Efeu - Die Kulturrundschau

Niemand trifft sich nirgendwo

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04.10.2014. Christoph Kappes will das Diskutieren über Literatur nicht Facebook überlassen und stellt deshalb im Standard das Projekt Sobooks vor. In der NZZ bevorzugt Kjell Westö den finnischen Pragmatismus vor schwedischer Gehässigkeit. Die SZ will im Museum nicht ehrfürchtig staunen müssen. Die Nachtkritik erlebt in Anja Hillings "Sinfonie des sonnigen Tages" ein großes globales Achselzucken. Und Slippe Disc meldet, dass Daniele Gatti Chefdirigent des Amsterdamer Concertgebouw wird.

Literatur

Im Standard-Interview stellt Christoph Kappes sein Projekt Sobooks vor, das auf der Buchmesse lanciert werden soll. Zusammen mit Sascha Lobo will er das Lesen als soziales Netz organisieren. Im Hintergrund stehen seine eigenen Erfahrungen mit Facebook: "Ich habe nach fünf Jahren Intensivnutzung von sozialen Netzwerken echten Widerwillen entwickelt, mich immer wieder in vorgefertigte Interaktionsmuster pressen zu lassen, die völlig unklar sind, die sogar absichtlich unklar gelassen werden, damit mein "Engagement" für Werbezwecke genutzt werden kann. Außerdem muss irgendjemand draußen bleiben und denen da drinnen zeigen, dass es auch einen Space gibt, der von Facebook nicht markiert ist."

Vor der Buchmesse erklärt der finnlandschwedische Autor Kjell Westö mit Blick auf den finnischen Bürgerkrieg von 1918 den Pragmatismus seines Landes: "Die letzten Jahre lebte ich in Helsinki und Stockholm und wunderte mich darüber, wie gehässig besonders Kulturdebatten in Schweden geführt werden können. Nicht selten sprechen sich schwedische Intellektuelle gegenseitig Würde und Ehre mit einer Rücksichtslosigkeit ab, die in Finnland derart kaum zutage tritt. Meinen schwedischen Freunden erklärte ich, der Unterschied sei wohl darin begründet, dass wir Finnen wüssten, wohin es führt, wenn man seine Abscheu für den Andersdenkenden hart und lang genug zum Ausdruck bringt: in den Bürgerkrieg."

Ruthard Stäblein spricht für die taz mit der finnischen Autorin Sofi Oksanen über deren neuen Roman "Als die Tauben verschwanden" und über die Rhetorik der Propaganda in Russland: "Für die Russen existiert der Begriff "Zweiter Weltkrieg" nicht. ... Nie sprechen sie vom Nationalsozialismus. Das ist zu nahe an "Sozialismus". Um die Nähe zu vermeiden, bezeichnen sie den Nationalsozialismus ausschließlich als Faschismus. "Faschismus" war und ist das Wort der Wörter. Es steht für alle, die gegen das autoritäre Russland sind, in der Ukraine, überall. Homosexuelle, der Westen, alles Faschisten!"

Außerdem erscheint heute auch die Literaturbeilage der NZZ, im Aufmacher bespricht Andrea Köhler Thomas Hettches Roman "Pfaueninsel". Die FAZ eröffnet ihre heutige Beilage mit einer Eloge auf Stephanie Barts Roman "Deutscher Meister" über den Boxer Johann Rukelie Trollmann.

Weiteres: Im Standard unterhält sich Daniel Kehlmann mit Ian Mc Ewan über dessen neuen Roman "Schwarze Hunde" und einen heiteren Rationalismus. Aldo Keel beschreibt in der NZZ den finnisch-schwedischen Sprachenstreit. In der taz unterzieht Dirk Knipphals den Buchpreis-Favoriten "Kruso" von Lutz Seiler und Michael Kleebergs "Vaterjahre" einer vergleichenden Lektüre. Für die FR porträtiert Sabine Vogel den Schriftsteller Lutz Seiler. In der Tagesspiegel-Reihe "Briefe an Europa" plädiert die Schriftstellerin Marica Bodrožić dafür, dass die Poesie einem menschlicheren Europa den Weg bahnt.

Besprochen werden Heinrich Steinfests "Der Allesforscher" (FR), Martin Walsers Tagebücher aus den Jahren 1979 bis 1981 (taz, SZ), Lena Dunhams "Not That Kind of Girl - Was ich im Leben so gelernt habe" (FAZ) und Richard Powers" "Orfeo" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Kunst

Mit immer mehr Größt-Ausstellungen ist der deutsche Museumsbetrieb im Blockbuster-Modus angekommen, stellt die SZ auf zwei Seiten fest. Kia Vahland untersucht, welche Folgen es für die Institutionen hat, bei immer kleiner werdenden Etats um immer größere Drittmittel und die Publikumsgunst zu werben: Die Folge sind klingende Namen, teure Entleihungen und wenig Diskurs. "Darum aber geht es im Museum: um das, was bleibt. Wenn die Kuratoren kein Geld haben, ihre Bestände zu erfassen und im Netz zu veröffentlichen, wenn sie nichts restaurieren lassen können und nicht mehr das kaufen dürfen, was frühere Generationen zu Unrecht übersehen haben - dann nützt eine noch so lange Besucherschlange nichts, weil die Menschen sonst irgendwann das Vertrauen in die Urteilsfähigkeit der Institutionen verlieren. ... Tot ist das Museum erst, wenn sich vor seinen Vitrinen und Wandbehängen niemand mehr die Köpfe heiß redet, weil alle nur noch ehrfürchtig staunen."

