Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Heute in den Feuilletons

Große Wette auf die Offenheit der Systeme

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

09.09.2010. Sie wolle die Zeitungen, die die Mohammed-Karikaturen seinerzeit (und übrigens auch heute) nicht druckten, ja nicht kritisieren, sagte Angela Merkel bei der Preisverleihung für Kurt Westergaard. Aber äh, naja: "Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut." Die Welt bringt ihre Rede. Die SZ ist irgendwie gegen den Preis. Die FAZ hat ein Interview mit Westergaard. Die Solidarität mit ihm war okay, sagt er: "Die einzige Ausnahme ist leider meine eigene Klasse."

Die Welt, 09.09.2010

Sie wolle die Zeitungen, die die Mohammed-Karikaturen seinerzeit nicht abdruckten natürlich nicht kritisieren, sagte Angela Merkel bei der Verleihung des m100-Medienpreises für Meinungsfreiheit an Kurt Westergaard, so etwas sei ja immer eine Sache der Abwägung. Aber "Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut." Und: "Ich kenne solche Abwägungsfragen auch selbst: Soll die deutsche Bundeskanzlerin die Hauptrede anlässlich dieser Veranstaltung halten? Soll sie den Dalai Lama empfangen? Soll sie Briefe, die sie zum Beispiel von 'Reporter ohne Grenzen' bekommt, ernst nehmen und den neuen ukrainischen Präsidenten bei seinem ersten Besuch in Berlin auf die Einschränkungen der Pressefreiheit in seinem Land ansprechen oder damit besser bis zur zweiten Begegnung warten? Wie also verhält es sich mit den Werten und den Interessen, den politischen wie wirtschaftlichen, die für unser Land wichtig sind - für Sie wie für mich? Ich habe für mich die genannten drei Fragen drei Mal mit Ja beantwortet."


Für den Kulturteil porträtiert Paul Jandl den Autor Doron Rabinovici und findet es ganz richtig, dass er für seinen Roman "Andernorts" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht. Uwe Wittstock kommentiert die eben bekanntgegebene Shortlist des Preises, aus der alle Favoriten ausgesiebt wurden. Mladen Gladic verfolgte ein Kolloquium zum Thema "Krieg - Literatur, Medien, Emotionen". Berthold Seewald liest Neuerscheinungen zur altgriechischen Geschichte.

Besprochen werden aktuelle Filme, darunter Semih Kaplanoglus Berlinale-Gewinnerfilm "Bal - Honig", die CD "Brian Wilson Reimiagines Gershwin" und die Ausstellung "Das fremde Abendland? Orient begegnet Okzident von 1800 bis heute" in Karlsruhe.

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Der Tagesspiegel, 09.09.2010

Warum verteidigt Angela Merkel die Meinungsfreiheit von Kurt Westergaard, aber nicht von Thilo Sarrazin, fragte Malte Lehming (gestern) im Tagesspiegel: "Ein Verdacht keimt auf. Vielleicht geht es Merkel heute Abend gar nicht so sehr um Westergaard und die Meinungsfreiheit, sondern um sich selbst. Vielleicht ist der Fall Sarrazin für sie und die Union noch viel, viel brisanter als für Sigmar Gabriel und die SPD. Vielleicht braucht sie das Foto mit Westergaard, um jene in ihrer Partei ruhig zu stellen, die wegen ihrer Sarrazin-Schelte stinksauer auf sie sind."


Thilo Sarrazin macht den Islam durch seine Mär von Geburtenraten und Expansionismus zum Popanz, meint Hamed Abdel-Samad: "Was den Islam betrifft, mag er meines Erachtens in seinem jetzigen Zustand alles Mögliche sein, nur eines ist er gewiss nicht: Er ist nicht mächtig. Er ist im Gegenteil schwer erkrankt und befindet sich sowohl kulturell als auch gesellschaftlich auf dem Rückzug. Er kann keine konstruktiven Antworten bieten auf die Fragen des 21. Jahrhunderts und verbarrikadiert sich deshalb hinter Wut und Beleidigung."

