Efeu - Die Kulturrundschau

Ich, wieder ein ganz Anderer

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25.03.2015. Die FAZ lernt von den Grandbrothers das Paradox des Minimalismus. Die taz lernt in einer Hamburger Ausstellung über Fast Fashion, was wahrhaft ästhetische Mode ausmacht. Die NZZ besucht den türkisch-zypriotischen Dichter Mehmet Yaşin. Und: Die Feuilletons trauern um die Opernsänger Oleg Bryjak und Maria Radner, die gestern beim Absturz der Germanwings-Maschine starben.

Musik

Bei dem grausigen Absturz der Germanwings-Maschine starben auch zwei Opernsänger: der russische Bassbariton Oleg Bryjak, Bayreuths Alberich im "Ring des Nibelungen", dem Manuel Brug in der Welt einen Nachruf widmet. Und die Altistin Maria Radner, die mit Mann und Kind bei dem Unglück starb, meldet slipped disc. Mehr in der SZ. Hier kann man Radner noch einmal mit Mahlers "Urlicht" aus "Des Knaben Wunderhorn" hören:



Sehr angetan ist Felix-Emeric Tota (FAZ) von der Musik der Grandbrothers, die ihrem Piano mit allerlei digitalen und analogen Gerätschaften und Applikationen manipulativ zu Leibe rücken, um dessen Klangspektrum auf Ungewohntes hin zu erforschen: "In ihrem Stil steckt das Paradox eines Minimalismus, der Geschichten erzählt, ohne dafür Worte zu brauchen. Wenn man die Grandbrothers zum ersten Mal hört, fällt einem kurioserweise erst beim dritten oder vierten Song auf, dass sie auf Gesang verzichten." Hier eine Hörprobe:



Weitere Artikel: Gefunden bei der Spex: Beim Guardian kann man sich das neue Album der epischen Post-Rocker Godspeed You! Black Emperor im Stream anhören. Außerdem präsentiert die Spex das neue Video von FKA Twigs. In der NZZ fürchtet Daniel Ender um die Sammlung historischer Musikinstrumente in der Wiener Hofburg, die einer Gedenkausstellung rund um den "Führerbalkon" in der Neuen Burg Platz machen soll - und zwar endgültig. Manuel Brug berichtet in der Welt vom Opernfestival in Lyon. Eleonore Büning ist in der FAZ not amused, dass ausgerechnet der Komponist Peter Eötvös sich bereitgefunden hat, als erster das gegen Riesenwiderstände fusionierte "SWR-Orchestra" zu dirigieren.

Besprochen werden die Autobiografie von Sonic-Youth-Musikerin Kim Gordon (taz), Kendrick Lamars neues Album (FAZ), Ringo Starrs neues Album "Postcards From Paradise" (Welt-Korrespondent Uwe Schmitt hält sich die Ohren zu), das neue Album der Jon Spencer Blues Explosion (Pitchfork), ein Konzert von Tokio Hotel (Berliner Zeitung) und eine von John Eliot Gardiner dirigierte Bach-Messe (SZ).
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Architektur

Besprochen wird die dem Architekten David Adjaye gewidmete Ausstellung im Haus der Kunst in München (FAZ).

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Stichwörter: David Adjaye

Literatur

In Nikosia trifft Achim Engelberg für die NZZ den türkisch-zypriotischen Dichter Mehmet Yaşin, dessen Gedichtband "Istanbul wartet auf niemanden mehr" gerade auf Deutsch erschienen ist: "Er gehört der achtundsiebziger Generation der Türkei an, dem jüngeren und tragischeren Pendant zu den Achtundsechzigern Westeuropas. Die Junta in Ankara zog ab 1986 seine Bücher ein und verwies ihn sogar des Landes. In Großbritannien promovierte er über zypriotische und türkische Literatur. Erst 1993 wurde das Urteil aufgehoben, und er kam nach Istanbul zurück. Schon früh lernte er seine Lektion, sie hieß: Er könne "keines Landes Dichter werden". Nicht nur das Ich ist ein anderer wie bei Arthur Rimbaud, der einige Zeit auf Zypern einen Steinbruch leitete, sondern "meine Muttersprache war eine andere, mein Mutterland ein / anderes / und ich, wieder ein ganz Anderer"."

