Efeu - Die Kulturrundschau

Geschliffen wie ein gutes Tranchiermesser

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13.09.2014. In der FAZ erzählt Michael Ballhaus, wie ihm Hörbücher das schwindende Augenlicht ersetzen. Die FR bejubelt die neuen Romane von Olga Grjasnowa, Anita Augustin und Karen Köhler. Ein uneinheitliches Echo tönt zu Barbara Freys Züricher Tschechow-Inszenierung "Drei Schwestern" aus den Feuilletons. Die taz erinnert an den zu Lebzeiten geschmähten, inzwischen kanonisierten finnischen Dichter Aleksis Kivi. Und die Welt würdigt den vor 250 gestorbenen Komponisten Jean-Philippe Rameau als Woody Allen des Barock.

Bühne


Anton Tschechow, Drei Schwestern, Regie: Barbara Frey, Schauspielhaus Zürich 2014. Foto © Matthias Horn

Begeistert berichtet Valeria Heintges auf nachtkritik.de von Barbara Freys Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Schauspielhaus Zürich. Insbesondere lobt sie das "beeindruckende Ensemble (...), das Sätze so im Munde kneten kann, dass sie hängen bleiben, als hätten sie Widerhaken." Deutlich weniger positiv fällt Gerhard Stadelmaiers Besprechung in der FAZ aus: "Tschechows Menschen haben ja immer die Köpfe in der Zukunft und die Füße in der Vergangenheit. ... In Zürich sieht man jetzt in der Inszenierung der Intendantin Barbara Frey: Sehnsuchtslose. Ohne Weite." Und auch Barbara Villiger Heilig zeigt sich in der NZZ unzufrieden: "Ein Gag jagt den andern, nichts entwickelt sich."

Besprochen werden weiter die Performance "We Are the Play" der Gruppe "Sisyphos, der Flugelefant" am English Theatre in Berlin (Tagesspiegel), Tom Kühnels und Jürgen Kuttners am Deutschen Theater aufgeführtes Stück "Tabula rasa: Gruppentanz und Klassenkampf" (Tagesspiegel, taz, Nachtkritik), die Uraufführung der Oper "Die Antilope" von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein in Luzern ("die 75 turbulenten Minuten rutschen und flutschen äußerst angenehm runter", bemerkt Jörn Florian Fuchs in der Welt) und Elfriede Jelineks "Rein Gold" in der Inszenierung von Tina Lanik in Wiesbaden (SZ).
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Literatur

In der FR freut sich Sabine Vogel über die neuen Romane von Olga Grjasnowa, Anita Augustin und Karen Köhler, "die extrem unterhaltsam, radikal existenziell und formal höchst souverän über gesellschaftlich entscheidende Themen und wesentliche Inhalte schreiben. Ihre Sprache ist geschliffen wie ein gutes Tranchiermesser, das seine Funktion wie nebenher erfüllt: das Literarische dient dazu, Geschichten so zu erzählen, dass sie uns einfangen, festhalten, bannen."

Für die taz hat Stefan Moster einen Blick in das literarische Schaffen des in Finnland hochverehrten Schriftstellers Aleksis Kivi geworfen: "Er schrieb Literatur für das gemeine Volk und gab damit einen Takt vor, der bis heute gilt: Finnische Literatur richtet sich generell an alle und geriert sich selten elitär. Romane und Erzählungen sind zumeist leicht zugänglich und bewegen sich dicht am Alltag."

Hans-Peter Kunisch berichtet für die SZ vom Auftakt des für seine gesellschaftskritische Ausrichtung bekannten Internationalen Literaturfestivals in Berlin, wo ihn die europakritische Abendveranstaltung mit dem indischen Essayisten Pankaj Mishra unterdessen nicht überzeugen konnte: "Er nahm die offensichtliche Erwartung, einen mehr oder weniger progressiv-humanistischen Rundumschlag zur globalisierten Welt im Allgemeinen zu versuchen, etwas zu ernst." (Foto: Pankaj Mishra bei der Eröffnungsrede, © Ali Ghandtschi)

Weitere Artikel: In der taz spricht Emilia Smechowski in aller Ausführlichkeit mit Andrew Ranicki über dessen Vater Marcel Reich-Ranicki. Im Tagesspiegel stellt Tomas Hummitzsch die um existenzielle Fragen kreisenden Comics von Katharina Greve, Judith Vanistendael und Stefano Ricci vor. Außerdem im Tagesspiegel: Lars von Törnes Porträt des Comicautors Andreas Gefe.

