Efeu - Die Kulturrundschau

Dieses finale Monaco-Franze-Gefühl

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31.03.2015. Die Feuilletons trauern um Helmut Dietl, der den Deutschen bewies, dass intelligentes publikumsfähiges Unterhaltungsfernsehen möglich ist. Die taz lässt sich erklären, warum die Maker-Kultur in Afrika ganz groß ist. Eine Wolkenkratzernadel in Vals? Vielleicht, meint die NZZ. Nowosibirsks Opernchef Boris Mesdritsch wurde wegen einer blasphemischen "Tannhäuser"-Inszenierung gefeuert, meldet die Welt. Und die Popkritiker staunen über den großen Amerika-Abgesang von Sufjan Stevens.

Film

Helmut Dietl ist tot. Und was für großartige Serien hat uns dieser Mann schon lange vor den Quality-Serien aus den USA geschenkt, schreibt Klaus Raab auf ZeitOnline: "Eigentlich müsste in jeder öffentlich-rechtlichen Fiktionsredaktion ein Dietl-Porträt hängen: als Ansporn und Beleg, dass ein publikumsfähiges Unterhaltungsfernsehen jenseits von Um Himmels Willen und SOKO Sonstwo möglich ist." Claudius Seidl gerät in der FAZ schwer ins Seufzen über diesen Verlust: "Ach, Helmut Dietl, jeder Film, jede Serie, die er inszeniert hat, war eine Aufforderung, den Widersprüchen mit Haltung zu begegnen und die Möglichkeitsformen des Sprechens und des Lebens nicht aus den Augen zu verlieren." Und die SZ widmet ihre ganze Seite Drei dem verstorbenen Filmemacher. Dort muss Tobias Kniebe nach der Todesmeldung zuerst an die schöne Szene, mit der Dietl seinen "Monaco Franze" einst enden ließ, denken und er wünscht dem Regisseur "dieses finale Monaco-Franze-Gefühl: die unabweisbare Erkenntnis, dass das Gröbste ja irgendwann vorbei sein muss, und dass darin ein Frieden liegt, und ein neues, zart heraufdämmerndes Licht."



Weitere Nachrufe schreiben Michael Wenk in der NZZ, Hanns-Georg Rodek in der Welt, Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel und Judith von Sternburg in der FR. Der Tagesspiegel sammelt Stimmen zu Dietls Tod. Und Susan Vahabzadeh (SZ) meldet den Tod des Regisseurs Gene Saks.
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Stichwörter: Helmut Dietl

Design

Die Ausstellung "Making Africa" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein wirft einen Blick auf die "gegenwärtige afrikanische Designentwicklung", berichtet Klaus Englert in der taz. "In einem Kontinent, in dem 650 Millionen Mobiltelefone gemeldet sind - mehr als in Europa oder den Vereinigten Staaten -, ist der Nährboden für Kunst und Design völlig anders. Darauf spielt der Ausstellungstitel "Making Africa" an: Von den zahllosen Gestaltern "macht" jeder sein eigenes Afrika. "Die Maker-Kultur ist die vorherrschende afrikanische Kulturtechnik, egal ob analog oder digital. Uni-Absolventen gehen in die Studios, basteln dort mit allerlei Materialien, nehmen Dinge auseinander, setzen sie zusammen und schaffen Neues"", erklärt Kuratorin Amelie Klein. (Bild: Vigilism, "Idumota Market, Lagos 2081A.D." from the "Our Africa 2081A.D." series, illustration for the Ikiré Jones Heritage Menswear Collection, 2013, © Courtesy Olalekan [vigilism.com] and Walé Oyéjidé [ikirejones.com])
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Architektur