Im Blog des Melville Houses freut sich Zeljka Marosevic über die "aufregend internationale" Longlist des Man Booker International Preises, die eine ebenfalls höchst internationale Jury erstellt hat. Die nominierten Autoren sind: César Aira (Argentinien), Hoda Barakat (Libanon), Maryse Condé (Guadeloupe), Mia Couto (Mosambik), Amitav Ghosh (Indien), Fanny Howe (USA), Ibrahim al-Koni (Libyen), László Krasznahorkai (Ungarn), Alain Mabanckou (Kongo) and Marlene van Niekerk (Südafrika).

Weitere Artikel: In der NZZ vergleicht Hoo Nam Seelmann koreanische Märchen mit denen der Brüder Grimm.

Besprochen werden unter anderem eine neue Studie über Alfred Andersch (ZeitOnline), Georges-Arthur Goldschmidts Erzählung "Der Ausweg" (NZZ), zwei Bände aus dem Nachlass Hans Blumenbergs (NZZ) und Ulla Lenzes "Die endlose Stadt" (FR).
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Film

In der taz erinnert sich Fatma Aydemir wehmütig an die insbesondere in Deutschland beliebte Sitcom "Alf", die vor 25 Jahren abgesetzt wurde. Die neue italienische Serie "1992" seziert den italienischen Filz zwischen Medien und Politik, staunt Carolin Ströbele auf ZeitOnline.

Besprochen werden Oskar Roehlers "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!" (Tagesspiegel, SZ), Ester Martin Bergsmarks "Something Must Break" (critic.de, taz) und Francois Ozons "Eine neue Freundin" (critic.de, FAZ).
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Kunst

Die Hamburger Ausstellung über die feministische Avantgarde der siebziger Jahre holt mitunter auch in Vergessenheit geratene Künstlerinnen zurück ins Gedächtnis, schreibt Alexander Jürgs im Freitag: " In ihrer Zeit standen sie in radikaler Opposition zum männlich dominierten Kunstbetrieb. Von den abstrakten wie figurativen Malerfürsten, die die Szene prägten, wollten sie sich abgrenzen. Darum griffen sie zu den in der Bildenden Kunst damals noch verpönten Medien Video und Fotografie oder entwickelten Performances. Aktivismus und Kunst gehörten für sie zusammen, das Private war politisch. Der Körper war ihr Material, und natürlich auch ihre Waffe." Mehr dazu in unserer gestrigen Kulturrundschau.

Besprochen werden die die Ausstellung "August Macke und Franz Marc. Eine Künstlerfreundschaft" im Münchner Lenbachhaus (NZZ), Channa-Horwitz-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken (Tagesspiegel), die Paul-Klee-Ausstellung im Museum der Bildenden Künste in Leipzig (FAZ), eine Berliner Doppelausstellung (hier und hier) mit den beim Ateliertausch zwischen Norbert Bisky und Erez Israeli entstandenen Arbeiten (Berliner Zeitung) und eine Ausstellung über Vittorio und Benedetto Carpaccio im italienischen Conegliano (SZ).
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Design


Sweatshirt mit Foto von dem Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch: Manu Washaus, SWEATER, study of the possible II, 2013, © Manu Washaus

Bemerkenswert findet es Petra Schellen in der taz, dass sich die Ausstellung "Fast Fashion - Die Schattenseiten der Mode" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, "ein Museum, das selbst eine beachtliche Modesammlung hat und lange als eher affirmativ galt", kritisch mit den negativen Folgen globalisiert hergestellter Billigmode befasst: "Obendrein eröffnet die Hamburger Schau eine kluge Diskussion über einen erweiterten Schönheitsbegriff: Demnach wäre wahrhaft ästhetische Mode nicht nur äußerlich schön, sondern auch nachhaltig."
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