Efeu - Die Kulturrundschau

Moos an der Fassade

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09.11.2019. In der taz erinnert sich der französische Künstler Thierry Noir an die Berliner Krankheit, für die er die Mauer verantwortlich macht. Zeit online empfiehlt nach Sichtung von Nick Broomfields Filmdoku über Leonard Cohen und Marianne Ihlen ein paar Glückskekse. Wie man gut altert, lernt die SZ von den Bauten des portugiesischen Architekten Eduardo Souto de Moura. Die FAZ bestaunt im Ledermuseum hochhackige Schuhe aus 2000 Jahren. Und: Peter Handke ist noch Österreicher, informiert uns der Standard.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2019 finden Sie hier

Kunst

Der französische Künstler Thierry Noir erinnert sich im Interview mit der taz, wie er in den 80ern die Berliner Mauer bemalte, die ihm - anders als vielen Westberlinern - ziemlich auf den Magen schlug: "Es gab die sogenannte Berliner Krankheit, an der Westberliner litten, die Westberlin nie verlassen haben. In Kreuzberg lebte die zweite, noch extremere Kategorie: Die haben Kreuzberg nie verlassen. Es war schon seltsam: Die Mauer war brutal. Sie war hart, viele haben gelitten, haben Drogen genommen. An dieser Melancholie, dieser Tristesse, die sich wie ein Kaugummi zieht, war auch die Mauer schuld. Trotzdem wollten wir nicht raus. Nach Schöneberg zu fahren, das kam uns schon vor wie eine Weltreise."

Weiteres: Gabriele Walde trifft sich für die taz mit Norbert Bisky, der demnächst zwei Ausstellungen in Berlin und Potsdam eröffnet. Besprochen wird eine Ausstellung der Fotografin Helga Paris in der Berliner Akademie der Künste (FR, FAZ).
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Architektur

Eduardo Souto de Moura, Paula Rego


Laura Weissmüller besucht für die SZ den portugiesischen Architekten und Pritzker-Preisträgers Eduardo Souto de Moura, dem die Casa da Arquitectura in Portos Nachbarstadt Matosinhos gerade eine große Retrospektive widmet. "'Eduardos Werk ist das interessanteste, das man gerade in der Architektur studieren kann', sagt [Kurator] Dal Co. ... 'Die Schönheit an allen Gebäude von Souto de Moura ist, dass sie keine Angst haben vor der Zeit, die vergeht', so Dal Co. Also darf Moos an der Fassade wachsen, Regen und Wind die Mauern verwittern lassen (weswegen man die ockergelbe Steinmauer auch nicht als Rückseite der Casa das Artes erkannt hat). Klassische Alterserscheinungen, die beileibe nicht allen Häusern so gut stehen wie denen von Souto de Moura."
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Bühne

In der taz stellt Nicholas Potter die belgische Regisseurin Anne-Cécile Vandalem vor, die gerade für die Schaubühne den Krimi "Die Anderen" inszeniert. Egbert Tholl (SZ) sah beim Münchner "Spielart"-Festival selbstbewusste Theaterproduktionen aus Afrika, die sich "gegen eine westliche Rationalität" richten.

Besprochen werden Händels Musikdrama "Tamerlon" in Frankfurt (FR), Rafael Sanchez' Inszenierung von Daniel Kehlmanns Stück "Die Reise der Verlorenen" am Schauspiel Köln (nachtkritik, FAZ), Johannes Harneits Opernadaption von Else Lasker-Schülers Drama "IchundIch" in Hamburg (taz) und Elmar Goerdens Inszenierung von Ibsens "Rosmersholm" in der Bearbeitung von Ulf Stengl am Theater in der Josefstadt Wien (nachtkritik).
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Literatur

In der NZZ erinnert sich der schwedische Journalist und Autor Richard Swartz an die Tage vor dem Mauerfall in Leipzig, Wien, Budapest und Prag. Als Flüchtlinge waren die Ossis auch nicht ohne: "Die Tschechen sind empört. Sie erzählen mir, dass man überall über Ostdeutsche stolpert und dass sie sich weigern, Platz zu machen. 'Ist es nötig, hier einen solchen Dreck zu machen, nur weil man nicht in der DDR leben will?' Herr Novák, achtzig Jahre alt, beschwert sich bei der Polizei, die in den Gassen in ihren parkierten Autos sitzt, ohne einzugreifen. Die Polizisten stimmen den Beschwerden schweigend zu. Seit der Machtübernahme der Kommunisten im Februar 1948 sind Bevölkerung und Polizei vermutlich nie so sehr einer Meinung gewesen. 'Und wir haben immer gedacht, die Deutschen seien eine Kulturnation.'"

