9punkt - Die Debattenrundschau

Wie viele Wasserhähne sind verschwunden?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.03.2015. Die taz porträtiert Marina Litwinenko, die für die Aufklärung des Mords an ihrem Mann Alexander Litwinenko kämpft. In der Welt erklärt Herta Müller, warum aus den Trümmern von Diktaturen nicht immer neue Demokratien sprießen. Berliner Medien staunen über die Farce um die Besetzung des Direktorenpostens der Berliner Filmhochschule dffb. Libération erzählt von einem Prozess in Frankreich, der Facebook in die Bredouille bringen könnte. Die FAZ freut sich auf eine weitere Regulierung des Internets.

Europa

Deutlich spricht sich Herta Müller in einem großartigen Gespräch mit Andrea Seibel von der Welt gegen Wladimir Putin aus und reflektiert das traurige Nachleben von Diktaturen: "Wenn eine Diktatur zusammenbricht, dann entsteht nicht qua Naturgesetz eine Demokratie, sondern zuerst ein Zwischenstadium, aus dem wieder eine Diktatur oder eine Demokratie entstehen kann. Diktaturen haben die Substanz der Bevölkerung geplündert, sie haben den Leuten das Leben gestohlen. Geblieben ist der Apparat, das alte Personal der Diktatur in neuen Funktionen in der Politik, in der Wirtschaft. Das zweite Leben der Nomenklatura."

Dem türkischen Bildhauer Mehmet Aksoy wurde von einem Gericht eine Kompensation von 10.000 Lira (rund 3.500 Euro) zugesprochen, meldet Jürgen Gottschlich in der taz. Das Überraschende: bei dem Beklagten handelt es sich um den gegen Justiz ansonsten immunen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Er wurde schuldig gesprochen, den Künstler wegen eines Denkmals, das zur Aussöhnung mit den armenischen Nachbarn anregen sollte, beleidigt zu haben: "Als Erdogan, damals Ministerpräsident, bei einem Besuch in Kars das Denkmal sah, bezeichnete er das Kunstwerk öffentlich als widerlich und monströs. Der Kunstkritiker im Amt des Ministerpräsidenten sorgte dafür, dass das Versöhnungsdenkmal in Kars innerhalb weniger Monate zerlegt und abgerissen wurde, obwohl Mehmet Aksoy von der gesamten türkischen und vereinzelt auch internationalen Kunstszene unterstützt wurde."

Ebenfalls in der taz porträtiert Daniel Zylberstajn Marina Litwinenko, die Witwe des ehemaligen KGB-Agenten Alexander Litwinenko, der 2006 in London ermordet wurde. Viele Jahre hat sie für eine gerichtliche Untersuchung des Mords gekämpft, im Januar nahm nun der Untersuchungsausschuss seine Arbeit auf: "Es gilt als sicher, mit wem sich Litwinenko am Tag seiner Vergiftung traf. Bei dem Täter soll es sich nach Berichten britischer Zeitungen um Andrei Lugowoi handeln, einen ehemaligen KGB-Agenten und heutigen Geschäftsmann und Politiker, den Litwinenko offenbar kannte. Die Spur der radioaktiven Substanz, die ihn tötete, zieht sich durch ganz London und bis nach Hamburg. Seine Frau aber will keine Vermutungen. "Ich will mit Gewissheit sagen können, wie es zum Tod Saschas kam, und nicht irgendwas glauben müssen", sagt sie."

Das französische Karikaturenfestival "Osmose de la caricature" in Saint-Jean-de-Sixt in Savoyen ist abgesagt worden, meldet Libération: "Die Organisatoren und das Office du Tourisme berichten, sie seien von Behörden auf Sicherheitsrisiken hingewiesen worden und hätten sich zur Absage entschieden, um das Festival nicht mit zu aufwändigen und teuren Sicherheitsmaßnahmen zu belasten."

Weiteres: In der FAZ erklärt Paul Ingendaay, was Deutschland von der neuen linkspopulistischen Podemos-Partei in Spanien zu erwarten hat.
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Gesellschaft

Angeblich wird ja dringend akademischer Nachwuchs gesucht. Aber "gilt das auch für die Geisteswissenschaftler", fragt Denis Mirlas in der Welt: "Jährlich verlassen etwa 17.000 Absolventen die Hochschulen mit einem geisteswissenschaftlichen Abschluss, rund ein Fünftel aller Studierenden. Der Scham der Offenbarung bei der Bundesagentur, dem Bewusstwerden des eigenen Versagens, gehen viele aus dem Weg. Auch meine Erfahrung mit der Arbeitsagentur ist alles andere als positiv. Lieber würde ich bei McDonald"s arbeiten, als mich erneut wie einen Störenfried behandeln zu lassen."

Die Arbeitsmarktsituation der Geisteswissenschaftler dürfte sich noch weiter verschärfen, denn die Werkzeuge der Geisteswissenschaften werden in absehbarer Zeit durch jene der Naturwissenschaften abgelöst, schreibt der Londoner Evolutionsbiologie Armand Marie Leroi in der SZ. Immer bessere Algorithmen werden die herkömmlichen subjektive Interpretation durch objektive Quantifizierung ersetzen, ist Leroi überzeugt, auch wenn es einen Bereich gibt, der sich der technischen Auswertung stets entzieht: "Es gibt einen großen Unterschied zwischen Dingen, die Menschen erschaffen haben, und Dingen, die die Natur geschaffen hat: Erstere bedeuten etwas, letztere nicht. Deswegen sind die Geisteswissenschaften voller Kritiker, die Naturwissenschaften nicht: Kritiker erklären uns, was ein Werk bedeutet. Wenn uns Edmund Wilson erzählt, dass Sophokles "Philoktet" eine Parabel auf die Beziehung zwischen Abartigkeit und Genius ist, wenn Arthur Danto sagt, dass es bei Mark Rothkos "Untitled" um Schönheit geht, dann befinden wir uns offenbar in einem Bereich des Verstehens, den Zahlen und Algorithmen nicht erfassen."
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Kulturpolitik

