Efeu - Die Kulturrundschau

Gibt es ein Muster hier?

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23.05.2015. Zum 750. Geburtstag von Dante Alighieri erklärt Kurt Flasch der Welt, warum es sich noch immer lohnt, die "Divina Commedia" zu lesen. Die NZZ wohnt bei der Pariser Erstaufführung von Ernest Chaussons "Le Roi Arthus" einem Opernereignis von musikhistorischem Rang bei. Die Welt träumt von Yannick Nézet-Séguin als Chef der Berliner Philharmoniker. Und in Cannes diskutieren die Kritiker über die Wampe von Gérard Depardieu.

Architektur


Schotten dicht, Poller hoch: die EZB, von Nordwesten gesehen. (Foto: Epizentrum)

Laura Weißmüller staunt in der SZ nicht schlecht über den enormen Aufwand, mit dem die Europäische Zentralbank in Frankfurt ihren Raum der Öffentlichkeit entzieht. "Die EZB schützt sich wie eine Festung. Ungewollt wird der Bau damit zum Symbol, wie es Europa momentan mit seinen Nachbarn hält: Schotten dicht, Poller hoch." Umso grandioser sei aber der Blick über die Stadt, der sich in den oberen Etagen des Gebäudes bietet: "Doch der Blick täuscht. Denn eines sieht der Präsident der EZB von oben nicht: Wie abgeschottet er da sitzt, hinter seinem Burggraben."

Besprochen werden eine Ausstellung des Industrie- und Architekturfotografen Ernst Scheel (1903-1986) in der Freien Akademie der Künste Hamburg (NZZ) sowie die Ausstellung "SECTOR 17" mit Werken von Werner Feiersinger, Andreas Fogarasi, Adrien Tirtiaux, Sharon Ya"ari, Anna Artaker und Meike S. Gleim in der Galerie Martin Janda in Wien (Standard).
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Bühne

"Es gibt sie also noch, die Opernereignisse von wirklich musikhistorischem Rang", schreibt Christian Wildhagen in der NZZ anlässlich der Pariser Erstaufführung von Ernest Chaussons Oper "Le Roi Arthus" aus dem Jahr 1895: "Die Initiative dazu ging von Philippe Jordan aus, dem Musikdirektor der Opéra. Er hatte Chaussons Werk in einer Aufführung seines entdeckungsfreudigen Vaters Armin gehört und schon als Jugendlicher beschlossen: Dieses Stück werde ich eines Tages selbst dirigieren. Er tut dies nun mit einer Überzeugungskraft, die einen unmittelbar für die Oper ein- und restlos gefangen nimmt. Es ist zugleich eine der ausgewogensten und stilistisch differenziertesten Leistungen Jordans mit dem Pariser Hausorchester seit Jahren."

Weiteres: Der Dramatiker Jean Genet wird an deutschen Bühnen wiederentdeckt, berichtet Irene Bazinger in der Welt. Barbara Villiger Heilig (NZZ) sucht im Werk von Peter Zadek nach Spuren seiner italienischen Existenz. Jakob Hayner (Jungle World) bilanziert das Theatertreffen: Elfriede Jelineks "Schutzbefohlene" fand er sehr überzeugend, Castorfs umstrittene "Baal"-Inzenierung überzeuge "als Idee, ist jedoch als Bühnengeschehen nicht stimmig." Besprochen wird Yasser Mroués in Wiesbaden aufgeführtes Stück "Riding on a Cloud" (FR).
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Film




Gemeinsam durch dick und dünn: Französische Eheleute im Death Valley. Bild: Filmfestival Cannes.

Ecce Wampe! Wenn Gérard Depardieu sich in Guillaume Nicloux" "The Valley of Love" nach Leibeskräften ins Zeug legt, hat SZ-Kritiker David Steinitz für die an der Seite des französischen Schauspielers auch agierende Isabelle Huppert keinen Blick mehr übrig: Diesem "Depardieu zuzusehen, der keine drei Schritte gehen kann, ohne dass die Haare ihm an der Stirn kleben, das Hawaiihemd durchnässt ist und er röhrt wie ein sterbender Wal - das ist schon eine merkwürdig perverse Schau". "Perfide" findet hingegen Joachim Kurz (kino-zeit.de), "wie sehr der Film mit der massigen Gestalt Depardieus spielt, diese immer wieder den Blicken des Zuschauers förmlich aufzwingt und Isabelle gleich als ersten Satz bei der Begegnung nach vielen Jahren sagen lässt: "Du bist aber dick geworden", als ginge es darum, den Zuschauer noch extra auf diesen offensichtlichen Umstand hinzuweisen. Dass Gérard Depardieu über weite Strecken des Films zudem (die Hitze im Death Valley macht"s möglich) mit entblößtem Oberkörper durch die Szenerien stapft, verstärkt des Eindruck des Exploitativen." Alles Quatsch, meint Lukas Stern auf critic.de: Dieser Film sei absolut "wunderbar", spätestens dann, wenn Huppert und Depardieu einander in der Wüste küssen, wohin sie gefahren sind, "nicht um dort (...) nach etwas zu suchen, sondern um dort gefunden zu werden." Mehr auf KeyFrame Daily.