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Perlentaucher, 09.09.2010

Sarrazin ist seinen Gegnern ähnlicher als diese und jener ahnen, meint Thierry Chervel im Perlentaucher: "Sarrazin graut vor der anderen Kultur aus Sorge um die eigene. In hundert Jahren, so seine Rechnung, wird hier keiner mehr 'Wanderers Nachtlied' kennen. Die Redaktion der Talksendung 'Hart aber fair' machte sich ein hämisches Vergnügen daraus nachzuweisen, dass schon heute keiner mehr weiß, was die Vögelein im Walde tun. Dennoch glauben auch Sarrazins Gegner so fest an 'Kultur' wie Sarrazin selbst. In den Debatten um sein Buch spielt die Idee, dass moderne Gesellschaften nicht einfach mehr in ihrer 'Kultur' leben, keine Rolle. Diese Idee nannte sich Säkularisierung."

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Frankfurter Rundschau, 09.09.2010

Christian Schlüter bedauert anlässlich der Preisverleihung an Kurt Westergaard, dass die deutschen Zeitungen seinerzeit nicht die dänischen Karikaturen abdruckten, ihre Leser nicht vernünftig aufklärten und das Feld den "Hasspredigern, sei es den Islamisten oder selbst ernannten islamkritikern" überließen. Für eine "feine Liste" hält Judith von Sternburg insgesamt die Shortlist für den Deutschen Buchpreis, ihr Favorit ist aber ganz klar Thomas Lehr mit seinem 9/11-Roman "September. Fata Morgana".


Besprochen werden Semih Kaplanoglus mit dem Goldenen Bären ausgezeichneter Film "Bal", der nun endlich in die Kinos kommt (hier Lukas Foersters damalige Kritik), eine Ausstellung von Else Lasker-Schülers Zeichnungen und Aquarellen im Jüdischen Museum Frankfurt, eine Schau von Bob Dylans Bildern im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen und Andreas Maiers Roman "Das Zimmer" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

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Aus den Blogs, 09.09.2010

Das ganz große Ding ist heute natürlich Google Instant. Die Suchergebnisse werden bereits eingeblendet, bevor man seine Suchanfrage eingetippt hat (Video)! Techcrunch macht auf die Folgen für Anzeigenkunden aufmerksam: "Google Instant will greatly increase ad impressions. Increased impressions means increased costs. Advertisers will need to buy more keywords." Auch die Branche der Suchmaschinenoptimierer muss sich Sorgen machen, meint Björn Sievers.

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Neue Zürcher Zeitung, 09.09.2010

Der in Deutschland geborene, 1937 nach Argentinien geflohene Schriftsteller Roberto Schopflocher denkt über Argentinien und sein heikles Selbstbild nach und kommt auf folgende Episode: "Als die Frankfurter Buchmesse Argentinien zum Gastland des Jahres 2010 bestimmt hatte, wurde die Präsidentin Cristina Kirchner nach den Leitfiguren gefragt, die sie wählen würde. Ihr fielen vier Persönlichkeiten ein: der Tangosänger Carlos Gardel, der Revolutionär Che Guevara, der Fußballer Diego Maradona und Evita, die zweite Frau Perons. Darauf aufmerksam gemacht, dass diese Figuren nicht so recht ins Konzept einer auf Literatur zentrierten Buchmesse passten, vervollständigte sie ihre Liste widerwillig mit dem von der linken Fraktion der Peronisten als ultrakonservativer Bourgeois verteufelten Schriftsteller Jorge Luis Borges und mit seinem Kollegen Julio Cortazar, der zwar auch kein Peronist gewesen war, aber dafür ins linke Lager passte."


Weiteres: Sabine Haupt erkundet das Chateau de Lavigny, in das die Ledig-Rowohlt-Stiftung jeden Sommer für ein paar Wochen Schriftsteller aus verschiedenen Ländern einlädt. Peter Hagmann hört beim Lucerne Festival Brahms-Sonaten gesprielt von Anne-Sophie Mutter.