Catrin Lorch erörtert unterdessen, welche Strategien sich die staatlichen Museen im Wettbewerb mit den aus dem Boden schießenden Privatinstitutionen zurecht legen sollten, um bestehen zu können. Ihr Fazit: "Das Einzige, was Museen dem entgegensetzen können ist - Abgrenzung. Auf Differenz bestehen, am eigenen Kanon arbeiten, verpflichtet nur der Qualität der eigenen Sammlung und dem Publikum. Die Autorität der Institutionen bliebe so unangreifbar. Was die Kuratoren den Entrepreneuren voraushaben, ist, dass ein öffentlicher Museumsdirektor die eigene Sammlung niemals wieder zu Markte tragen muss. Dass er oder sie in der Beurteilung frei ist. Allein der ästhetische Wert zählt."

Gleich zwei Berliner Galerien (hier und hier) laden zur Wiederentdeckung der exzessiven Werke des in den 90ern gestorbenen Künstlers und Schriftstellers Martin Disler, berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Die Kunstkritikerin fragt sich dabei: "Besitzt diese Kunst noch die gleiche Dramatik, packt wieder die irre Emphase? Oder haben wir uns durch die Wühlereien eines Jonathan Meese an Exaltiertheiten auf der Leinwand satt gesehen?"

Weiteres: Nach dem Besuch der Ausstellung "Les Borgia et leur temps" im Pariser Musée Maillol kann Johannes Wetzel in der Welt dem berüchtigten Familienclan tatsächlich auch mild-positive Züge zuschreiben. Der Tagesspiegel dokumentiert Isabel Kreitz" Laudatio auf Comiczeichner Ralf König, dem das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover derzeit eine Ausstellung widmet.

Besprochen werden eine Ausstellung von Rafael Cidonchas Bildern in der Galerie Albrecht in Berlin (Tagesspiegel), die Helene-Schjerfbeck-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (FR) und die Ausstellung "Die große Illusion" im Liebieghaus in Frankfurt (FAZ).
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Bühne


Charlotte Müller in Anja Hilligs "Sinfonie des sonnigen Tages". © Alexi Pelekanos, Schauspielhaus Wien

Durchaus engagiert, aber darin auch problematisch findet Therese Luise Gindlstrasser von der Nachtkritik die im Wiener Schauspielhaus aufgeführte "Sinfonie des sonnigen Tages" von Anja Hilling und der Electro-Band Mouse on Mars in der Regie von Felicitas Brucker. In der Kombination aus Bilderfülle und Erzählmonologen drängen sich der Kritikerin "unangenehme Lesarten" auf: "Hier Tourismus, dort Flüchtlinge. Hier Spracharmut aufgrund von Übersättigung, dort absolutes Wissen aufgrund der realen Bedrohung von Körper, Leben, Existenz. ... Niemand trifft sich nirgendwo und am Ende steht irgendeine Art von dubioser Erlösung im Textfluss. Die Synchronisierung von Problemen der sogenannten dritten Welt mit Problemen der sogenannten ersten Welt läuft auf ein großes Achselzucken hinaus."

Mit einer öffentlichen Aktion des niederländischen Künstlers Dries Verhoeven empört derzeit das Theater Hebbel am Ufer nicht nur die queere Szene, meldet Patrick Schirmer Sastre in der Berliner Zeitung: Eingesperrt in einer Glasvitrine flirtet der Künstler über diverse Dating-Plattformen im Netz Homosexuelle an, deren Profilbilder und Chat-Nachrichten ohne deren Wissen öffentlich projiziert werden.

