Doron Rabinovici

Andernorts

Roman
Cover: Andernorts
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421758
Gebunden, 285 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Ethan Rosen und Rudi Klausinger: Beide sind sie Koryphäen auf demselben Forschungsgebiet, und doch könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Rosen ist überall zu Hause und nirgends daheim. Selbst der Frau, die er liebt, stellt er sich unter falschem Namen vor. Klausinger wiederum ist Liebkind und Bastard zugleich. Er weiß sich jedem Ort anzupassen und ist trotzdem ruhelos: Was ihn treibt, ist die Suche nach seinem leiblichen Vater; sie führt ihn schließlich nach Israel und zu Ethan Rosen. Dessen Vater, ein alter Wiener Jude, der Auschwitz überlebte, braucht dringend eine neue Niere. Bald wird die Suche nach einem geeigneten Spenderorgan für die Angehörigen zur Obsession. Und selbst der obskure Rabbiner Berkowitsch hat plötzliches Interesse an den Rosens. Herkunft, Identität, Zugehörigkeit um und um wirbelt Doron Rabinovici in seinem neuen Roman "Andernorts" die Verhältnisse in einer jüdischen Familie, deckt ihre alten Geheimnisse auf und beobachtet sie bei neuen Heimlichkeiten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.10.2010

Nein, der Roman hat Jutta Person nicht überzeugt. Lieber als der Schriftsteller Doron Rabinovici ist ihr der zeitkritische Historiker Doron Rabinovici. Rabinovicis Freakshow mit integrierter jüdischer Identitätsproblematik erscheint ihr mitunter eher wie ein Film, weniger als Literatur. Und tatsächlich taucht auch eine Woody-Allen-Gestalt auf nebst einigen anderen gelungenen Bizarrerien. In stilistischer Hinsicht allerdings stößt Person auf Holpriges, auf Klischees und Folklore und eine eher konventionelle Familiengeschichte.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.10.2010

Mit Begeisterung hat Rezensentin Nina Apin diesen Roman des in Israel geborenen Wiener Schriftstellers gelesen, der, wie sie schreibt, geschickt mit "jüdischen Selbst- und Fremdbetrachtungen" jongliert und seine Leser beständig in die Falle eigener Klischees und Vorurteile lockt. Im Zentrum stehe ein jüdischer Soziologe, der "genervt vom Identitätsgerangel" eines Tages kurz in eine nichtjüdische Identität schlüpfe, womit seine Schwierigkeiten erst Recht immer weniger zu bewältigen seien. Doron Rabinovicis Beschreibungen der Identitätssuche seines Protagonisten findet die Kritikerin ebenso facettenreich wie komisch. Sie legt sich mit Hingabe in jede Kurve, die der Plot der Geschichte nimmt und von der sie sich vordergründig an die überdrehte Komik von Filmen der Coen-Brothers erinnert fühlt. Insgesamt verdankt sie dem Buch eine Menge "unerwartete Einsichten" über Erinnerungskultur, Antisemitismusdebatten und den Nahost-Konflikt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.09.2010

Bestnoten vergibt Rezensent Helmut Böttiger an diesen Roman über jüdische Selbstwahrnehmung, der ihm einige ungewöhnliche Einsichten vermittelte: in das Überleben nach der Shoah, österreichische Erinnerungskultur, aber auch handfeste akademische Probleme. Die Hauptfigur Ethan Rosen ist ein österreichisch-jüdischer Intellektueller, der in Wien ebenso zu Hause ist wie in Tel Aviv, wo seine Familie lebt. Der Tod eines väterlichen Freundes und Politikers löst eine Art Identitätskrise bei Rosen aus: Er streitet sich mit einem Gegenspieler, der sich auf die selbe Professur wie Rosen bewirbt, in Nachrufen um die Einschätzung des Verstorbenen. Dieser Gegenspieler ist nicht nur findig, sondern mit den Intrigen des akademischen Betriebes auch viel vertrauter als Rosen. Böttiger beeindruckt die "Verzweiflungskomik", mit der Rabinovici hier das  Modell einer modernen europäischen jüdischen Existenz zeichnet. Und er hat besser verstanden als aus allen Sonntagsreden, was das ist: eine "Familie nach Auschwitz".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.09.2010