Besprochen werden Jean-Stephane Brons Film "Cleveland contre Wall Street" und Marc Fitoussis Tragikomödie "Copacabana" und Bücher, darunter Bernhard Strobels Erzählband "Nichts, nichts" sowie Bessa Myftius Kindheitsroman "An verschwundenen Orten" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

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Die Tageszeitung, 09.09.2010

Ekkehard Knörer unterhält sich mit Semih Kaplanoglu über seinen Werdegang und seinen Film "Bal - Honig", der in diesem Jahr die Berlinale gewann und jetzt in die Kinos kommt. Kaplanoglu gehe es in seinem Film auch um eine "Grundfrage, die die türkische Kultur seit zweihundert Jahren prägt. Uns - und das betrifft mich ebenso wie zum Beispiel einen Schriftsteller wie Orhan Pamuk - ist das Verhältnis von Tradition und Modernität, Osten und Westen fundamental problematisch: ein ständiger Zwiespalt, ein ständiges Hinterfragen der eigenen Position."


Weiteres: Cristina Nord berichtet aus Venedig über Beiträge von Quentin Tarantino, Kelly Reichardt und die Independent-Produktion "Promises Written in the Water" von Vincent Gallo, der lautstarke Abwehr hervorrief. Christian Semler resümiert ein Seminar der Berliner Stiftung Topographie des Terrors, in dem spanische und deutsche Historiker die Geschichte der Deportation spanischer Antifaschisten in deutsche KZs untersuchten. Christoph Schröder kommentiert die Shortlist zum Deutschen Buchpreis ist jetzt raus, die er wieder einmal "unglaublich merkwürdig" findet.

Besprochen werden Francois Ozons neuer Film "Rückkehr ans Meer" und DVDs von Werner Schroeters Filmen "Eika Katappa" und "Der Tod der Maria Malibran".

In tazzwei erfahren wir von der Molekularbiologin Julia Offe, was es mit Science Slam auf sich hat. Und auf der Meinungsseite erklärt Christian Semler, dass Thilo Sarrazin keine Rechtsextremen, sondern die gutbürgerliche Gesellschaft repräsentiert, für die Muslimfeindlichkeit normativ sei.

Und Tom.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.09.2010

Im Interview mit Nils Minkmar erklärt der dänische Mohammed-Karikaturist und nun von Angela Merkel mit dem Preis für Meinungsfreiheit ausgezeichnete Kurt Westergaard, von wem er sich in der Angelegenheit mehr Unterstützung gewünscht hätte: "Die Solidarität mit mir war sehr zufriedenstellend. Die meisten meiner Landsleute haben mich beschützt oder mir Mut und Lob zugesprochen. Die einzige Ausnahme ist leider meine eigene Klasse. Man könnte sie die Intellektuellen und Kreativen nennen. Die sind skeptisch geblieben und haben meine Zeichnung als willkürliche Provokation des Islam verstanden."


Aus Joachim Müller-Jungs und Holger Schmidts Gespräch mit Google-Chef Eric Schmidt geht hervor, dass Google angeblich nicht konkret über die Aufhebung der Netzneutralität nachdenkt - und Schmidt verkündet noch einmal sein gegen Apple gerichtetes Credo: " Es ist unsere Aufgabe, Apps auf ähnlichem Niveau zu entwickeln, die aber überall im Browser funktionieren. Unser Modell ist offen. Wir haben eine große Wette auf die Offenheit der Systeme laufen. Offenheit ist meine Religion. Die Apple-Religion ist das genaue Gegenteil. Ich weiß das, weil ich im Aufsichtsrat gesessen habe."

