Efeu - Die Kulturrundschau

Der Bursche macht keine Tricks

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25.10.2014. Im Standard staunt Luc Dardenne über den neuen italienischen Stil seines Regiebruders Jean-Pierre. Außerdem huldigt der Standard mit Martin Schnur Velázquez. Etwas entgeistert reagieren die Kritiker auf Stefan Nüblings Berliner Hebbel-Inszenierung "Der Untergang der Nibelungen". Die Berliner Zeitung wirft dem Regisseur vor, ein Verhältnis zur Geschichte zu haben "wie der Metzger zur Leberwurst". Die Welt erkennt: Gehry is so over! Allgemeines Aufatmen über das endgültige Ende des Streits um Suhrkamp.

Kunst

Anne Katrin Fessler geht mit dem Maler Martin Schnur durch die noch nicht eröffnete Velázquez-Ausstellung im Wiener Kunsthistorischen Museum und erlebt reinen Enthusiasmus: "Was Schnur beeindruckt, ist das Weglassen, nicht Ausmodellieren, das Stehenlassen nicht-geglückter Striche neben korrigierten - obwohl Restauratoren sagen, diese wären nur aufgrund dünner werdende Malschichten sichtbar. "Er verzichtet sogar aufs Malen der Zehen!"" lacht Schnur vor der Schmiede des Vulkan auf. "Ich Trottel hätte ihnen Zehen gemalt." Und: "Aber es ist alles da, es fehlt nichts", fasst er Velázquez" auf Fernwirkung bedachte Malweise zusammen. "Ich will nicht sagen Tricks, denn der Bursche macht keine Tricks."" (Bild Velázquez: Der Wasserverkäufer von Sevilla, KHM)

"Gehry is so over!" meint Rainer Haubrich in der Welt, nachdem Frank Gehry gegenüber einem spanischen Journalisten ausfällig wurde: "Erst zeigte er dem Journalisten den gestreckten Mittelfinger. Dann legte er los. "Lassen Sie mich eins sagen. In der Welt, in der wir leben, ist 98 Prozent all dessen, was gebaut und entworfen wird, reine Scheiße."

Weiteres: Nach einem Rundgang durch das wiedereröffnete Picasso-Museum in Paris beklagt Marc Zitzmann in der NZZ einen eklatanten Mangel an Pädagogik und Stringenz. Wenig überraschend findet Christiane Hoffmans dann in der Welt die Künstlerauswahl, die Florian Ebner gestern für die Biennale von Venedig im nächsten Jahr bekannt gegeben hat: Olaf Nicolai, Tobias Zielony, Hito Steyerl und das Duo Jasmina Metwaly/ Philip Rizk.
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Bühne


Sebastian Nüblings "Der Untergang der Nibelungen", Maxim Gorki Theater. Bild: Ute Langkafel.

Ein kaputter Mercedes mit Kennzeichen B-RD, viel Prolligkeit und Geschepper: Am Berliner Maxim Gorki Theater feierte Sebastian Nüblings Inszenierung von Friedrich Hebbels "Der Untergang der Nibelungen" Premiere. Nur der Kritik war kaum nach Feiern zumute, eher kriegt man den Eindruck, sie wäre den Abend über gerne woanders gewesen. Katrin Bettina Müller von der taz etwa registriert zwar "Liebe zum Trash", sieht den Mythos der Nibelungen dann aber doch "auf ein boulevardeskes Gerangel um Potenz" reduziert. Vor allem über Nüblings ungewohnt unausdifferenzierte Figurenzeichnug ist die Kritikerin nahezu entsetzt: "Diesmal wirkt der Zugriff eher wie ein Hau-weg-den-Scheiß."

Sehr genervt ist Dirk Pilz (Berliner Zeitung) von der groben Fixierung auf die deutsche Geschichte: Der Abend gefalle sich sehr darin, "uns Zuschauern die deutsche Geschichte um die Ohren zu hauen. Wen wundert"s, dass dieser Zweieinhalbstünder damit ein Verhältnis zur Geschichte hat wie der Metzger zur Leberwurst? In eine austauschbare Hülle wird Matsch gestopft." Esther Slevogt (Nachtkritik) kann ebenso nur mit dem Kopf schütteln: "Klischees, Klischees, Klischees." Und auch Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel kommt mächtig auf Krawall gebürstet aus der Vorstellung gelaufen: "Diese Aufführung gehört zu jenen, von denen man nach einer (halben) Stunde sagt: Es geht nicht. Gar nicht."

