Efeu - Die Kulturrundschau

In den Berg hineinschauen

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13.04.2015. Kunst ist zur Legitimationsideologie für die Ökonomie geworden, lernt der Standard. In Russland besteht kritische Kunst heute im Organisieren sozialer Prozesse, lernt der Tagesspiegel. Kunstvermittlung ist heute oft Kunstverharmlosung, kritisiert die Zeit. Im Standard erweist sich Péter Esterházy als großer Freund der - gern auch falschen - Fußnote, denn: Jeder Text baut auf einen anderen auf, erklärt er. Es kommt eben drauf an, die alten Wortschichten miteinander ins Glimmen zu bringen, meinte einst Thomas Kling. Und die Theaterkritiker? Saßen am Wochenende zumeist in Armin Petras' Münchner Uraufführung seines Stücks "Buch (5 Ingredientes de la Vida)".

Literatur

Im Interview mit dem Standard spricht Péter Esterházy über seinen neuen Roman "Die-Mantel-und-Degen-Version", das andauernde Trauma der Türkenkriege, den Kommunismus, die Aufgaben eines Vaters und Fußnoten, die manchmal da sind, manchmal nicht und manchmal falsch: "Jeder Text erinnert uns an andere Texte. Darin besteht die Tradition, dass die Bücher aufeinander aufbauen. Wir nennen Europa den Alten Kontinent. Auch die Ausdrücke und Worte sind alt und haben ihre Geschichte. Das hat nicht unbedingt mit Literatur zu tun, sondern hängt mit dem täglichen Sprachgebrauch zusammen. Ich sage einen Satz, und es fällt mir ein, dass mein Vater immer solche Sätze sagte, als ich jung war. Damals irritierten sie mich, trotzdem sage ich sie auch."

In der NZZ erinnert sich der Schriftsteller Tom Schulz, wie der vor zehn Jahren gestorbene Dichter Thomas Kling etwas ähnliches sagte: "In seinem letzten aufgezeichneten Interview spricht er mit der Stimme des Krebskranken: "Es geht darum, dass diese alten Wortschichten miteinander ins Glimmen gebracht werden - dieser Brandsatz, der aus dem poetischen Moment heraus geschieht, dieses Aufglühen und Aufglimmen - dass man in den Berg hineinschauen kann, das ist, glaube ich, die große Leistung, die Dichtung schaffen kann . . .""

Dass in Deutschland, anders als in anderen Ländern, noch immer eine Trennung zwischen E- und U-Literatur vorgenommen werde, liege nicht nur an altfeuilletonistischen Wertvorstellungen, sondern mitunter auch daran, dass diese Aufspaltung in bekömmliche, marktkompatible Kost und "ernster" Literatur auch seitens der Verlage forciert wird, erklärt die Krimilektorin Lisa Kuppler am Beispiel der vielen Regionalkrimis in der FAZ: In Deutschland "herrscht die Meinung vor, es sei leicht, Genreliteratur zu schreiben. Hobbyautoren verfassen gerne im Urlaub mal schnell einen Krimi. ... Gute Bücher werden das selten. Krimiautoren, die oft vom angloamerikanischen oder skandinavischen Krimi beeinflusst sind und mehr wollen, fehlt es an deutschen Vorbildern. Sie wagen inzwischen nichts Neues mehr, besonders dann nicht, wenn sie vom Schreiben leben wollen."

Außerdem: Moritz von Uslar (Zeit) plaudert mit Oskar Roehler, der gerade einen autobiografisch eingefärbten Roman über seine Punkjahre im Westberlin der frühen Achtziger verfasst hat. Für die Zeit unterhält sich Susanne Mayer mit dem Bestseller-Autor Henning Mankell über dessen Krebsleiden. Im CulturMag stellt Thomas Przybilka neue Sachbücher über Kriminalliteratur vor. Der SWR bringt ein Feature über den vor 40 Jahren verstorbenen Underground-Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann.

Besprochen werden Stefano D"Arrigos "Horcynus Orca" (FR), Jan Himmelfarbs "Sterndeutung" (Tagesspiegel), ein von Hermann Haarmann und Christoph Hesse herausgegebener Band mit "Briefen an Bertolt Brecht im Exil" (Tagesspiegel), Bernhard Jaumanns "Der lange Schatten" (CulturMag), Kim Gordons Autobiografie "Girl in a Band" (Welt), James Hankins" "Brothers and Bones" (CulturMag), Mukoma wa Ngugis "Blackstar Nairobi" (CulturMag), Wu Mings "54" (CulturMag), Ulrich Ziegers "Durchzug eines Regenbandes" (Tagesspiegel), PoinTs Comic "Die Hoodies" (Tagesspiegel), neue Graphic-Novel-Reportagen (Jungle World), Isabella Straubs "Das Fest des Windrads" (SZ) und David Zeltsermans "Killer" (FAZ).