Weitere Artikel: Der Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn entdeckt, scharf im Ton, Lücken in den statistischen Daten der Integrationsoptimistin Naika Foroutan. In der Glosse denkt Jürgen Kaube nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs über Spiel- und andere Süchte nach. Über geplante Störaktionen der Siedlerjugend in siedlungskritischen Theatern in Tel Aviv berichtet Christian Rössler. Heinrich Wähning erkennt im nun als Rohbau stehenden Sumatrakontor-Haus in der Hamburger HafenCity den architektonischen Widerstreit "interesseloses Wohlgefallen versus Konsumstimulation". Auf der Kinoseite zeigt sich Michael Althen unvermindert begeistert vom Wettbewerb in Venedig und ist vom griechischen Beitrag "Attenberg" nicht weniger überzeugt als von Alex de Iglesias Franco-"Grand Guignol" des Titels "Balada triste" und Abdellatif Kechiches neuem Werk "Venus noire". Auf der Medienseite erläutert Michael Martens die Räuberpistolen im Hintergrund des WAZ-Rückzugs aus Serbien.

Besprochen werden ein Konzert des Concertgebouw Orchesters unter Dirigent Mariss Jansons mit Mahlers "Dritter" in Luzern, Robert Plants neue CD "Bands of Joy", Semih Kaplanoglus Goldener-Bären-Gewinner "Bal" (für Andreas Kilb ist der Film auch nach dem zweiten Sehen ein wahres "Wunder"), und Bücher, darunter Florian Borchmeyers Studie über die kulturellen Folgen der Entdeckung Amerikas "Die Ordnung des Unbekannten" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

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Süddeutsche Zeitung, 09.09.2010

Constanze von Bullion berichtet von der Verleihung eines Preises für Meinungsfreiheit an Kurt Westergaard - mit der sie nicht ganz einverstanden ist: "Großer Bahnhof also für einen alten Herren, dessen Ehrung in Potsdam - bei allem Respekt - nicht nur auf Zustimmung stößt. Warum, fragen Kritiker, zeichnet die Kanzlerin mitten in der Diskussion über muslimische Zuwanderer, die Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin losgetreten hat, einen Künstler aus, der sich über Muslime lustig gemacht hat?"


Im Feuilleton weist Gunnar Hermann auf einen bedauerlichen Aspekt der Debatte um Kurt Westergaard hin: "Wer das Bild schlecht findet, kann diese Meinung bis heute kaum äußern, ohne gleich im nächsten Atemzug zu versichern, er sei aber trotzdem für Meinungsfreiheit und gegen militante Mullahs. Wer das Bild gut findet, muss stets versichern, dass er kein Rassist ist." Die SZ hatte es natürlich nur aus dem ersten Grund schwer!

Der Schriftsteller Leon de Winter erzählt eine "Parabel" darüber, wie er Thilo Sarrazin einst die Sache mit dem Judengen als Floh ins Ohr setzte, allerdings nur unter einer Bedingung: "Er zog ein Blatt Papier aus seiner Aktentasche und schrieb mit einem wertvollen Montblanc-Füllfederhalter darauf: 'Der Unterzeichnende, Thilo Sarrazin, erklärt, dass er nichts von dem, was ihm Herr Leon de Winter am 21. April 2005 erzählt hat, öffentlich machen wird. Bei jeder Zuwiderhandlung ist ein Bußgeld von 1 Million Euro zu zahlen.' Er schrieb das Datum darunter und unterzeichnete. Ich auch. Ich habe das Dokument in meinem Besitz."

Weiteres: In Venedig kann sich Susan Vahabzadeh mit Ben Afflecks zweiter Regiearbeit "The Town" anfreunden. Hans Schifferle informiert über Höhepunkte des diesjährigen Fantasy Filmfests (Website). Besprochen werden die Ausstellung "Joseph Beuys. Parallelprozesse" in Düsseldorf, die Ausstellung der sixtinischen Wandteppiche, die nun erstmals wieder mit Raffaels Entwürfen vereint sind, in London, Francois Ozons neuer Film "Rückkehr ans Meer" (dazu auch ein Interview mit dem Regisseur), und Bücher, darunter Volker Harry Altwassers "Abwrackroman" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

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Die Zeit, 09.09.2010

Im Interview spricht Fritz J. Raddatz über seine Tagebücher, notwendige Straffungen - "Bei den ständigen 'Ach, ich habe Kopfweh'-Notaten habe ich schon etwas gekürzt" - und anhaltenden Animositäten: "Kleinbürgerlichkeit erkennen Sie ja nicht an schlecht geschnittenen Anzügen oder an den falschen Manschettenknöpfen. Kleinbürgerlichkeit ist ja eine Verhaltensweise, den Arsch zusammenzukneifen, sich rauszulügen, zu parieren. Das vor allem ist für mich kleinbürgerliches Verhalten."


