9punkt - Die Debattenrundschau

Vermeintliche Durchsetzungskraft

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.11.2026. In der NZZ ergründet die Osteuropa-Expertin Gwendolyn Sasse, wie sich die Deutschen auch heute noch ihr Verhältnis zu Russland schönreden. Im Tagesspiegel kommentiert der palästinensische Aktivist Hamza Howidy die Eralp-Affäre: "Eine Demokratie grenzt ihre Debatte nicht danach ein, was ihre einschüchterndsten Stimmen tolerieren können." In der SZ konstatiert der Soziologe Wilhelm Heitmeyer mit Blick auf die französischen Proteste eine "Durchrohung" der Gesellschaft.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.11.2026 finden Sie hier

Europa

Buch in der Debatte

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In der NZZ erklärt Gwendolyn Sasse, wissenschaftliche Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien, warum es zum Beispiel in AfD und BSW auch heute noch gelingt, ein positives Russland-Bild zu vermitteln. Nostalgische Verklärung von Sowjetunion und DDR spielt eine Rolle: "Dabei fällt auf, dass Michail Gorbatschow in Ost- und in Westdeutschland eine feste Bezugsgröße in der Wahrnehmung Russlands ist. Verklärende Erinnerungen an seine Politik der Öffnung und Dankbarkeit dafür, dass die Wiedervereinigung durch sie friedlich verlief, scheinen den Blick auf das heutige Russland unter Putin zu trüben (...) In positiven Bildern von Putin drückt sich eine autoritäre Grundhaltung aus. In Diskussionen und Interviews werden sein Führungsstil und seine vermeintliche Durchsetzungskraft mit der schwierigen Entscheidungsfindung in der deutschen oder der EU-Politik kontrastiert. Zwar fällt es schwer, Russlands Vollinvasion der Ukraine 2022 zu rechtfertigen, dennoch gelingt es deutschen Putin-Adepten immer wieder, den verbrecherischen Angriffskrieg aus dem heilen Russland-Bild auszusparen. Putins Verhalten wird psychologisiert oder mit der Verletzung russischer Sicherheitsinteressen durch die Nato-Osterweiterung verknüpft." Sasse hat zu dem Thema auch ein Buch geschrieben. 

"Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs trafen sich in dem Krim-Kurort die Lenker der drei Siegermächte, Roosevelt, Stalin und Churchill, um eine neue Weltordnung zu zimmern", erinnert Josef Joffe in der Welt. Dieses Projekt nannte sich "Jalta". Donald Trump versucht heute, ein "Jalta 2.0", indem er sich Russland und China anbiedert: "Wie der Trumpismus funktioniert, zeigt sich exemplarisch in der Ukraine, die gegen Russland um ihr Leben kämpft. Im November will sich Putin mit Trump und Xi im chinesischen Shenzhen treffen, um über Kiews Schicksal zu bestimmen. Und Trump agiert wie 1938 in München Neville Chamberlain, der britische Premier, der zugunsten der 'Besänftigung' die Tschechoslowakei opferte. Der Zweite Weltkrieg folgte. Einen dritten müssen Moskau und Peking freilich nicht fürchten. Trump erledigt die 'Pax Americana' mit eigener Hand und öffnet den beiden ein breites Feld für die Expansion."


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Für den Soziologen Wilhelm Heitmeyer sind die Gewaltausbrüche bei den Demonstrationen in Frankreich das Symptom einer fortschreitenden "Durchrohung der Gesellschaft", wie er im SZ-Interview darlegt. Über dieses Phänomen hat er auch ein Buch geschrieben. Die soziale Ungleichheit sei einer der Faktoren, die zur Eskalation beitragen, das Problem muss von der Politik ernst genommen werden. Hinzu komme das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren: "Kontrollverluste kann sich niemand leisten - wer will schon die Kontrolle über das eigene Leben verlieren? Die Abfolge zahlreicher Krisen, etwa ab dem Jahr 2000, ebenso wie der Abbau sozialstaatlicher Absicherung hat bei vielen Menschen zur Erfahrung von Kontrollverlust geführt oder die Angst davor verstärkt. Das macht den Menschen enorme Angst. Dann ist die Frage: Wie kann ich mich dagegen wehren? Da sind mit negativen Emotionen aufgefüllte Machtdemonstrationen gegenüber anderen, auch gegenüber Schwächeren, ein Weg, um zumindest für den Moment den Eindruck zu erwecken, das eigene Leben wieder unter Kontrolle zu haben." 

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Die Politikwissenschaftler Cas Mudde und Duncan McDonnell, Autoren des Buches "Youth Wings of the Populist Radical Right", haben für ihr Buch in zehn rechten Jugendorganisationen in Europa recherchiert und schreiben im Guardian über ihre Erkenntnisse: Diese Jugendorganisationen gehen "beim Aufbau neuer transnationaler Allianzen sogar noch weiter als ihre älteren Pendants. Abseits des Rampenlichts hat es eine Zunahme internationaler rechtsextremer Workshops und Konferenzen gegeben, wie beispielsweise den 'Transatlantic Patriot Summit', der seit 2022 jedes Jahr in Budapest stattfindet. Diese und ähnliche Veranstaltungen haben Jugendführer aus Europa, Indien, Israel, Lateinamerika und den USA zusammengebracht, um über gemeinsame Ziele zu sprechen und Verbindungen zu knüpfen, die ihre gesamte berufliche Laufbahn über Bestand haben werden. Viele der Jugendführer, mit denen wir gesprochen haben, äußerten sich offen darüber, wie diese internationalen Verbindungen ihnen zugutekommen werden, 'wenn wir an der Regierung sind'.

