Efeu - Die Kulturrundschau

Was nicht wächst, wird eingepflanzt

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07.02.2015. Von den mit Spannung erwarteten Berlinale-Beiträgen von Werner Herzog und Jafar Panahi kann nur einer überzeugen. Die Welt erliegt in Düsseldorf dem Sog von Günther Ueckers Nagel-Bildern. Äußerst skeptisch betrachtet die SZ die prosperierende Kunstszene in Saudi-Arabien und ärgert sich über eine Pause nach dem Ersten Satz von Mahlers Dritter Sinfonie in Frankfurt. Christopher von Deylen alias Schiller ärgert sich gleich über den kompletten Klassikbetrieb.

Film

Sanddünen und Dromedare: Werner Herzogs "Queen of the Desert". Bild: Berlinale.

Zweiter Tag der Berlinale. Wir präsentieren eine Auslese. Mit Jafar Panahis "Taxi" und Werner Herzogs "The Queen of the Desert" liefen gestern zwei der am meisten erwarteten Filme des Festivals. Der deutsche Regisseur enttäuschte die Kritik jedoch im wesentlichen: Was für ein kolonialistischer Exotismus-Schmus, ärgert sich Diedrich Diederichsen in der taz und mutmaßt, ob Herzog hier überhaupt Regie geführt hat: "Leute, die seinetwegen in diesen Film zu gehen planen, kann man nur warnen." Sophie Charlotte Rieger (Filmlöwin) sieht in dem Film über die Archäologin Gertrude Bell (Nicole Kidman) eine feministische Chance trotz einiger guter Ansätze im Großen und Ganzen verschenkt: "Herzog verweigert Gertrude jede Gelegenheit sich zu beweisen und fordert weder Ehrfurcht noch Bewunderung für die Heldin ein. Ohnehin scheint sich der Regisseur deutlich mehr für die Inszenierung von Sanddünen und Dromedaren zu interessieren als für die Charakterisierung seiner Hauptfigur." Perlentaucher Thomas Groh aber mochte den Film und verteidigt ihn gegen das Lachen der Berufszyniker.

Kino, Kunst und Verantwortung: "Taxi" von Jafar Panahi. Bild: Berlinale.

Große Begeisterung unterdessen für Jafar Panahi, der sich hier einmal mehr über das über ihn verhängte Berufsverbot hinwegsetzt. Und das mit einer "künstlerischen Klugheit", die Perlentaucherin Thekla Dannenberg staunen lässt: "Ebenso bewundernswert ist, wie skrupulös, unprätentiös und komisch zugleich er dabei Fragen nach Kino, Kunst und Verantwortung behandelt." Freude auch bei Ekkehard Knörer in der taz: Nach zwei durchaus bitteren Filmen, in denen der iranische Regisseur seine Situation thematisierte, wechselt er nun überraschend ins leichtere Register: Sein Film ist eine "Komödie, die vorführt, wie viel Freiheit ins Innere eines Taxis passt. Am Steuer des Wagens sitzt Jafar Panahi, der keinen anderen spielt als sich selbst." Dabei entstehe "ein großes Welttheater im Kleinen. Selbstironisch und leicht, dass man"s kaum glaubt." Im Tagesspiegel bejubelt Jan Schulz-Ojala den Film: "Brillant, bewegend und mit einer umwerfend schwarzen Pointe."

Weiteres: Sehr bedauerlich findet es Lukas Foerster (taz), dass das Forum die (nichtsdestotrotz empfohlenen) Filme des japanischen Altmeisters Kon Ichikawa lediglich digital vorführt: "Damit geht eine Ära zu Ende, nicht nur was die langjährige, verdienstvolle Beschäftigung mit japanischer Filmgeschichte angeht: Tatsächlich wird im Rahmen des diesjährigen Forums erstmals keine einzige analoge Filmkopie mehr vorgeführt."

In der taz unterhält sich Thomas Groh mit Jan Soldat über dessen Dokumentarfilm "Haftanlage 4614" über einen idyllisch gelegenen Fetisch-Knast für Masochisten. Anke Westphal (Berliner Zeitung) und Kerstin Decker (Tagesspiegel) sprechen mit Jürgen Böttcher, dessen in der DDR verbotener Film "Jahrgang 45" in restaurierter Fassung gezeigt wird.

Weiteres zur Berlinale im schnellen Überblick: Alle weiteren heutigen taz-Texte zum Festival hier. Cargo schickt weiter munter SMS vom Festival. Stets einen schnellen Klick wert ist der Kritikerspiegel von critic.de. Vom Festival berichten online außerdem u.a. Filmgazette, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, FAZ, SZ und kino-zeit.de. Und der Perlentaucher ist selbstverständlich auch vor Ort.

Abseits vom Potsdamer Platz: Für die taz sprechen Edith Kresta und Ralf Leonhard mit Ulrich Seidl über dessen neuen Film "Im Keller". Rolf Hoppe wird mit dem Paula-Preis ausgezeichnet, berichtet Jan Brachmann in der Berliner Zeitung. Wenke Husmann schreibt auf Zeit Online über den jungen deutschen Indiefilm.

Besprochen werden die Nordkorea-Satire "The Interview" (FR) und eine Berliner Ausstellung von Filmplakaten (Tagesspiegel).
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Musik

Eine Pause in Mahlers Dritter Sinfonie nach dem Ersten Satz? Für Hans-Klaus Jungheinrich (FR) ein Unding. Und dennoch hat Dirigent Andrés Orozco-Estrada bei einem Konzert in Frankfurt eine solche gesetzt, ärgert sich der Kritiker: "Würde Orozco-Estradas Maßnahme Schule machen, ergäben sich kuriose Rezeptions-Konsequenzen. Zerrissene Einheit: Mahler in Häppchen. Mahler als gelöcherter Schweizerkäse. Der völlig überflüssige Kotau vor ängstlich herbeigerechneten Konzentrationstrübungen des Publikums (...) war von nicht zu unterschätzendem Einfluss auf die dramaturgische Stellung der nach der Unterbrechung folgenden Sätze."

