Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Juli 2026

Nichts Depressives ist hier drin

31.07.2026. Als Intendant geschasst, als Pianist umjubelt: Markus Hinterhäuser gab in Salzburg zusammen mit dem Bariton Matthias Goerne Schuberts "Winterrreise" und nicht nur die SZ hörte den "Wunsch, das Dröhnen der Welt auszublenden". In Salzburg brilliert Christian Thielemann mit einem synästhetischen "Siegfried" auf Weltniveau, freut sich die nachtkritik. Die taz lässt sich in Mönchengladbach von dem Bildhauer Grant Mooney erklären, wie Material gesellschaftlich mit Wert aufgeladen wird. Und der Guardian schreibt den Nachruf auf den Plastinator Gunther von Hagens.

Weltumspannende Visionen

30.07.2026. Die taz lernt bei den diesjährigen "Rencontres de la photographie" in Arles, was "Hydrofeminismus" ist. Die Zeit erfährt von Christine Burgartz, wie die letzten Jahre der Schriftstellerin Brigitte Reimann verliefen. Der FAZ ist das von Gustavo Dudamel dirigierte Mahler-Konzert bei den Salzburger Festspielen geradezu zu perfekt. Außerdem besucht die FAZ Juli Zeh auf dem Lande.

Ohne Ruder, Segel und Steuer

29.07.2026. Festspiele-Fieber in den Feuilletons: Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" wird in Salzburg uraufgeführt und stößt auf verzückte Reaktionen. Die FAZ verliert sich gern in Handkes uferlosem Text, der Zeit ist die Inszenierung ein wenig zu erwartbar. In Bayreuth hingegen laufen die Kritiker gegen einen "Rheingold" Sturm, dessen Bühnenbild KI-generiert ist: Die SZ vermisst im Bilderreigen jeglichen Zusammenhang, der Zeit gefällt immerhin die Musik. In der Jungle World glaubt die Schriftstellerin Kathrin Röggla nicht, dass irgendjemand KI-Texte lesen will.

Was bislang nie zu hören war

28.07.2026. In Bayreuth war zum ersten Mal Wagners Jugendwerk "Rienzi" zu sehen, die Kritiker sind geteilter Meinung: Die SZ verfällt in einen regelrechten "Begeisterungsrausch" ob der Gegenwärtigkeit der Inszenierung, FAZ und FR meinen: das hätte man in der Schublade lassen können. Der rumänische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Norman Manea hat seinen Vorlass der Berliner Akademie der Künste überlassen: ein bedeutendes Zeichen, kommentiert die NZZ. Jungle World erzählt uns die Geschichte des Math-Rock.  

Ein Logopäde ist er nicht

27.07.2026. Michel Friedman hält seine Rede in Bayreuth, vielleicht markiert sie einen Wendepunkt in der Festspielgeschichte und ihrer Aufarbeitung, hoffen die Kritiker. Charlie XCX huldigt auf ihrem Album dem Minimalismus der Rockmusik, verkündet der Standard. Die SZ ärgert sich über Rockstar-Rentner. Wie schön, dass Bruno Tauts Waldsiedlung Zehlendorf nun auch endlich Weltkulturerbe ist, freut sich die FAZ, die taz ist eher skeptisch. Lee Millers Fotografien zwingen die NZZ in Paris zum genauen Betrachten.

Wie von Neo Rauch hingeworfen

25.07.2026. Der Exodus iranischer Filmschaffender nimmt ähnliche Dimensionen an, wie die Emigrationswelle verfolgter Künstler unter dem Nationalsozialismus, konstatiert die WamS. Die FAZ ist skeptisch, dass eine Abstimmung über das neue Design der Euroschein-Entwürfe die Europäer näher zusammenrückt. Monopol bestaunt in einer Ausstellung über die Geschichte des Krankenbetts die prächtig bestickte Bettwäsche der Künstlerin Poppy Nash. Die Zeit befasst sich mit den Verkaufsstrategien der Bestseller-Autorin Caroline Wahl

Eine absurde Konstellation jagt die nächste

24.07.2026. Die Opernkritiker erliegen in Damiano Michielettos opulenter Verdi-Inszenierung in Bregenz vor allem der finnischen Sopranistin Marjukka Tepponen. Der Tagesspiegel lernt im c/o Berlin, wie digitale Bilder zu "grausamem Optimismus" verführen. Besonders viele Verlage scheinen sich nicht um Günter Grass zu reißen, vermutet die SZ nach der Insolvenz des Steidl Verlags. Und VAN glaubt nicht an eine Krise der Neuen Musik.

