9punkt - Die Debattenrundschau

Das ist richtig gut für die Lungen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.12.2014. Die  feministische Ökonomin Mascha Madörin sagt im Freitag den Frauen eine große Zukunft voraus. Im Jahr 2014 haben Europa und die USA endgültig ihre Vormachtstellung in der Welt verloren, findet die taz. Oliver Stone hat den Schuldigen für die Majdan-Revolution gefunden und outet ihn auf Facebook: Es war die CIA. Das Gutachten des wissenschaftlichen Beirats des Finanzministeriums zu den Öffentlich-Rechtlichen sorgt weiter für Diskussionen.

Kulturmarkt

Instruktiv liest sich der mehrteilige Jahresrückblick von buchreport.de für die Buchbranche. Im letzten Teil (von dem aus man auf alle vorherigen Teile zurückklicken kann) heißt es: "Auch wenn an diesem Standort ganz spezifische Bedingungen den Ausschlag gegeben haben, steht die Ankündigung Hugendubels, Deutschlands umsatzstärkste Buchhandlung am Münchner Marienplatz Ende 2015 zu schließen, als Symbol für das Ende des Großflächenbooms im Buchhandel."

Weiteres: Oliver Maria Schmitt fürchtet in der FAZ für die Branche, dass das Jahr 2015 für die Gedenkerei weit weniger hergibt als das Jahr 2014.
Archiv: Kulturmarkt

Medien

Sehr scharf kritisiert der Journalist Ralf Fischer bei den Ruhrbaronen einen Beitrag des Zapp-Medienmagazins des NDR, der Verschwörungstheoretikern wie Mathias Bröckers nach Fischer kritiklos Raum gab, die "Lügenpresse" zu anzuprangern. Fischer formuliert seinen Text als offenen Brief: "Ihnen gelingt es im Beitrag nicht, eine angemessene Kritik an der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt mit einer Kritik an den verschwörungstheoretischen Montagsdemonstranten zu verknüpfen. Statt darauf hinzuweisen, dass viele der geäußerten Vorwürfe völlig aus der Luft gegriffen sind, oder zumindest stark übertrieben, stellen sie diese Wortmeldungen als berechtigte Einwände dar. Ganz allgemein steht bei Ihnen die gesamte bundesdeutsche Presselandschaft als Angeklagter den Konsumenten als Unschuldslämmern gegenüber." Nach Fischer erklärt sich die Konjunktur der Verschwörungstheorien auch daraus, dass "die Konsumenten nicht mehr ihren Beitrag zur Finanzierung eines unabhängigen Journalismus leisten".

Bettina Röhl kommt in dem Blog Tichys Einblick auf das Gutachten des unabhängigen "wissenschaftlichen Beirats" im Bundesfinanzministerium zu den Öffentlich-rechtlichen Sendern zurück (hier als pdf-Dokument), das im Schäubles Ministerium selbst kommunikativ beschwiegen werde - in dem Gutachten wird das gesamte System in Frage gestellt: "Die Gutachter, die auch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes zum substanzlosen Schwabbelbegriff der sogenannten "Grundversorgung" der Bevölkerung mit Radio und Fernsehen durch die öffentlich-rechtlichen Sender kritisieren, haben ein Riesenfass aufgemacht und dies mit weitreichender gesellschaftlicher Bedeutung."

Ganz anders der Vorsitzende des DJV, Michael Konken, der in einer Pressemitteilung bereits das "Grabgeläut für ARD und ZDF" vernimmt: ""Das Gutachten will ARD und ZDF zum Nischendasein verdammen, ohne auch nur eine Zeile über die Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Meinungsvielfalt gerade auch im Regionalen zu verschwenden." Dem wissenschaftlichen Beirat beim Bundesfinanzministerium kämen keinerlei Kompetenzen in diesen Fragen zu. "Dem Ansinnen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu Grabe zu tragen, müssen die Ministerpräsidenten der Länder energisch entgegentreten", stellte Konken klar."

Weiteres: Medienforscher Stephan Russ-Mohl beschreibt im Standard, wie seine Disziplin dem Medienwandel hinterhinkt. Politico meldet, dass der Exodus bei der New Republic weitergeht: vier weitere wichtige Redakteure gehen. In der SZ imaginiert Willi Winkler die Chefredaktuerssuche beim Spiegel in Form eines Dramoletts. Ben Preston berichtet in der Radio Times, dass die BBC eine kritische Radiodokumnetation über Medienbeeinflussung durch das britische Königshaus nach Intervention königlicher Anwälte zurückgezogen hat.
Archiv: Medien

Gesellschaft

Grey Hutton unterhält sich bei Vice mit dem Fotografen Alexander Krack, der eine schöne Serie über deutsche Kurorte gemacht hat. Auf einem Foto sitzen ältere Menschen auf Stühlen und blicken in eine Höhle: "Sie sitzen in einem Schieferstollen. In dem Stollen herrscht ein Mikroklima, wodurch die Temperatur das ganze Jahr konstant bei 8 Grad bleibt. Die Luftfeuchtigkeit beträgt fast 100 Prozent und die Luft ist fast vollständig frei von Staubpartikeln, Keimen und Pollen. Das ist richtig gut für die Lungen. Es gibt auch eine Quelle im Stollen, aus der sogenanntes reduziertes Wasser entspringt. Angeblich fängt es freie Radikale auf."

Inge Günter besucht für die FR aktuelle archäologische Ausgrabungsprojekte in Jerusalem: "Den Luxus eines Schwimmbades von 23 Metern Länge und sieben Metern Breite konnte sich im wasserarmen Jerusalem damals nur der verschwenderische Herodes leisten."