Besprochen werden außerdem Alex Rigolas wilde Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtsraum" im Düsseldorfer Schauspiel (Welt), der Ballettabend "Dance talks" in Basel (NZZ) eine Ausstellung über das Theater in der DDR im Deutschen Theater Berlin (Tagesspiegel), Tian Gebings "Totally Happy" an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik, SZ), Jo Strømgrens Inszenierung von Henry Purcells "Fairy Queen" am Staatstheater Mainz (FR) und André Rößlers Bühnenadaption von Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" am Theater Vorpommern (Nachtkritik).
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Archiv: Bühne

Musik

Daniele Gatti wird neuer Chefdirigent des Amsterdamer Concertgebouw, meldet unter anderem Slippe Disc und verspricht sich von der Ernennung die Rückkehr zu einer eher "sonnigen Atmosphäre". Der intellektuelle Marris Jansons gibt den Posten nächstes Jahr auf. Mahler mag er aber offenbar auch ganz gern:





Mit "Taiga", dem neuen Album von Zola Jesus, reist Sophie Jung in der taz tief ins Herz der Nacht: Denn dieses Album "steht dem Werk von David Lynch in puncto Düsternis und Abgeschlossenheit in nichts nach. Und doch hat ihr neues Album "Taiga" einen ganz eigenen Zugang zum Gothic-Sound, entdeckt in ihrer Düsternis gar Pop, der heller als die Sonne leuchtet." Auf der Website der New York Times kann man sich "Taiga" derzeit (nach etwas Runterscrollen) im Stream anhören.

Popkritiker Jens Balzer von der Berliner Zeitung kann sich für die neue Platte von Tokio Hotel auf gewisse Weise doch erwärmen: "Wenn Tokio Hotel früher wie rockende Manga-Figuren wirkten, wirken sie jetzt eher wie singende Schlümpfe auf Speed." Beim Tagesspiegel bespricht Sebastian Leber das Album. Und überaus sexy geht es im neuen Video der einstigen Kinderzimmer-Stars auch noch zu:



Weiteres: Für die Berliner Zeitung plaudert Katja Schwemmers mit Lady Gaga über deren Kollaboration mit Tony Bennett. In seinem Poptagebuch beim Rolling Stone singt Eric Pfeil ein Loblied auf den Fade-Out. Jürgen Ziemer trifft sich für ZeitOnline mit Nicola Frust von der Band Laing.

Besprochen werden das neue Album der Gothic-Band Deine Lakaien (taz), das neue Album der Chicks on Speed (Spex), MC Fittis neues Album "Peace" (das Frederic Schwilden in der Welt wie der ohrenbetäubende "Mindstorm tausender Jugendlicher" vorkam), die konzertante Aufführung von Giacomo Meyerbeers Oper "Dinorah" in der Berliner Philharmonie (FAZ), und die beiden neuen Alben von Prince (SZ, mehr dazu schon hier und hier).
Archiv: Musik

Film

Udo Kier müsste man sein! Der Schauspieler verrät Markus Keuschnigg im ausführlichen taz-Gespräch, dass er Rainer Werner Fassbinder und Luchino Visconti zufällig in Kneipen getroffen hat und auch seine weiteren professionellen Kontakte für gewöhnlich im Vorbeigehen zu knüpfen pflegt: "Gus Van Sant habe ich zufällig in Berlin getroffen, Paul Morrissey saß im Flugzeug neben mir. Ich habe noch nie einen Brief an einen Regisseur geschrieben." Und wie man dereinst über seinen Tod schreiben soll, weiß er auch schon: "Er fuhr mit seinem havannabraunen Mercedes über die Klippen in Santa Monica. Im Hugo-Boss-Anzug aus dem Wasser gefischt. Ist doch toll."

Weiteres: Im Tagesspiegel spricht Silvia Hallensleben mit Regisseurin Annekatrin Hendel über deren Dokumentarfilm "Anderson" über den DDR-Autor Sascha Anderson, der später als Stasi-Spitzel enttarnt wurde. Ebenfalls über diesen Film unterhält sich Matthias Dell im Freitag, allerdings mit Wolfgang Rindfleisch, der mit der kulturellen Szene der DDR in den 80ern vertraut war, ohne im Umfeld von Anderson gelebt zu haben. Barbara Möller trifft für die Welt den Schauspieler Johann von Bülow zum Tischgespräch. Oliver Kaever berichtet für ZeitOnline vom Filmfest Hamburg. Ebenfalls in Hamburg war Sonja M. Schultz, die auf critic.de Sichtungsnotizen übermittelt. Kirsten Kieniger bringt auf kino-zeit.de ihr Fazit vom Filmfestival Flahertiana in Perm. Ebenfalls auf kino-zeit.de: Lukas Barwencziks materialreicher Streifzug durch David Finchers Videoclip-Arbeiten. Außerdem passend zum Halloween-Monat Oktober: Taste of Cinema präsentiert 15 Horror-Stummfilme aufYoutube.

Besprochen werden David Finchers Thriller "Gone Girl" (FR, Zeit, unsere Kritik), Sabine Gisigers Dokumentarfilm über den Psychoanalytiker und Schriftsteller Irvin David Yalom (FR, filmosophie.com), Cornelia Grünbergs Mütter-Langzeitdoku "Achtzehn - Wagnis Leben" (Tagesspiegel), Detlev Bucks Komödie "Männerhort" (Tagesspiegel), Alice Rohrwachers "Land der Wunder" (FR, SZ) und der Vampir-Superheldenfilm "Dracula Untold" (kritiken.de).
Archiv: Film