Weiteres: Im Aufmacher feiert Adam Soboczynski das Buch "Müdigkeitsgesellschaft" des in Karlsruhe lehrenden Philosophen Byung-Chul Han, der darin die Existenz relevanter Feinde oder echter Gefahren bestreite: "Der größte Feind ist heute das eigene Nervenkostüm." In der Glosse beschreibt Thomas Assheuer einen Wunschtraum, in dem alle, die er gern als Rechtspopulisten denunzieren würde, eine Sarrazin-Partei gründen: von Arnulf Baring über Necla Kelek, Perlentaucher, Neo Rauch, Alice Schwarzer, Monika Maron bis Gabriele Pauli. (So kann man Sarrazins Intelligenztheorie natürlich auch widerlegen.) Peter Kümmel hört sich unter der Prominenz der Stuttgarter Bahnhofsgegner um und lernt die landläufig unterschätzte Renitenz der Schwaben kennen.

Gero von Randow erklärt auf der Glaubensseite das Phänomen Atheismus: "Im Westen ist die Haltung des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq verbreitet, der von sich schreibt, sein Atheismus sei weder engagiert noch antiklerikal, noch gar heroisch oder befreiend, sondern einfach 'kalt'."

Besprochen werden außerdem die in Venedig gezeigten Filme von Sofia Coppola, Casey Affleck und Francois Ozon, das neueste und offenbar letzte Album "Interpol" der gleichnamigen Band, Peter Hacks' Stück "Die Sorgen und die Macht" am Deutschen Theater in Berlin, die Vermeer-Ausstellung in der Staatlichen Kunstsammlung Dresden, Jonathan Franzens Roman "Freiheit", den Ursula März "maximal anschlussfähig" nennt (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

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Archiv: Heute in den Feuilletons

Für Ohrfeigen geboren

11.02.2012. In der FAZ erklärt Michail Schischkin, warum Gogol der verzweifeltste aller russischen Schriftsteller war. In der NZZ erklärt Jennifer Eagan das Konzept ihres Romans über die Aushöhlung der Musikindustrie. Der eigentliche Stukturwandel der Öffentlichkeit findet jetzt erst statt, meint Volker Gerhardt in der Welt. In der taz erklärt Bazon Brock, warum man als Humanist gegen den Tod sein muss. In der FR beklagt Timothy Snyder das politsche links-rechts-Schema in der Wahrnehmung des Holocaust. Mehr lesen

Kritisch gemeinte Radetzkymarsch-Paraphrase

10.02.2012. Die Chinesen können Demokratie doch: Taiwan beweist es, konstatiert die NZZ. Die taz erklärt, was Cumbia ist. Der Economist staunt über die haarigen Mausklicker, die Acta verhindern. Rue89 zeigt den Like-Button mal anders. Die SZ fürchtet um die Privatsphäre. FAZ und Welt bewundern die Intimität des Blicks in in Benoit Jacqouts Berlinale-Eröffnungsfilm "Lebwohl meine Königin". Mehr lesen

Wegfall von Arbeit

09.02.2012. Heute beginnt die Berlinale. In der FAZ zeigen drei deutsche Regisseure auf Leerstellen, aus denen Erzählung werden sollen. Die FR freut sich auf tolle Anti-Kulakenfilme in der Berlinale-Retro. Der Freitag warnt vor dem geplanten Research Works Act in Amerika, der den Zugang zu Wissenschaft erschweren könnte. In der NZZ schreibt Georg Klein über Frost. Die Zeit staunt über Peter Nadas: den Autor, der auf 1700 Seiten dieses verdammte europäische Ich erledigt. Alle gratulieren dem großen Gerhard Richter zum Achtzigsten. Mehr lesen

