Efeu - Die Kulturrundschau

Komprimierte Konfusion

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05.11.2014. Christopher Nolans SciFi-Film "Interstellar" feiert die Macht der Liebe, zum Unbehagen deutscher Filmkritiker. In der Huffpo.fr spricht der algerische Autor Kamel Daoud über Albert Camus. Im Blog der NYRB erzählt der Fotograf Leo Rubinfien, wie er an Orten wie Mae Hong Son, Col de Nuages oder Bukittinggi sehen lernte. Der Freitag warnt vor 3D-Druckern: pfui, alles nur Plastik.

Film



Für die Filmkritik gibt es diese Woche nur ein großes Thema: Christopher Nolans Science-Fiction-Epos "Interstellar", mit dem der Blockbuster-Auteur mittels Einstein und Relativitätstheorie nach den Sternen und dem Pioniergeist der frühen NASA greift. Ästhetisch und produktionstechnisch beeindruckend finden den auf 70mm und zum großen Teil ohne CGI gedrehten Film zwar durch die Bank weg alle Kritiker - aber...

Andreas Busche (Zeit) etwa missfällt die romantische Ader des Films: "Gegen die Macht der Liebe sind die Gravitationskräfte eines Schwarzen Lochs Kinkerlitzchen. (...) Da war Stanley Kubrick mit 2001 (zweifellos ein Referenzfilm für Nolan) schon weiter." Peter Uehling (Berliner Zeitung) gewinnt "den Eindruck, dem Autor und Regisseur Christopher Nolan bei der permanenten Selbstübertrumpfung zuzusehen." Und Tobias Kniebe (SZ) stößt sich daran, das Nolan, anders als sein Vorbild Kubrick, jedes Rätsel durcherklären muss: "Wenn nämlich Christopher Nolan, einer der klügsten und mächtigsten Filmemacher des Augenblicks, solche Freiheit und Größe nicht mehr hat - dann ist auch die Frage beantwortet, ob es in der Gegenwart noch ein Wurmloch gibt, das Anschluss an jene ferne Galaxie erlaubt, wo die Götter der Filmgeschichte inzwischen wohnen." Nur Dietmar Dath von der FAZ ging im Print bereits gestern, online erst heute andächtig auf die Knie, nicht zuletzt, was die über weite Strecken handgemachte Tricktechnick betrifft: "Mit dieser liebevollen Sorte Präzision rettet er die Ehre der "mechanischen, optischen und Taschenspielertricks", die Georges Méliès dem Kino laut eigenem Bekenntnis mit seiner Mondreise 1902 geschenkt hat."

Tom Shone widmet im Guardian Nolan und seiner Arbeitsweise ein großes Porträt, im New York Times Magazin schreibt Gideon Lewis-Kraus.

Außerdem: Michael Kienzl von critic.de sieht auf der Viennale alte und neue Filme, darunter Pedro Costas "Horse Money". Jan Schulz-Ojala spricht im Tagesspiegel mit Regisseur Mike Leigh über dessen Künstlerbiografie "Mr Turner". Ein weiteres, umfangreiches Gespräch mit Leigh hat Andreas Kilb für die FAZ geführt. Der Freitag bringt die Übersetzung von Emma Brockes" Feature über Susan Sarandon, das zuerst im Guardian erschienen ist.

Besprochen werden Mike Leighs Biopic "Mr. Turner" über den Maler William Turner (NZZ), Laura Poitras" Dokumentarfilm "Citizen Four" über Edward Snowden (FAZ, taz, critic.de) und die DVD von Gerd Conradts Porträtfilm "anfangen" über die Feministin Christina Thürmer-Rohr (Freitag).
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Bühne

Besprochen werden eine Adaption von Oscar Wildes "Gespenst von Canterville" an der Komischen Oper in Berlin (Tagesspiegel) und ein Londoner "Idomeneo" in der Inszenierug von Martin Kušej (SZ).
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Architektur

In der FR schreibt Christian Thomas über die neue Europäische Zentralbank in Frankfurt, die ihm so gar nicht gefallen will. Und er macht sich große Sorgen um die psychische Gesundheit der Angestellten, die dort zu Werke gehen sollen: "Diese Umgebung ist nicht neutral, sie zeigt sich manisch aufgekratzt, in dieser Performancearchitektur steigt für jeden Mitarbeiter der Performancedruck. In diesen vier (?) Wänden komprimierter Konfusion gibt es kein anonymes Verkriechen oder Werkeln."

Weiteres: Die Zeit bringt eine Strecke mit Bildern vom One World Trade Center, in das derzeit die ersten Mieter einziehen. In der SZ feiert Till Briegleb die neue Philharmonie in Stettin der spanischen Architekten Barozzi und Veiga als "eines der stärksten Konzerthäuser der letzten Jahrzehnte".
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Literatur

Ghada Hamrouche unterhält sich in huffpo.fr mit Kamel Daoud, der heute auf den Prix Goncourt für seine Camus-Fortschreibung "Meursault contre-enquête" hofft. Über Albert Camus sagt er: "Er ist auch Teil der algerischen Geschichte, ob man will oder nicht. Wären wir Südafrikaner, dann hätten wir Camus vielleicht ein Denkmal errichtet. Aber wir sind halt in Algerien und haben einen ausschließenden und keinen integrativen Blick auf unsere Geschichte."