Besprochen werden unter anderem Nino Haratischwilis "Das achte Leben (Für Brilka)" (taz), Chloé Cruchaudets Comic "Das falsche Geschlecht" (taz), Thomas Hettches "Pfaueninsel" (taz), Jhumpa Lahiris "Das Tiefland" (Tagesspiegel), Verena Güntners Roman "Es bringen" (Welt), Werner Spies" Max-Ernst-Studie "Vox Angelica" (Welt), der Lyrikband "Gedichte" von Yahya Hassan (NZZ) sowie eine Reihe von aktuellen Büchern über den Ersten Weltkrieg (NZZ). Mehr heute ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau des Tages.
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Musik

Der 250. Todestag von Jean-Philippe Rameau ist eine gute Gelegenheit, den französischen Komponisten aus der unverdienten Vergessenheit zu befreien. In der Welt referiert Kai Luehrs-Kaiser Werk und Leben Rameaus, den er wegen seines gleichmäßigen Outputs an Opern als "Woody Allen des Barock" bezeichnet: "Eine formelhafte Lockerheit verbindet die beiden wirklich. Die Geschlossenheit von Rameaus Schaffen indes ebenso wie seine handwerkliche Zuverlässigkeit rücken ihn eher an die Seite Händels, den er um fünf Jahre überlebte. Effektreich und pompös sind sie beide. Erstrangig ebenso."

Besprochen werden Radio Dorias Album "Die freie Stimme der Schlaflosigkeit" (ZeitOnline) und das neue Album von Kraftklub (Tagesspiegel).
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Kunst

Der in Westdeutschland wenig bekannte Zeichner Gerhard Altenbourg ist bis Ende September in einer umfassenden Ausstellung im Dresdner Kupferstichkabinett zu entdecken. Petra Kipphoff, die sich die Schau für die NZZ angesehen hat, zeigt ich besonders von Altenbourgs Verarbeitung der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs fasziniert: "Die Zeichnungen entstanden nicht in direkter Betroffenheit, sondern erst Jahre später, wobei sie, anders als im Ersten Weltkrieg bei Beckmann, Dix oder Hans Richter, das Grauen quasi sublimiert haben. Altenbourgs vom Krieg Zerstörte haben keine Wunden, sie sind regrediert zu Zitaten ihrer selbst, mal aus Linien und Gewebefetzen zur Karikatur schrumpfend, mal aus fahlen, konturlosen Pinselstrichen sich als amorphe Masse ausbreitend."

Für die Welt berichtet Annegret Erhard von dem Kunstwochenende Open Art, mit dem die Münchner Galierien traditionell den Saisonauftakt begehen. Besprochen werden die Ausstellung "Give Love Back" im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt (SZ), die Subodh-Gupta-Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt (FAZ) und die Goustave-Courbet-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel (SZ). (Bild: Gustave Courbet, Courbet au chien noir (Portrait de l"artiste), 1842, Petit Palais, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris © bpk / RMN - Grand Palais / Jacques L"Hoir / Jean Popovich)
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Film

Michael Hanfeld unterhält sich für die FAZ mit Kameramann Michael Ballhaus, um dessen Augen es im Alter immer schlechter bestellt ist: "Es ist eine Katastrophe, aber es ist auch eine Erfüllung. Ich habe etwas entdeckt, das mir große Freude macht: die Weltliteratur in Hörbüchern. Ich stelle mir dazu Bilder vor. ... Ich könnte bei manchen Büchern die Bilder aufzeichnen. Ich könnte anfangen zu drehen."

Weiteres: Hanns-Georg Rodek geht für die Welt mit dem Schauspieler Rainer Bock im Adlon essen. Besprochen werden Arash T. Riahis Protest-Dokumentarfilm "Everyday Rebellion" (Jungle World) und ein kulturwissenschaftlicher Essayband über Pornografie (Filmgazette).
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