Efeu - Die Kulturrundschau

Dann klatscht das Publikum

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03.09.2014. Etwas durchsichtig findet die SZ das neue Berliner Denkmal für die Opfer des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms, die Dokumentation aber sehr gelungen. Die Berliner Zeitung erinnert an die langen Zeiten des Beschweigens. Wie einen Schlag in den Magen erleben Presse und Standard die Retrospektive Arnulf Rainers in der Wiener Albertina. Die Welt feiert die vollkommen unspielbaren Stücke des Wolfram Lotz.

Kunst


Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde. Foto: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

In Berlin wurde der Gedenkort für die Ermordeten des "Euthanasie"-Programms der Nazis eingeweiht. In der SZ hält Stephan Speicher das von Ursula Wilms, Nikolaus Koliusis und Heinz Hallmann in Form einer blauen Glaswand gestaltete Mahnmal für etwas zu beliebig: "Aber als Zeichen im Stadtraum weist die Wand auf die Dokumentation hin. Denn vor dieser Wand, im Abstand weniger Schritte, erstreckt sich ein lang gezogenes Pult, auf dem das Publikum über die Aktion T4 unterrichtet wird. Dieses kleine Freilichtmuseum mit Erläuterungen und Quellen zum Thema ist vorzüglich gelungen. Vor allem wird nicht verschwiegen, dass die Verbrechen eine nichtnationalsozialistische Vorgeschichte hatten."

In der FAZ berichtet Andreas Kilb von der Einweihungsveranstaltung und wünscht sich angesichts der wachsenden "Berliner Gedenklandschaft" eine Institution, die all diese Gedenkorte "gleichermaßen im Blick hat. Die Stiftung Topographie des Terrors könnte diese Aufgabe übernehmen." Kerstin Krupp bringt in der Berliner Zeitung historische Hintergründe: "Mit dem Gedenken und der Offenlegung dieser Verbrechen tat man sich in Deutschland sehr lange sehr schwer. Selbst in den Familien wurden die Opfer totgeschwiegen, aus Scham." In einem nebenstehenden Kommentar fordert Harry Nutt, die überlebenden Opfer der sogenannten T4-Aktion, bei der mehr als 70.000 Menschen ermordet wurden, "als Rassisch-Verfolgte des Nationalsozialismus" anzuerkennen und zu entschädigen.

Bei der großen Retrospektive zu Arnulf Rainer in der Wiener Albertina erlebt Bettina Steiner in der Presse, wie sich ein Maler von den Fesseln der Moderne freimacht: "Anstatt die Leinwand fast vollständig zu übermalen, ließ er nun das Übermalte durchschimmern, die Übermalungen reagierten auf die Motive, sie umschmeichelten sie oder schlugen sie, vor allem mit den Fotos von sich selbst ging Rainer einigermaßen ruppig um: "Schlaf" (1973) zeigt ihn in aufgelöstem Zustand, seine Haut wirkt wie zerkratzt, in einer anderen Arbeit fügt er den Riemen, die ihn einengen, noch weitere gemalte Fesseln hinzu." Ausgesprochen kraftvoll findet Anne Katrin Feßler im Standard Rainers Selbstinszenierungen: "Ihr explosiver Gestus der Auslöschung wird vom Betrachter nicht nur über die Augen erfahren."

Weiteres: Im Standard berichtet Thomas Trenkler von der Lösung, die für die Kunstsammlung des von der Insolvenz bedrohten Baumaxgründers Karlheinz Essl gefunden wurde: Christie"s wird sie im Oktober versteigern. Für die taz unterhält sich Toby Ashraf mit dem Kunstessayisten, Queer-Theory-Begründer und Aktivist Douglas Crimp, den das Berliner Kino Arsenal in den vergangenen Tagen mit einer Veranstaltungsreihe geehrt hat. Besprochen werden die Stephan Melzl gewidmete Schau in der Pinakothek der Moderne in München (SZ).
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Literatur

Felix Stephan stellt in der Welt den Dramatiker Wolfram Lotz vor, der sozusagen unbeobachtet zur freien Entfaltung kam: "Als Lotz am Leipziger Literaturinstitut studiert hat, war es dort nicht anders: Wenn das Institut ein Stadttheater wäre, wäre die Dramatik ungefähr der Pförtner. In diesem toten Winkel schrieb Wolfram Lotz seine ersten beiden Stücke "Der große Marsch" und "Einige Nachrichten an das All", beide vollkommen unspielbar: Einmal findet der dritte Akt ohne Publikum statt, einmal steht der echte Josef Ackermann auf der Bühne und muss erklären, warum er als Figur so viel häufiger im Theater ist, als als Person... Und es gibt Regieanweisungen wie diese: "Dann klatscht das Publikum - zum Teil, weil es ihm gut gefallen hat, zum Teil aus Respekt vor der schauspielerischen Leistung."