Den bereits gestern ausführlich besprochenen 3D-Hardcore-Kunstporno "Love" von Gaspar Noé hält Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel für "unfreiwillig komisch". Frédéric Jaeger (critic.de) hat in dem Film zuviele Penis und zu wenig Schamlippen gesehen: "Das Leben ist keine Vagina", und auch ansonsten ist "Love" seiner Ansicht nach in erster Linie ein "Erguss, der sich an sich selbst ergötzt". Trotz vielversprechender Ansätze "zerfurcht [Noés Film] sich in der zweiten Hälfte in irgendetwas", meint da auch Lutz Meier genervt in seiner zweiten großen Textlieferung für den Perlentaucher. Paolo Sorrentinos Film "Youth" (mehr) hält er immerhin für "den schönsten und intelligentesten Kommentar zur Sehnsucht".

In ihrem FAZ-Blog stellt Verena Lueken fest, dass die drei ärgerlichsten Filme, die sie dieses Jahr in Cannes gesehen hat, von Französinnen inszeniert wurden, und wittert eine zynische Strategie: "Machen die Festivalleute das mit Absicht? Um zu zeigen, jetzt laden sie schon zwei Französinnen in den Wettbewerb ein, aber die bringen es ja gar nicht? (...) Gibt es ein Muster hier? Und heißt das Muster: Frau, oder: Frankreich? Oder: Böse Absicht? Oder einfach: Dumm gelaufen?"

In der Print-FAZ dankt Lueken Jacques Audiard für eine der "irrsten Action-Szenen, die hier zu sehen waren, roh und überraschend und unaufgelöst", und zwar in "Dheepan" (mehr auf Perlentaucher, kino-zeit.de und critic.de). Ansonsten hält die FAZ-Kritikerin ernüchterte Rückschau: "Der Wettbewerb, in Cannes bisher eigentlich niemals ein Problem, war in diesem Jahr nicht besonders gut. Unausgeglichen. Mit zu vielen uninteressanten Franzosen, deren interessantere Kollegen in den Nebenreihen (...) zu finden waren." Zustimmung auch bei ihren Kolleginnen: Anke Westphal (Berliner Zeitung) hält den Wettbewerb für "weitgehend mittelklassig", auch Cristina Nord (taz) schätzt ihn als "uneben" ein: "Auf die Qualitätsansprüche, die das Festival an sich selbst stellt, war diesmal kein Verlass." Gut gefallen hat ihr allerdings, wie sich der Huppert/Depardieu-Film zusehens "den Gesetzen der Vernunft entzieht."

Außerdem: Beim Roundtable-Gespräch des Film Comment lässt eine illustre Schar internationaler Kritiker das Festival Revue passieren. Weitere Besprechungen von der Croisette in den laufend aktualisierten Berichterstattungen von kino-zeit.de, critic.de, epdFilm, film-dienst, KeyFrame Daily und Negativ Film. Für ein schnelles Stimmungsbild ist dieser Kritikerinnenspiegel sehr brauchbar. Und Katrin Doerksen bietet weiterhin fotografische Impressionen.

Unterdessen andernorts: In der Jungle World fasst Maximilian Pichl die Diskussionen über die Serie "The Wire" zusammen, die im Zuge der Riots in Baltimore geführt wurden: "Die Stadt und ihre Institutionen seien selbst die Hauptdarsteller der Serie, so die Meinung vieler Kritiker. Doch "The Wire" ist zugleich eine Erzählung über die Niederlage des Einzelnen in seinem Aufbegehren gegen Herrschaftsverhältnisse und damit auch eine Geschichte über die rassistische Polizeigewalt in den USA. Dabei steht das heroische und autonome Individuum im Zentrum vieler populärkultureller Selbstbeschreibungen der US-amerikanischen Gesellschaft. ... Im Gegensatz zu dieser Narration verweist "The Wire" auf die Unmöglichkeit autonomer Handlungen im gesellschaftlichen Gefüge."

