Efeu - Die Kulturrundschau

Komische Monomanie

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29.03.2014. In der taz erklärt Ai Weiwei: Ein Fisch muss schwimmen. Margaret Atwood erzählt, wie sie digital in die Fußstapfen von Charles Dickens tritt. Und John Hurt erklärt, wen die fast nicht erkennbare Tilda Swinton sich für ihre Rolle in Bong Joon-hos "Snowpiercer" zum Vorbild nahm. In der SZ erklärt Andrea Breth, warum sie  Pinters "Hausmeister" inszenieren wollte. Critic.de steht etwas traurig in der Hans-Richter-Ausstellung: alles so heilig-affirmativ hier. In der Abendzeitung warnen Freunde Joseph von Westphalen vor Schlöndorffs "Baal".

Kunst

Wie es aussieht, darf Ai Weiwei nicht zur Eröffnung seiner Ausstellung nach Berlin reisen. Dafür hat er die Titelseite der taz gestaltet. Im Interview ärgert er sich über die Unterstellung, er mache nur politische Kunst: "Diese Behauptung weise ich zurück, ich mache Kunst nicht aus politischen Gründen. Ich versuche eine Art der Kommunikation zu finden, die meine Gefühle zu unserer Zeit in unserer Welt zum Ausdruck bringt. Es geht mir darum, mein wahres Ich zu zeigen. Die Unterteilung in politisch und unpolitisch halte ich für fehl am Platz. Bei einem Fisch fragt auch niemand, ob er schwimmen will oder nicht. Ihm bleibt nichts anderes übrig. So wie er schwimmen muss, muss ich mit meiner Kunst ehrlich bleiben. ... Ich sehe mich als eine Person, die sich weigert, von einem unfairen System zum Opfer gemacht zu werden. Ich versuche in einem politischen Umfeld mit Würde zu überleben. Wenn das politisch ist, ja, dann bin ich politisch."

Ein wahres Bestiarium bietet sich Ingeborg Ruthe in der Rembrandt-Bugatti-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin: "gravitätische Marabus, unbändige Hengste, dreist-kluge Affen und zottelige, brünftige Bisons", doch handelt es sich dabei nicht bloß um Abbilder, sondern um ästhetische Gefäße, gefüllt mit Höherem, erklärt sie: Diese "bronzenen Tiere sind keine pathetischen Staffagen oder Trouvaillen, wie noch in der akademischen Kunst des 19. Jahrhunderts, sondern Geschöpfe, die leiden und Glück empfinden, die sich paaren, fressen, spielen, schlafen, kämpfen. Rembrandt Bugattis Formensprache oszilliert zwischen Naturalismus und Expressionismus, Kubismus und Futurismus." (Bild: Asiatischer Elefant, "er wird es schaffen", um 1907 | Foto: Peter John Gates)

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Unser Schadow" im Berliner Ephraim-Palais (Welt).
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Literatur

In der taz spricht die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood im Interview mit Katharina Granzin über Umwelt, Frauen, ihren gerade erschienenen Roman "Die Geschichte von Zeb" und den Fortsetzungsroman, der nur digital erscheinen wird und von dem sie bereits vier Teile geschrieben hat: "Ja, das musste ich natürlich ausprobieren. Schon Charles Dickens hat seine seine frühen Romane als Serie veröffentlicht: in Folgen, die als einzelne Hefte erschienen. Und je nachdem, was dem Publikum gefiel, passte er die Handlung den folgenden Nummern an. In den sechziger, siebziger Jahren war die Serienpublikation von Romanen ausgestorben. Durch das Internet konnte sie wiederauferstehen. ... Als Nächstes wird eine Fernsehserie daraus."

Weitere Artikel: Für die Literarische Welt spricht Thomas David mit Colm Toibin, der unter anderem seinen europäischen Traum begräbt. Und Paul Jandl porträtiert den Wiener Moralisten Antonio Fian. Tilman Kraus trifft Florian Höllerer, der das Literarische Colloquium in Berlin auf Vordermann bringen will. In der NZZ schreibt Michi Strausfeld zum hundertsten Geburtstag des mexikanischen Dichters Octavio Paz. Björn Hayer schreibt eine Hommage zum hundertsten Geburtstag von Marguerite Duras. In der FR plaudert Lothar Schirmer in einem zweiseitigen Interview mit Arno Widmann über seinen Verlag, den er vor 40 Jahren mit Erik Mosel gründete, und die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts.

Besprochen werden unter anderem Katja Petrowskajas Roman "Vielleicht Esther" (taz), Lewis Trondheims Fantasy-Comiczyklus "Ralph Azham" (Welt) und Dillons Album "The Unknown" (Zeit), Anthony Marras Roman "Die niedrigen Himmel" (FAZ), Michael Ziegelwagners "Der aufblasbare Kaiser" (Welt), Lorenz Langeneggers Roman "Bei 30 Grad im Schatten" (Welt), Andreas Bernards Studie "Kinder machen - Samenspender, Leihmütter, Künstliche Befruchtung" (Welt), Gabriele Goettles neueste Reportagen (Welt) und Charles C. Manns monumentale Studie "Kolumbus' Erbe - Wie Menschen, Tiere, Pflanzen die Ozeane überquerten und die Welt von heute schufen" (Welt).

