9punkt - Die Debattenrundschau

Den Morgen gewinnen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.10.2014. In Hongkong gehen die Proteste weiter. Organisierte Schläger versuchen die Demonstranten einzuschüchtern, berichten die Medien. Wir bringen Bilder und Links. Peking freut sich unterdessen auf eine immer "objektivere" China-Berichterstattung der Deutschen Welle, und die SZ kann das mit Dokumenten belegen. Slate macht sich Sorgen um die ungarische Demokratie. In der NZZ erklären zwei ukrainische Historiker, warum es in der Politik so gefährlich ist, historisch zu argumentieren.

Europa

Die EU will ausgerechnet den ungarischen Politiker Tibor Navracsics zum Kommissar für Kultur und Bürgerrechte machen, der als Justizminister des Landes unter anderem für das Mediengesetz zuständig war. Yigal Schleifer zitiert in Slate die NGO Freedom House, die Ungarn kaum mehr als Demokratie bezeichnen will, und kommt auch auf das Mediengesetz von Viktor Orbans Regierung zurück: "Das Mediengesetz war eine der ersten Entscheidungen der Fidesz-Regierung, nachdem sie sie 2010 mit einer Zweidrittelmehrheit ins Amt gekommen war. Das Gesetz gab der Regierung das Recht, Inhalte zu diktieren und Sanktionen gegen Medien zu beschließen und Rundfunklizenzen für bevorzugte Sender auszugeben."

Ulrich M. Schmid spricht für die NZZ mit zwei ukrainischen Historikern, Jaroslaw Hrytsak und Georgi Kasianov, über die Lage im Land. Hrytsak erklärt, warum es so gefährlich ist, historisch zu argumentieren wie es Russland im Fall der Annexion der Krim tut: "Dann könnte man auf der Krim bei den Griechen beginnen. Man öffnet die Büchse der Pandora: Gehören Elsass, Lothringen und Schlesien noch zu Deutschland? Das europäische System baut auf historischer Versöhnung auf, zuerst auf der deutsch-französischen und dann auf der deutsch-polnischen Versöhnung. Auch in der Ukraine steht eine solche Versöhnung auf der Tagesordnung - die polnisch-ukrainische ist bereits erfolgt, eine ukrainisch-russische muss und wird kommen."
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Politik

Der aktuelle Twitterstream mit Bildern aus Hongkong sieht um einiges dramatischer aus als in den letzten Tagen:



Die FAZ resümiert Tickermeldungen: "Nach Angriffen organisierter Schläger auf Demonstranten ist es am frühen Samstagmorgen zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Studenten gekommen. Es kam zu chaotischen Szenen, bei denen die Polizei teilweise Schlagstöcke gegen Demonstranten einsetzte."

Der Atlantic bringt eine Menge Versuche von Grafikern über die beiden Symbole der Demokratiebewegung in Hongkong, die Farbe Gelb und den Regenschirm, unter anderem diese Version der "Liberté guidant le peuple" von Pedro Shi. Der New Yorker bringt eine Bilderstrecke des Magnum-Fotografen Moises Saman. Eine Menge Fotos und Informationen auch hier bei globalvoices.org.
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Religion

Ein junger, in Deutschland aufgewachsener Islamist, der sich im SZ-Magazin über seine Vorliebe für die IS-Terrorbande ausgesprochen hat, sitzt nun wegen dieses Interviews in Bayern in Abschiebehaft, meldet die SZ. "Erhan A. ist 22 Jahre alt. Er kam in der Türkei auf die Welt. Interssanter als der erwartbare Blödsinnn, den er quatscht, ist sein Werdegang: "Als er zwei Jahre alt war, kam er mit seinen Eltern nach Deutschland, ins Allgäu. Hier besuchte er die Fachoberschule, macht das Abitur, fing ein Wirtschaftsinformatik-Studium an. Seine Eltern sind Muslime; sie würden sagen, ihr Sohn auch. Doch Erhan erzählt immer wieder davon, wie er vor einigen Jahren "konvertiert" sei."
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Internet

(Via Rue89) Schon neulich berichtet der New Stateman über einen neuen Bürgerjournalismus, der etwa in der Ukraine-Berichterstattung "mehr weiß" als manche Geheimdienste (unser Resümee), nun beobachtet der Boston Globe Ähnliches auf dem Feld der Berichterstattung über den Dschihadismus. Thanassis Cambanis stellt einige Autoren vor, die sich über Blogs und soziale Netze einer erstaunliche Reputation geholt haben. Beispiel Clint Watts: ""Manche sagen, wer ist dieser Typ, der über diese Sachen schreibt?, sagt Clint Watts, ein ehemaliger FBI-Agent, der in seiner Freizeit über den globalen Dschihad schreibt und ein großes Publikum gewonnen hat. Über Twitter konnte er Dutzende Experten ansprechen, die er vor 15 Jahren kaum hätte ansprechen können. Und durdch sein Blog ein Publikum gewonnen, von dem Regierungsexperten nur träumen können. "Für mich ist das vor allem ein Hobby", sagt er "Je mehr ich ein Außenseiter in der Terrorismusexpertenszene bin, des mehr werde ich gelesen.""
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Medien

Im Streit zwischen den in der VG Media organisierten Zeitungsverlagen und Google hat sich Andreas Mundt, der Chef des Bundeskartellamts zu Wort gemeldet, berichtet Zeit online mit dpa. Er bestätigt die Auffassung des Internetkonzerns, der sich darauf beschränkt, nurmehr nackte Überschriften, aber keine Snippets der Zeitungen zu bringen und darum keine Gebühren zahlen will. Die Zeitungen sehen das als Erpressung an (unser Resümee). ""Auf der anderen Seite haben wir Google gegenüber deutlich gemacht, dass eine Totalauslistung einzelner Verleger eine kartellrechtlich relevante Diskriminierung sein könnte", sagte Mundt. Eine bloße Beschränkung auf die Überschriften der Verlagsbeiträge, wie sie Google nun angekündigt habe, sei aber von einer Totalauslistung deutlich entfernt."

Das Politikblog Politico will es so ähnlich machen wie der Perlentaucher und auch mit seinem kommenden Brüsseler Ableger "den Morgen gewinnen", bestätigt Politico-Chefredakteur John F. Harris im Gespräch mit Christian Meier von Meedia: "Früh am Morgen gibt es ein großes Bedürfnis der Menschen nach aktuellen Informationen. Alle von uns werden mit Nachrichten überhäuft, am Morgen aber gibt es die Chance, mit den wichtigsten destillierten News erfolgreich zu sein. Was am Morgen beginnt, kann dann am Tag fortgesetzt werden."

Inn der SZ präsentiert Kai Strittmatter Dokumente, die zeigen, dass der China-freundliche Kurs des deutschen Staatssenders Deutsche Welle, der jetzt mit chinesischen Staatsmedien kooperieren will, einen hohen Preis hat: "Den Veränderungen in der China-Redaktion der DW waren mehrere Treffen mit chinesischen Diplomaten vorausgegangen. Zum Beispiel am 22. April in der Berliner DW-Redaktion. Im Protokoll der Sitzung heißt es: "Im weiteren Verlauf des Gesprächs bezog sich Herr Z. (Name des chinesischen Diplomaten abgekürzt) auf die Treffen zwischen dem Intendanten Limbourg mit dem chinesischen Botschafter mit dem Ziel einer Verbesserung und Entspannung der derzeitigen Beziehungen der DW zu China. Herr Z. sagte, die Botschaft erwarte eine "objektivere Berichterstattung"".
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