Außerdem hat die FAZ ihre aktuelle Lieferung zur Frankfurter Anthologie online gestellt: Darin stellt Sandra Kerschbaumer Simon Armitages Gedicht "Der Schrei" vor:

"Wir gingen zusammen
auf den Schulhof, ich und der Junge,
an dessen Namen und Gesicht
..."
Archiv: Literatur

Bühne


Episches steht neben Drama: Ursula Werner und Thomas Schmauser. Bild: Conny Mirbach

An den Münchner Kammerspielen hatte Armin Petras" Inszenierung seines eigenen, unter dem Pseudonym Fritz Kater verfassten Stücks "Buch (5 Ingredientes de la Vida)" Uraufführung, das aus fünf kleinen Dramen besteht und überdies sehr multimedia-freudig inszeniert ist, wie man etwa von Egbert Tholl in der SZ erfährt. In vier Stunden nähert man sich als Zuschauer einer "großen Verwirrung" an, schreibt er. Diese sei aber "schön, weil verspielt". Denn: "Episches steht neben Drama, Chorisches neben Dialog, jede Form wird ausprobiert, und da kommt auch schon ein metaphorisches Märchen als Menetekel vom Untergang der Natur, eine traurige Geschichte unter Elefanten, in der die Darsteller Elefanten spielen, ohne jedes Augenzwinkern, da glaubt man Petras oder Kater oder beide von allen guten Geistern verlassen."

Nachtkritikerin Cornelia Fiedler hat zwar ihre Freude an den "kleinen seltsam freien, spielerischen Momenten", die gelegentlich aufblitzen und es gestatten, dass "unerwartet Menschliches, Unverkrampftes und Berührendes entsteht". Doch letzen Endes können diese Momente das Stück nicht retten, findet sie: "Der Abend ist überladen mit Effekten, Themen und kryptisch bedeutungsvollem Raunen. .. Stück und Inszenierung, Kater und Petras wollen zu viel auf einmal." In der FAZ schreibt Teresa Grenzmann über die Inszenierung. Das Blog der Kammerspiele bringt ein Gespräch mit dem Regisseur.

Weiteres: Luise Checcin porträtiert in der taz den derzeit sehr angesagten Dramatiker Wolfram Lotz. Im Tagesspiegel bringt Sandra Luzina neue Hintergründe zum mittlerweile abgebrochenen Tänzer-Streik am Staatsballett Berlin. Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) schreibt zum Tod von Judith Malina. Außerdem hat die Zeit ihr mittlerweile berüchtigtes Interview mit Claus Peymann, in dem dieser den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner nach allen Regeln der Kunst herunterputzt, online nachgeliefert.

Besprochen werden Hakan Savae Micas Adaption von Orhan Pamuks Roman "Schnee" am Maxim Gorki Theater in Berlin (Tagesspiegel, Nachtkritik, taz), Milo Raus "The Dark Ages" in München ("ein Stück, das einen fertig macht", meint ein am Boden zerstörter Tim Neshitov in der SZ, Nachtkritik, FAZ), Felix Breisachs Wiener Inszenierung von Mozarts "Nozze di Figaro" in einer Irrenanstalt ("Der von Breisach verordnete neue Sinn trägt oft nicht halb so weit wie der eliminierte alte", klagt Walter Weidringer in der Presse, eine "allzu heiße Kartoffel" meint Ljubisa Tosic im Standard), Kaija Saariahos Oper "L"amour de loin" am Landestheater Linz (Standard), Cherubinis "Medea" im Genfer Grand Théâtre (NZZ) und Bastian Krafts Inszenierung von Genets "Die Zofen" am Schauspielhaus Zürich (NZZ).
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Kunst

Von der desolaten Lage, in der sich die junge, kritische Kunst in Russland derzeit befindet, erfahren wir aus Birgit Riegers Tagesspiegel-Bericht über das Symposium "Russland vs Russland", das am Wochenende in Berlin stattfand. "Welche Strategien kritischer Kunst gibt es aktuell in Russland? Eine Methode besteht darin, mit Nonsens und Slapstick auf Putins repressives Machtsystem zu reagieren. ... An die Stelle der Idee vom Systemsturz tritt das sukzessive Ersetzen des Bestehenden, das Erobern von Freiräumen und das Entwickeln von Alternativen. Junge russische Künstler sehen sich als Organisatoren sozialer Prozesse."

Wie kann die Kunst gegenüber der Ökonomie kritische Distanz bewahren, wenn sie selbst ein Teil davon ist und wenn jede subversive Geste vermarktbar ist? Im Standard berichtet Roman Gerold von zwei Podiumsdiskussionen in der Kunsthalle Wien zu diesem Thema. Jörg Heiser, Co-Chefredakteur der Londoner Kunstzeitschrift Frieze, "nennt die Ökonomie einen "unheimlichen Bruder", der der Kunst in den vergangenen Jahrzehnten entwachsen sei: "So wie plötzlich alles Kunst sein konnte, so ist plötzlich auch alles Ökonomie." Die gegenwärtige Krise der Kunst - "vielleicht ihre größte" - bestehe darin, "Legitimationsideologie für die Durchökonomisierung geworden zu sein", sagt Heiser. Eine gegenwärtige Aufgabe sieht er darin, mit daraus entstehenden Missverständnissen aufzuräumen; jenem etwa, "dass es, wenn ich ausgebeutet werde, etwas mit Kunst zu tun hat; dass ich in Gegenleistung für schlechte Bezahlung mich irgendwie künstlerisch fühlen darf"."