In der Frankfurter Anthologie stellt Ulrike Draesner ihr Gedicht "paprika mamrika" vor:

seit drei tagen kann sie das r und
wie sagte sie 'paprika' nach der kita
'mamrika' wir lachten liefen riefen
ros: fahrradkringer kaufen zur berohnung
..."
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Bühne

In der SZ spricht eine gut aufgelegte Andrea Breth im Interview mit Christine Dössel über Humor (sie hat welchen, darauf besteht sie), die Lage an der Burg, Frauen im Regieberuf und warum sie sich für ihre Inszenierung am Münchner Residenztheater Harold Pinters "Der Hausmeister" ausgesucht hat: "Mich interessiert das ständige Aneinander-Vorbeireden. Keiner hört dem anderen wirklich zu. Und trotzdem verstehen sich die Figuren auf eine verquere Art, jeder aus seiner komischen Monomanie heraus, ihre Sätze treffen sich manchmal wie Billardkugeln."

Besprochen werden Irina Brooks Inszenierung der Oper "Der Liebestrank" an der Deutschen Oper in Berlin (Tagesspiegel) und Elmar Goerdens Inszenierung von Ibsens "Wildente" am Mannheimer Nationaltheater (SZ).
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Musik

In der NZZ unterhält sich Ueli Bernays mit Rufus Wainwright über dessen Best-of-Album, Pop und Oper.

Besprochen werden das Berliner Konzert von Helge Schneider (Tagesspiegel), ein Konzert von Blixa Bargeld im Berghain (Tagesspiegel) und ein von Ivan Fischer dirigiertes Konzert in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel)

Peter Ustinov ist vor zehn Jahren gestorben. Er konnte auch Bach:

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Film

Der auf der Berlinale - zumindest von Kritikern - vielleicht am meisten erwartete Film war Bong Joon-hos "Snowpiercer", der nächste Woche in die Kinos kommt: Nach einer Umweltkatastrophe bleibt nur eine kleine, global verteilte Gruppe von Überlebenden übrig, die sich bald in Hierarchie- und Revolutionskämpfen verstrickt (hier unsere Kritik). Schauspieler John Hurt spricht im Interview mit Toby Ashraf in der taz über die Dreharbeiten, Science Fiction als Genre und über Tilda Swintons Rolle als diktatorische Mason (Bild): "Tildas Rolle ist, soweit ich weiß, unter anderem an die Person ihres ehemaligen Kindermädchens angelehnt, das sie hasste. Von ihm hat sie auch die Sprache und die Zähne übernommen. Es gibt zwei Zugriffe auf ihre Rolle: Man kann sie in Bezug auf ihre Macht als Monster sehen. Man kann Mason aber auch auf eine komischere Art begegnen, und das hat Tilda brillant hinbekommen."



Zwei Besprechungen widmen sich der großen, dem Experimentalfilmemacher und Künstler Hans Richter gewidmete Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau: Im Tagesspiegel ist Nicola Kuhn fast gerührt von Richters unbedingtem "Glauben an die Weltsprache der Abstraktion" und seiner Verspieltheit, die er mit Marcel Duchamp gemeinsam hatte: "Einer der schönsten Filmausschnitte der Ausstellung zeigt die beiden schon älteren Herren in einer Türöffnung, wie sie sich gegenüberstehen. Auf geheimnisvolle Weise winken sie einander zu, geben sich fast die Hand und kommen doch nicht zusammen. Duchamp entzieht sich regelmäßig wieder, Richter reibt sich jedes Mal wieder darüber rätselnd das Kinn."

Auch Nino Klingler ist für critic.de höchst interessiert durch die Ausstellung gewandert, aber er übt auch deutliche Kritik am Ausstellungskonzept von Kurator Timothy O. Benson. So vermisst er die im Untertitel der Ausstellung angekündigte Anbindung ans Jetzt. Statt dessen: "Heldenverehrung, ohne kritische Ausblicke etwa zu den elitistischen oder faschistischen Wurmfortsätzen der Avantgarde-Bewegung, aber auch ohne kurze Rückbezüge in die Vorgeschichte - die meisten der von Richter und Kollegen verwendeten Filmtricks gab es ja schon seit Meliès. Sehnsüchtig wird nur wieder der damalige heilig-affirmative Kunstbegriff wiedergekäut, dessen Ergebnisse als Filme und Bilder zu erleben zwar immer wieder eine (historische) Freude ist, aber der dabei jedes Mal ein bisschen weiter in eine tote, tiefe Vergangenheit zurückzusinken scheint."

Joseph von Westphalen traf für seine Kolumne in der noch existierenden Abendzeitung ein paar Freunde in München auf Kaffee und Zigarette: "Einer der Freunde erzählte, er sei in Volker Schlöndorffs mehr als 40 Jahre weggesperrten und jetzt als Meisterwerk gepriesenen Film 'Baal' mit Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle gewesen, um seinen Glauben an Qualität und Kultur wieder zu erlangen. Aber auch hier nichts als Frust. Brechts pubertäre Großkotzigkeit, gespielt vom großkotzig pubertären Fassbinder, das sei vielleicht stimmig, aber eine Qual gewesen, am schlimmsten, dass das Kino voll mit andächtigen Nostalgikern war, unter denen er sich fremder gefühlt habe als Brechts angeberischer Baal unter den ach so miesen Spießbürgern."

Weiteres: In der taz empfiehlt Jens Uthoff Filme aus dem Programm des Berliner 11mm-Festivals, das sich ganz dem Fußballfilm verschrieben hat. Hans-Jörg Rother berichtet in der FAZ über das Jüdische Filmfestival in Berlin und Potsdam.

Besprochen werden Gisela Werlers Komödie "Banklady" (Welt) und Jakob Lass' Debütfilm "Love Steaks" (Welt).
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