Was für ein dramatisch schöner Jüngling Sie waren

08.02.2012. In der NZZ erklärt der nigerianische Dichter Obi Nwakanma die Strategie der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram. In der Welt mahnt Wolf Lepenies: Die EU sollte nicht nur den Euro in Griechenland, sondern auch die Demokratie in Ungarn retten. Die taz erklärt, warum Peter Eisenmans "Ciudad de la Cultura" in Santiago de Compostela nicht gebaut wird. Die SZ ist froh, dass sich die chinesische Sprache so schlecht für Zensur eignet. Mehr lesen

Archiv: Heute in den Feuilletons

Der Graf von Sandwich war in Gefahr

07.02.2012. "It's over, Facebook", ächzt Readwriteweb und wirbt für eine immer breitere Bewegung von Facebook-Abtrünnigen. David Cameron könnte als der britische Politiker in die Geschichte eingehen, unter dem Schottland von Großbritannien und England von der EU abfielen, meint Timothy Garton Ash im Guardian. Die NZZ zitiert eine Meldung aus ihrem Archiv vom 24. Brachmonat 1780, die später auch in einem Dickens-Roman verarbeitet wurde. Und in der FR warnt Götz Aly vor jenen, die Rinks mit Gut und Lechts mit Böse verwechseln. Mehr lesen

2000PutIN, 2012PutOUT

06.02.2012. Die FAZ erzählt, warum Georg Baselitz so schlecht auf Berlin zu sprechen ist. Die FR gelangt nach längerem Nachdenken zur Verneinung eines Tweets von Erika Steinbach. Die NZZ ist begeistert über ein kammermusikalisches "Rheingold" in München. Die Zeit ist sehr aktiv in der Berichterstattung über Acta: Das Abkommen, auf dem die Hoffnungen der Verwerterindustrien beruhen, soll demnächst ratifiziert werden - aber Polen steigt aus. In den Blogs wird unterdes nicht mehr nur über das "geistige", sondern auch über das physische Eigentum diskutiert. Mehr lesen

Die ganze Welt inventarisieren

04.02.2012. In der NZZ sucht Graham Swift das Bleeding Heart von Dickens' London. In der FR sucht Mike Daisey, das Herz der Apple-Fetischisten. Die Welt rät von Elternratgeber ab. Der Tagesspiegel entlarvt die perfiden Techniken der neuen Machthaber im Büro: Sie poltern nicht, sie piepsen und blinken. Die FAZ stimmt auf die Berlinale ein und stellt fest: Jeder Stummfilm hat mehr Klang als 3D-Filme Tiefe. Mehr lesen

Hunde und Katzen, Liebe und Tod

03.02.2012. Alain de Botton hat ein Rad neu erfunden, das sich niemals richtig drehte, meint John Gray im Guardian zu Bottons Idee eines atheistischen Tempels. In der Welt verabschiedet Martin Andree den "Digital Dream" von einer Demokatisierung der Welt durch das Netz. Alle Zeitungen trauern um Wislawa Szymborska. Man darf sie zwar einen "Mozart der Poesie" nennen, aber nicht ohne ihr auch die "Wut eines Beethoven" zu bescheinigen, sagt die NZZ. Mehr lesen

Einschlusslöcher am Gebäudesockel

02.02.2012. Die Welt fragt: Gibt es in Deutschland eine Architektur jenseits der Restauration? Telepolis schildert die Risiken von Amazons Kindle: Wer seine Informationsfreiheit nutzt, droht seine Ebooks zu verlieren. Die Zeit stellt in ihrem Dossier fest: Frauen sind die Verliererinnen des arabischen Frühlings. Die FR konstatiert: Helmut Dietls "Zettl" ist ersoffen im guten Willen jener Politik, über die er sich mokieren will. Im Freitag empfiehlt Occupy-Vordenker Mark Greif ziellosen Zorn. Die Jungle World beerdigt den von Greifs Zeitschrift n+1 aufgespießten Hipster. Mehr lesen

