9punkt - Die Debattenrundschau

An der Küste der Ahnungslosen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.03.2015. Der New Republic graut vor der amerikanischen Todesstrafen-Obsession. Die Welt erzählt, wie man laut Slowfood Tierarten rettet. Im Tagesspiegel erklärt der Produzent Ralph Schwingel, warum er lieber auf den Posten als dffb-Chef verzichtet. Die SZ blickt verzweifelt auf die erodierende ostdeutsche Theaterlandschaft. Und die Öffentlich-Rechtlichen machen laut FAZ Anstalten.

Gesellschaft

Elizabeth Stoker Bruenig denkt in der New Republic über die Todesstrafen-Obsession der Amerikaner nach. Seit die EU die Ausfuhr todbringender Drogen unterbunden hat, werden die alten Methoden wieder herausgekramt, etwa in Utah, wo ab sofort wieder erschossen wird, und Stoker Bruenig findet überall Artikel von Kollegen, die über die Vorzüge bestimmter Hinrichtungsmethoden nachdenken: "Kälter ist das gute Gewissen nicht zu haben. Wir leben im Jahr 2015, und die Amerikaner machen sich einen Kopf darüber, wie man jemand möglichst harmlos umbringt. Es mag, wie Matt Strout von Bloomberg oder Terrence McCoy in der Washington Post meinen, nur kleine Unterschiede im Leiden der Delinquenten geben, wenn die Methoden korrekt ausgeführt werden, denn Leben ist fragil und recht einfach zu stoppen. Die bizarre Realität ist aber, dass wir uns damit begnügen, über die letzten zwei oder drei Minuten im Leben einer Person nachzudenken, während die ganze Prozedur der Todesstrafe nur als Folterexperiment betrachtet werden kann."

Ausgerechnet im Jahr 1989 gründeten italienische Kommunisten eine revolutionäre Bewegung, die inzwischen zu einer veritablen Internationale heranwuchs, erzählt Dirk Schümer in der Welt und besucht im Örtchen Bra, hundert Kilometer von Turin, die Zentrale von Slowfood, wo es auch eine Hochschule gibt: "Dass hier dreihundert Leute aus der ganzen Welt den kultivierten Umgang mit Nahrung studieren und dann die Botschaft in alle Welt tragen, ist freilich nur das Aushängeschild einer Bewegung, die Tausenden Bauern in Afrika beim Kultivieren bedrohter Getreidesorten hilft und aussterbende Schwarzgürtelschweine in der Toskana als Leckerbissen anpreist. "Wollen wir eine Tierart retten, müssen wir sie essen" - dieses Credo ist so genussfreudig, politisch inkorrekt und genial wie "Slowfood" überhaupt."
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Politik

Im taz-Interview macht die syrische Journalistin Yara Bader auf das Schicksal ihres Mannes aufmerksam, des Regimekritikers Mazen Darwish, dem in einem Willkürprozess die Todesstrafe droht: "Er ist Journalist und Menschenrechtsverteidiger. Er hat über die Menschenrechtsverletzungen vor und zu Beginn der syrischen Revolution berichtet. In Syrien sind heute fast nur noch bewaffnete Akteure übrig. Friedliche, zivile Stimmen gibt es kaum noch. Aber nur sie können eine Antwort darauf geben, wie es weitergehen kann. Und davor hat das Regime Angst."

Der Architekt und Menschenrechtsaktivist Eyal Weizmann erklärt im SZ-Interview mit Jörg Häntzschel, wie Gegenforensik funktioniert, zum Beispiel nach dem Gaza-Krieg: "Wir versuchen, den räumlichen und zeitlichen Ablauf der Angriffe zu rekonstruieren. Wo wurden Zivilisten getötet? Was wurde bombardiert? Der genaue Ablauf ist wichtig. Zur gleichen Zeit wurde nämlich versucht, den Waffenstillstand zu erneuern, und der Tod des Soldaten wurde festgestellt. Und es gibt andere Fragen: Wer hat den Waffenstillstand gebrochen? Hat Israel noch weitergebombt, nachdem der Soldat tot war?"

