9punkt - Die Debattenrundschau

Möglichst unaufwendig im Brot

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.03.2015. In der Basler Zeitung kritisiert Anne Applebaum die westliche Politik gegenüber Russland. Bei Stefan Niggemeier erklärt Springer-Lobbyist Christoph Keese, warum er Geld sehen will, wenn Bayern "nach spannendem Elfmeterschießen" gewinnt. Le Monde erzählt von Selbstzensurfällen in Kunstinstitutionen nach den Pariser Massakern. Großbritannien wird von Kindesmissbrauchaffären erschüttert, die bis in höchste Kreise reichen, berichtet die FAZ. Der Guardian verlangt dennoch eine liberale Behandlung mitschuldiger Behördenmitarbeiter. In der FAZ kritisiert Filmhistoriker Lars Henrik Gass das jetzige System der Filmförderung.

Europa

Emmanuelle Jardonnet zählt in Le Monde eine ganze Reihe von Selbstzensurfällen in französischen Kulturinstitutionen nach den Pariser Massakern auf. Ein Beispiel: eine Installation der Künstlerin Zoulikha Bouabdellah in Clichy-La Garenne bei Paris. Die Ausstellung sollte künstlerische Arbeiten über die Lage der Frauen zeigen: "Dieses seit 2008 häufig gezeigte Werk der franko-algerischen Künstlerin besteht aus mehreren Reihen von Gebetsteppichen, aus denen sie jeweils einen Kreis ausgeschnitten hat, um ein paar hochhackige Schuhe hineinzuplatzieren." (Bilder) Das Werk ist entfernt worden. "Ein Schild informierte, dass die Künstlerin und eine Kuratorin "entschieden" hatten, das Werk zurückzuziehen, um jede Polemik und Vereinnahmung zu verhindern."

Joseph Hanimann beschreibt in der SZ, wie die Realität an den französischen Schulen immer weniger mit der Utopie republikanischer Chancengleichheit in Einklang zu bringen ist: "Das theoretisch weltweit beste Schulsystem, das seit Beginn der Dritten Republik tatsächlich manche Talente aus den hintersten Ecken des Landes in die Pariser Eliteschulen holte, ächzt heute unter der Last seiner Aufgaben und produziert oft das Gegenteil dessen, was beabsichtigt ist: eine "Noblesse d"État" einerseits, wie Pierre Bourdieu es nannte, und auf der anderen Seite immer mehr Orte, die statt Lern- nur noch Bändigungsanstalten für Schwererziehbare sind mit jungen unerfahrenen Lehrern, die schnellstmöglich wieder wegwollen oder an der Aufgabe zerbrechen."

Im Interview mit Hansjörg Müller und Daniel W. Szpilman spricht die amerikanische Historikerin Anne Applebaum in der Basler Zeitung über Russlands Strategie gegenüber der Ukraine und den Fehler des Westens: "Eigentlich hatten alle US-Regierungen seit George Bush dem Älteren dieselbe Herangehensweise: Sie dachten, wenn man mit den Russen nur auf die richtige Weise redet und sie in westliche Institutionen einlädt, wird man sie zivilisieren. Doch das Gegenteil geschah: Während der letzten 15 Jahre gab es dort eine Art Gegenrevolution. Nun wird das Land von einer Clique früherer KGB-Leuten regiert. Der Fehler aller amerikanischen und auch der meisten europäischen Politiker war es, dies nicht früher erkannt zu haben. Nun haben Obama und seine europäischen Partner jeden Schritt sechs Monate zu spät gemacht."

Im Blog der NYRB erinnert Amy Knight daran, dass sich die Ermordung Boris Nemzows in eine ganze Reihe von politischen Morde in Russland fügt: "Since Putin came to power in January 2000, at least twenty-three journalists have been murdered in Russia for their investigative reporting on government malfeasance, along with several anti-Kremlin political activists. In only two of these cases have there been convictions for the murders. The story is always the same: prosecutors go through the motions of conducting an investigation and sometimes make a few arrests. There may even be a trial or two, as with the Anna Politkovskaya case. But the people who ordered the killing are never identified."
Archiv: Europa

