9punkt - Die Debattenrundschau

Der Bote mit den explosiven Exklusivinformationen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.10.2014. Mit der Digitalen Agenda will die Bundesregierung die Anonymität im Netz abschaffen, stellt die FAZ fest. Ello und die Schweiz haben hingegen den Standortvorteil von Anonymität und Datenschutz erkannt. Wo im Mittelalter Judenpogrome stattfanden, kaufen die Menschen heute weniger Aktien, berichtet die Welt. In der taz gewährt Vamik Volkan Einblick in die Psychologie von Selbstmordattentätern. Und Frank Golczewski rät der Ukraine, die russischen Propagandalügen nicht auch noch zu bestätigen. 

Politik

"Nicht sehr intelligent" findet der Osteuropa-Historiker Frank Golczewski die Strategie, radikale ukrainische Nationalisten aus dem Westen des Landes in den Osten zu schicken, wie er im Gespräch mit Zita Affentranger im Tages-Anzeiger erklärt: "Nehmen wir das Bataillon Asow: Es bestätigt sämtliche Klischees einer faschistischen Junta in Kiew, wie Moskau sie an die Wand gemalt hat. Gemäßigte Politiker wie Präsident Poroschenko oder der Boxweltmeister Witali Klitschko erfüllen diese Klischees nicht. Aber sie sind im Osten nicht präsent. Zu Beginn des Konflikts war die Bevölkerung in der Ostukraine keineswegs überzeugt, dass der Westen des Landes schlecht oder gar faschistisch ist. Heute glaubt sie immer mehr daran."
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Stichwörter: Ostukraine, Ukraine

Internet

Es geht "offenbar darum, eine anonyme Nutzung des Internets möglichst zu verhindern: Jeder soll zu jeder Zeit für sein Verhalten im Internet zur Rechenschaft gezogen werden können", fasst Ulf Buermeyer in der FAZ die Vorstellung der Digitalen Agenda ernüchtert zusammen und attestiert der Bundesregierung "eine irrationale Abwehrhaltung gegenüber der kreativen Vielfalt des Internets und seiner Unbeherrschbarkeit, auf deren Grundlage Zukunftschancen vertan werden."

Ganz anders sieht die Lage in der Schweiz aus, deren strenge Datenschutzgesetze einen Standortvorteil für Schweizer Rechenzentren und Serverfarmen darstellen, wie der Datenschützer Hanspeter Thür im Gespräch mit Michael Marti im Tages-Anzeiger erläutert: "Zu unserem Datenschutzrecht gehört, dass Daten nicht ohne Einwilligung der Betroffenen für andere Zwecke weiterverwendet oder weitergegeben werden dürfen - andere Rechtssysteme sind da weniger streng und ermöglichen damit eine weitergehende Verwertung und Kommerzialisierung von Daten."

Den Vorteil des Datenschutzes hat auch das soziale Netzwerk Ello erkannt, das sich in den letzten Monaten als werbefreie, datenschutzbewusste Alternative zu Facebook etabliert hat. Damit das so bleibt, hat es sich jetzt zur public-benefit corporation (PBC) erklärt, einer speziellen Rechtsform für US-Unternehmen, die sie verpflichtet, einen Mehrwert für die Allgemeinheit schaffen und verschärfte Rechenschafts- und Transparenzpflichten einzuhalten, berichtet Patrick Beuth in Zeit digital. Dieser Status ist allerdings "nicht unumstößlich. Ello hat sich für PBC-Version nach der Rechtslage im US-Bundesstaat Delaware entschieden, und die besagt: Eine Zweidrittelmehrheit der Anteilseigner kann den Status aufheben."
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Gesellschaft

Aland Posener berichtet in der Welt von einer Studie aus Bekerley, die das Misstrauen gegen die Finanzmärkte zwar nicht mit antisemitischen Einstellungen in Zusammenhang bringen konnte, wohl aber zu Pogromen im Mittelalter: "In Landkreisen, wo die Judenverfolgung unter den Nazis besonders intensiv war, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt Aktien besitzt, 7,5 Prozent niedriger als im Rest Deutschlands. In Kreisen, wo es zu Zeiten des Schwarzen Todes, also vor mehr als sechs Jahrhunderten, zu Pogromen kam, liegt die Wahrscheinlichkeit von Aktienbesitz sogar um 12 Prozent niedriger."
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Überwachung

Patrick Bahners hat für die FAZ die Premiere des Films "Citizenfour" in New York besucht, in dem Laura Poitras die Kontaktanbahnung und Informationsübergabe von Edward Snowden an den Journalisten Glenn Greenwald dokumentiert. Und Bahners berichtet: Snowden mag im Exil und faktisch handlungsunfähig sein, aber die Aufklärung der von ihm enthüllten globalen Überwachung wird fortgesetzt: "Snowden und Greenwald haben die Rollen getauscht. Das Herz des Films, eine Stunde der 113 Minuten, ist das Protokoll der acht Tage, in denen Snowden sich in seinem Hotelzimmer in Hongkong von Greenwald, Laura Poitras und einem Reporter des Guardian befragen ließ. Nun ist Greenwald der Bote mit den explosiven Exklusivinformationen, und an Snowden ist es zu staunen." In Deutschland wird der Film erstmals am 27. Oktober als Eröffnungsfilm des Festivals DOK Leipzig zu sehen sein, wie Zeit online berichtet.
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Religion

Der Psychoanalytiker und Friedensforscher Vamik Volkan beschreibt im Gespräch mit Klaus Englert (taz) die Psychologie, die dem radikalen Islam zugrundeliegt: "Wenn sich Religion mit Politik vermischt, ist der Ausgang tödlich, und zwar überall. Daraus entsteht ein äußerst regressiver Prozess, weil sich die Menschen zugleich als omnipotent und als Opfer empfinden. Der Selbstmordattentäter fühlt sich als Opfer, doch zugleich als allmächtig, weil er Gott auf seiner Seite weiß. Dann ist er fähig, eine Psychologie zu entwickeln, die ihm erlaubt, die meisten sadistischen und masochistischen Handlungen zu begehen."
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