Die Besetzung des Direktorenpostens der Berliner Filmhochschule dffb entwickelt sich mehr und mehr zu einer Farce. Nachdem sich das Auswahlgremium mit dem erstplatzierten Kandidaten, dem österreichischen Filmemacher Julian Pölsler, nicht über die Modalitäten einigen konnte, fiel die Wahl nicht auf die zweitplatzierte, die Kamerafrau Sophie Maintigneux. Stattdessen zauberte das Kuratorium unter Vorsitz des Senatskanzleichefs Björn Böhning mit dem Produzenten Ralph Schwingel einen neuen Kandidaten mit rückdatierter Bewerbung aus dem Hut. "Wieso eigentlich kommt Sophie Maintigneux in den Augen des Kuratoriums schon wieder nicht in Frage?", fragt sich Christiane Peitz im Tagesspiegel, zumal laut Ausschreibung bei gleicher Eignung eine Frau bevorzugt wird: "Von ihren Berliner Studenten wurde sie überaus geschätzt, sie kann jahrzehntelange Lehrtätigkeit und Erfahrung im Aufbau von Studiengängen vorweisen."

In seinem Blog Artechock kritisiert Rüdiger Suchsland das Verfahren und die Zusammensetzung der Auswahlkommission: "Das wirklich Bemer­kens­werte, Üble und Unak­zep­table daran ist die Tatsache, dass die komplette (!) Studentenschaft und die (zumindest offiziell) komplette Dozen­ten­schaft und die Studi­en­lei­tung der dffb alle an einem Strang ziehen, und dieses Verfahren nicht wollen, das ihnen von Außen aufge­zwungen wird - von einem Kura­to­rium, dem nicht ein einziger Regisseur angehört, aber zwei Fern­seh­re­dak­teu­rinnen (gegen die gar nichts zu sagen ist) und ein US-Main­stream­stu­dio­ver­leiher, Sony-Deutschland-Chef Martin Bachmann, der meines Wissen in seinem Leben noch keinen deutschen Studen­ten­film verliehen hat. "
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Internet

Ein französischer Internetnutzer hat Facebook verklagt, weil ihm das Konto abgeschaltet wurde, berichtet Alexandre Hervaud in Libération. Grund dafür war, dass er als Profilbild Courbets berühmtes Gemälde "Der Ursprung der Welt" gewählt hatte. Die Klage ist in Frankreich zugelassen worden. "Im Moment der Abschaltung seines Kontos hatte der Surfer laut seinem Anwalt, Maitre Stéphane Cottineau, etwa 800 Freunde. Ihm sei also ein Schaden entstanden, zumal Facebook auf seine Beschwerde-Mails nicht reagiert habe. Der Internetnutzer habe sich darum entschlossen, Facebook zu verklagen. Außer der Reaktivierung seines Kontos fordert er ein Schmerzensgeld von 22.000 Euro."
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Stichwörter: Facebook, Gustave Courbet

Überwachung

Die Neubauten des BND sind unter Wasser gesetzt worden. Die Schäden gehen in die Millionenhöhe. Diebe haben in oberen Stockwerken Wasserhähne abmontiert, so dass das Wasser durch Kabelschächte und über andere Wege nach unten lief. Das ist selbst Libération einen Bericht wert: "Die deutsche Presse überbot sich mit Wortspielen... "Watergate im künftigen Gebäude des BND", titelte der Tagesspiegel, während die Berliner Zeitung fragte: "Wieviele Wasserhähne sind verschwunden? Das bleibt ein Geheimnis!""
Archiv: Überwachung
Stichwörter: BND

Politik

Die IS-Miliz mordet und brandschatzt weiter. Nach Zerstörungen von Kunstwerken, die in der letzten Woche von sich reden machten, hat der Islamische Staat laut Le Monde ""die historischen Stätten von Nimrud eingenommen und sie mit Bulldozern zerstört", so irakische Behörden. Auch sind Lastwagen gesehen worden, die möglicherweise benutzt worden seien, um Kunstwerke abzutransportieren, erklärt ein Mitarbeiter der irakischen Denkmalschutzbehörde, der anonym bleiben will. "Das Ausmaß der Schäden können wir bisher nicht abschätzen", sagt er weiter."
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Medien

Spiegel-Urgestein Cordt Schnibben hat bei Spiegel Online ein unterhaltsames Multimedia-Dossier zur Zeitungskrise zusammengestellt.




Michael Hanfeld freut sich in der FAZ auf die gestern vom SPD-Politiker Torsten Albig angekündigte weitere Regulierung des Internets (unser Resümee), möchte aber, dass größer gedacht wird: "Mit einem Medienstaatsvertrag der Bundesländer allein käme man der Übernahme Europas durch amerikanische Online-Konzerne nicht bei. Da ist der Bundesgesetzgeber und ist die EU-Kommission gefragt, vor allem auch, was das Steuerrecht angeht. Aber es wäre ein wertvoller Beitrag, Konzerne, deren Deutungshoheit und Meinungsmacht man kaum hoch genug einschätzen kann, auf gesellschaftspolitische Maßstäbe zu verpflichten, an die sich alle anderen halten müssen."
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