Gegenüber dem Belgrader Boulevardblatt Vecernje novosti hat Peter Handke dementiert, die jugoslawische Staatsbürgerschaft angenommen zu haben (mehr dazu hier und dort), berichtet die Presse. Der Schriftsteller gab demnach an, den Pass lediglich zu Reisezwecken erhalten zu haben. "Auf die Frage, ob er nun den Verlust seiner österreichischen Staatsbürgerschaft befürchte, erwiderte er nur: 'Wer sagt das?' Von der Belgrader Zeitung wurde die Frage, wie es möglich war, einen Pass ohne die Staatsbürgerschaft Jugoslawiens zu erhalten, nicht geklärt." Weitere Informationen hat der Standard: "Der Verfassungsjurist Bernd-Christian Funk erklärte, dass der Verlust der Staatsbürgerschaft durch die Entgegennahme eines jugoslawischen Reisepasses nicht zwingend erfolge." Anfragen der österreichischen Zeitung an serbische Behörden liefen aus datenschutzrechtlichen Gründen ins Leere: "Außerdem wies man darauf hin, dass ein Großteil der betreffenden Daten bei einem Bombardement im Jahr 1999 verlorengegangen sei." Der ORF meldet, dass Literaten wie Daniel Wisser, Doron Rabinovici und Julya Rabinowich heftig gegen die Berichterstattung über die Pass-Affäre protestieren. Die Kritik an Peter Handke habe "längst den Boden vertretbarer Auseinandersetzungen unter den Füßen verloren", heißt es in einem Offenen Brief. Die Unterzeichner finden es "bestürzend, welcher Hass sich über einen Autor und sein Lebenswerk ergießt, der konsequent und radikal ohne erkennbaren Vorteil für sich selbst, vielmehr sogar noch zum eigenen Schaden, die Autonomie seiner schriftstellerischen Existenz gegen die an ihn und alle anderen Schriftsteller/innen gerichteten Erwartungshaltungen behauptet."

In einem Kurz-Essay für den Standard befasst sich Ronald Pohl mit der "Lust der Dichter auf politische Einflussnahme" und hält darin fest: "Die bizarre Vorstellung, Impulsgeber in Wirtschaft und Politik würden den Maßgaben kauziger Poeten folgen, ist ganz bestimmt nicht auf dem Mist Peter Handkes gewachsen. Das Schicksal Pounds zeigt exemplarisch auf, was passiert, wenn Künstler die unsichtbare Linie passieren, die die Felder von Politik und Literatur strikt voneinander trennt. Sie werden z. B. der Obhut der Psychiatrie überantwortet."

Weiteres: Der Standard spricht mit dem Schriftsteller Norbert Gstrein, der gerade mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, der diese Würdigung eher scherzhaft aufgreift: "Preise sind ein notwendiges Übel, und ich wäre der Erste, der ein paar abschaffen würde. Ich freue mich über sie in doppelter Verneinung: Die, die ich bekomme, kann ich nicht mehr nicht bekommen." Für die NZZ hat Susanne Petrin das dem ägyptischen Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus gewidmete Museum in Kairo besucht. Katrin Hillgruber hat sich für den Tagesspiegel mit dem Schriftsteller Dag Solstad getroffen. In den "Actionszenen der Weltliteratur" schreibt Michael Pilz über Maria Sibylla Merians Reise in die Tropen im 17. Jahrhundert. Malte Osterloh erinnert im Freitag an Rolf Dieter Brinkmanns Zeit in Rom. Marcus Müntefering spricht im Freitag mit dem Thrillerautor Bernhard Aichner. Im Dlf Kultur sprechen Julia Schoch und David Wagner über Literatur nach dem Mauerfall. Außerdem bringt Dlf Kultur eine Lange Nacht von Uwe Wittstock über Christa Wolf und Franz Fühmann.

In der Literarischen Welt gratuliert Richard Kämmerlings Hans Magnus Enzensberger zum 90. Geburtstag. Zu dessen prominentestem Projekt gehört die Mit-Herausgabe der "Anderen Bibliothek", auf deren Anfänge die FAZ-Kritiker mit zahlreichen Notizen blicken. Der SWR hat Enzensbergers 1957 ziemlich einschlagenden Radioessay "Die Sprache des Spiegel" online gestellt (der darin ziemlich harsch kritisierte Spiegel hatte den zugrunde liegenden Text wenig später kurzerhand selbst abgedruckt).

Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf (FR), Mircea Cărtărescus "Solenoid" (taz), Susanne Gregors "Das letzte rote Jahr" (Standard), Cemile Sahins Debütroman "Taxi" (SpOn), die Novelle "Die Geschichte vom Kutscher Kandl" aus dem Nachlass von Hermann Lenz (NZZ), Bogdan Musials "Mengeles Koffer" (taz), Edoardo Albinatis "Ein Ehebruch" (SpOn) und Garry Dishers Krimi "Hitze" (taz).

