9punkt - Die Debattenrundschau

Eine gewisse biografische Logik

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.04.2015. In The Daily Beast analysiert der Geheimdienstspezialist Andrei Soldatov Edward Snowdens Verhalten in Russland. Micha Brumlik fragt in der taz, ob der Pariser Mai 1968 jüdisch war. Gegen den Streit bei den Le Pens wirken die "Atriden" wie die "Sesamstraße", meint die Welt. Und der Pariser Rapper Booba fragt laut Huffpo.fr: Habe ich eine Fresse wie Charlie? Wenn du die Religion nicht repektierst, gibt's was auf die Nase. Das ist die Straße, Mann.

Europa

Da können höchstens Shakespeare, Freud und die Atriden mithalten: In der Welt beschreibt Martina Meister die politische Ausschaltung Jean-Marie Le Pens durch seine Tochter Marine als Vatermord erster Güte. Zurück bleibt ein böser alter Mann, der erntet, was er gesät hat: "Ungeniert hat er immer den anderen den Tod gewünscht, den Juden, Moslems, Roma und Schwarzen, wie beispielsweise als er sagte, dass "Monsignore Ebola" das Problem der Überbevölkerung in Afrika schon lösen werde. Jetzt wirkt es, als würde er die Gewalt, die in ihm steckt, gegen sich selbst wenden. Obwohl er seinen Fremdenhass im Familienkollektiv inszeniert hat, gibt es eine gewisse biografische Logik, dass dieser Hass gegen alles, was anders ist, im Alter selbst vor den Seinen nicht haltmacht. Er steht aufrecht und steinern wie ein bretonischer Menhir, isoliert, von allen guten Geistern und sogar seinen Töchtern verlassen."

Dass manche Rapper eher mit den Jugendlichen sympathisieren, die die Zeichner von Charlie Hebdo umgebracht haben, stellt sich mal wieder nach Äußerungen des Pariser Rappers Booba heraus. Die Huffpo.fr berichtet. Booba rappt auf seiner neuen Platte: "Habe ich eine Fresse, die nach Charlie aussieht? Antworte ehrlich. Du hast schlecht über mich gesprochen, also kriegst du auf die Nase. Das ist die Straße, dass sind die Gräben." Im Interview mit dem Parisien sagt er: "Ich habe nicht alle Cover gesehen, aber einige, wo man sagt, das sind Abbildungen des Propheten, das ist in der Religion verboten. Also ich denke, das soll man respektieren. Und wenn ich sehe, dass die schreiben: "Der Koran, das ist scheiße, das hält die Kugeln nicht auf..." Wenn du das liest, das ist nicht mehr Meinungsfreiheit für mich. Das ist Beleidigung."

Kerstin Holm hört sich für die FAZ unter russischen Intellektuellen um, die so gespalten wie ratlos auf Putin und die Zukunft des Landes blicken. Und zum Teil recht scharf wie zum Beispiel Maxim Ossipow: "Russland sei nicht existenzfähig, befindet Ossipow streng, also müsse es zerfallen."
Archiv: Europa

Politik

In der Berliner Zeitung erklärt Götz Aly einer empörten Leserin aus Kaulsdorf, warum er gern freundlich über Israel schreibt: "Angesichts ihrer schwierigen Lage verhalten sich Israelis generell sehr offen, gelassen und umsichtig, während wir Deutsche nur mit allergrößter Mühe mit fünf Flüchtlingen pro tausend Einwohner zurechtkommen. Wir haben keinen Grund, uns als politisch-moralische Gouvernante Israels aufzuspielen."

Der Ex-Botschafter Avi Primor rät in der SZ, sich im Nahost-Konflikt nicht auf die Siedlungen zu konzentrieren, sondern auf den Verlauf der Grenze zwischen Israel und Palästina. "Eine von beiden Seiten akzeptierte Grenze hätte auch die Siedlungsfrage gelöst. Keiner in Israel, auch nicht das extreme rechte Lager, hätte Siedlungsbau jenseits der Grenze angestrebt."
Archiv: Politik

Medien

In der taz erklärt Svenja Bednarczyk, wie die personalisierte Doku "Do not Track" von arte und br funktioniert: "Die sieben Folgen zeigen, wie Unternehmen die Spuren auswerten, die der Nutzer im Internet hinterlässt. Bis zum 9. Juni werden im Zweiwochenrhythmus die nur wenige Minuten langen Folgen auf donottrack-doc.com veröffentlicht. Heute startet die Serie mit einer simplen Frage: "Wo holen Sie sich Ihre Nachrichten?" Auf Basis der Antwort der Nutzer zeigt Do Not Track in Echtzeit die Tracker der Seite an, die das Nutzerverhalten mitlesen. Auf taz.de sind es beispielsweise sieben Tracker."
Anzeige
Archiv: Medien
Stichwörter: Tracking

Geschichte

Für seine taz-Kolumne lässt sich Micha Brumlik Sebastian Voigts These durch den Kopf gehen, dass der Pariser Mai "68 nicht nur in einem banalen, sondern in einem historischen Sinn jüdisch war - die Hauptprotagonisten Pierre Goldman, Daniel Cohn-Bendit und André Glucksmann entstammten kommunistischen jüdischen Elternhäusern: "Tatsächlich solidarisierten sich die demonstrierenden Pariser Studenten mit dem an der Wiedereinreise nach Frankreich gehinderten Cohn-Bendit, indem sie riefen: "Wir sind alle deutsche Juden." Während sich Daniel Cohn-Bendit später zum klugen, das Maß politischen Handelns präzise einschätzenden Reformisten und André Glucksmann zum antitotalitären Philosophen wandelte, wurde Pierre Goldman, heute weitgehend vergessen, 1979 auf offener Straße erschossen." Allerdings legt Brumlik mit Blick auf Daniel Bensaid wert darauf, dass der Mai "68 nicht nur kommunistisch, sondern auch trotzkistisch war.
Archiv: Geschichte

Kulturmarkt

(Via turi2) Ein langer Streit zwischen Amazon und HarperCollins über Preise und Provisisonsraten von Ebooks scheint beigelegt, berichtet die New York Times: "HarperCollins brachte am Montag eine kurze Pressemitteilung heraus und schreibt, dass das Haus "eine Vereinbarung mit Amazon getroffen hat. Unsere Bücher bleiben im Print und als Ebooks bei Amazon verfügbar.""
Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Amazon, Ebooks, HarperCollins

Überwachung

Der russische Geheimdienstspezialist Andrei Soldatov spricht im Interview mit The Daily Beast über die Ermordung des Putinkritikers Boris Nemzow, den Machtkampf in Putins engstem Kreis und über Edward Snowden in Moskau, den er vergeblich zu kontaktieren versucht habe. Inzwischen ahnt er, warum: "Ich habe mehrere Anfragen an Glenn Greenwald gestellt, aber keine Antwort bekommen. Das ist merkwürdig - wenn es in erster Linie um Snowdens Sicherheit geht, warum kann Greenwald nicht von Brasilien aus die Fragen eines russischen Journalisten beantworten? Ich denke, es gibt eine Art Deal mit den russischen Behörden. Snowden hat offenbar darauf bestanden, nie von der russischen Propaganda benutzt zu werden. Er ist nie bei RT aufgetreten oder anderen Staatsmedien. Und natürlich hätten sie ihn sehr gern dort gehabt. Er versucht völlig unsichtbar in Russland zu sein."
Archiv: Überwachung