9punkt - Die Debattenrundschau

Stichwort Bananensoftware

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.07.2014. Die LRB und die huffpo.fr bringen interessante Hintergründe zur Ukraine und zur russischen Propaganda. Auch Götz Aly setzt nun keine Hoffnung mehr in Putin. Irights.info findet nicht, dass die Bundesregierung dazu da ist, Anwälten Arbeit zu beschaffen. Cicero und Telegraph prangern die antisemitischen Demos der letzten Tage an.

Europa

In der LRB gibt Peter Pomerantsev Einblick in die Propaganda, der die russische Bevölkerung seit Monaten vor allem durchs Fernsehen ausgesetzt ist. Eine Kostprobe, wie es ihm ein Bekannter erzählt: "Erst diese Woche gab es eine Geschichte über ukrainische Soldaten, die im Donbass ein Kind kreuzigen. Dann gab es Berichte darüber, wie das Weiße Haus die Ukrainer angestiftet hat, den Donbass zu entvölkern, um die Kontrolle über das Schiefergas zu bekommen. Und seit dem Unglück gab es Geschichten, dass die Amerikaner versuchten, Putins Flugzeug abzuschießen und aus Versehen das malaysische erwischt hätten, oder dass die Maschine schon beim Start voller Leichen war, um eine Tragödie vorzugaukeln oder dass Amerika das Flugzeug in die Luft gejagt hat, um Putin in einen Krieg zu ziehen und von ihren eigenen ökonomischen Problemen abzulenken." Man erkennt die kulturellen Einflüsse: das gekreuzigte Kind aus "Game of Thrones", das Flugzeug voller Leichen aus "Lost"."

Galia Ackerman schildert in einem interessanten Hintergrundartikel für die huffpo.fr die postsowjetische Mentalität im Osten der Ukraine, der von Stahl und Kohl geprägt ist: "Wenn die Ukraine geeint bleiben will, brauchen diese Regionen nicht eine "Föderalisierung", wie Russland sie preist (sie würde das Land spalten), sondern eine große Kraftanstrengung der neuen ukrainischen Regierung. Das Donbass muss modernisiert werden. Er muss sich aus dem eisernen Griff der Oligarchen befreien, kleine Unternehmen entwickeln, dank Bildungsprogrammen und Mikrokrediten. Auch seine Infrastruktur und die Mobilität der Bevölkerung muss verbessert werden."

Götz Aly, der lange Zeit irritierend viel Sympathien für die ukrainischen Separatisten hegte, erkennt in der Berliner Zeitung nun doch eher in Wladimir Putins Machtpolitik die Ursache des Konflikts: "Wer wie ich gehofft hatte, Putin werde nach der Annexion der Krim einlenken, hat sich getäuscht. Auch für ihn gilt, was für alle in der Gunst der Massen schwimmenden totalitären Führer gilt: Sie können nicht einlenken; getrieben von Gefallsucht verbergen sie Minderwertigkeitsgefühle hinter biedermännischen Sprüchen und Aktionismus. Ihnen fehlt die Gelassenheit pragmatischer Regenten. Putins Schwäche - nicht die vorgespiegelte Stärke - macht den Konflikt so ungemütlich."
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Medien

Marvin Schade liest für Meedia eine Befragung des Online-Marktforschungsinstituts MediaAnalyzer. Demnach "befürworten 27 Prozent der 1.004 Befragten im Alter zwischen 30 und 59 Jahren Paid Content. Tatsächlich bezahlen würden allerdings nur acht Prozent."

(Via turi2) Ulrike Simon berichtet in der Berliner Zeitung, dass das Wulff-Interview im Spiegel schon sechs Wochen alt sei. Offenbar haben sich auch ein paar Spiegel-Redakteure über das Interview geärgert, die sich aber wohl nicht direkt äußern mögen.
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Stichwörter: Medienwandel, Paid Content

Internet

Henry Steinhau findet in irights.info mit Blick auf das vage Gesetz zum Leistungsschutzrecht, das sich erst durch teure Gerichtsprozesse präzisieren soll, einen passenden Vergleich für die Arbeit der Bundesregierung: "Wer gesetzgeberische Politik so versteht, der erinnert doch stark an eine berüchtigte Handelspraxis der IT-Branche, Stichwort "Bananensoftware": wird grün ausgeliefert, soll bei den Anwendern reifen."