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Design

Chopine, Venedig, Italien, um 1600 und Plateauschuh, Towers, Buffalo, Wiesbaden, 1996 © DLM, M. Özkilinc


Katharina Rudolph besucht für die FAZ im Deutschen Ledermuseum in Offenbach eine Ausstellung mit Schuhen aus 2000 Jahren Geschichte und lernt: der Absatz am Schuh war ursprünglich für den Mann gedacht, damit er sich im Steigbügel festhaken konnte und nicht vom Sattel fiel. "Ende des sechzehnten Jahrhunderts wanderte er dann in die westliche Mode, wo er im Barock und Rokoko, gefertigt aus Holz, Kork oder gestapelten Lederplättchen, zum zentralen Merkmal der höfischen Schuhbekleidung avancierte und von Männern, bald aber auch von Frauen und Kindern getragen wurde. Um Rang und Status zur Schau zu stellen, versah man die Schuhe mit opulenten, austauschbaren Schnallen und exquisiten Materialien wie Edelsteinen, feinem Leder, Seide oder Brokat. Als dann jedoch in der Französische Revolution die Bürger auf die Barrikaden gingen, war die Protzerei einstweilen vorbei: Hohe Absätze wurden, ebenso wie Schnallen, verboten."
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Film

Michael Ranze spricht im Filmdienst mit Jan-Ole Gerster über dessen (in SZ und im Freitag) Film "Lara" mit Corinna Harfouch und Tom Schilling. Jenni Zylka schreibt in epdFilm über lesbische Liebesfilme. Auf Artechock annonciert Dunja Bialas das Münchner Frauenfilmfestival "Bimovie".

Besprochen werden "Das Wunder von Marseille" mit Gérard Depardieu (Tagesspiegel) und die DVD von Thomas Moritz Helms "Heute oder morgen" (Sissy Mag).
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Musik

Künstlergenie und Muse: Nick Broomfields "Marianne & Leonhard: Words of Love"

Nick Broomfields Kino-Dokumentarfilm "Words of Love" schildert die Liebesbeziehung zwischen Leonard Cohen und Marianne Ihlen, die in den 60ern unter Bohème-Bedingungen auf Hydra begann und unter den Libertinage-Bedingungen des New Yorks der späten 60er endete, nachdem Cohen sich vom verdrogten Schriftsteller zum bekannten Musiker gemausert hatte. Dass der Regisseur selbst mit Ihlen liiert war, kommt da noch hinzu. Ziemlich schade findet es Dirk Peitz auf ZeitOnline, dass der Film "in der Beschreibung Ihlens zurück in Stereotype der Vergangenheit fällt, ohne sie letztlich zu reflektieren. Die Idee der Muse etwa wird weidlich besprochen, aber nicht als kulturelle Trope, sondern eher als naturgesetzhafte und etwas bedauerliche Sache für die Frau: Sie soll dem stets männlichen Künstlergenie zur Inspiration verhelfen, verbindet ihm ansonsten seine Wunden, macht ihm den Haushalt, dient als Mutterersatz, mit dem man allerdings jederzeit und sehr oft Sex haben kann." So erzählt auch der Filmemacher, "er habe es ganz wesentlich Ihlen zu verdanken, dass er sich wirklich getraut hat, Filmemacher zu werden. Das ist schön. Wenn man unbedingt Ermunterung braucht, kann man sich aber auch eine Packung Glückskekse kaufen." Cohens Stück "So Long, Marianne" ist Ihlen gewidmet:



Weiteres: In der NZZ plaudert Hanspeter Künzler mit dem britischen Musiker Richard Dawson über dessen neues Album "2020" (mehr dazu bereits hier). Im Tagesspiegel porträtiert Jakob Bauer den Cembalisten Jean Rondeau. In der SZ legt uns Andrian Kreye die Deutschlandtour des Trompeters Theo Croker mit den Jazz Animals wärmstens ans Herz: Den "klaren Blick auf Vergangenheit und Gegenwart" spiele "Croker mit seinem geschickten Gespür für die gesamte afroamerikanische Musikgeschichte wie kaum ein Zweiter." Die BBC hat eine kleine, gemeinsam mit Roy Allen bestrittene Live-Aufnahme Crokers online gestellt:



Besprochen werden das neue Album von FKA Twigs (SpOn, mehr dazu hier), Debbie Harrys Autobiografie "Face it" (Jungle World), die Neuauflage der vor 50 Jahren erschienenen Rockoper "Arthur Or The Decline And Fall Of The British Empire" der Kinks, zu der allerings niemand greifen muss, der die Original-LP im Schrank hat, meint Detlef Diederichsen in der taz), Jaimie Branchs Avantgarde-Jazzalbum "Fly or Die II: Bird Dogs of Paradise" (ND), ein Konzert des Artemis Quartett (Tagesspiegel), das Berlin-Konzert von Seeed (taz) und neue Popveröffentlichungen, darunter Moor Mothers "Analog Fluids Of Sonic Black Holes" ("Es gibt zurzeit wenig, was so komplex und zugleich so konfrontativ klingt wie die Musik der US-amerikanischen Poetin und Aktivistin Camae Ayewa", meint Benjamin Moldenhauer auf SpOn).
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Stichwörter: Cohen, Leonard, 60er