Die derzeit modische, sehr sozialpädagogisch konzipierte Form der Kunstvermittlung, die auf spielerische Assoziationen und Eingemeindungen schwer verständlicher Kunst setzt, erweise sowohl der Kunst, als auch den bildungsfernen Leuten, die sie an die Kunst heranführen will, einen Bärendienst, meint der Kunsthistoriker Wolfang Ullrich in der Zeit (nachträglich online gestellt): "Hatten die Bildungsbürger noch den Ehrgeiz, sich die Kunst, die sie selbst nie hätten kaufen können, intellektuell anzueignen und sich damit als ihre wahren Besitzer zu fühlen, (...) verfolgt die Kunstvermittlung von vornherein ein anderes Ziel. Das Unbehagen, das eine schwierige, schroffe und rätselhafte Kunst auslöst, wird abgebaut, indem man all diese Eigenschaften durch Aktionismus überspielt und so tut, als sei Kunst letztlich doch ganz einfach und verlange keine Zugangsvoraussetzungen. Kunstvermittlung ist insofern vor allem Anästhesie: Sie dimmt alles auf eine vage Atmosphäre von Kreativität herunter."

Besprochen werden die Ausstellung "Jahrhundertzeichen" mit Klassikern der Moderne und junger Kunst aus Israel im Martin-Gropius-Bau (Presse), die Ausstellung "I have no time for colour" von Dan und Lia Perjovschi in der Wiener Galerie Christine König (Standard), die Ausstellung "Conflict, Time, Photography" im Folkwang Museum in Essen (FR), die Erwin-Wurm-Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Defining Beauty - The Body in Ancient Greek Art" im British Museum in London (SZ) und die Günther-Uecker-Ausstellung Uecker in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf (FAZ).
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Architektur

Kaum ein namhafter Architekt, der sich in den vergangenen Jahren nicht ins Stadtbild Miamis eingeschrieben hätte, berichtet Peter Richter in der SZ: "Im Süden Floridas ist in den letzten Jahren ein Freiluftmuseum mit lauter Beispielen für das entstanden, was man "Starchitecture" nennt." Und das Schöne daran: "Mit Kultur, Kunst, Museen und dergleichen hat der Bauboom (...) auch irgendwie zu tun."

Sören Kittel besucht für die Welt in Seoul die Ausstellung "The Crow"s Eye View", die noch einmal süd- und nordkoreanische Architektur zeigt, wie sie Cho Minsuk in seinem preisgekrönten Korea-Pavillon auf der 14. Architektur-Biennale in Venedig vorgestellt hatte.
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Film

In der FAZ berichtet Joseph von Westphalen von der Trauerfeier für Helmut Dietl und weist auf eine gwisse Differenz hin: "Eine Trauerfeier zu Ehren eines verstorbenen Starregisseurs würde in einem Dietl-Film natürlich anders aussehen. Man kann sich das lebhaft vorstellen: Salbungsvoll geheuchelte Worte, unglaubwürdige Ohnmachtsanfälle, sich zankende Ex-Ehefrauen, empörte Honoratioren, kreischende Groupies..."

Besprochen wird der Dokumentarfilm "Domino-Effekt" über Abchasien (Berliner Zeitung). Und eine Kinoempfehlung für die Berliner: Heute Abend zeigt die Volksbühne Jan Soldats Dokumentarfilm "Haftanlage 4614" - hier unsere Berlinale-Kritik.
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Musik

Zwar nicht herausragend, aber doch sehr hörenswert ist die Kollaboration zwischen den Experimentalmusikern Ariel Kalma und Robert Aiki Aubrey Lowe auf dem Album "We know each other somehow" geworden, schreibt Niklas Dommaschk in der Jungle World. Dass hier vorrangig eher für Änästhesierung stehende Sounds zum Einsatz kommen, schadet dem Ganzen zum Erstaunen des Rezensenten nicht: "Weniger als auf eskapistische Soundberieselung und kosmische Entrücktheit (...) hat diese Platte es auf aufmerksame Versenkung abgesehen. Selbst dass Field Recordings von Wasserrauschen oder Naturatmosphäre aus Vogelstimmen und Insektengeräuschen (...) unter einige Songs gemischt sind, verführt nicht zur Flucht in Schrebergartenphantasien, sondern gibt der Musik zugleich Profil und Direktheit, die den Hall-Effekt auf den Instrumenten erdet." Wobei Dommaschk sich am Ende doch etwas "mehr Experimentierfreude" gewünsch hätte. Hier eine Hörprobe:



Außerdem: Gunda Bartels (Tagesspiegel) porträtiert die auf Deutsch singende Soulmusikerin Adwoa Hackman. Dietmar Dath (FAZ) gratuliert Hardrock-Gitarrist Ritchie Blackmore zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Julia Hülsmanns Kurt-Weill-Hommage "A Clear Midnight" (Zeit).
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