Gina Thomas war für die FAZ bei einer Diskussionsveranstaltung in London, wo Martin Amis seinen Auschwitz-Roman "The Zone of Interest" verteidigte (mehr dazu hier). In der FAZ empfiehlt Schriftstellerin Janne Heller die Buchhandlung Tranquebar in Kopenhagen.

Besprochen werden unter anderem Thomas Hettches "Pfaueninsel" (FR) und Bodo Kirchhoffs "Verlangen und Melancholie" (SZ).
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Film

Schlechtwetter in Venedig: Sophie Charlotte Rieger sieht in ihrer Kolumne auf kino-zeit.de gleich das ganze Festival davon schwimmen, während das Programm passend dazu mit der Langfassung von Lars von Triers "Nymphomaniac Vol. 2" (dessen neu hinzugefügten, drastischen Szenen den Blick von taz-Filmkritikerin Cristina Nord zuweilen an den Bildschirmrand wandern lassen), Amos Gitais "Tsili" und Fatih Akins "The Cut" konsequent auf Depressionskost umschwenkt. Als echte Wohltat empfand Susanne Ostwald in der NZZ Roy Anderssons Groteske "A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence", mit einem Humor "so trocken wie Knäckebrot".

Dietmar Dath von der FAZ war währenddessen in Ami Canaan Manns offenbar recht klugem palästinensischen Film "Villa Tourna" und ärgerte sich im Anschluss sehr über Shinya Tsukamotos Splatter-Blödsinn "Nobi", bei dem man lernt, "wie langweilig extreme Gewaltdarstellungen sein können, wenn man nicht mehr zu sagen hat als: Menschen sind Ungeheuer". Auch Anke Westphal von der Berliner Zeitung kann dem blutigen Treiben aus Japan nur sehr bedingt etwas abgewinnen: Zwar kann man im Horror- und Splatterkino "bekanntlich fast alles machen. Die Interpretationshilfe des Regisseurs klingt indes nach kulturkritischem Bla-bla: Sein Film solle die japanischen Landleute in ihrem Reinheitszwang allumfassender Verdrängung an die Schmutzigkeit der Kriege erinnern. Das kann man auch anders."

Nachrufe auf den Schauspieler Gottfried John schreiben Harald Jähner in der Berliner Zeitung , Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel und Tobias Kniebe in der SZ.

Besprochen werden Uberto Pasolinis "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" (FAZ), John Carneys "Can A Song Save Your Life?" (SZ), Brett Ratners "Hercules" (FAZ) und Athanasios Karanikolas" "Sto Spiti" (Zeit).
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Archiv: Film

Musik

SZ-Musikkritiker Helmut Mauró fürchtet beim Besuch des Busoni-Pianistenwettbewerbs in Bozen um sein Gehör angesichts der Intensität, mit der der Nachwuchs in die Tasten haut: "Da werden Schmerzgrenzen nicht nur überschritten, sondern geradezu mit Anlauf übersprungen." Gerhard Rohde berichtet in der FAZ von seinen Konzertgenüssen bei den Salzburger Festspielen. Hans-Christoph Zimmermann bilanziert in der NZZ kurz von ihrem Abschluss die Ruhrtriennale und attestiert Heiner Goebbels, "die ästhetischen Möglichkeiten des Festivals" so weit wie kaum einer vor ihm ausgeschritten zu haben. Manuel Brug wird in der Welt nicht ganz warm mit dem Tanglewood Festival in den Berkshires, das man sich als amerikanische Version von einem Salzburg im Schwarzwald vorstellen muss. Kate Bushs sagenhaften Erfolg, nach ihrem Aufsehen erregenden Comeback-Auftritt in London mit acht Alben aus ihrem Backkatalog wieder in die Top 40 UK Charts eingestiegen zu sein, nehmen die Kritiker von The Quietus zum Anlass, ihre Lieblingssongs der Popelfe vorzustellen.

Zur Berlin Music Week reist Michael Pilz für die Welt noch einmal durch die Berliner Popgeschichte beziehungsweise ihren Mythos und erinnert daran, wie gewaltvoll und gefühlskalt die Stadt einmal war. Zumindest bei Lou Reed:



Besprochen werden Sinkanes Album "Mean Love" (Tagesspiegel), Rocko Schamonis Evergreen-Abend "Die Vergessenen" (Spex) und Tina Dicos neues Album "Whispers" (taz).
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