Metaphysische Menschenbetrachtungen

23.07.2026. Die SZ widmet den Bayreuther Festspielen zu ihrem Jubiläum ein Dossier: Unter anderem erzählt der israelische Schriftsteller Etgar Keret, warum seine Mutter Wagner hörte, trotz dessen Antisemitismus. Der Guardian erhascht dank eines Fotobandes von Jem Southam einen Einblick in die geheime Skulpturenwelt des Künstlers Ray Exworth. Die Filmkritiker trauern um den Sprücheklopfer, Gammler und Lebenskünstler Werner Enke, der dem bierernsten jungen deutschen Film zu ein bisschen mehr Leichtigkeit verhalf. 

Die Zukunft war schon immer scheiße

22.07.2026. Der Tip Berlin fragt, warum das mit öffentlichen Geldern geförderte Berliner Kino Babylon einen lupenreinen russischen Propagandafilm zeigt. David Schalkos Serie "Braunschlag 1986" zeigt uns laut SZ, dass früher auch nicht alles besser war. Die taz begeistert sich auf der Venedig-Biennale für Videokunst von Roman Khimei und Yarema Malashchuk, die lehrt, in kriegsversehrten ukrainischen Gesichtern zu lesen. In Serbien überlässt die Vučić-Regierung ein renommiertes Theaterfestival den Zensoren, warnt der Standard.

Von Elefanten nichts zu hören

21.07.2026. Die FAZ feiert 150 Jahre Bayreuther Festspiele: Katharina Wagner erzählt, warum ein Teil des Familien-Nachlasses für die Forschung freigegeben wird. Dirigent Christian Thielemann gibt Tipps für eine gute Wagner-Aufführung: man achte auf die Mendelssohn-Einflüsse. Die taz denkt beim Betrachten der Milieu-Fotografien von Shamal Shabazz wehmütig an das New York der Achtziger zurück. Die SZ dankt den Kinogöttern, dass Christopher Nolans "Odyssee"-Film die Kinokassen füllt. Die Welt vermisst die Zeiten als große Stars noch "mythische Wesen" waren. 

Ein System besonnter Scheiben

20.07.2026. Die Kontroverse um Danger Dan, Igor Levit und das ZDF geht weiter: Die taz sieht in dem Song "Keine Angst" keinen Aufruf zur Gewalt, die FAZ ist genervt vom Drama. Auf den Wormser Nibelungenfestspielen können die Kritiker lernen, was mit Kriemhild am Hof der Hunnen passiert ist, allerdings mit etwas zu viel Soap-Feeling. Die taz lernt die rätselumwobene Designerin Madame Grès kennen. Die Zeit ärgert sich darüber, wie unausgewogen über Dark Romance-Bücher diskutiert wird. Die FAZ lässt sich von Thomas Demands Fotos von Bühnenmodellen verzaubern.

Die alte Hand, ins Kinn gestützt

18.07.2026. Wenn das Humboldt Forum eh angeblich nur Raubkunst zeigt, kann man es entweder ganz schließen oder auf historische Aufklärung setzen, meint die FAZ und setzt dabei aufs DHM. Es soll eine neue Internationale Bauausstellung in Berlin geben, in acht Jahren, berichtet die taz. Die Musikkritiker diskutieren weiter über Danger Dan, der mit "Keine Angst" nicht im ZDF auftreten darf. Zeit Online ist ganz für Subversion gegenüber Rechtsextremen und der AfD, aber Grüße an die militante Antifa-Hammerbande gehen gar nicht. Die SZ stört die romantische Selbstüberhöhung im Song. Skandalös wäre die Ausstrahlung gewesen, ruft die Welt. In der FR erzählt Jason Stanley, warum er nicht nach Deutschland emigriert.

Weder fluide noch flexibel

17.07.2026. Die FAZ bewundert im Tel Aviv Museum Hunderte von Werken, die der Kunsthistoriker Karl Schwarz vor den Nazis rettete. Außerdem freut sie sich, dass Deep Purple so "unideologisch zeitlos" bleibt. Das ZDF hat einen Auftritt von Igor Levit und Danger Dan gecancelt, die Künstler für die Absage aber eigens anreisen lassen, kritisiert der Tagesspiegel. Die Welt ruft jenen, die von grünen Städten träumen, zu: Nicht Bäume, sondern Verdichtung bietet Kühlung.

Drei Stunden Nicht-Identifikation

16.07.2026. Die Filmkritiker sind sich uneins über Christopher Nolans "Odyssee"-Verfilmung: Einen erfreulich nahe an Homer angelegten Horrortrip erlebt die SZ. Der Perlentaucher wird noch einmal an die vergangene Glorie Hollywoods erinnert. Die Welt vermisst allerdings den Sex. Der Guardian erkennt in einer Enid-Marx-Ausstellung, wie lang die Briten in der Tube unbemerkt auf Botschaften über afrikanische Kunst saßen. Die Zeit amüsiert sich in Essen mit Gustave Courbet, der sich auch mal als Leiche oder Forelle malte. 