Die Berliner Buchhandlung Ocelot hat versucht, stationären und Internetbuchhandlung zu verbinden, indem sie eine Ort schuf, an dem man gern hinging. Am 30. Oktober musste Gründer Frithjof Klepp jedoch Insolvenz anmelden, berichtet Tilman Strasser im Tagesspiegel. Klepp will aber weitermachen, sagt er: ""Wir sind wahnsinnig gut angenommen worden, hatten viel tolles Feedback, und die Entwicklung ist eindeutig positiv", sagt Klepp. "Wir sind eben nur noch nicht dahin gewachsen, wo wir hinwollten." ... Nun sucht Klepp nach einem Investor oder Partner, der mit dafür sorgt, dass die Reise nicht schon bald zu Ende ist." Mehr dazu auch bei buchreport.

Weitere Artikel: Katy Derbyshire erinnert sich in ihrem Blog an den Autor und Übersetzer Martin Chalmers, der an Krebs starb. Der Freitag bringt eine von Daniel Windheuser kommentierte Leseprobe aus Pierre Lemaitres Erster-Weltkriegs-Roman "Wir sehen uns dort oben". Außerdem bringt die SZ mit ihrem Revolverblatt eine ganze Literaturbeilage nur für Kriminalromane.

Besprochen werden Simone Lapperts "Wurfschatten" (Zeit), Andrea Sawatzkis "Von Erholung war nie die Rede" (taz), der dritte Band von Heinrich August Winklers "Geschichte des Westens" (Freitag), Lisa Kränzlers "Lichtfang" (FAZ) und Daniel Glattauers "Geschenkt" (SZ).
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Kunst


Leo Rubinfien, At the Typhoon Shelter, Yaumatei, Kowloon, Hong Kong, 1980. Taka Ishii Gallery (Ausstellung) / Steven Kasher Gallery

Reisen macht den Fotografen. Im Blog der NYRB erzählt der Fotograf Leo Rubinfien, in Asien aufgewachsen, später in New York lebend, wie er als junger Mann in den Ferien seine Sachen packte und alleine los zog an Orte, deren Name ihn schon verlockte: Mae Hong Son, die Col de Nuages, Bukittinggi. "I was an intent, anxious, too-serious boy bent over a heavy novel in the slop-strewn eating hall of a travelers" block in Shanxi province; at an obscure mountain inn where the rain wouldn"t stop; in Bangkok, at yet another Indian cafe in a murky cul-de-sac. I sent many letters home, and there were days when I hardly talked to anyone but a driver and a couple of waitresses; the loneliness was often choking. ... If I say that those streets were fascinating, the truth is that they were almost intolerably dull - yet despite this I would plod through the better ones again and again. There were moments - this was the point - when a completely ordinary house or face or artifact or splash of light (and here you could never say if what happened was inherent in the thing per se or an effect the camera produced) seemed to reach beyond itself. It was unaccountably vivid, maybe, or seemed to carry deep feeling, or to reveal old strands of culture or history, or some paradox that could never be settled, or to say more richly than most things do what it itself was. It seemed somehow transcendent."

Weitere Artikel: In der taz stellt Ingo Arend die kleine Biennale in Canakkale vor, die mit knapper Finanzausstattung, aber viel Idealismus und Freude an der Kunstvermittlung in der türkischen Provinz ein "staunenswertes Projekt" stemmt: "Die Ausstellung zeigte, dass man auch mit bescheidenen Mitteln ein Höchstmaß an Qualität und kritischer Reflexion leisten kann." Beim Europäischen Monat der Fotografie (mehr) diskutierte man in Berlin unter anderem über das Verhältnis zwischen Fotografie und internationalen Krisen, berichtet Cara Wuchold im Freitag. Die Zeit bringt zum Europäischen Monat der Fotografie eine beeindruckende Strecke, im art Magazin geben Nina von Wildenradt und Larissa Maibach dazu zwölf Ausstellungstipps.

Besprochen werden eine Ausstellung der Sammlung Dreyfus-Best im Kunstmuseum Basel (NZZ), die Ausstellung "Der Wert des Originals" im Literaturmuseum Marbach (Welt), eine Fotoausstellung über Venedig zu Zeiten des Ersten Weltkriegs in der Casa dei tre oci (SZ) und Anri Salas Installation "The Present Moment" im Münchner Haus der Kunst (SZ).
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Musik

Besprochen werden Taylor Swifts Album "1989" ("Taylor Swift versteht so gut wie keine andere, wie man 2014 musizieren sollte. Im globalen Biedermeier", meint Michael Pilz in der Welt), eine Aufführung von Bruckners Neunten der Berliner Philharmonie unter Kent Nagano (Tagesspiegel), ein Konzert von The Knife (Tagesspiegel) und ein Konzert des Jazzgitarristen Bill Frisell (FAZ).
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Design

Vor allem aus ökologischen Gründen äußert sich Nora Marie Zaremba im Freitag sehr skeptisch zum Hype um 3D-Drucker, insbesondere was das Versprechen betrifft, dass mit der neuen Technologie und einer am individuellen Verbrauch orientierten Einzelproduktion die Umwelt geschont werde: Sie sieht dahinter "ein gehöriges Maß an naiver Technikgläubigkeit. ... Dass der 3-D-Druck größtenteils mit flüssigem Plastik (ABS) arbeitet, gerät gern in Vergessenheit. Doch wenn die Welt eines nicht braucht, dann ist es noch mehr Plastik."
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