Auch in den Alpen können Wolkenkratzer sinnvoll sein, meint Roman Hollenstein in der NZZ. Sie nehmen vergleichsweise wenig Platz ein und stören den Blick nicht - wenn sie auf dem Gipfel stehen. Im Tal ist das eine andere Sache, mussten Herzog & de Meuron lernen, deren Projekt eines Turms am Hotel Schatzalp in Davos seit 2003 nicht vom Fleck kommt. Ähnlich erging es Rino Tami mit seinem Turm auf dem Damm von Melide und Mario Bottas Hochhaustreppe in Celerina, und ähnlich könnte es auch Thom Maynes geplanter Hochhausnadel in Vals gehen, auch wenn die Valser erst mal dafür gestimmt haben, fürchtet Hollenstein: "Bekannt sind nur einige Pläne und stupende Renderings, die eine überschlanke, zur Hälfte aus Aufzügen und Fluchttreppen bestehende Nadel zeigen, die aus einem windschiefen Sockelbau stolze 381 Meter oder 82 Geschosse vom Talgrund in den Himmel wachsen und dabei die Dreitausender spiegeln soll. Ob Europas höchster Turm, der dereinst vor dem Gebirgspanorama wohl fast wie ein Miniatur wirken dürfte, neben dem hübschen Dorf und Peter Zumthors Felsentherme zu einer weiteren Touristenattraktion werden könnte, ist ungewiss." (Bild: Dezeen, weitere Fotos ebendort)
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Literatur

Im Tagesspiegel unterzieht Thomas Greven die von Joe Sacco und anderen Künstlern popularisierte Comicreportage einer eingehenden Betrachtung, inwiefern die Gattung sich gegenüber Foto- und Fernsehreportagen behaupten kann.

Besprochen werden Edouard Louis" Roman "Das Ende von Eddy" (NZZ), Werner Rysers Roman "Walliser Totentanz" (NZZ), Slavoj Žižeks "Blasphemische Gedanken" (FR), Leif Randts "Planet Magnon" (FAZ, mehr) und eine Box mit Aufnahmen von Thomas Klings Lesungen (SZ).
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Bühne

Nowosibirsks Opernchef Boris Mesdritsch wurde gefeuert, weil er eine "Tannhäuser"-Inszenierung verteidigte, die von der orthodoxen Kirche als blasphemisch kritisiert wurde, berichtet Julia Smirnova in der Welt. "Er wurde mit dem Sankt-Petersburger Intendanten Wladimir Kechman ersetzt, der zuvor die Position des Ministeriums unterstützt hatte. Ein staatliches Theater sei "vor allem ein Institut, das der Aufklärung und nicht Provokationen und Selbstwerbung für staatliches Geld dienen soll", begründete das Ministerium die Entlassung. Auch auf höherer politischer Ebene wurde die Position des Ministeriums verteidigt. Putins Sprecher Dmitri Peskow erklärte, der Staat habe das Recht, für sein Geld "korrekte Aufführungen" von Theatern zu erwarten."

Keineswegs uninteressant fände es Peter Laudenbach (SZ), wenn sich das Gerücht, nach dem Tate-Gallery-Leiter Chris Dercon Castorfs Nachfolger an der Volksbühne werden soll, bewahrheiten würde: "Ein reiner Theatermann hätte gute Chancen gehabt, am übergroßen Mythos der Volksbühne zu zerschellen. Der aus der bildenden Kunst kommende Kurator Dercon steht, wenn es gut läuft, dafür, dass die Volksbühne ein Labor bleibt, das die Grenzen der Künste testet. ... Mit etwas Glück könnte der Neubeginn an der Volksbühne sich also die DNA des Castorf-Theaters zunutze machen und an die Suchbewegungen und Ästhetik der letzten Jahrzehnte anknüpfen."

Weitere Artikel: In der FR bringt Kerstin Krupp Hintrgründe zu den Vorgängen am Volkstheater Rostock, wo der frisch in die Stadt geholte Intendant Sewan Latchinian fristlos geschasst werden soll. Peter Hagmann berichtet in der NZZ über Höhepunkte beim Lucerne Festival.