So sehr ich Warhol schätze

01.02.2012. Die FAZ ist ganz einverstanden mit der Polemik des CDU-Abgeordneten Ansgar Heveling gegen die "vermeintliche Web-Avantgarde". Im Handelsblatt  antwortet Frank Rieger vom Chaos Computer Club auf Hevelings Artikel. Die FAZ bringt auch ein Porträt des N+1-Herausgebers und Gesellschaftskritikers Mark Greif, der Hipster hasst. Die Münchner schlagen über Helmut Dietls Berlin die Hände über dem Kopf zusammen. Die FR greift eine sehr polemische Debatte um Robert Services vielgelobte Trotzki-Biografie auf. Mehr lesen

Also, Bürger, auf zur Wacht!

31.01.2012. Große Aufregung im Netz über eine Polemik des CDU-Politikers Ansgar Heveling im Handelsblatt, der das "geistige Eigentum" mit Rekurs auf die Französische Revolution verteidigt. Carta veröffentlicht einen "ergreifenden" Brief des ZDF-Hierarchen Elmar Theveßen an seine Kollegen. Eines der Probleme des ZDF: die Gehaltserhöhungen. Kenan Malik kommentiert am Beispiel Rushdie die erstaunliche Ängstlichkeit der Öffentlichkeit in der Frage der Meinungsfreiheit. In der taz meint Axel Honneth: Keiner simmelt den Weber wie Bourdieu. Die FAZ stört sich am zentralperspektivischen Aufbau der Ausstellung "Roads of Arabia" in Berlin. Mehr lesen

Weil es dem Franz so gefallen hat

30.01.2012. Jonathan Franzen erklärt im Telegraph, warum Kapitalisten gedruckte Bücher hassen. Die NZZ besucht Kafkas Nichte Vera Saudkova in Prag. Die Bloggerin Ulrike Langer staunt über ein Handbuch zum Journalismus, das als Standardwerk gilt und Ressentiments gegen das Netz verbreitet. Die FAZ ist sich uneins über den Kapitalismus. Die Welt stellt das Leipziger Architekten-Team Karo vor, das sich mit dem Leerstand in Ostdeutschland auseinandersetzt. In der taz porträtiert Gabriele Goettle die Historikerin Hannah Ahlheim. Mehr lesen

Das korrekte Verfahren für Anarchisten

28.01.2012. In der Welt findet der italienische Künstler Francesco Vezzoli seine Schau total explosiv. In der taz besteht Reyhan Sahin darauf, dass sie zugleich Professorin und Lady Bitch Ray sein kann. Die FAZ träumt vom Anarchismus, die SZ beobachtet, wie er totdiskutiert wird. Im Tagesspiegel meint Uwe Timm: Was dem Deutschen früher sein Militarismus war, ist ihm heute die Ökonomie. Alle sind beeindruckt von Marcel Reich-Ranickis Rede im Bundestag. Mehr lesen

Und die Emotionen suchen blind

27.01.2012. "Wir schaffen es nicht, uns von uns selbst zu befreien", seufzt Michail Schischkin in der NZZ. Die FR hat herausgefunden: Man kann noch billiger produzieren, als wo Apple produziert. Die taz hat herausgefunden: Julian Assange arbeitet in Moskau mit einem Kreml-treuen Sender zusammen.  Die SZ sieht Lana del Rey als "erzkonservative Männerfantasie". Ach was, sie inszeniert sich selbst, widerspricht die Welt. Und: Carta ist wieder da! Mehr lesen

Ein irrer Cut

26.01.2012. Die Welt und alle anderen würdigen Theo Angelopoulos, der bei einem Unfall ums Leben kam. Im Freitag annoncieren die neuen Macher des Merkur, dass sie demnächst ein Blog eröffnen. Gegen das Internet kann man sowieso nichts mehr machen, konstatiert die Zeit. Die Jungle World will die Hoffnung auf den arabischen Frühling noch nicht aufgeben. Henryk Broder mokiert sich in der Weltwoche über eine aktuelle Antisemitismusstudie. Und die FAZ würdigt, was in Retro überlebt. Mehr lesen

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