Kein Techno ist auch keine Lösung

15.07.2026. Geht Bayern bald besser mit NS-Raubkunst um? Die SZ ist angesichts des Vorschlags für eine neue unabhängige Expertenkommission vorsichtig optimistisch. Die nachtkritik plädiert mit Blick auf die Münchner Kammerspiele für ein Theater, das die Vielfalt gegen einen konservativen Backlash verteidigt. Eine Münchner Aufführung der Händel-Oper "Alcina" spaltet die Feuilletons: Die SZ bejubelt farbenprächtigen Barock-Sound, die Welt echauffiert sich über billige Kitsch-Kulissen. Der filmdienst fragt sich, warum Homers "Odyssee" so häufig verfilmt wird.

Mit der kühlen Glätte eines Hais

14.07.2026. Der Guardian huldigt in der Tate Modern den archaischen Fruchtbarkeitsgöttinen der Künstlerin Ana Mendieta. Der Schriftsteller Dinaw Mengestu ist als Präsident des amerikanischen PEN-Clubs zurückgetreten - wegen eines Artikels, der Antisemitismus anprangert, konstatiert die Welt fassungslos. In zwei Jahren wird man einen KI-Film nicht von einem gefilmten unterscheiden können, versichert der SZ die Produzentin Cecilia Shen. Und die Filmkritiker trauern um den Schauspieler Sam Neill, der leichtfüßig zwischen Blockbuster und Autorenfilm tänzelte. 

Sprengung als Erlösung

13.07.2026. In der FAZ schlägt der Filmhistoriker Rainer Rother Alarm: Zu wenig Geld wird für die Sicherung des Filmerbes locker gemacht. Früher oder später wird KI das Niveau von Midcult-Literatur erreichen, ist sich die Jungle World sicher. Die Kritiker geben sich die Klinke in die Hand, um dem toten Wal Timmy im Hamburger Ernst Deutsch Theater die letzte Ehre zu erweisen. Die FAZ lässt sich von den Bamberger Symphonikern unter Jakub Hrůša mitreißen. Und sie bestaunt im Prado die gülden leuchtende Kunst des Spätmittelalters.

Schatten und Sonne streiten manichäisch

11.07.2026. Die SZ feiert beim Festival d'Avignon Kunst und Mord, die Poesie und das Böse in Julien Gosselins Spektakel "Maldoror". Die Welt macht es sich in Avignon lieber richtig ungemütlich mit Carolina Bianchis "Uma Luz Cordial", das die Brutalität eines sensationslüsternen Literaturbetriebs ausleuchtet. Die taz porträtiert die Lyrikerin Ann Cotten. Die SZ erzählt, wie Odysseus von Übersetzerinnen gesehen wird: als einfallsreicher Heiratsschwindler. Die FAZ bestaunt Wunderwerke der Lichtmalerei im Kunst Museum Winterthur. Die Welt bewundert das edle Understatement des neuen Konzertsaals für das Musikfestival "Rencontres" in Evian-les-Bains.

Mit dem gewaltigsten Gefühl

10.07.2026. Die Literaturkritiker gratulieren dem Fabelwesen der deutschen Literaturszene Christine Wunnicke zum Büchnerpreis: taz und NZZ würdigen ihren diabolischen Humor, die FAZ lobt ihren Eigensinn. Die SZ ist empört über den Umgang der Münchner Politik mit Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel, für die sich offenbar niemand zuständig fühlt. Die Musikkritiker trauern um Bonnie Tyler: Der FR war sie ein Vorbild, wie man nach einer Niederlage sein Krönchen wieder richtet. "It's a Heartache", ruft Zeit online.

Fitnessübung für Ausgebeutete

09.07.2026. Aktualisierung: Der Büchnerpreis geht in diesem Jahr an Christine Wunnicke. Die FAZ greift nochmal die Wenders-Kinski-Debatte auf und empfiehlt statt bigotter Verurteilung der Vergangenheit eine "Selbstüberprüfung in der Gegenwart". Die Nachtkritik verfolgt in Jena das Schicksal der Kassandra als antikes Biopic mit Gegenwartsbezug. Der Tagesspiegel ist hocherfreut über die Rekonstruktion der Villa Rezek bei Wien, einer "Ikone des Neuen Bauens". Die Welt geht unter, aber der Popmusik fällt nichts besseres ein als Selbstliebe, schäumt die taz.