Weiteres: Mit dem Festival New Hamburg zieht das Schauspielhaus Hamburg aus seinem Haus zu den Leuten ins stark migrantisch geprägte Viertel Veddel, berichtet Ulrich Stock in der Zeit. Besprochen wird außerdem Ingo Kerkhofs Inszenierung von Hans Krásas Oper "Verlobung im Traum" am Badischen Staatstheater in Karlsruhe (FAZ).
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Film

Im Standard sprechen die Brüder Dardenne über ihren nächste Woche anlaufenden Film "Zwei Tage, eine Nacht", in dem Marion Cotillard eine Frau spielt, die ihre Kollegen überreden muss, auf einen Bonus zu verzichten, damit sie ihren Job behalten kann. "Jean-Pierre Dardenne: Sandra geht von einem Kollegen zum nächsten, dabei war uns wichtig, dass jeder die gleiche Wichtigkeit und Präsenz bekommt. Wir haben das quasi in Echtzeit abgedreht. Deswegen gibt es sehr lange Einstellungen, und meistens ist es so, dass man beide im Bild sieht. Die Stilfrage haben wir uns so nicht gestellt: ob nun etwas radikaler ist oder nicht. Nanni Moretti hat einmal gesagt - und er hat dabei Eduardo de Filippo zitiert: "Wenn du nach dem Stil suchst, dann findest du den Tod. Aber wenn du das Leben suchst, dann findest du den Stil." Luc Dardenne: Wie italienisch!"

Weiteres: Bert Rebhandl berichtet im Standard von der Viennale, auf der Andrey Zvyagintsevs düstere Parabel "Leviathan" und Aleksei Germans Strugatzki-Verfilmung "Hard to be God" (unsere Kritik) zu sehen sind. In der Presse führt Markus Keuschnigg durch das Programm. Barbara Möller trifft sich für die Welt mit Regisseurin Doris Dörrie zum Tischgespräch. Besprochen werden die Eso-Doku "Good Luck Finding Yourself", die unter anderem Rainer Langhans beim Pilgern nach Indien folgt (Tagesspiegel) und Wim Wenders" Dokumentarfilm "Das Salz dieser Erde" über den Fotografen Sebastião Salgado (SZ).

Außerdem Katzencontent fürs Wochenende: Ein schöner Videoessay von arte über die Katze in der Filmgeschichte (via).

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Musik

Annie Lennox, die gerade ein Album mit Jazzklassikern herausgebracht hat, sieht sich trotz des ähnlichen Projekts nicht in Konkurrenz zu Lady Gaga und Tony Bennett, erklärt sie Katja Schwemmers im Gespräch mit der Berliner Zeitung. In der taz fragt sich Lisa Blanning, ob das Berghain nach all der Berichterstattung in den Medien nicht vielleicht doch Mainstream zu werden droht. In der Zeit porträtiert Volker Hagedorn den Pianisten Marc-André Haelin.

Besprochen werden Munks Album "Chanson 3000" (ZeitOnline), das neue Album "Brass Tracks" von NRBQ (taz) und ein Konzert von John Legend (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Berghain, Chanson

Literatur

Ulla Unseld-Berkéwicz hat sich in der Causa Suhrkamp gegen Hans Barlach durchgesetzt: Der Verlag kann nun nach einem Beschluss des Berliner Landgerichts tatsächlich ab 2015 in eine AG umgewandelt werden, meldet Peter von Becker im Tagesspiegel. "Die Sache ist zu Ende", atmet Cornelia Geißler in der Berliner Zeitung auf. Auch Andreas Zielcke (SZ) sieht "Barlachs endgültige Niederlage besiegelt" und rätselt schon mal, welche künftige "Verlegerfigur" den Verlag prägen wird, da Berkéwiczs Doppelposition als Aufsicht und Verlagsunion rechtlich in einer AG nicht mehr möglich ist. Freude auch bei Harry Nutt (FR): "Es lebe die Literatur statt der Pleite."

Weiteres: Der Schriftsteller Norbert Hummelt würdigt in der NZZ seinen Kollegen Jürgen Becker, der an diesem Wochenende den Büchnerpreis erhält. In der Literarischen Welt fragt Autor Lukas Bärfuss, warum Saint-Exupérys "Kleiner Prinz" eigentlich soviel Spott auf sich zieht.

Besprochen werden Liza Codys "Lady Bag" (taz) Jean-Philippe Toussaints "Nackt" (Berliner Zeitung), Ellen Forneys Comic "Meine Tassen im Schrank" (Tagesspiegel), Christian Stahls "In den Gangs von Neukölln" (Zeit), Regina Scheers "Machandel" (FAZ), Thomas Pikettys "Kapital im 21. Jahrhundert" (Welt), Bettina Suleimans "Auswilderung" (Welt) und Thomas Pynchons "Bleeding Edge" (SZ, mehr).
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