Weitere Artikel: Petra Reski berichtet für die FAZ aus Venedig, wohin die "Souveränitätsstiftung" die "Creme de la Creme" der europäischen Rechten geladen hatte, um über Kulturpolitik zu debattieren: "Themen sind 'Ein neuer Kampf der Ideen', die 'Suche italienischer Patrioten nach einer Heimat' und die bange Frage, ob sich 'woke Universitäten' überhaupt noch reformieren lassen."
Archiv: Europa

Gesellschaft

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Im Tagesspiegel kommentiert der palästinensische Aktivist Hamza Howidy die Spiegel-Enthüllungen um Elif Eralp (unser Resümee). Er kann ihre Angst gut verstehen, "doch ich komme aus einer Gegend, in der Menschen mit ihrer Freiheit und ihrem Leben dafür bezahlt haben, dass sie die Hamas beim Namen nannten, und ich habe gelernt, dass Extremisten nicht verschwinden, nur weil wir ihre Namen nicht aussprechen. Berlin verfügt über die Institutionen und den rechtlichen Schutz, die wir in Gaza nie hatten, und diese sollten es uns allen ermöglichen, offen über die Hamas und über diejenigen zu sprechen, die sie verherrlichen. Eine Demokratie grenzt ihre Debatte nicht danach ein, was ihre einschüchterndsten Stimmen tolerieren können."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Howidy, Hamza, Eralp, Elif

Politik

Der Politikwissenschaftler James Piazza hält es für möglich, dass es nach den Midterm-Wahlen zu politischer Gewalt kommen könnte, wie er im Tagesspiegel-Interview erklärt. An einen geballten Gewaltausbruch wie den Sturm auf das Kapitol 2021 glaubt er nicht, es könnte aber auf lokaler Ebene gefährlich werden, falls die Republikaner ihre Niederlage nicht anerkennen und Trump seine Anhänger aufhetzt: "Nehmen wir an, es gibt ein erbittert geführtes Senatsrennen und ein Kandidat gewinnt mit einem knappen Vorsprung. Dann könnte jemand, der eine bestimmte Position innehat, etwa ein zuständiger Wahlbeamter, die formelle Bestätigung verweigern. Oder die Bestätigung erfolgt, aber dann reicht die unterlegene Partei Klage ein und behauptet ohne große Beweise, dass es Betrug gegeben habe. Ein Teil dieser Klage mobilisiert Demonstranten und der Protest wird gewalttätig."

Weitere Artikel: In der FAZ porträtiert Frauke Steffens den Demokraten James Talarico, der vor den Midterms in den USA gegen den Republikaner Ken Paxton antritt - und zwar mit einer betont christlichen Kampagne.
Archiv: Politik

Wissenschaft

Petra Ahne resümiert für die FAZ die 17. UN-Biodiversitätskonferenz, die in Eriwan stattfand und bei der immerhin das Momentum von Montreal wiederbelebt wurde. Aber: "Die COP 17 hat am Ende vieles nicht geschafft: Sie fand keine konkrete Antwort darauf, wie die große finanzielle Lücke bei der zugesagten Unterstützung des biodiversitätsreichen globalen Südens geschlossen werden soll, ohne die es den nötigen Naturschutz nicht geben wird. Sie hat den Kreis der Geberländer nicht erweitert, obwohl vielen Staaten nicht einsichtig ist, warum etwa China oder Saudi-Arabien nicht dazugehören. Sie 'ermutigt' die Länder nur, endlich naturschädliche Subventionen abzubauen, die in solchen Summen weltweit verteilt werden, dass man damit das ökologische Umsteuern locker meistern könnte." In der taz ist auch Heike Holdinghausen nicht besonders glücklich nach der Konferenz: "Der Biodiversitätskonvention fehlen, genau wie etwa den Konventionen zum Klimaschutz, gegen Wüstenbildung oder für den Schutz der Feuchtgebiete - wie also beinahe allen Übereinkommen zum Umweltschutz -, klare Regeln. Es fehlen Behörden in den Nationalstaaten, die diese Regeln umsetzen und die Strafen verhängen können, wenn sie gebrochen werden."
Archiv: Wissenschaft

Kulturmarkt

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Dass Bücher irgendwann mit einem Sticker "Von Menschen verfasst" versehen werden, hält die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Aarthi Vadde im Welt-Gespräch nicht für unmöglich. In ihrem Buch "We the Platform. How the Internet Changed Twenty-First-Century Literature" untersucht sie unter anderem, was die Flut von Texten auf verschiedenen Plattformen für die Literatur bedeutet: "Sobald die Menschen anfangen, diese Art des Schreibens zu mögen, kann es schwieriger werden, sie dazu zu bewegen, für literarische Texte zu bezahlen. Ich denke, Plattformen bedrohen die Professionalisierung der Literatur. Mein Buch befasst sich mit Beispielen, wie Einzelpersonen es geschafft haben, Plattformen zu ihrem Vorteil zu nutzen, um erfolgreich zu sein. Aber institutionell gesehen müssen Verlage anders über Plattformen nachdenken. Und ich denke, es ist schwieriger, heute als Autor zu arbeiten - die Autorenhonorare oder -einnahmen sind zum Beispiel gesunken."
Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Vadde, Aarthi