Für sein neues Album "Symphonia" hat Christopher von Deylen alias Schiller erstmals ein Orchester eingesetzt. Im Gespräch mit Jakob Buhre auf planet-interview.de kritisiert er die Unterscheidung zwischen Hochkultur und Unterhaltung im Allgemeinen und den staatlich geförderten Klassikbetrieb im Besonderen: "Das ist ungefähr so, als würde ein Maler sagen: Bitte kauft mir die Farbe und bezahlt mein Atelier, denn die Bilder, die ich male, sind so unfassbar relevant und in 20 Jahren ganz bestimmt große Meisterwerke. Nicht im Traum würde einem Maler einfallen, so etwas einzufordern. Doch in der Klassik gelten offenbar andere Regeln. Dabei ist und bleibt Musik doch einfach nur Musik. Warum da zwischen "U" und "E" ein Unterschied gemacht wird, verstehe ich partout nicht."

Besprochen werden Bob Dylans neues Album "Shadows in the Night" (Freitag), das neue Album der Tuareg-Rockband Tinariwen (taz), ein Auftritt von The Godfathers (FR) und ein Konzert von Lambchop (Tagesspiegel).
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Literatur

Als "Houellebecq mit besseren Sexszenen oder Kundera in lustig" beschreibt Sibylle Berg ihren neuen Roman "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" im Gespräch mit Alexandra Kedves in der Welt. Außerdem druckt die Welt einen Auszug aus dem von Michael Kleeberg übersetzten Liberia-Reisebericht "Reise ohne Landkarten" von Graham Greene. Hans-Christian Rössler (FAZ) besucht die israelische Nationalbibliothek, die in ihren Beständen auch viele deutschsprachige Nachlass-Bestände, unter anderem von Martin Buber und Max Brod, verwahrt.

Besprochen werden unter anderem Michael Wildenhains "Das Lächeln der Alligatoren (FR), Alberto Vigevanis "Belle - ein Trugbild" (taz), Wolfgang Welts "Fischsuppe" (taz), Arno Geigers "Selbstporträt mit Flusspferd" (FR, FAZ, SZ), "Die Vergeltung: Rhoon 1944" von Jan Brokken (Welt), Alfred Polgars Dietrich-Biografie "Marlene" (Welt), Gipis autobiografischer Comic "Mein schlecht gezeichnetes Leben" (Welt), "Exodus: Die Revolution der Alten Welt" von Jan Assmann (Welt), das Tagebuch der Goncourt-Brüder (NZZ) und diverse Neuübersetzugen des "kleinen Prinzen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
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Architektur

Als eine "Gratwanderung zwischen Banalität und großer Kunst" beschreibt Roman Hollenstein in der NZZ die große Einzelausstellung des New Yorker Architekten Peter Marino in Miami. Ebenfalls in der NZZ schreibt der Architekt Albert Kirchengast über städtebauliche Experimente im Burgenland.
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Stichwörter: Peter Marino, Miami

Kunst

"Die Verführung durchs Nagel-Label war immer stark", weiß Hans-Joachim Müller und freut sich in der Welt umso mehr, dass die Kuratorinnen der großen Günther Uecker-Retrospektive in der Kunstsammlung NRW auch andere Seiten des Künstlers präsentieren. Am Ende sind es dann aber doch die Nagel-Bilder, die Müller am stärksten in ihren Bann ziehen: "Dass die ungezählten Nägel, die alle ihren eigenen Neigungswinkel haben, starr stehen, ist ihnen kaum anzusehen. Sie muten an wie ein Ährenfeld, durch das Licht und Schatten wehen. Und die Nagelköpfe auf den Stahlstiften verschmelzen wie die Punkte einer aufgerasterten Fotografie zu Wellen und Wolken, zu Staus und sich auflösenden Schwärmen, zu kreisenden Clustern, die sich an der einen Stelle verdunkeln und an der anderen auflichten." (Im Bild: Günther Uecker: "Weißes Feld", 1964, MoMA)

Sehr skeptisch berichtet Tomas Avenarius (SZ) von seiner Reise durch die prosperierende saudi-arabische Kunstszene, für die sich mittlerweile auch die Politik interessiert, um mit ihr das ramponierte Image im Ausland aufzubügeln. "Aber kann eine Nation auf Anordnung von oben das künstlerische Antlitz der Moderne übernehmen, wenn sie politisch so zurückblickt? Nach Ansicht des Galeristen Mohammed Hafiz sollten saudische Kunstschaffende die Tabus als fast gottgegeben akzeptieren, aber trotzdem Freiräume erobern... Das saudische Kunstprojekt erinnert an die Philosophie der Bau-Bonanza in Dubai: Was nicht wächst, wird eingepflanzt. Vom besten Flughafen bis zum größten Hafen - schneller Vorlauf, bezahlt mit Öl."

Besprochen werden die Ausstellungen "Der Göttliche - Hommage an Michelangelo" in der Bundeskunsthalle in Bonn (FR), "La symphonie des contraires" in der Fondation Pierre Arnaud in Lens (NZZ) und eine Ausstellung mit Werken von Caspar David Friedrich und Johan Christian im Albertinum Dresden (Tagesspiegel).
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