Viel zu viele Geschichten werden in diesem Roman erzählt, seufzt Judith von Sternburg. Dabei sei der Ausgangspunkt von Doron Rabinovicis "Andernorts" vielversprechend: Der Wissenschaftler Rudi Klausinger veröffentlicht eine Kritik an der "Lagerfeuerromantik" bei Schulausflügen nach Auschwitz, zitiert dabei seinen israelischen Kollegen Ethan Rosen, der vor Jahren dieselbe Meinung öffentlich vertrat. Dieser verurteilt Klausinger nun scharf und vergisst dabei, dass er selbst der Urheber des Zitats ist, auf das sich Klausingers Argumentation stützt. Dies sei doch schon genügend Stoff für einen Roman a la Philip Roth, findet Sternburg. Doch zu ihrem Leidwesen quetscht Rabinovici noch eine Familiengeschichte in den gerade mal 286 Seiten starken Roman, dazu Rosens halbe Biografie, eine Liebesgeschichte und und und... Mit den daraus folgenden "abstrusen Wendungen" stünde der Roman vielen Seifenopern in nichts nach, bedauert Sternburg.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.09.2010

Doron Rabinovicis Roman "Andernorts" hinterlässt bei Rezensent Georg Renöckl einen zwiespältigen Eindruck. Im Mittelpunkt steht der Israeli Ethan Rose, der mit seinem Konkurrenten um einen Wiener Lehrstuhl nach Tel Aviv reist, um die eigene Familiengeschichte zu ergründen, und der sich beständig seiner ihm selbst fragwürdigen Identität zu vergewissern sucht, erfahren wir. Ins Auge sticht dem Rezensenten der skurrile Humor des Autors, der seine Leser mit einer Fülle "irrwitziger Ideen" bombardiert, wie Renöckl feststellen kann. Das ist streckenweise sehr unterhaltsam, zuweilen aber irritiert es den Rezensenten auch, wenn die komischen Einfälle nichts zum Erzählverlauf beitragen und einen prätentiösen Beigeschmack bekommen. Während Rabinovici anhand der Figur des Holocaust-Überlebenden Dov Zedek auf sehr "berührende Weise" Fragen nach der Erinnerung an die Shoah nachgeht, sieht der Rezensent sich mit Ethans Vater mit einer Vorbildfigur konfrontiert, die nicht nur Ethan verzweifeln lässt, sondern den Kritiker zudem in seiner Überlebensgröße völlig kaltlässt, wie er gesteht. Und so ist dieser Roman für Renöckl insgesamt etwas "unrund", insgesamt aber dennoch durchaus "faszinierend" und überwiegend sehr amüsant.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2010

Geradezu hingerissen ist die Rezensentin Sabine Berking von diesem Roman. Mit großer Leichtigkeit und immer wieder an die Werke Woody Allens erinnernd bewege er sich auf schwierigem Gelände: Es geht um israelische Identität, über die Generationen hinweg. Zu diesem Zweck zettelt der Autor ein heftiges Konkurrenzverhältnisse zwischen zwei Kulturwissenschaftlern an, die sich damit konfrontiert sehen, möglicherweise wirklich Halbbrüder zu sein. Daneben geht es aber auch um einen Rabbi, der glaubt, dass der Messias im Jahr 1942 in einem KZ ermordet worden ist und möglicherweise per Nachkommen-DNA wiederauferstehen kann. Die jüngere Generation hat unterdessen andere, nämlich pragmatischere Sorgen und Probleme mit dem Jüdischsein zuhause und andernorts. Völlig zu recht, befindet die Rezensentin, sei dieses "wunderbare" Buch auf der Longlist zum deutschen Buchpreis gelandet.