Außerdem ist das ganze Buch Zwei der Wochend-SZ Rainer Werner Fassbinder gewidmet.
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Literatur

Die Literarische Welt steht ganz im Zeichen des 750. Geburtstags von Dante Alighieri. Dafür wird ein Auszug aus Sibylle Lewitscharoffs im kommenden Jahr erscheinenden Roman "Das Pfingstwunder" vorabgedruckt, in dem es um einen Dante-Kongress in Rom geht. Dirk Schümer spaziert auf der Suche nach Spuren des Dichterphilosophen durch Florenz. Und der Philosoph und Dante-Übersetzer Kurt Flasch erklärt im Gespräch mit Marc Reichwein, warum man die "Divina Commedia" lesen sollte: weil sie noch immer aktuell ist - und Spaß macht. "Dante nimmt kein Blatt vor den Mund, auch wenn es um Bischöfe und Päpste geht. Er verflucht Pisa, durchaus alttestamentlich: Der Arno solle die Stadt ertränken. Da war Dante ganz Florentiner. Das waren Lästermäuler, richtig freche Hunde. Wie die von den Nachbarstädten Prato oder Pistoia sprechen - das macht die "Göttliche Komödie" bis heute unterhaltsam."

Katharina Granzin (taz) spricht mit der Autorin Leonie Swann über deren Vorliebe für Tiere in ihren Romanen. Diese gesteht, es sei "überraschend einfach, sich in Schafe hineinzuversetzen, wenn man erst mal damit angefangen hat. So weit weg von uns sind sie gar nicht. Schafe sind auch Herdentiere, und natürlich interessieren sie sich für Essen."

Für den Perlentaucher liest sich Arno Widmann durch einen ganzen Regalmeter neuer Dante-Literatur. Besprochen werden Peter Richters "89/90" (taz), Sara Grans "Dope" (taz), Amy Hempels Erzählband "Was uns treibt" (ZeitOnline), Andreas Maiers "Der Ort" (SZ) und I.J. Kays "Nördlich der Mondberge" (FAZ).
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Musik

Wenn es nach Manuel Brug (Welt) geht, dann heißt der nächste Chefdirigent der Berliner Philharmoniker weder Christian Thielemann noch Andris Nelsons, sondern Yannick Nézet-Séguin - allerdings hat der Frankokanadier seinen Vertrag als Chef des Philadelphia Orchestra erst kürzlich bis 2022 verlängert: "Nézet-Séguin, der meist in leicht angeglitzerten Abendanzügen antritt, kann souverän, locker, aber auch bestimmt mit den Musikern - das spürt man bei der aufgeräumten Anspielprobe in der Carnegie Hall sofort. Er begegnet Journalisten wie Publikum auf Augenhöhe, ist konzentriert, immer kommunikationsbereit. Er spricht direkt und klug. Jeder Graben schüttet sich vor ihm automatisch zu... Er ist begabt, belastbar, willig, unkompliziert. Immer glaubwürdig. Auch als einer der wenigen offenen schwulen Dirigenten."

Für die taz hat sich Fatma Aydemir mit Jazz-Shooting-Star Kamasi Washington getroffen, um mit ihm über sein dreistündiges, allseits gefeiertes Debüt "The Epic" zu sprechen. Auf Skug verbeugt sich Walter Pontis tief vor Captain Beefheart. Alex Rühle (SZ) trifft sich mit dem seit gestern 91-jährigen Chansonsänger Charles Aznavour. Thomas Winkler (taz) unterhält sich mit Andreas Dorau über dessen gemeinsam mit Sven Regener verfasste (und im Tagesspiegel besprochene) Autobiografie. Jan Feddersen und Saskia Hödl (taz) porträtieren Conchita Wurst. Christoph Twickel (Zeit) schreibt über die deutsche Eurovision-Delegierte Ann-Sophie, die er für eine "Geschäftsfrau des Pop" hält. Außerdem bringt die taz ein Weltmusik-Spezial. Und der Rolling Stone meldet, dass Louis "Thunder-Thumbs" Johnson, Bassist der Brothers Johnson und von Michael Jackson, im Alter von 60 Jahren gestorben ist:



Besprochen werden die neue EP von Nao (Pitchfork), das neue Album von Ambientmeister William Basinski (The Quietus), ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Christopher Park (Tagesspiegel) und das neue Lena-Album (FAZ).
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Kunst

Besprochen werden eine von Peter Greenaway konzipierte Installation im Jüdischen Museum in Berlin über die Opferung Isaaks (Tagesspiegel) und die große Luther-Ausstellung in Torgau (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Peter Greenaway