Die feministische Ökonomin Mascha Madörin sagt im Interview mit Ulrike Baureithel im Freitag traditionell als "weiblich" angesehen Talenten eine große ökonomische ZUkunft voraus: "Eine vielbeachtete britische Studie zur Beschäftigungsstruktur in den USA hat 2013 gezeigt, dass in Zukunft 47 Prozent aller Arbeitsplätze durch Robotik ersetzt zu werden drohen. Aber es gibt Arbeit, die nicht ersetzt werden kann: Jobs, die auf Kreativität, sozialer Intelligenz oder auf "der Wahrnehmung und Manipulation irregulärer Objekte" beruhen." Ähnlich sieht es Alan Posener in der Welt: Angesichts der jobfressenden Digitalisierung seien "Kreativität und emotionale Intelligenz" die nicht wegzurationalisierenden "Schlüsselkompetenzen der Zukunft".
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Archiv: Gesellschaft

Politik

Im Jahr 2014 haben Europa und die USA endgültig ihre Vormachtstellung in der Welt verloren, schreibt Dominic Johnson im Leitartikel der taz. Dem Umstand, dass die ehemals zentralistische Machtverteilung endgültig einer multipolaren gewichen ist, widmet die Zeitung ihre gesamte Ausgabe und illustriert den damit verbundenen Perspektivwechsel mit Berichten, Analysen und Reportagen aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Nicht einmal der als dezidiert anti-westlich wahrgenommene Terrorismus richtet sich in Wirklichkeit noch gegen uns, stellt Charlotte Wiedemann fest: "Die Konflikte, Kämpfe und Kriege in der islamischen Welt werden vor allem unter Muslimen ausgetragen - und nicht gegen den Westen oder dessen vermeintliche Statthalter. Dies gilt auch und gerade für den "Islamischen Staat" (IS), der in einer so grotesken wie tragischen Verzerrung globaler Größen- und Mehrheitsverhältnisse immer dann herhalten muss, wenn im Westen jemand eine neue Theorie über den Islam auf den Markt werfen will. Doch es sind keine westlichen Werte, die der IS zu zermalmen sucht, sondern uralte Werte des Nahen Ostens, eine über Jahrhunderte praktizierte religiöse und kulturelle Pluralität, die es im Westen in dieser Form nie gab. Der IS nutzt die ekstatische westliche Aufmerksamkeit überaus professionell, spielt mit ihr - aber er braucht den Westen nicht."

"Ein gemeinsames Gedenken der europäischen Völker hat 2014 nicht stattgefunden", bedauert der ehemalige Staatssekretär Michael Müller in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel. Statt die universalen Lehren aus den Kriegen der Geschichte zu ziehen und für die gegenwärtigen Krisen nutzbar zu machen, konzentrierte sich das Gedenken in Deutschland auf eine "Revision des Geschichtsbildes" und verhinderte so eine mögliche europäische Erinnerungskultur: "Es war auch politisch nicht gewollt, aber es wäre notwendig gewesen - innenpolitisch, um neuen nationalistischen Strömungen wie der Alternative für Deutschland entgegenzutreten, außenpolitisch, um die Idee Europa zu stärken. Aber es gab keine deutschen Schritte hin zu einer gemeinsamen europäischen Geschichte. Vielmehr hat sich das deutsche Geschichtsbewusstsein 2014 wieder entfernt von den Erinnerungen der anderen Völker."

In dem vor drei Wochen veröffentlichten Aufruf deutscher Politiker und Kulturschaffender zu einem weniger konfrontativen Ton gegenüber Moskau sieht der Bremer Politologe Jörg Himmelreich in der NZZ das "gelegentlich wieder hervorbrechende besondere deutsche Verständnis für Russland und seine Gewaltakte" am Werk, das das bewegte deutsch-russische Verhältnis seit dem achtzehnten Jahrhundert geprägt hat: "Wer vor diesem historischen Hintergrund aber beobachtet, wie selbstverständlich sich die Bundesregierung und die breite Bundesbevölkerung - abgesehen von einigen Irrläufern - heute an die Spitze eines gemeinsamen, von westlichen Werten geprägten Europa gegen Putins Angriff auf die europäische Rechts- und Friedensordnung stellen, der kann beruhigt feststellen: Deutschland ist im Westen doch endgültig angekommen."
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Europa

(
Oliver Stone und Janokowytsch beim Interview.Oliver Stone und Janukowytsch beim Interview, Foto von Stones Facebook-Seite.
Via Mashable) Nun wissen wir"s: Das Massaker auf dem Majdan-Platz am 22. Februar des Jahres war eine Veranstaltung der CIA. Der einst bedeutende Filmregisseur Oliver Stone ist zumindest davon überzeugt und teilt es auf Facebook mit, nachdem er ein vierstündiges Interview mit dem abgehauenen Ex-Präsidenten Wiktor Janukowytsch geführt hat: "Er war der legitime Präsident der Ukraine, bis er es nach dem 22. Februar plötzlich nicht mehr war. Details folgen in meinem Dokumentarfilm, aber es scheint klar, dass die sogenannten "Schützen", die 14 Polizisten töteten, 85 verletzten und 45 protestierende Zivilisten erschossen, von einer dritten Seite eingesetzt wurden. Viele Zeugen, inklusive Janukowytsch, glauben, dass diese Elemente von westlichen Parteien eingesetzt wurden, mit CIA-Fingerabdrücken."
Archiv: Europa
Stichwörter: CIA, Oliver Stone, Ukraine