Dominic Johnson geht in der taz zudem der Frage nach, warum immer mehr Länder wie Libyen, Jemen, Südsudan nach dem Sturz der Autokraten komplett kollabieren.
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Kulturpolitik

Im Dauerstreit um die Berliner Film- und Fernsehakademie DFFB gibt der Produzent Ralph Schwingel auf und verzichtet auf seine Ernennung zum neuen Leiter der Akademie. Angesichts der verfahrenen Lage könne er dort nichts ausrichten, sagt er im Interview mit Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel: "Ein Regisseur, der bei mir als dem Produzenten nicht auf den Tisch haut, taugt wahrscheinlich nichts. Sicher gibt es, enkodiert in das Filmemachertum, ein Maß von Eigensinn, das da zu Recht hingehört - aber mit der Zeit sollte Common sense hinzukommen. Der Eigensinn an der Akademie nährt sich aus zwei Quellen: dem seltsam unhinterfragten Fundament des Filmens aus der Kunst und aus dem Widerstand heraus. Und aus der wütenden Missstimmung, die sich eingestellt hat. Einige der Gründe dafür kann man durchaus nachvollziehen."

Helmut Schödel blickt in der SZ geradezu verweifelt auf die erodierende ostdeutsche Theaterlandschaft: "Der für Kultur zuständige Landesminister Mathias Brotkorb von der SPD setzt auf sinnlosen Aktionismus und fuchtelt mit Bürokratenlatein als Nebelwerfer herum. Da geht es dann um "Leistungsaustausch" und "Kooperationsmodelle". Es ist wie immer, wenn die Inkompetenz an die Macht kommt, dann bleiben List, Tücke und Frechheit. Das Kooperationsmaterial, um im Jargon zu bleiben, würde vermutlich aus der Hauptstadt Schwerin kommen, und Rostock, ein wachsender Ballungsraum, würde zum Ort eines Bespieltheaters. Schaut man auf diese Politiker, liegt Rostock offenbar an der Küste der Ahnungslosen."

In der Debatte um Münchens neuen Konzertsaal positioniert sich der Dortmunder Intendant Benedikt Stampa in der SZ näher an Paris als an München.
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Geschichte

Tayyip Erdogan hat zwar erste Anstalten gemacht, den Völkermord an den Armeniern einzugestehen, aber in den aktuellen türkischen Schulbüchern herrscht noch die alte Lehrmeinung, berichtet Rainer Hermann in der FAZ. Da heißt es zum Beispiel, "dass zwar 300.000 Armenier an den Kriegsfolgen und Krankheiten gestorben seien. Jedoch: "Nach offiziellen russischen Quellen haben die Armenier allein in Erzurum, Erzincan, Trabzon, Bitlis und Van an die 600.000 Türken massakriert, vertrieben wurden 500.000." Insgesamt hätten damals 1,4 Millionen Türken ihr Leben gelassen. Opfer wären also vor allem sie."
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Religion

Feridun Zaimoglu gibt im Freitext-Blog der Zeit seiner Verzweiflung eines gläubigen Muslims über die Finsterlinge von der IS-Miliz Ausdruck: "Ein Atheist, ein Gnostiker, ein Wellness-Esoteriker, sie können die Schergen als die benennen, die sie sind: Verbrecher. Das reicht mir nicht, ich bin Moslem, Aufruhr und Entsetzen, ich finde keine Ruhe."
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Medien

Vor einigen Monaten machte ein Papier (hier als pdf-Dokument) einer Beraterkommission im Finanzministerium von sich reden (unser Resümee), das die öffentlich-rechtlichen Anstalten scharf kritisiert und vorschlägt, sie überall dort einzuschränken, wo andere Medien ausreichend vorhanden sind. Nun hat Lutz Hachmeister in der Kölner Kunsthochschule eine Diskussion zu dem Papier organisiert, bei der es heiß herging, berichtet Oliver Jungen in der FAZ. Als der viele Sport im TV kritisiert wurde, "brachen die Schleusen, und die zahlreich angereisten Rundfunkangehörigen eröffneten ihr Trommelfeuer im Namen der "umfassenden Grundversorgung". Der Justiziar des Hessischen Rundfunks warf empört ein, das Privatfernsehen - "Trash-TV" und "volksverdummend" - würde "den Teufel tun", plötzlich Qualität abzuliefern, nur weil ARD und ZDF sich zurückzögen. Außerdem sei es doch ein Witz, die Zeitungen zum Vorbild zu nehmen, die in ihrer größten Krise steckten."

In ihrer taz-Medienkolumne lacht sich Silke Burmester schlapp über die neuesten Ideen von Gruner und Jahr, die Werbemärkte abzuschöpfen: das Bastelmagazin Flow für die Frau und für den Mann Walden mit Outdoorerlebnissen vor der Haustür.
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