Netflix kommt im September nach Deutschland und wird doch nur enttäuschen, klagt Christian Stöcker auf Spiegel Online. Viel zu verwickelt sei die Rechtelage in der Filmindustrie und nichts hätte man aus der Transformation der Musikbranche gelernt. "Tatsächlich scheint sich die Geschichte zu wiederholen: Während das Internet die Konsumgewohnheiten gerade der glühendsten Fans nachhaltig verändert, gelingt es einer weiteren Branche nicht, ihren Kunden ein erschöpfendes, legales Angebot zu machen."

Weitere Artikel: Martin Weigert zitiert auf Netzwertig eine Studie, wonach Amazon bei Ebooks mit Selfpublishing-Autoren genauso viel Geld verdient wie mit Büchern der großen fünf Verlagshäuser.
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Überwachung

Elisabeth Pohl von Netzpolitik hat das Transkript des siebenstündigen Interviews mit Edward Snowden im Guardian nochmal nach Aussagen zu Deutschland gefiltert. Zum Verhalten der Bundesregierung sagt er: "Ich denke es ist überraschend, dass mich Deutschland gebeten hat, als Zeuge auszusagen und den Untersuchungen zur Massenüberwachung zu helfen, aber mich gleichzeitig daran hindert, nach Deutschland zu kommen. Das führte zu einer außergewöhnlichen Situation, wo die Suche nach der Wahrheit politischen Prioritäten untergeordnet wurde."

Außerdem: In der FAZ erklärt Stefan Schulz, wie Apple mit seinem Iphone der NSA Tür und Tor öffnet.
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Politik

Wütend kommentiert Alexander Kissler von Cicero die antisemitischen Ausschreitungen in europäischen Ländern, leider auch Deutschland, in den letzten Tagen: "In all den Fällen gab es eine klare Dreiteilung: Muslime... agierten als Antisemiten, Juden waren die Hassobjekte. Die deutsche Polizei schaute zu, war anderweitig beschäftigt oder schlicht überfordert. Oder gar klammheimlich einverstanden?"

Die Parolen bei Londoner Demos gegen Israel waren nicht besser als in Paris oder Berlin, schreibt Emma Barnett Im Telegraph: "The situation in Britain hasn"t been much better. Last week"s major pro-Palestine rally, which stopped London"s traffic, was littered with placards comparing Israel"s - and Jews" - actions to the Nazis ("Well done Israel - Hitler would be proud", read one such sign, accompanied by a swastika).""

Rue89 zeigt noch einmal die Dokumentation des französischen Autors Karim Miské über die gemeinsame Geschichte von Juden und Muslimen im Nahen Osten.
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Kulturpolitik

Marko Martin tröstet in der Welt alle Freunde Herta Müllers über die notorische Piefigkeit des Klaus Wowereit, der Herta Müller die Ehrenbürgerschaft für Berlin verweigert: "Gemessen an solchen Lebensläufen, wie sie .. bei Herta Müller zu Weltliteratur geworden sind, schrumpft das westlich-urbane Super-Ego auf Gartenzwerggröße."

Geschichte

Das ehemalige Lager Perm 36, das einzig wirklich Greifbare des Gulag-Systems wird in Russland unter staatliche Verwaltung gestellt (bisher wurde die Gedenkstätte von einem Verein betrieben), berichtet Sven Felix Kellerhoff in der Welt, der mit Arseni Roginski von "Memorial Moskau" über das Thema gesprochen hat. "Das Museum, fordert Roginski: "soll als eine Einrichtung der Zivilgesellschaft erhalten bleiben, die der Staat nur zu unterstützen hat, ohne sich inhaltlich einzumischen."

Weiteres: Ein Bild Finnlands zwischen 1913 und 1920 zeichnet Aldo Keel in der NZZ und liest den Schriftstellers Runar Schildt als wachsamen Chronisten dieser Ära, der wie kein anderer finnischer Autor die Ereignisse reflektierte. In der FR unterhalten sich Arno Widmann und Alexander Kluge auf zwei Seiten über Waffen, Giftgas und kosmische Katastrophen.
Archiv: Geschichte