Medien

Zur Zeit wird im Bundestag mal wieder über das Leistungsschutzrecht für Presseverlage diskutiert, das Grüne und Linkspartei gern abschaffen würden. Im Gespräch mit Stefan Niggemeier erklärt Springer-Lobbyist Christoph Keese, warum er nach Lektüre des Gesetzestextes glaubt, dass schon Überschriften zu den geldwerten Leistungen deutschen Qualitätsjournalismus zu zählen seien. In der Erläuterung des Gesetzestextes heißt es zwar, dass für den Satz "Bayern schlägt Schalke" noch kein Geld fällig wird. Aber: "Da steht nicht: "Bayern schlägt Schalke nach spannendem Elfmeter-Schießen." Oder "mit Flanke". "Die freie, knappe aber zweckdienliche Beschreibung des verlinkten Inhalts ist gewährleistet." Dieser Satz steht im Anschluss an diesen "Bayern schlägt Schalke"-Satz. Jetzt kann man das sicherlich so auslegen, dass man sagt: Frei, knapp und zweckdienlich ist "Bayern schlägt Schalke". Aber "in spannendem Elfmeterschießen" ist dann schon nicht mehr knapp.""
Archiv: Medien

Kulturpolitik

Filmförderung in Deutschland - ein nicht enden wollendes Trauerspiel. Immer höhere Beträge fördern eine immer größere Menge Mittelmaß, sowohl wirtschaftlich, als auch künstlerisch, erklärt der Filmhistoriker Lars Henrik Gass in der FAZ, der ein System beschreibt, in dem vor allem die Distribution schon durch Subvention verdient, auch wenn die Erlöse an der Kinokasse niedrig ausfallen. "Ein solches System verhindert die Entwicklung neuer Produktions- und Vertriebswege von Film, die Ansprache von neuen Zuschauergruppen und vor allem die Entwicklung neuer filmischer Formen selbst. ... Das System erzieht die Akteure dazu, sich möglichst unaufwendig im Brot zu halten, nicht dazu, Filme zu entwickeln, die es wert sind. Im Grunde handelt es sich um eine riesige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme."
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Politik

Christopher Resch hat für die taz in Berlin die beiden Filmemacher und Aktivisten Jasmina Metwaly und Philip Rizk getroffen, die in sehr düsteren Farben von der Lage in Ägypten berichten: "Eine unausgesprochene Grenze wurde kürzlich von anderen übertreten: Ramy Essam, der auf dem Tahrirplatz berühmt gewordene "Sänger der Revolution", und der international gefeierte Künstler und Grafiker Ganzeer haben aus dem sicheren Ausland ein Musikvideo veröffentlicht, das offen zur Gewalt aufruft: "Wenn die Maßstäbe der Justiz auf den Kopf gestellt sind, kann die Ehre nur mit Blut wiedergewonnen werden; wenn Steinewerfen nicht länger etwas bringt, ergeben Gewehre mehr Sinn.""

In der SZ spürt Kai Strittmatter den neuen rauen Wind, der im politischen Peking unter Xi Jingping weht: "China, das ist im Moment Xis China. Hier geht einer daran, Partei und Land nach seinem Bilde zu formen."
Archiv: Politik
Stichwörter: China, Xi Jinping

Gesellschaft

Großbritannien wird von Kindesmissbrauchaffären erschüttert, berichtet Jochen Buchsteiner in der FAZ. Das Phänomen betrifft die ganze Gesellschaft, bis in die höchsten Spitzen: "Seit Jahren ermittelt die Polizei auch im Umkreis von Westminster, wo die Spuren eines verzweigten Pädophilenrings zusammenlaufen. Mehrere Schuldige sind mittlerweile identifiziert, darunter der verstorbene liberaldemokratische Abgeordnete Cyril Smith sowie der ebenfalls verstorbene frühere Botschafter und Geheimdienstchef Sir Peter Hayman." Außerdem hat sich herausgestellt, dass in Oxford, ähnlich wie in Rothenham, eine Bande junger Männer pakistanischen Ursprungs über Jahre Mädchen missbrauchte und zur Prostitution zwang, ohne dass die Behörden je einschritten, mindestens 370 Kinder sollen seit 16 Jahren missbraucht worden sein. Auch der jahrzehntelang ungehinderte Kindesmissbrauch durch den Entertainer Jimmy Savile ist noch lange nicht aufgearbeitet. Dafür wurde gerade der frühere Glam-Rocker Gary Glitter wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu 16 Jahren Haft verurteilt.

Simon Jenkins wendet sich im Guardian gegen die in diesem Zusammenhang von Premierminister David Cameron angedrohten Gefängnisstrafen für nachlässige Behördenmitarbeiter: "In jedem Beruf können Fehler geschehen, die anderen Schaden zufügen. Solche Fehler unterliegen der Disziplinierung innerhalb der Profession. Es ist bekannt, was passiert, wenn Fehler kriminalisiert werden. Jeder geht in den defensiven Modus."
Archiv: Gesellschaft