9punkt - Die Debattenrundschau

Schlimmster Vertrauensbruch

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.07.2014. Der NSA-Untersuchungsausschuss tagt jetzt aus freundschaftlicher Verbundenheit mit den USA in a-Moll, berichtet die SZ. In der taz warnt ein Ostukrainer total objektiv vor einem Genozid an seinen Landsleuten. Stefan Weidner findet in der SZ endlich die theologische Grundlage für eine Versöhnung von Islam und Demokratie. Google versagt. Und Frankreich gratuliert uns aufs Charmanteste zum Sieg im Viertelfinale.

Überwachung

Es wird immer absurder. Nachdem Thomas Drake und William Binney vor dem NSA-Untersuchungsausschuss erklärt haben, wie sehr der BND die NSA bei ihrer Spionage unterstützt (mehr hier), wurde jetzt ein Spion im BND enttarnt, der den Amerikanern offenbar das bisschen Geheimmaterial lieferte, das sie noch nicht kannten, berichten John Goetz, Hans Leyendecker, Georg Mascolo, Frederik Obermaier in der SZ. Zum Beispiel die geheimen Beratungen des NSA-Untersuchungsausschusses. Dessen Mitglieder müssen inzwischen absurde Abschottungstechniken gegen unsere "Freunde" anwenden: "An die Obleute des Untersuchungsausschusses wurden daher Krypto-Handys ausgeteilt zur verschlüsselten Kommunikation. Auch wurde ihnen ein Umzug ins Jakob-Kaiser-Haus in der Nähe des Reichstags nahegelegt, dort könne man die Wände mit Aluminiumplatten verkleiden. Das helfe zumindest gegen die Lauscher von draußen. Vor dem geheimen Teil der Sitzung des NSA-Untersuchungsausschusses am Donnerstag wurde eine große Metallkiste aufgestellt. Alle Handys und Tablets sollten da hinein. Dann schaltete der Ausschussvorsitzende Patrick Sensburg auch noch Musik ein. Zu hören war Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll. Nur zur Sicherheit." Keine schlechte Wahl!

In einem Kommentar zum Geschehen schreiben die vier SZ-Autoren: "Wer Freunde ausspioniert, bricht Regeln. Regel Nummer eins: Man wirbt generell bei Freunden keinen Agenten an. Regel Nummer zwei: Falls sich ein BND-Mitarbeiter den Amerikanern als Agent anbieten sollte, müssten die das den Deutschen umgehend melden. Das gehört sich so. Wenn also ein befreundeter Dienst gegen die Regeln verstößt, begeht er den schlimmsten Vertrauensbruch in der Geheimdienstwelt."
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Politik

Im Freitag erzählt Jana Hensel, wie man in Israel auf die Nachricht von der Ermordung der drei entführten israelischen Teenager reagierte: Eine Freundin war an dem Tag auf einer Hochzeitsfeier, wo man die Nachricht mit großer Bestürzung aufnahm - "aber dann feierten doch alle gemeinsam weiter. Eine Frau, die später über diese Hochzeit bei Times of Israel bloggte, schrieb: "Wir bluten gemeinsam und wir werden gemeinsam wieder gesund. Nach 18 Jahren in Israel habe ich gelernt, dass wir unsere Toten ehren, indem wir leben. Ich kenne niemanden, der heute auf Arbeit gehen wollte, aber ich weiß von allen, dass sie dennoch gegangen sind. So gehen wir mit der Tragödie um. Wir funktionieren.""

In der taz wirft der israelische Historiker Moshe Zuckermann den Angehörigen der ermordeten Jugendlichen und der israelischen Regierung vor, die Ereignisse politisch zu instrumentalisieren. "Derweil hat sich "das Volk" der Handhabung der Reaktion auf den Ausgang des Entführungsakts angenommen: Araber auf Jerusalemer Straßen wurden wahllos angegriffen, eine zur Rache aufrufende, spontan-orchestrierte Internethetze wurde in Gang gesetzt, ein 16-jähriger Palästinenserjunge wurde tot aufgefunden. Man weiß noch nicht, wer ihn umgebracht hat, weiß aber sehr wohl, womit man es bei den "Preisschild"-Aktionen (tag mechir) jüdischer Terroristen zu tun hat. Man vermutet eine von jüdischen "Araberjägern" vollzogene Racheaktion." Bei so viel Vermutungen hatte Zuckermann wahrscheinlich einfach nicht mehr den Platz sich darüber aufzuregen, wie Hamas die Morde instrumentalisiert.

Wow, die taz hat sich heute wirklich ein paar Ausnahmekommentatoren ins Blatt geholt. Ein Jurij Kowaltschuk hat beschlossen, dass es "seine Pflicht" sei, uns über die Ereignisse in der Ostukraine aufzuklären, und zwar total objektiv: "Die Menschen hier erleben gerade erneut die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Mit dem Unterschied, dass sie heute von ehemaligen Landsleuten ermordet werden. Menschen sterben auf eine zynische und brutale Art. In Slawjansk gibt es fast kein Mobilfunknetz und kein Internet mehr. Es gibt große Probleme mit der Versorgung von Wasser und Elektroenergie. Anstatt einen Dialog zu führen, hat die ukrainische Regierung sieben Millionen Menschen im Donbass, ohne mit der Wimper zu zucken, zu Terroristen erklärt und beschlossen, sie methodisch zu vernichten. Wie soll man das nennen, wenn nicht Genozid?"
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Religion

In der SZ ermuntert Stefan Weidner alle Muslime, die Beschreibung des Kalifats im Koran als theoretische Grundlage für eine Demokratisierung der arabischen Welt zu nehmen: "Der Koran sagt im einhundertfünfundsechzigsten Vers der sechsten Sure ebenso wie in einigen weiteren, ähnlichen: "Er (Gott) ist es, der Euch (Menschen) zu Nachfolgern (Kalifen) auf Erden machte." Womöglich liegt darin die Keimzelle für eine islamische Begründung der Demokratie. Ob wir wollen oder nicht: Laut Koran sind wir alle Kalifen!"
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Stichwörter: Stefan Weidner

Gesellschaft

Es ist aus und vorbei mit Google. Wir haben es an dieser Stelle zum ersten Mal gesagt! Bei den acht Achtelfinalspielen der WM hatte der Suchmaschinenriese acht Mal den richtigen Sieger vorausgesagt, berichtet die Augsburger Allgemeine. Und dann die Pleite: Die Suchmaschine hatte errechnet, dass Frankreich im Viertelfinale der WM mit einer Wahrscheinlichkeit von 69 Prozent gewinnt. Wer soll Google jetzt noch trauen?

Derweil tweetete Teju Cole während des Spiels:

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Geschichte

Arno Widmann war für die Berliner Zeitung dabei, als Alexander Kluge im Berliner Zeughauskino die 180-minütige DVD "Bilderfronten vom Großen Krieg 1914-1918" vorstellte: "Das Publikum besteht vorwiegend aus Menschen - sagen wir mal so - über fünfzig. Sie wissen, was sie erwartet. Sie haben sich eingestellt auf jene merkwürdige Mischung aus Langeweile und plötzlich aufschäumende Großartigkeit, die Kluges Filmästhetik ausmacht. Diese DVD ist dafür ein besonders gemeines Beispiel."
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Gesellschaft

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