Besprochen werden Christopher Rüpings "Romeo und Julia"-Inszenierung in Berlin (Tagesspiegel), Ulrich Rasches Inszenierung von "Dantons Tod" in Frankfurt (FR), Jan Farbres "Drugs Kept Me Alive" in Frankfurt (FR), Luk Percevals Inszenierung von Günter Grass" "Die Blechtrommel" in Hamburg (FR, Welt, SZ), Michael Thalheimers Wiener Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" (Thalheimer wollte alles anders machen als Nicolas Stemann in seiner Hamburger Uraufführung, doch er "schlittert damit definitiv in die kunstgewerbliche Falle", meint Barbara Villiger Heilig in der NZZ, SZ) und Sebastian Nüblings Inszenierung von Tennessee Williams" "Camino Real" in München (FAZ).
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Kunst


FORT | Leck, 2012 | Installationsansicht | Galerie Crone, Berlin | Foto: Marcus Schneider

"Aus der Hölle des Neoliberalismus gibt es kein Entrinnen", notiert ein resignierter Benno Schirrmeister in der taz nach dem Besuch der Ausstellung "Shift" des Künstlerduos Fort in der Kestnergesellschaft in Hannover. Als Highlight gibt es dort unter dem Titel "Leck" auch die Nachbildung einer leergeräumten Schlecker-Filiale zu sehen: "Der Laden ist unbehaust, nichts mildert mehr seinen antimenschlichen Eindruck, am wenigsten sicher das trübe Neonlicht, das bald schon in den Augen schmerzt: Licht ist dem Philosophen Gernot Böhme zufolge "geradezu ein Prototyp einer Erzeugenden von Atmosphären". Und tatsächlich bezieht sich Fort laut Kuratorin Lotte Dinse auf die Ästhetikessays des Darmstädter Philosophen, die eben den Akzent auf die primäre Wahrnehmung verlagern, auf die Atmosphäre als das, was im Konzert der Sinne sich mitteilt, sobald man einen Raum betritt. Forts Räume sind deshalb weniger dokumentarische Ready-mades als Inszenierungen."

Weitere Artikel: Eckhart Gillen führt in Weltkunst durch die Schaffensphasen Gerhard Richters.

Besprochen werden die Ausstellung "Jahrhundertzeichen" im Gropius-Bau in Berlin (Tagesspiegel), die große Zero-Schau im Berliner Gropius-Bau (SZ, mehr dazu hier) und die Ausstellung "Belle Haleine - Der Duft der Kunst" im Museum Tinguely in Basel (FAZ).
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Musik

Die Popkritik staunt über das beeindruckende Comeback des einst mit barocken Arrangements und theaterartig ausstaffierten Konzerten zum Indie-Wunderkind aufgestiegenen Sufjan Stevens, um den es in den letzten Jahren allerdings merklich leiser wurde. "Stevens ist wieder da, wie man so sagt, aber das eigentlich Erstaunliche ist, wie wenig von ihm wieder da ist", schreibt Daniel Gerhardt in der Spex, denn "Carrie & Lowell" ist nicht nur ein stark autobiografisches, sondern vor allem ein sehr leises, fragiles Album geworden. Das hier ist "Stevens" großer Amerika-Abgesang. Familie, Glaube, Geschichte, Erinnerung, Landschaft, Mythos, Macht, Medizin - alles ist angelegt in den Liedern, aber nichts taugt mehr als Wegweiser oder zum Festhalten".

Begeisterung auch bei Jörg Wunder vom Tagesspiegel: "Die Platte ist voll von erschütternden Momentaufnahmen, die realistisch oder in mythologischen ("The Only Thing") oder religiösen ("John My Beloved") Umschreibungen das Porträt einer dysfunktionalen Familie zeichnen. ... Mit einer Platte über die Traumata seiner Kindheit ist Sufjan Stevens, das zeitlos jugendliche Genie, kurz vor seinem 40. Geburtstag plötzlich erwachsen geworden." Und Brandon Stosuy von Pitchfork ist felsenfest überzeugt: Dieses Album ist Stevens" bestes. Hier eine Hörprobe:



Weitere Artikel: Alva Gehrmann berichtet in der taz von der Tallinn Music Week. Reinhard Kager hat für die FAZ die Berliner MaerzMusik besucht. Edo Reents (FAZ) gratuliert Angus Young von AC/DC zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Album der Prog-Black-Metaller Liturgy (Spex), das Debüt von Ibeyi (Zeit), das Album "Mars etc." von Aloa Input (hier gelingt "die Symbiose aus Eigensinn, Zitat und Popsong", freut sich Elias Kreuzmair in der taz), ein Konzert von Grigorij Sokolov (SZ) und Bálint András Vargas Buch "Drei Fragen an 73 Komponisten" (SZ).
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