gelehrten sowie in den eigenen Reihen geschickt und selbständig zu bewegen weiß, wird in der Ausstellung (kuratiert von Holger Jacob-Friesen) in seinen internationalen Verflechtungen und Wechselwirkungen begreifbar."

Weiteres: Das ZeitMagazin bringt Paolo Pellegrins tolle Fotografien vom Hamburger Hafen. Außerdem hat die FAZ Andreas Platthaus" begeisterte Besprechung der Gérard-Dagly-Ausstellung im Museum für Lackkunst in Münster online gestellt. Besprochen wird außerdem die Lea-Lublin-Retrospektive im Münchner Lenbachhaus (SZ).
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Bühne


Kitsch beim Entweder-Oder-Abend, trotzdem toll: Fabian Hinrichs in René Polleschs "Keiner findet sich schön". © Lenore Blievernicht

Fabian Hinrichs tut René Pollesch gut, meint Wolfgang Behrens von der Nachtkritik nach dem Besuch der Premiere der Liebeskummer-Revue "Keiner findet sich schön" an der Berliner Volksbühne: Nicht nur habe der Schauspieler den Regisseur einst die Langsamkeit gelehrt, nun zerlegt er ihm auch das Diskurs-Instrumentarium. Und auch wenn der Kritiker "O je, was für ein Kitsch" ausruft, findet er den Abend "nicht ein bisschen toll, nicht toll, sondern toll-toll", was insbesondere für Hinrichs gilt: "Während er ruhelos über die Bühne tigert, folgt sein Sprechen einer Art Grundmuster: Mit weicher Stimme, nah am Falsett, steuert er einen Hochton an, hält ihn, um bei den Interpunktionen ungefähr eine Terz in der Tonhöhe zu fallen - herauskommt ein nahezu sakral anmutender Singsang, eine lange Litanei. Was einschläfernd sein könnte, wirkt bei Hinrichs aber unendlich einnehmend, weil er dieses Grundmuster in ständiger Bewegung hält und unablässig variiert."

Hingerissen ist auch taz-Kritikerin Esther Slevogt: "Nun ist René Pollesch endlich der Romantiker geworden, den wir schon immer in ihm vermutet haben", jubelt sie. In der Welt denkt Hannah Lühmann bei jedem Satz: "Ja. Ja. Ja, verdammt, genauso ist es. So ist mein Leben. Ich brauche ein Gesicht, das ich wachküssen möchte." Nur Irene Bazinger macht in der FAZ ein langes Gesicht: Dieser "belanglose Entweder-oder-Abend redet dem Publikum gezielt nach dem Zeitgeist-Maul."

"Das wird ein heikles Wochenende", bangt Dirk Pilz in der FR angesichts Milo Raus für Berlin angekündigtem Kongo-Tribunal, das nichts weniger als die Schuldfrage der sechs Millionen Tote in Kongo seit dem ruandischen Genozid in den Neunzigern klären will und zwar mit den Mitteln des Theaters, was bei Stillbauer viele Fragen aufwirft: "Theoretisch lässt sich vieles gegen solche aktivistische Kunst einwenden. Spielt sich das Theater hier als Weltretter auf? Wird der Zuschauer in eine moralische Erpressersituation gebracht? Geht solche Kunst auf Kosten der Beteiligten? ... Verhebt sich das Theater nicht mit solchen Vorhaben?"

Weiteres: Im ZeitMagazin spricht Evelyn Finger mit dem israelischen Choreografen Rami Be"er. Für die Berliner Zeitung porträtiert Ingeborg Ruthe den Performance-, Tanz- und Installationskünstler Tino Sehgal, der derzeit den Berliner Gropiusbau bespielt.

Besprochen werden Monteverdis "Orfeo" in der Choreografie von Sasha Waltz im Festspielhaus Baden-Baden ("Gerade in der scheinbaren Selbstbeschränkung trifft Sasha Waltz den Nerv des Stücks", hält eine begeisterte Lotte Thaler in der NZZ Kritikern entgegen, die Waltz Harmlosigkeit vorwarfen), Halory Goergers und Antoine Defoorts in Frankfurt aufgeführtes Stück "Germinal" (FR), Baldassare Galuppis in Würzburg gezeigte Oper "Alessandro" (FAZ)und Jérôme Bels in Berlin gezeigte "Gala" (Nachtkritik, SZ).
Archiv: Bühne