Das Herz macht Bum

08.07.2026. Critic.de freut sich, wie Eva Trobisch mit ihrem Film "Etwas ganz Besonderes" ein Stück ostdeutsche Gegenwart auf die Leinwand bringt. In Augsburg möchte eine Theaterinitiative gegen den Antisemitismus auf deutschen Bühnen ankämpfen, berichtet die nachtkritik. Die taz besucht eine Cecilia-Vicuñas-Ausstellung nahe Turin und verliert sich in hundert Metern Schafswolle. Die SZ ist hingerissen von der Rapperin Ikkimel, die mit ihrem Song "Fußballmänner" gezeigt habe, dass die Jugend auch heute noch so richtig anecken kann.

Die Hosenröcke der Rheingrafen

07.07.2026. Die FAZ staunt in Potsdam über die "Lichtmalerei" des Anarchisten Paul Signac, der statt Arbeitern lieber Küsten malte. Der NZZ läuft bei Nikolaus Habjans Inszenierung einer Opernfassung des Dürrenmatt-Stücks "Der Besuch der alten Dame" in München ein Schauer über den Rücken. Der Tagesspiegel vertieft sich in einer Retrospektive im Kino Arsenal in Berlin in die Filme des Eigenbrötlers Jean Eustache. Die taz wundert sich bei der Fashion Week in Berlin über Barock-Vibes

Der Weltgeist im Reinigungswagen

06.07.2026. Fast hypnotisiert betrachtet die NZZ Vilhelm Hammershøis stille Bilder in Zürich. In Stuttgart schwanken Schillers "Räuber" für die Kritiker irgendwo zwischen feministischen Impulsen und abgenutzten Visuals. Die SZ freut sich über einen lärmfreien Entwurf Max Hackes für das Berliner Haus der Jugend. Taz und Zeit werden sich beim neuen Madonna-Album nicht einig. Die FAZ kritisiert den Begriff des "Incel Horror". Braucht man wirklich die Genre-Bezeichnung "Weird Girl-Fiction", fragt die Zeit. Die Fashion Week war dieses Mal wieder sehr berlinig, findet der Tagesspiegel.

Zone des Rückzugs

04.07.2026. In der taz blickt die Kunsthistorikerin Jennifer Van Horn auf die Leerstellen in der amerikanischen Kunst. In der SZ rechtfertigt sich Katharina Wagner - und fordert auch den Rest der Familie zur Aufarbeitung der Geschichte auf. FAS und Welt lauschen gebannt dem Schweigen zwischen den Menschen in Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes". Die SZ zieht sich mit Madonna außerdem in den Darkroom des Beichtstuhls zurück.

Bis alle Eminenzen am Tisch zufrieden sind

03.07.2026. Die FAZ wünscht sich wieder mehr kleine risikofreudige Filme jenseits großer Budgets. 54books stellt die Onlineplattform Weiter Schreiben vor, die Texten von AutorInnen aus Kriegsgebieten ein Forum bietet. In der Welt erklärt der ukrainische Regisseur Anatolij Lewtschenko die "weiche Propaganda" der Russen in Mariupol. Die taz sehnt sich in Aarhus zurück nach der Renitenz des Punk. Außerdem lauscht sie dem blubbernden Amapiano von Moonshine. Und in der SZ befürchtet der italienische Regisseur Toni Servilio, dass Europa von autoritären Regimen aufgefressen wird.

Mit der Präzision eines Kochs

02.07.2026. Überwältigt blickt die FAZ in Rosenheim auf Blut, Blitze und Riesenbrüste, die  ghanaische Filmplakatmaler auf alte Säcke gemalt haben. Die Zeit erkennt in London, was Frida Kahlo so unverwechselbar machte. Der Guardian staunt ebenfalls in London über die Mikro-Garnituren in den Gemälden von Ferdinand Georg Waldmüller. Die Welt amüsiert sich, wenn Intendant Aviel Cahn sich mit einem Riesenpenis von den Genfern Richtung Berlin verabschiedet. Und der Perlentaucher reist begeistert mit Aleksandre Koberidze und seinem Mobiltelefon durchs georgische Hinterland. 

Wundersame Farbigkeit der Schöpfung

01.07.2026. Die taz besucht eine Ausstellung von politischen iranischen Künstlern, die sich nach einer Welt jenseits der autokratischen Fremdbestimmung sehnen. Deutschland wird Grauland, seufzt die SZ mit Blick auf aktuelle Design-Trends. Trotz Höllenhitze hat die FAZ auf den Musikfestspielen Potsdam viel Freude an einem Händel-Oratorium. Klassik und Techno im selben Konzertsaal? Keine gute Idee, findet Backstage Classical. Die SZ fragt nach, wie Tanztheater in Sachsen-Anhalt sich auf einen möglichen AfD-Wahlerfolg vorbereiten.